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Umfassende Sicherheit entsteht erst im Verständnis der Anforderungen plus der richtigen Umsetzung. (Bildquelle: Pilz)
Harald Förster, Leiter Costumer Support bei Pilz

Pilz bezeichnet sich als weltweit die Nr. 1 in der sicherheitsgerichteten Automatisierung. An welchen Fakten macht sich diese Aussage fest?

Förster: Wir haben immer wieder Trends in der Sicherheitstechnik gesetzt, zum Beispiel durch Entwicklungen wie dem Sicherheitsschaltgerät Pnoz, dem programmierbaren Sicherheitssystem PSS 3000 als erster frei programmierbarer Sicherheitssteuerung oder dem Pnoz Multi mit dem Multi-Configurator. Daneben unterstützen wir mit Dienstleistungen rund um die Sicherheitstechnik den Kunden.

Pilz bezeichnet sich ja als Botschafter der Sicherheit. Begründet sich dies etwa auf der Historie des 1987 eingeführten Not-Aus-Schaltgerätes Pnoz?

Förster: Das Not-Aus-Schaltgerät war sicher treibende Kraft, auch war die Situation in den Märkten nicht mit heute zu vergleichen, denn Sicherheit war kein gewichtiger Teil der Maschinenkonstruktion. Daher musste Pilz zwangsläufig sozusagen missionarisch agieren und die Botschaft ‚Sicherheit dient Mensch und Maschine‘ nach vorne bringen.

‚Sicherheit ist mehr als ein Produkt‘, sagt Geschäftsführerin Susanne Kunschert. Können Sie uns dies näher erläutern?

Förster: Produkte sicherheitstechnischer Hersteller sind zwar sicher, jedoch muss immer die konkrete Applikation als Gesamtes sicher sein. Denn auch mit sicheren Produkten kann man unsichere Maschinen bauen. Umfassende Sicherheit entsteht erst im Verständnis der Anforderungen plus der richtigen Umsetzung. Wir können hier umfassend unterstützen, da die notwendige Expertise und Erfahrung über Jahrzehnte kontinuierlich gewachsen ist.

Sichere Automatisierungstechnik – ist es nicht selbstverständlich, dass Automatisierung sicher ist?

Förster: Leider eben nicht, zwar hat sich die Einstellung beziehungsweise Sichtweise der Maschinenhersteller über die Zeit zum Positiven verändert, dennoch liegt vielerorts der Fokus auf der Funktion und weniger auf der Sicherheit. Wer Sicherheit nicht von Anfang an in den Produktentstehungsprozess integriert, erhält am Ende suboptimale Ergebnisse. Dies können wirtschaftliche Nachteile sein, im schlechtesten Fall kann dies zum Verlust der Sicherheit führen.

Sie bieten Dienstleistungen zum kompletten Lebenszyklus oder zu einzelnen Phasen der Maschine an. Welche Dienstleistungen umfasst dies?

Förster: Wir gliedern unsere Dienstleistungen in die Bereiche Consulting, Engineering und Training. Unter Consulting verstehen wir produktunabhängige Dienstleistungen, die hauptsächlich in der Spezifikationsphase einer Maschine oder Anlage anfallen. Dies sind Risikoanalysen, Unterstützung bei der CE-Zertifizierung oder bei der sicherheitsgerichteten Konzepterstellung. Im Engineering erstellen wir sicherheitstechnische Designs und Spezifikationen oder realisieren die Konzepte. Unsere Schulungen befassen sich neben den Produkten mit Themen rund um die Anforderungen der Sicherheitstechnik, zum Beispiel den grundlegenden Sicherheitsanforderungen aus der Maschinenrichtlinie.

Darüber hinaus bieten Sie auch Schulungen zu den Themen wie sichere mechanische Konstruktion, sichere elektrische Konstruktion, sichere pneumatische und elektrische Konstruktion von Maschinen und Anlagen. Sind dies nicht Themen, die von Hochschulen und anderen Weiterbildungsanbietern kommen sollten?

Förster: Im Prinzip ja, doch hat leider die eine oder andere Hochschule den Bedarf an solchen grundlegenden Schulungen noch nicht im ausreichenden Umfang erkannt. Hier konzentriert man sich noch maßgeblich auf das Vermitteln von Kenntnissen und Methoden zur Lösung funktionaler Anforderungen.

Die neue Maschinenrichtlinie fordert die Maschinenhersteller auf, die bestehenden Gefahren und möglichen Manipulationen von vornerein zu bedenken und entsprechend in die Konstruktion einer Maschine mit einfließen zu lassen. Wird unsere kommende Ingenieursgeneration von Hochschulen bereits darauf vorbereitet?

Förster: Eher nein!

In Zusammenarbeit mit dem TÜV Nord wurde ein Programm zusammengestellt, das die Kompetenz zur Absicherung von Maschinen und Anlagen vermitteln soll und mit dem Zertifikat ‚Maschinensicherheitsexperte‘ endet. Ist dies dann allgemein gültig und kann als Berufsbezeichnung verwendet werden?

Förster: Sicherlich kann dies keine Berufsbezeichnung sein, hier gelten andere Regeln. Es handelt sich aber um eine Zusatzqualifikation, die den Absolventen als einen ‚Wissenden‘ der Sicherheitstechnik ausweist. Durch die abzulegende Prüfung und das im Falle des Bestehens ausgestellte Zertifikat wird dies nachhaltig sichergestellt.

Praxisgerechte Umsetzung typischer Sicherheitsfunktionen ist so eine schöne Marketingumschreibung. Was verbirgt sich dahinter?

Förster: Letztlich die Berücksichtigung der Anforderungen und Besonderheiten der spezifischen Applikation des Kunden. In der Theorie gibt es schöne einfache Lösungen, die sich gegebenenfalls aber in der Praxis nicht oder nur schwer umsetzen lassen. Pilz nimmt für sich in Anspruch aufgrund jahrelanger Erfahrung theoretische Anforderungen so umzusetzen beziehungsweise die Umsetzung zu unterstützen, dass Lösungen praxistauglich sind.

Die neue Maschinenrichtlinie bringt einige grundlegende Änderungen mit sich. Wie sind Ihre Erfahrungen um den Kenntnisstand zur Maschinenrichtlinie bei den Maschinen- und Anlagenbauer?

Förster: Besser als erwartet. Eine massive Präsenz in der Medienlandschaft des Themas neue Maschinenrichtlinie hat dazu geführt, dass eine deutlich höhere Wahrnehmung stattgefunden hat im Vergleich zur Einführung der alten Maschinenrichtlinie. Damit ist noch nicht gesagt, dass die Inhalte allgemein bekannt sind.

Exporteure und Maschinenbetreiber sind mit komplexen Konformitäts- und Gesetzesfragen konfrontiert, wenn sie Maschinen von einem Land in ein anderes einführen. Eine Maschine, die den Richtlinien und Normen eines Landes entspricht, ist möglicherweise nicht konform mit den Vorschriften eines anderen. Wie kann ein Unternehmen sich absichern?

Förster: Zumindest in Europa ist dies klar durch die Maschinenrichtlinie vorgegeben. Eine Maschine, die im Land A der Maschinenrichtlinie entspricht, erfüllt diese auch im Land B, länderspezifische Eigenheiten gehören der Vergangenheit an. Die EU-Richtlinien sollen ja ausdrücklich dem freien Warenverkehr dienen. Will man also sicher sein, alles richtig zu machen, braucht man sich nur an die Vorgaben der Maschinenrichtlinie halten.

Menschliches Verhalten spielt bei der Sicherheit von Maschinen und Anlagen eine große Rolle. Wie kann man dies schulen beziehungsweise Verhaltensweisen automatisieren?

Förster: Es ist nur allzu menschlich, dass durch Gewöhnung eine Sensibilisierung gegenüber der Gefahr verloren geht. Nicht von ungefähr passieren die meisten Unfälle mit Personenschaden im Haushalt. Man kann natürlich durch sich wiederholende Unterweisungen die Sensibilität gegenüber der Gefahr erhalten beziehungsweise wiederherstellen. Dies ist ja auch gesetzlich vorgesehen, ich denke hier zum Beispiel an die mindestens einmal jährlich abzuhaltenden Arbeitssicherheitsunterweisungen. Letztlich sollte es aber das Ziel sein die Gefahren, denen der Mitarbeiter ausgesetzt ist, zu minimieren. Beispielsweise durch eine wiederkehrende Beurteilung der Maschinen und Anlagen und regelmäßige Inspektionen, wie sie in der Betriebssicherheitsverordnung vorgesehen sind.

Warum passieren in unserem hochtechnologischen Umfeld mit hohen Sicherheitsanforderungen über 680.000 Unfälle an Maschinen? Haben Sie eine Erklärung dafür?

Förster: Zum Teil haben Sie die Antwort bereits gegeben! Unfälle passieren eben auch, weil eine sicherheitstechnische Betrachtung nicht von Anfang an in den Konstruktionsprozess eingebunden wurde. Viele unserer Kunden haben bereits eine solche Betrachtung bei uns in Anspruch genommen.

Die Maschinenrichtlinie fordert, dass ein Ausfall oder eine Störung im Steuerungssystem nicht zu gefährlichen Situationen führen darf. Dabei sollen auch mögliche ‚vorhersehbare menschliche Fehler‘ berücksichtigt werden. Dies erfordert einen hohen Erfahrungsschatz, den junge Ingenieure gar nicht haben können. Reichen da Schulungsmaßnahmen aus?

Förster: Erfahrung ist hier, wie in vielen Fällen, durch nichts zu ersetzen. Dies gilt auch für Pilz. Unsere Ingenieure durchlaufen eine dezidierte Ausbildung zum Consultingspezialisten. Mit unserem Schulungsangebot können Kunden so einen guten Grundstock legen. Den Schulungen muss aber immer die Praxis folgen. Unsere praxisorientierten Seminare wie der ‚zertifizierte Maschinensicherheitsexperte‘ dienen genau diesem Ziel. Wenn anschließend die Teilnehmer von erfahrenen Kollegen eingewiesen werden, ist eine erfolgreiche Einarbeitung ins Thema ‚Sicherheit‘ auf jeden Fall gewährleistet.