all-electronics.de: Nachdem 2016 ein eher durchwachsenes Jahr war, ist  die deutsche Bauelemente-Distribution gut in das Jahr 2017 gestartet. Wo sehen Sie den Markt heute?

Georg Steinberger, FBDi: Der deutsche Bauelemente-Markt ist mit Abstand der größte in Europa. Das liegt hauptsächlich an der Stärke und Diversifizierung der deutschen High-Tech-Industrie. In anderen Ländern besteht zum Teil eine starke Fokussierung auf einzelne Konzerne, so dass kein elektronischer Mittelstand entstanden ist. Hierzulande gibt es eine Vielzahl an Industriesegmenten; mehrere Tausend Unternehmen – Konzerne wie Mittelständler – sind für unser Marktsegment als Kunden interessant. Dementsprechend groß fällt der Bedarf an Elektronik aus. Der Pferdefuß liegt in gewisser Weise darin, dass ein Großteil der deutschen Kunden komplexe Aufgaben zwar in Deutschland erledigt, aber weniger komplexe Bauteile in Osteuropa herstellen lässt. Niedriglohnfertigungen sitzen in Ungarn, Rumänien, Bulgarien, teils auch Polen oder Slowenien. Das ist quasi die verlängerte Werkbank von Deutschland. Wächst der Markt hier mittel- oder einstellig, wächst Osteuropa – getrieben von der deutschen Industrie – zweistellig.

Wie wird sich der deutsche Markt Ihrer Meinung nach künftig entwickeln?

Elektronik-Distributoren

Georg Steinberger ist langjäjriger Vorsitzender des Fachverbands Bauelemente Distribution (FBDi). FBDi

Dass Deutschland weiterhin wächst und dominant am Markt sein wird, ist sehr wahrscheinlich. Mit der in Deutschland angesiedelten Fertigung von komplexen Teilen, der Low-Cost-Fertigung in Osteuropa und den Unternehmen, die zusätzlich eine Low-Cost-Fertigung in Asien haben, steht unsere Industrie auf drei Standbeinen. Sie ist stark – und zwar in der Variabilität, in der Diversifizierung, in der Komplexität, im Level der Innovation und der Komplexität der Produkte. Das wird auf dem Weltmarkt in den nächsten Jahren weiterhelfen.

In Zukunft wird der Bedarf an Elektronik angesichts des Trends Industrie 4.0 wohl noch ansteigen. Dafür braucht man schließlich Sensoren, Prozessoren, Kommunikation und Security – alles Dinge, die Distributoren im Portfolio haben. Das Internet of Things spielt in vielen Bereichen eine Rolle, wo Datenanalyse und Intelligenz am Knoten wichtiger werden. Schlussendlich bedeutet das, dass mehr Halbleiter eingesetzt werden.

Ich gehe davon aus, dass sich der Wert für Halbleiter im Durchschnitt über alle Applikationen hinweg in den nächsten Jahren um ein Viertel erhöht. Für diesen Zeitraum müssen wir uns, auch wenn es mal einen Absturz oder eine Allokation geben wird, keine großen Sorgen machen. Die einzigen die mittlerweile mithalten können in der ganzen Diversivität der Industrie, sind die Chinesen.

Welche Rolle spielen für den deutschen Distributorenmarkt außenpolitische Faktoren wie der Brexit oder ein potenziell unberechenbares Amerika?

Der Brexit spielt momentan nur in Diskussionen bei Management-Meetings eine Rolle. Die meisten rechnen aktuell mit einem weichen Brexit, dass es für die EU im Großen und Ganzen mit Business as usual weitergehen wird. Das größere Problem ist, dass uns durch protektionistische Maßnahmen, die aus den USA kommen könnten, alle möglichen bürokratischen Auswächse drohen, die die Arbeit schwieriger machen. Doch bisher wird auch da nur viel geredet.

Ein größeres Problem könnte der Strukturwandel sein, der momentan in der Autoindustrie stattfindet. Davon hängen ja viele Arbeitsplätze in der deutschen Elektronikindustrie ab. Automobilelektronik ist in Deutschland eine Riesenmacht; 40 Prozent des deutschen Halbleitermarkts hängen davon ab. Und der deutsche Automarkt macht vom Wert her ein Viertel des Weltmarkts aus. Wenn sich dort ein Strukturwandel ergibt, der auch von anderen Firmen wie Apple oder Google getrieben wird, dürfen die deutschen Autohersteller keine Betrugssoftware in ihre Autos einbauen, sondern müssen Innovationen bringen. Die Diesel-Affäre kann uns noch ziemlich verfolgen. Wenn die Akzeptanz für Diesel zurückgeht, kann sich das auf die Absatzzahlen der deutschen Automobilhersteller auswirken. Was die Antriebstechnik angeht, Elektromotor oder andere alternative Antriebe, die sauberer sind, muss etwas passieren.

Auf der nächsten Seite geht es darum, wie die EU-Chemikalienordnung R.E.A.C.H und die Merger im Halbleiter-Bereich sich auf den deutschen Distributoren-Markt auswirken.

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