"Aktuelle Multitouch-Technologien decken das Anforderungsprofil vieler Branchen im Maschinen- und Anlagenbau noch nicht ab", sagt Elske Meyer, Marketing und Promotion PC-based Automation, Siemens Industry Automation.

„Aktuelle Multitouch-Technologien decken das Anforderungsprofil vieler Branchen im Maschinen- und Anlagenbau noch nicht ab“, sagt Elske Meyer, Marketing und Promotion PC-based Automation, Siemens Industry Automation.Redaktion IEE/H. Stahl

Wieso gibt es von Siemens noch keine Panel-PCs mit Multitouch?
Die Entwicklung bei der Multitouchtechnologie ist noch sehr dynamisch. Zur SPS IPC Drives haben wir einen Monitor mit Multitouch-Funktionen vorgestellt, der primär zum Testen und Anpassen der Applikation gedacht ist. Denn die Applikationen im Maschinen- und Anlagenbau sind bislang für Singletouch- oder Maus-/Tastaturbedienung optimiert. Im Serieneinsatz hat Multitouch momentan so gut wie kein Anwender. Dass die Entwicklung zu Multitouch geht und langfristig die bisherigen Singletouchoberflächen ablösen wird, ist aber allen klar. Nur wann diese Umstellung in der Breite erfolgt, das weiß noch niemand.

Deshalb haben wir für Maschinenbauer, die ernsthaft am Thema Multitouch interessiert sind und jetzt schon Bedienoberflächen gestalten wollen, einen 19“-Monitor entwickelt. Die Maschinenbauer, mit denen wir konkrete Gespräche führen, planen den ­Serieneinsatz für 2014/2015, brauchen aber jetzt Geräte zur Evaluierung und für Prototypen, um sie zum Beispiel auf Messen präsentieren zu können.

Unsere Kunden testen und entwickeln jetzt mit einem Box- oder Rack-PC in Kombination mit dem separaten Monitor. Parallel dazu arbeiten wir an der Optimierung der neuesten Multitouch-Technologie für den Einsatz in unserem Standardspektrum. Im Serieneinsatz kann dann die Maschine alternativ auch mit einem Panel-PC oder – für SPS-basierte Lösungen – mit einem Comfort Panel ausgestattet werden.

Warum ist Siemens so zurückhaltend was Multitouch beziehungsweise PCT – die Projected Capacitive Technology – betrifft.
Ganz einfach. Die bisher verfügbare Technologie ist unserer Meinung nach noch nicht ausgereift und damit für industrielle Anwendungen noch nicht uneingeschränkt einsatzfähig. Alles was wir bisher hätten anbieten können, ist schon wieder veraltete Technologie.

Woran hapert es noch?
Jeder, der heute bei Siemens ein Display kauft, erwartet doch auch bei einem Multitouch-Gerät dieselben Industrieeigenschaften, wie er sie gewohnt ist. Das fängt beispielsweise mit Themen wie der Entspiegelung an. Was bei Foliendisplays kein Problem war, muss bei Glas durch Zusatzmaßnahmen gelöst werden. Zum Beispiel ätzen wir bei unseren Geräten die Oberfläche so, dass gleichzeitig die hohe Brillanz des Glases weitgehend erhalten bleibt. Ein wichtiges Thema ist auch die EMV. Die Verwendung eines Metallgehäuses allein reicht nicht, um die erforderliche Störfestigkeit für Industriebereiche sicherzustellen. Was dafür an Know-how erforderlich ist, sieht man den Geräten nicht an. Daran tüfteln unsere Entwickler beispielsweise noch, ebenso wie am Thema ungewolltes Bedienen: Wie erkennt das PCT-System, dass sich der Bediener unabsichtlich mit einem Handballen aufstützt und keine Aktion der Maschinen auslösen will? Wie verhindert man, dass Wassertropfen oder Spritzwasser eine Bedienung auslösen? Hier spielt beispielsweise die Anzahl der detektierten Knoten eine Rolle, die der Touch-Controller zuverlässig erkennen und auswerten muss.

Haben Ihre Entwickler das Thema Handschuhbedienung bereits im Griff?
Die Handschuhbedienung ist für etwa die Hälfte der Anwender wichtig. Viele möchten auch Lederhandschuhe einsetzen. Das hat unsere Umfrage zu Multitouch vom letzten Jahr ergeben. Vielfach hört man von Anbietern, Handschuhbedienung sei überhaupt kein Problem – ohne genauer auf das Thema einzugehen.

Und Sie stellen diese Aussagen in Frage?
Wir fragen uns: Welche Technologien stehen diesen Anbietern zur Verfügung, die wir bei Siemens nicht kennen oder zur Verfügung hätten?

Unsere Entwickler haben die Handschuhbedienung ausprobiert. Dünne Baumwollhandschuhe sind kein Problem. Bei Latex wird es schon schwierig und funktioniert nur bei etwa 50 % der getesteten Handschuhe. Aber Leder, das ist eine echte Herausforderung.

Warum?
Bei Lederhandschuhen isoliert die im Material eingeschlossene Luft zu stark. Und häufig kommt noch ein Innenfutter hinzu. Beim ersten Multitouch-Monitor, den wir herausbringen werden, können wir den Anwendern die geeigneten, von uns getesteten, dünnen Handschuhmaterialien klar nennen. Unser ­Anspruch ist es, den Anwendern darüber hinaus auch die Bedienung mit schwereren Schutzhandschuhen zu ermöglichen. Das ist mit den uns derzeit zur Verfügung stehenden Technologien noch nicht zu schaffen. Wir setzen dafür auf die neueste Technologie, die erst im Laufe des Jahres für unsere Entwickler verfügbar sein wird.