Vierling-Teilnehmer

(Bild: Marisa Robles Consee)

| von Marisa Robles Consée

Der laue, an Spätsommer erinnernde Tag mitten im Herbst 2016, hätte besser nicht sein können, um über 60 Gäste nach Ebermannstadt zu locken. Hier, in der heimlichen Hauptstadt der Fränkischen Schweiz, ist Vierling seit der Gründung vor 75 Jahren angesiedelt. Das mittelständische Familienunternehmen verdankt seine Entstehung dem Forscherdrang von Oskar Vierling, dem Großvater des jetzigen Geschäftsführers Martin Vierling.

75 Jahre Vierling: Die strategische Ausrichtung des EMS sieht Martin Vierling in der Erweiterung des Dienstleistungsangebots, um noch enger im Schulterschluss mit den Kunden stehen zu können.

75 Jahre Vierling: Die strategische Ausrichtung des EMS sieht Martin Vierling in der Erweiterung des Dienstleistungsangebots, um noch enger im Schulterschluss mit den Kunden stehen zu können. Marisa Robles Consee

Auf der Technologietagung zum 75. Jubiläum von Vierling referierte auch Nobert Heilmann, Technology Scout von ASM Assembly Sytems über die Evolution der Bestückautomaten und den immer kleiner werdenden Bauteilen.

Auf der Technologietagung zum 75. Jubiläum von Vierling referierte auch Nobert Heilmann, Technology Scout von ASM Assembly Sytems über die Evolution der Bestückautomaten und den immer kleiner werdenden Bauteilen. Marisa Robles Consee

Christopher Kästle vom Lehrstuhl FAPS der Uni Nürnberg-Erlangen war der zweite Gastredner und referierte Digitalisierung und Flexibilisierung in der Elektronikproduktion.

Christopher Kästle vom Lehrstuhl FAPS der Uni Nürnberg-Erlangen war der zweite Gastredner und referierte Digitalisierung und Flexibilisierung in der Elektronikproduktion. Marisa Robles Consee

Wie klein ist die derzeitige kleinste Baugröße? Das Siplace-Demoboard, das von Norbert Heilmann, Technology Scout von ASM Assembly Systems durchgereicht wurde, sollte dies anschaulich aufzeigen..

Wie klein ist die derzeitige kleinste Baugröße? Das Siplace-Demoboard, das von Norbert Heilmann, Technology Scout von ASM Assembly Systems durchgereicht wurde, sollte dies anschaulich aufzeigen.. Marisa Robles Consee

75. Jubiläum Vierling: Die Dampflokfahrt von Ebermannstadt via Muggendorf nach Behringermühle und zurück kam bei den über 60 gelandenen Gästen gut an.

75. Jubiläum Vierling: Die Dampflokfahrt von Ebermannstadt via Muggendorf nach Behringermühle und zurück kam bei den über 60 gelandenen Gästen gut an. Marisa Robles Consee

Im Zuge des 75. Firmenjubiläums ist Martin Vierling, Enkel des Firmengründers Prof. Dr. Oskar Vierling, nun in dritter Generation Mehrheitsgesellschafter und alleiniger Geschäftsführer von Vierling.

Im Zuge des 75. Firmenjubiläums ist Martin Vierling, Enkel des Firmengründers Prof. Dr. Oskar Vierling, nun in dritter Generation Mehrheitsgesellschafter und alleiniger Geschäftsführer von Vierling. Marisa Robles Consee

Seit 75 Jahren befindet sich Vierling unverändert am Standort in Ebermannstadt, mitten in der fränkischen Metropolregion von Nürnberg.

Seit 75 Jahren befindet sich Vierling unverändert am Standort in Ebermannstadt, mitten in der fränkischen Metropolregion von Nürnberg. Marisa Robles Consee

Standortpflege: Michael Mügge von Viscom überreicht ein Präsent mit typischen Hannoveraner Spezialitäten.

Standortpflege: Michael Mügge von Viscom überreicht ein Präsent mit typischen Hannoveraner Spezialitäten. Marisa Robles Consee

Denn unter der Vermittlung von Pfarrer Georg Fröhlich entschloss sich das Multitalent im Jahr 1941 sich auf der Burg Feuerstein bei Ebermannstadt anzusiedeln. Ein Grund dafür war der störungsfreie Funkverkehr auf der Höhenlage. Politisch kaum interessiert, dem NS-Regime abgeneigt, aber begierig an „ungehinderten“ Forschungen und Entwicklungen für die Wehrmacht war Oskar Vierling der NSDAP beigetreten. 1949 wurde die Firma an den jetzigen Standort in der Pretzfelder Strasse in Ebermannstadt verlegt.

Vom Telekommunikationsspezialisten zum EMS

Nach 1945 entwickelte sich Vierling zum Lieferanten der Deutschen Bundespost und Deutschen Telekom für Mess- und Prüftechnik. Das Unternehmen stellte Telefonzusatzeinrichtungen und -geräte genauso her wie Bauteile sowie Baugruppen für Vermittlungs- und Telefonübertragungstechnik. Darüber hinaus entwickelte und produzierte Vierling auch Prüf- und Messgeräte, wie etwa das Prüfgerät Nr. 53a im Jahr 1978, das einen Meilenstein in der Unternehmensgeschichte darstellte. Es war das erste Prüfgerät auf Mikroprozessor-Basis, das für die Deutsche Bundespost hergestellt wurde. Im Jahr 1984 gelang ein weiteres Highlight mit der Entwicklung und Fertigung des Fernseh-TED, dem Tele-Dialog das bei Fernsehsendungen eine Publikumsabstimmung erlaubte.

Ab dem Jahr 2008 konzentrierte sich Vierling vermehrt auf Dienstleistungen rund um die Fertigung und Entwicklung von Elektronik und vollzog mit dem Ausstieg aus der Telekommunikation 2009 zügig den Umbau vom Telekommunikationsunternehmen zum Elektronikfertiger und -entwickler. „In 75 Jahren muss sich ein Unternehmen immer wieder neu erfinden und strategisch neu justieren und fokussieren. Für uns war Kunden- und Dienstleistungsorientierung die Option“, formuliert Martin Vierling das bis heute gültige Credo.

Der Enkel ist nunmehr Mehrheitsgesellschafter und alleiniger Geschäftsführer des Unternehmens in dritter Generation. Die Übergabe der Verantwortung an die dritte Generation fällt zusammen mit dem 75-jährigen Firmenjubiläum: Im Juli 2016 haben Manfred und Werner Vierling, die Söhne von Oskar Vierling, ihre Gesellschaftsanteile auf ihre Kinder Martin und Ute Vierling übertragen. Mit seinen 110 Mitarbeitern hat Martin Vierling ein klares Ziel vor Augen: dem Kunden alles aus einer Hand zu liefern und damit auch weiterhin Vierling zu einem prosperierenden Elektronikfertigungs-Dienstleister zu machen. Das soll durch ein breit aufgestelltes Dienstleistungsportfolio geschehen, das von der Entwicklung über die elektronische Baugruppenfertigung in Stückzahlen von 1 bis 20.000 sowie die komplette Elektronikfertigung reicht, wie etwa die Montage, Programmierung, Test von Geräten und Systemen.

Erweitertes Dienstleistungsportfolio

Ein besonderes Anliegen ist Martin Vierling die Entwicklung als Dienstleistung: „In der Vergangenheit mussten wir immer wieder feststellen, dass die Entwickler der Kunden oftmals wenig Erfahrung mit einer Produktion haben.“ Mit seiner aus sechs Mitarbeitern bestehenden Entwicklungsabteilung will er nun den Schulterschluss mit dem Kunden bilden und Kunden das fertigungsnahe Know-how zur Verfügung stellen. Immerhin legt die Entwicklung rund 80 Prozent der Produktkosten fest. Schon allein durch geringe Layoutänderungen ließen sich komplette Arbeitsgänge streichen, erklärt er. Zudem können kleine Redesigns doppelseitige Bestückungen oder THT-Arbeitsgänge überflüssig machen oder manuelles Löten sich durch den Selektivlötroboter ersetzen.

Im Zuge der Entwicklungs-Dienstleistung schließt sich zwangsläufig auch die Prototypenherstellung auf dem Weg zur Serienreife an: „Das war ein Thema, das wir bis vor kurzem zugegebenermaßen etwas stiefmütterlich behandelt haben“, räumt er ein, der den wesentlichen Vorteil darin sieht, dass „der Know-how-Aufbau in unserem Haus bleibt und wir das komplette Dienstleistungsportfolio bis zur Serie anbieten können.“ Um seinen Kunden ein kurzes Time-to-Market der Produkte und niedrige Serienkosten zu ermöglichen, erweitert der EMS kontinuierlich sein Angebot.

So bietet der jüngst etablierte Expressmusterservice entwicklungsnahe Muster von elektronischen Baugruppen, Geräten und Systemen in maximaler Geschwindigkeit und Fertigungsqualität. Hierzu hat Vierling den Expressmusterservice mit spezieller technischer Ausrüstung und eigens zugewiesenem Personal als Überholspurprozess durch die gesamte Prozesslandschaft des Unternehmens konzipiert.

Der Expressmusterservice ist Bestandteil einer weiteren Dienstleistung: Ready for Manufacturing (RfM), worunter ein NPI-Angebot (New Product Introduction) zu verstehen ist. Ziel ist es, Kunden ab der Designphase und über den kompletten Lebenszyklus ihrer elektronischen Produkte hinweg mit Entwicklungsdienstleistungen und entwicklungsnahem Fertigungs-Know-how zur Seite zu stehen. Mitarbeiter aus Entwicklung und Fertigung von Vierling unterstützen Kunden dabei, ihre Produkte schnell in die Serienfertigung zu überführen, zu geringen Anlauf- und Stückkosten zu produzieren sowie Qualität und Zukunftsfähigkeit der Produkte zu verbessern. Das RfM-Angebot umfasst Review-Dienstleistungen unter anderem zu Design for Manufacturing (DfM) und EMV (elektromagnetische Verträglichkeit) sowie Layout-Dienstleistungen, einen Expressmuster-Service, Inbetriebnahme-Dienstleistungen und die Entwicklung von Prüfkonzepten.

 

Lesen Sie auf der nächsten Seite mehr über Vierlings Zukunftspläne in Sachen Industrie 4.0.

Der digitale EMS

Im Zuge von Industrie 4.0 und der damit verbundenen Digitalisierung will sich Vierling fit für die Zukunft machen, betont Martin Vierling: „Für uns bedeutet die Digitalisierung, IT-gestützte Prozesse zu automatisieren, zu vereinfachen und mit Lieferanten und Kunden zu verknüpfen.“ Zweifelsohne bietet diese Entwicklung ein „sehr großes Potential, da die IT uns ein ganz großes Spielfeld eröffnet.“ Den Kunden besser zu unterstützen und schneller zu beliefern ist ein wesentliches Ziel hierbei.

„Mein Ziel für die nächsten Jahre ist es, die Dienstleistungs- und Kundenorientierung sowie die Ertragskraft von Vierling weiter auszubauen“, bekräftigt Martin Vierling. „Hierzu werden wir alle wichtigen Prozesse und Abläufe konsequent vom Kunden her denken, digitalisieren und automatisieren.“ Kunden aus fast allen Branchen schätzen die klare Ausrichtung von Vierling. Das Unternehmen fertigt und entwickelt für Weltmarktführer wie Daimler, Intel und Siemens ebenso wie innovative mittelständische Unternehmen aus ganz Deutschland, Österreich und der Schweiz sowie dem benachbarten Ausland. Mit der dadurch geschaffenen Transparenz, lassen sich Entscheidungen leichter treffen. Letztlich geht es jedoch auch darum, mit diesen strafferen und beschleunigten Prozessen auch den Wettbewerb ein Stück weit abzuhängen.

Um die Digitalisierung intern voranzutreiben, entstehen derzeit digitale Arbeitsanweisungen. „Die papierlose Produktion wird bereits seit einigen Jahren diskutiert,“ nimmt er Anlauf, um sogleich Beispiele der hausinternen Umsetzung vorzustellen: „Der Mitarbeiter scannt mit dem Tablet den Arbeitsgang ein worauf sich automatisch die zuletzt freigegebene und gültige Arbeitsanweisung öffnet.“ Mit dieser so genannten Dokumentenlenkung, die vorranging an manuellen Arbeitsplätzen zum Einsatz kommt, werde sichergestellt, dass der Mitarbeiter die jüngsten Revisionen als Arbeitsgrundlage hat. „Damit erhöht sich die Flexibilität und auch die Qualität in unserer Fertigung.“ Die digitale Welt Vierlings wird denn auch mit einem eigens konzipierten Verwaltungstool, dass sämtliche Tasks und To-do-Listen zentral bündelt, und einem computerunterstützen Qualitätstool, das eine lückenlose Qualitätssicherung sicherstellen soll, abgerundet.

Buntes Veranstaltungsprogramm

Die Vortragsreihe wurde durch zwei Gastredner bestritten, die einen Blick auf die aktuellen Entwicklungen der elektronischen Baugruppenfertigung warfen. Norbert Heilmann, Technology Scout von ASM Assembly Systems drehte kurz das Rad der Leiterplattenbestückung kurz auf 1984 zurück und erläuterte was – als die SMT-Bestückung gerade laufen lernte – als bahnbrechend galt: eine Bestückleistung von 1500 BE/h. Heute Chipshooter mit +150.000 BE/h leisten erheblich mehr. Parallel dazu hat auch die Bauteilvarianz zugenommen, während die Bauteilgröße über die Jahre immer kleiner wurde. Bis vor Kurzem war die Bauform 01005 die kleinste, doch diese wurde nun von der Baugröße 03015 metrisch in ihrer Winzigkeit abgelöst. Die Bestückautomatenhersteller müssen sich den daraus resultierenden Herausforderungen, vor allem bei der Bauteilzuführung stellen, weshalb ASM den Ansatz der Bulkfeeder verfolgt.

Als eines der ersten Unternehmen in Deutschland, gelang es Vierling die Bauform 01005 in der Serienfertigung einzusetzen, was die Anschaffung eines zusätzlichen Bestückautomaten und eines AOI-Systems bedingte. Der Lehrstuhl FAPS der FAU Erlangen-Nürnberg hat zusammen mit ASM die Einführung zur Serienreife bei Vierling begleitet. Daher wundert es nicht, dass zu dieser besonderen Veranstaltung die Uni als Gastredner nicht fehlen durfte. Über die Digitalisierung und Flexibilisierung in der Elektronikproduktion referierte Christopher Kästle vom Lehrstuhl FAPS der FAU Erlangen-Nürnberg. Dabei stellte er aktuelle Trends aufgrund Miniaturisierung, steigender Qualitätsanforderungen und kundenindividueller Produktionstechnologien. Abgerundet wurde die Veranstaltung mit einer nostalgischen, etwa 16 km langen Dampfbahnfahrt auf der Strecke Ebermannstadt – Behringersmühle – Ebermannstadt. Der Verein Dampfbahn Fränkische Schweiz, in dem sich Vater Manfred Vierling engagiert und zuweilen auch als Lokführer tätig ist, stellte einen Sonderzug mit historischen Dampflock zur Verfügung.

Auf Wachstum gepolt

75 Jahre und kein bisschen leise: Ziel von Martin Vierling für die nächsten Jahre ist es, Dienstleistungsorientierung und Ertragskraft von Vierling weiter zu stärken. Hierzu wird das EMS-Unternehmen auf kombinierte Entwicklungs- und Fertigungsdienstleistungen sowie digitalisierte Prozesse und Abläufe setzen.

Marisa Robles Consée

Chefredakteurin Productronic

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