Frank Winter: "Wir sind inzwischen in der Lage, alle Bereiche der Automatisierungspyramide zu bedienen und wollen das nun intensiver transportieren."

Frank Winter: „Wir sind inzwischen in der Lage, alle Bereiche der Automatisierungspyramide zu bedienen und wollen das nun intensiver transportieren.“Redaktion IEE

B&R möchte sich nun auch mehr auf Branchen konzentrieren. Heißt das, Sie schließen gewisse Branchen aus?

B&R hat sich seine Reputation im High-Level-Automatisierungsmarkt erworben. Unser Bestreben ist es, unsere Zielmarkt-Segmente zu erweitern. Dazu gehört auch der Anlagenbau und die Anwender im Mid-Level-Automatisierungsniveau. Wir sind inzwischen in der Lage, alle Bereiche der Automatisierungspyramide zu bedienen und wollen das nun intensiver transportieren.

Aber dann geben sie doch freiwillig ein bestimmtes Marktsegment auf?

So kann man das nicht sagen. Es ist fast immer so, dass das Low-Level-Segment auch ein Low-Price-Segment ist. Und dort ist ein Hersteller mit einem Frequenzumrichter für weniger als 80 Euro besser angesiedelt. Das können und wollen wir nicht anbieten. Wir wollen auch eher das mittlere Segment fokussieren, denn in der Mitte ist auch mehr Breite als in der Spitze. Schauen Sie sich ein Acoposmulti an, wo man fast beliebig viele Servo-Achsen aneinanderreihen kann, mit Cold-Plate-Kühlung und allen Features. Das ist High Level Automatisierung und kostet auch ein bischen was. Und den setze ich nur dann ein, wenn ich dieses Automatisierungsniveau an der Maschine auch benötige. Das X20 Controls-System wiederum ist praktisch über die gesamte Pyramide einsetzbar. Es ist intelligent und pfeilschnell, es ist wegen seiner Skalierbarkeit aber genauso gut für eine einfache Applikation geeignet. Das Acoposmicro zielt auch auf das mittlere Segment ab. Es hat die Intelligenz von den großen Acopos, ist aber von der Ausgangsleistung her begrenzt. Mit Schrittmotoren wird auch das Low-Level-Segment bedient. Wir geben also nicht auf, sondern erweitern die Zielsegmente.

Mit Aprol bietet B&R ein Prozessleitsystem an, das von der Feldebene bis zur Management-Informationsebene ein durchgängiges Gesamtsystem darstellt.

Aprol ist ein mächtiges Prozessleitsystem und kann von der Hardware her umfangreich ausgestattet sein um Tausende von I/O- und Datenpunkten darzustellen. Es ist jedoch auch bereits auf einem Panel-PC lauffähig und damit natürlich auch kostenmäßig rentabel auf jeder Maschine oder Anlage. Das ist ein attraktives Thema, welches auch für Endanwender interessant ist. Letztendlich interessiert diesen doch auch nur, wie bekomme ich meine Maschinen oder meine Prozesse transparent, vom Lieferanten der einzelnen Maschinenteile bis zur Gesamtanlage. Oder, wie bekomme ich eine möglichst hohe Datenkonsistenz über alle Prozesse hinweg. Und das ist alles mit einem Aprol-System möglich.

Ein weiterer Punkt ist das komplette Produktspektrum für die Fabrikautomation. Es geht uns auch um die Endanwender, die ja ganz andere Sorgen haben als ein Maschinenhersteller. Obwohl es eigentlich ähnliche Themen sein müssten. Ein Produkt, das gerade den Endanwender anspricht, ist die Automatisierung der vorbeugenden Wartung, also das Condition Monitoring Modul. Wir haben dafür Hard- und Software zur Verfügung, die zudem bereits ins Prozessleitsystem integriert sind, und decken somit die gesamte Bandbreite ab.

Ist es überhaupt möglich, Condition Monitoring nachzurüsten?

Mit B&R schon. Bei uns kann das Modul für Condition Monitoring im X20 integriert werden. Das heißt, das Modul X20 wird an der entsprechenden Stelle eingeklinkt und erfasst die notwendigen Daten. Es stellt sich nur die Frage: Was möchte der Betreiber eigentlich messen? Und das weiß nur er. Denn er hat die Erfahrung über Komponenten, die wartungsintensiv sind. Und dazu braucht er eine Software, die er entsprechend parametrieren kann, eine Hardware wie das X20 sowie eine Feldbus-Schnittstelle. Wir unterstützen fast alle Schnittstellen – außer Interbus und Ethercat.

Wenn er darüber hinaus ein Prozessleitsystem einsetzt, also zum Beispiel die Altanlagen unter Aprol zusammenfasst, tut er sich leichter, weil dort das Condition Monitoring Modul bereits Bestandteil sein kann. Auf der Prozessleitebene kann er die Daten komfortabel auswerten. Wenn man jetzt aber eine neue Fabrik plant, und darauf zielen wir natürlich auch ab, hat man mit dem Prozessleitsystem alle Freiheitsgrade. Die Praxis ist aber auch, dass Altanlagen aufgeschaltet, die Daten rausgezogen und auf der Leitebene weiter verarbeitet werden.

Ist es heute selbstverständlich dass die Fernwartung bei Condition Monitoring bereits inbegriffen ist?
Das ist ein wichtiger Schritt. Es gibt Firmen, die verkaufen zusätzlich Fernwartungsmodule für Siemens-Steuerungen. Die machen damit gute Geschäfte, weil der Hersteller ihnen das bisher nicht bieten konnte. Bei uns ist die Fernwartung aber immer im System integriert.

Heute ein Muss!

Ja. Schon in den 80ern hatten wir auf einer Steuerung, die Möglichkeit ein Modem anzuschließen. Und sofern die Telefonleitung funktionierte, konnte der Anwender alle Daten über die Steuerung auslesen. Das waren zwar erst mal nur Rohdaten, die interpretiert werden mussten, aber der Zugriff war möglich. Heute geht das viel einfacher über das Internet.

Wir haben dies auf der Messe Interpack exemplarisch zusammen mit einem Maschinenhersteller gezeigt, der seine Maschinendiagnose per Wlan auf das iPad auslagerte. Technologisch ist es möglich, aber es ist auch immer eine Frage, ob das alles sinnvoll ist. Und man darf die Sicherheit, also das Security, nicht vernachlässigen. Aber bei B&R ist auch die kleinste Intelligenz mit FTP beziehungsweise VNC-Server versehen und damit Web-Diagnosefähig.

Arbeiten Sie mit Maschinenherstellern zusammen, die große Stückzahlen fertigen. Und begleiten sie diese bei der Entwicklung einer neuen Maschinengeneration?

Es geht gar nicht anders. Das ist so speziell. Was Sie früher mit einer CNC-Steuerung realisiert haben, deckt heute gerade mal 20 % der Anforderungen einer modernen Werkzeugmaschinen ab. Da muss man zusammen arbeiten. Überhaupt die ganze Bewegungsphilosophie, die gesamte Mechanik, wird heute ja komplett integriert. Viele unserer Kunden integrieren den Antrieb als zentralen Bestandteil des Maschinenkonzeptes. Unser Motto lautet: Gemeinsam in die Serie.

Kann man sich so eine Entwicklungsphase auch bezahlen lassen?

Ja und nein. Ich meine, wenn nur eine Maschine pro Jahr anschließend gebaut wird, müsste man sich das voll bezahlen lassen. Kommt aber eine -Serienmaschine heraus, ist die Sachlage anders. Dann gibt es andere Möglichkeiten, die Kosten zu amortisieren.

B&R ist ja nun auch im Bereich mobile Automation durch den Zukauf von Mondial vertreten.

Ja, Mondial ist ein Hersteller von mobilen Automatisierungskomponenten und nun unter dem Dach von B&R aufgegangen. Dadurch eröffnet sich für uns ein riesiger neuer Markt und dieser ist auch sehr nah an unserem bisherigen Markt. Im Grunde genommen können wir viel voneinander lernen. Auch die eigenen Industrieprodukte profitieren davon.

Was kann man für das nächste Jahr erwarten? Neue Akquisitionen oder neue Produkte?

Neue Akquisitionen, nein, so schnell wird das nicht gehen. Aber irgendwann wird es vielleicht wieder etwas geben. Wir haben da einige Segmente im Auge. Neue Produkte sind selbstverständlich in der Pipeline.

Also wird für das Jahr 2012 ein Ziel sein, die neue Philosophie in den Markt zu tragen?

Also Marketingmäßig und Vertriebsseitig sicherlich. Aber wir müssen und werden auch auf allen anderen Ebenen weiter innovativ sein.