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Volker Banholzer: "Die traditionellen Massenmedien benötigen Experten, die dieses Feld kompetent beleuchten und bedienen können."

Wieviel Hochschulen gibt es Deutschland die den Studiengang Technikjournalismus anbieten?

In Deutschland gibt es meines Wissens nach zwei Hochschulen, die diesen Studiengang anbieten. Das sind neben der Ohm-Hochschule in Nürnberg noch die Hochschule Bonn-Rhein-Sieg.

An der Fachhochschule in Gelsenkirchen gibt es einen integrierten Studiengang Journalistik und PR mit einem Technikschwerpunkt und es gibt oder gab den Studiengang ‚Internationaler Fachjournalismus‘ in Bremen. Signifikanterweise kann man feststellen, das dies alles an Fachhochschulen gelehrt wird.

Wie ist ein solcher Studiengang aufgebaut, damit ich sowohl die Technik als auch den journalistischen Ansatz vermittel?

Der Studiengang ruht gleichwertig auf den beiden Säulen Journalismus und Naturwissenschaften/Technologien/Anwendungen. Was man hier in Nürnberg als Alleinstellungsmerkmal anführen kann, ist die konsequente Ausrichtung auf die Investitionsgüterindustrie. Dies begründet sich durch das Umfeld der Ohm-Hochschule, die eine lange Tradition in den Ingenieurwissenschaften hat. Zudem prägt natürlich das sogenannte Automation Valley, welches mit circa 220 Unternehmen aus der -Automatisierung und des Maschinenbaus besteht. In diesen Firmen arbeiten allein über 20.000 Mitarbeiter. Damit ist das industrielle Umfeld und der wissenschaftliche Kontext durch die Ohm-Hochschule gegeben. Außerdem hat Nürnberg eine lange Tradition als Medienstandort.

Betonen möchte ich noch die Integration der Thematik Technologie und Gesellschaft in unseren Studiengang. So greifen wir Themen wie Technologie und deren Folgenabschätzung, Technologiegeschichte und Technologie- sowie Megatrends auf. Zudem gibt es sogenannte Profilierungsfächer wie Technologie und Politikwissenschaft oder Ethik in der Technik. Wichtig ist aus unserer Sicht, nicht nur in Richtung der Fachmedien auszubilden, sondern das die Studierenden auch gute Technologieberichte für die B2B-Kommunikation oder Expertenkommunikation erstellen können. Zudem sollten sie auch den Kontext zwischen Technologie und Gesellschaft erkennen, beleuchten und mit einbringen können. Entscheidend für mich war, das wir in einer technisch geprägten Gesellschaft darauf angewiesen sind, das technologische Phänomene und Projekte so beschrieben sind, das sich der mündige Bürger ein Bild über die Auswirkungen neuer Techniken auf die Gesellschaft machen kann. Denn er muss auf einer fundierten Basis demokratische Entscheidungen treffen. Das ist ein Element, dass ich in dieser Ausprägung in anderen Studiengänge an anderen Hochschulen nicht angetroffen habe. Und ich möchte die Studierenden entsprechend auch dafür qualifizieren.

Wie kann ich den entsprechenden technischen Ansatz innerhalb von sieben Semester vermitteln?

Wir machen aus den Studenten natürlich keine Programmierer oder Konstrukteure. Aber es reicht aus, um fundiert mit Experten reden und technische Systeme verstehen zu können. Und um einen Überblick über bestehende Technologie zu haben und somit die richtigen Fragen zu stellen. Oder mit Blick auf die PR-Perspektive, Fragen antizipieren zu können, die von Außen an Unternehmen gestellt werden und dann entsprechend der Kommunikationsrichtlinien die richtigen Informationen bereitstellen zu können. Zusammenfassend gesagt, vermitteln wir den Student ein Gesamtgerüst aus naturwissenschaftlich/mathematischen Elementen, physikalischen Grundlagen, die in die Elektrotechnik hineinreichen sowie Chemie, Verfahrenstechnik und Informatik. Danach können die Studierenden ihren eigene Schwerpunkt setzen und sich in Richtung Erneuerbare Energien, Umwelttechnik, Automatisierung, Mechatronik oder sogar Bauwesen profilieren.

Studium im Detail

Technikjournalismus
Der Bachelorstudiengang Technikjournalismus der Ohm-Hochschule Nürnberg vermittelt Studierenden journalistische wie technische Kompetenz. Er bereitet die Absolventen auf Berufe in Redaktionen von Fachmedien, Spezialressorts in Massenmedien oder für die Tätigkeit in Public Relations-Abteilungen von Technologieunternehmen und -verbänden vor. Der Studiengang Technikjournalismus startete im Winter 2009 und ist in Süddeutschland einzigartig. Derzeit sind in drei Jahrgängen rund 100 Studentinnen und Studenten immatrikuliert. Im jüngsten Jahrgang mit Start im aktuellen Wintersemester sind 61% der Immatrikulierten Frauen. Um Technikjournalismus in Nürnberg studieren zu können, brauchen Bewerber Abitur, eine fachgebundene Hochschulreife, die Fachhochschulreife oder eine besondere berufliche Qualifikation.

Haben Sie schon Reaktionen von den zukünftigen Abnehmer, also Fachverlagen, Unternehmen und PR-Agenturen bekommen?

Es vergeht keine Woche, wo ich nicht mit einem Unternehmen, einer Agentur oder einem Verlagshaus rede, die händeringend darauf warten, dass die ersten Absolventen aus dem Studiengang kommen. Es sind auch schon zahlreiche Praktika-Angebote eingegangen. Also die Nachfrage ist definitiv gegeben und wächst sogar nach meinem Eindruck. Es gibt nämlich drei Phänomene, die dem ganzen Vorschub leisten. Erstens wächst die Technologische Gesamtbedeutung in der Gesellschaft. Das heißt die traditionellen Massenmedien benötigen Experten, die dieses Feld kompetent beleuchten und bedienen können. Zweitens entdecken immer mehr Unternehmen, auch klein- und mittelständische Unternehmen, die Unternehmenskommunikation für sich. Und der dritte Effekt ist, dass in den etablierten Fachmedien langsam ein Generationenwechsel ansteht. Also die Generation der Quereinsteiger, Ingenieur übernimmt Journalistische Tätigkeit, unterliegt einem demographischen Wandel.

Ist dies auch damit begründet, dass wir einen Ingenieursmangel haben und die Absolventen bereits im letzten Semester von der Industrie abgegriffen werden?

Dies ist zu erwarten. Ich habe jetzt zwar keine konkreten Beispiele, aber die Vermutung auf Grund des Fachkräftemangel liegt nahe, dass die ausgebildeten Ingenieure eher in die Industrie gehen, anstatt in die Fachmedien.

Wir sprachen von den klassischen Kommunikationsarten. Wird in der Ausbildung ausschließlich auf Print gesetzt wird oder auch auf andere Medien?

Nachdem die junge Generation mit Internet, mit Social Media, Webcast oder -audio und TV groß wird, wäre es fast sträflich, wenn wir diese Formate nicht lehren würden. Natürlich wird von Print über Online-Video oder TV-Journalismus alles im Studium behandelt. Die Crossmediale Herangehensweise ist im Curriculum abgebildet. Es wird sicher auch keine Hochschule mehr geben, die ausschließlich auf eine journalistische Gattung setzt.

Aber in der Masse geht es in Richtung Print?

Wir sind ein Bachelor-Studiengang und das heißt, wenn man eine fundierte Ausbildung anstrebt beziehungsweise anbieten möchte, ist zunächst einmal der Printanteil höher. Aber wir haben mit dem neuen Audio- und TV-Studio die Absicht, einen Masterstudiengang anzubieten, der sich ausschließlich auf diese zwei Medien konzentrieren wird.

Wie unterscheiden sich denn diese Arten der Berichterstattung?

Also vom journalistischen Handwerkszeug her im Grunde nicht. Auch nicht in Hinsicht auf die Unternehmenskommunikation. Es wird aber dann besonders, wenn man das Thema Technik und Gesellschaft verbindet. Also wenn ich mir die Frage stelle, welche Konsequenzen hat eine technologische Innovation, ein System oder ein Produkt, für andere gesellschaftliche Bereiche, auf die Ökonomie, auf die Politik. Dann wird dem Technikjournalisten abverlangt, über den Tellerrand hinaus zu blicken. Und dieser Umstand lässt den Technikjournalisten eine besondere Rolle im Journalismus einnehmen.

Bei Recherche konnte ich feststellen, dass sich das Alter der Studenten zwischen 20 und 32 bewegt. Lässt das darauf schließen, das im Studiengang auch viele Umsteiger sind. Wie kann ich mir dieses Phänomen erklären?

Vor jedem Semesterstart machen wir Erhebungen, warum dieser Studiengang gewählt wurde. Diese haben gezeigt, dass es die Kombination zwischen journalistischem Arbeiten und Technologie ist, welche die Studenten den Studiengang wählen lässt. Die Begründung meines Erachtens dafür, dass die Altersspanne relativ groß ist, ist dass der Studiengang noch relativ neu ist. Auch scheint sich der ein oder andere nachträglich zu entschließen, auf seinen Berufsabschluss als Industriekaufmann oder Mechaniker ein Studium aufzusetzen.

Der Standort mitten im Automation Valley lässt den Schluss zu, dass die Hochschule auch von Unternehmen der Region unterstützt wird.

Also die Ohm-Hochschule hat natürlich wie andere Hochschulen auch ein Interesse an der Zusammenarbeit mit der Industrie. Und so war unser Bestreben den Studiengang entsprechend der Technologie hier im Automation Valley anzulehnen. Dadurch ergeben sich sicherlich Möglichkeiten für eine Zusammenarbeit, die wir gerne rege nutzen. Ich möchte aber gleich klarstellen, dass es nicht ein Unternehmen ist, das sich in der Zusammenarbeit hervor tut, sondern viele kleine und mittelständische Unternehmen, die ihre technologischen Stärken mit einbringen. Wir sind offen für alle Arten der Kooperationen.

Ist es nicht antiquiert Print und Online getrennt voneinander zu lehren. Wäre es nicht sinnvoller es unter dem Oberbegriff Text zusammenzufassen?

Das ist vielleicht ein sehr akademischer Ansatz, alles als Text aufzufassen. Da kann ich mir auch die Frage stellen, muss ich den Mathematik und Physik trennen. Nur weil ich in der Physik auch mit mathematischen Formeln arbeite. Es hat für uns schlicht den Hintergrund, dass man mit der Arbeit an Printprodukten, die klassischen journalistischen Darstellungsformen übt. Das dies bereits im ersten Semester stattfindet, liegt nahe und das danach die anderen Medienformen anschließen, ist auch klar. Es hat aber rein Curriculare Gründe.

Wie gehen die reinen Maschinenbau- oder Elektrotechnik-Professoren mit der Situation um, dass sie nun vor quasi 50 Geisteswissenschaftlern referieren müssen?

Also wir bereiten die Professoren darauf vor. Aber wie ich schon Eingangs sagte, ist das Ziel, dass die Studenten sich qualifiziert mit einem Entwickler unterhalten können, ohne dessen Job zu machen.

Was fordert die wissenschaftlich beziehungsweise ausbildende Seite von den Fachverlagen, den PR-Agenturen oder der Unternehmenskommunikation?

Wenn man von den Kontexten der Unternehmenskommunikation ausgeht, findet man ein positiv konservatives System vor. Damit meine ich, man hat etablierte und tradierte Kommunikationswege, die über die Jahre hinweg ihre Dienste geleistet haben. Was aber jetzt ansteht und was Medien, gerade auch die Fachmedien, leisten müssen, ist der Ansatz der Crossmedialität. Es reicht nicht aus, sich ausschließlich auf Print zu konzentrieren und alles andere notdürftig zu bedienen. Es muss das Zusammenspiel verschiedener journalistischer Darstellungsformen genutzt werden, um für die Leser einen Mehrwert zu generieren. Das setzt voraus, dass in den Redaktionen das Denken über den Tellerrand hinaus geübt und gelebt wird. Und das die entsprechenden Verlagsleitungen Willens sind, auch sämtliche Disziplinen bedienen zu wollen. Und da muss sich etwas bewegen. Unsere Absolventen sind darauf vorbereitet und absolut geeignet. Sie bringen von der Ausbildung her schon diese Crossmedialität mit und können auf allen Kanälen kommunizieren.

Zum Abschluss noch eine etwas ungewöhnliche Frage. Der Studiengang ist ja noch recht jung. Wenn sie drei Wünsche frei hätten, was würden sie sich für den Studiengang wünschen?

Erstens, würde ich mir eine beginnende breitere Diskussion über das Phänomen qualitative technologische Berichterstattung mit Blick auf die demographische Bedeutung dieses Themas wünschen. Da sind wir insgesamt noch nicht soweit. Für den Studiengang würde ich mir natürlich eine noch bessere Studioausstattung wünschen. Da klage ich jetzt zwar auf einem hohen Niveau, aber sicher ist da noch Luft nach oben. Der dritte Wunsch wäre, mehr Bekanntheit für den Studiengang hier in Nürnberg.