AUTOMOBIL-ELEKTRONIK: Herr Dr. Kampmann, was beschäftigt Sie derzeit besonders?

Dr. Stefan Kampmann: Osram befindet sich in einer wahnsinnig schnellen Transformation. Die meisten Menschen haben immer noch eine Glühlampe vor Augen, wenn sie an Osram denken – im Bereich Automotive vielleicht eine Halogenlampe für den Scheinwerfer. Anfang dieses Jahrzehnts haben wir auch noch 80% unseres Umsatzes mit konventionellen Lichtprodukten erzielt. Heute hingegen spielt bei über zwei Drittel unseres Umsatzes die LED-Lichtquelle die Hauptrolle. Wir ermöglichen High-Tech-Projekte wie jenes mit der NASA, bei dem erforscht wird, wie LED-Licht Salat und Gemüse in Raumschiffen besser gedeihen lässt, um Astronauten mit frischen Lebensmitteln zu versorgen. Diese Seite von Osram ist vielen noch gänzlich unbekannt.

Im Automobilbereich ist die Transformation ebenfalls im vollen Gange. Binnen fünf Jahren ist ein weitreichender Wechsel der Lichtquellen angestoßen worden. Aber genau diese rasante Transformationsgeschwindigkeit macht das Leben hier so spannend. Vor allem im Auto hat die LED mit ihrer Funktionalität umfassend Einzug gehalten; das fing mit den ersten blauen LEDs im Cockpit an, die Volkswagen damals bewusst für das Branding nutzte.

Zunächst kam die LED nur im Cockpit zum Einsatz, eroberte dann den ganzen Innenraum und dann schnell auch das Außenlicht: Rücklicht, Blinker, Tagfahrlicht sowie als Premium-Element das Frontlicht. Dazu kommt, dass das Licht eben nicht nur Funktionalität bietet, sondern auch Image. Da haben wir den Satz geprägt: Die LED ist das neue Chrom. In unserer Jugend konnten wir verchromte Radkappen kaufen oder als erste Option sogar vier Chromleisten. Heute erfolgt sehr viel Differenzierung durch Lichtpakete. So ist das Tagfahrlicht mittlerweile ein Imageträger – genauso wie das Design der Rücklichter.

Dr. Stefan Kampmann: „Die LED ist das neue Chrom.“

Dr. Stefan Kampmann: „Die LED ist das neue Chrom.“ Alfred Vollmer

Welche neuen Applikationen sehen Sie für LED im Auto?

Dr. Stefan Kampmann: Es gibt mehrere Trends, von denen wir profitieren werden. Die Zahl der Sensoren im Auto steigt, und davon basieren einige auf Infrarotlicht- oder Lasertechnik. Da haben wir eine starke Position. Aber natürlich gibt es auch im sichtbaren Bereich des Lichts Entwicklungen, die für uns vorteilhaft sind. Die technischen Möglichkeiten für das Scheinwerferlicht entwickeln sich rasant, wie das immer feinere Matrixlicht zeigt. Auch die Fernlicht-Reichweiten haben sich binnen kurzer Zeit dank unserem Laserlicht auf 600 m vervielfacht. Bei den Rücklichtern gibt es besagte komplett neue Designmöglichkeiten.

Aber auch das Ambiente im Auto wird immer wichtiger, und da spielen Innenraum-Lichtkonzepte eine tragende Rolle, besonders wenn Sie an das autonome Fahren denken: Wenn Sie nicht mehr selbst steuern, haben Sie eine andere Erwartung an den Innenraum.

Das Spektrum reicht dabei von hinterleuchtetem Leder bis hin zu Fensterscheiben mit integrierten Mikro-LED, die so montiert werden, dass die Scheibe in ausgeschaltetem Zustand transparent ist. Aktiviert kann die Scheibe als großes Display dienen. Für die Mikro-LEDs gibt es viele innovative Ideen und Anwendungsfelder für die Zukunft.

Das autonome Fahrzeug ist natürlich mehr Wohnzimmer als Fahrer-Arbeitsplatz. Und Licht ist eben eine Möglichkeit, den Innenraum so zu gestalten, dass Sie sich wohl fühlen. Selbst biologisch wirksames Licht, das sogenannte Human Centric Lighting, kurz HCL, kann dann im Auto Einzug finden. Das Licht kann den Biorhythmus der Insassen unterstützen, so dass sie unterwegs besser entspannen können oder auch wacher und konzentrierter sind – je nachdem, was gerade nötig ist. Hier arbeiten wir an vielen Projekten.

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