Ein Thema, das in der Elektronikindustrie viele beschäftigt, ist die EU-Chemikalien-Verordnung R.E.A.C.H. Wie schätzen Sie deren Stellenwert für die deutschen Distributoren ein?

Wir Distributoren informieren unsere Hersteller über den aktuellen Status bei R.E.A.C.H. und weisen darauf hin, dass wir Daten brauchen für den Fall, dass „Substances of very high Concern“ in den Produkten vertreten sind. Wir müssen das wissen, damit wir unseren Kunden informieren können. Das ist ein sehr langwieriger Prozess, weil die Hersteller die Herkunft der Chemikalien zum Teil selbst nicht kennen. Bei gefährlichen Substanzen muss die gesamte Lieferkette transparent sein, um sicherzustellen, dass in keinem der Produkte ein gefährlicher Weichmacher vorhanden ist, die in Kabel oder Steckverbinder verbaut sind. Das ist für die Elektroindustrie eine bürokratische und informationstechnische Herausforderung.

Hinzu kommt, dass der EuGH eine Rechtsprechung eingeführt hat, die besagt, dass R.E.A.C.H. bereits auf Komponentenebene umzusetzen ist. So wie wir es jetzt verstehen, sind die EU-Kommission und die ECHA noch über die Komponenten hinausgegangen und beziehen sich auf homogenes Material. Es wird nicht ein bestimmter Typ als das endgültige Produkt angesehen, auf dessen Level man den prozentualen Anteil an gefährlichen Substanzen misst, sondern die Bestandteile des Bauteils wie Gehäuse, Bonding, Legierungen oder das Silizium. Man muss also nicht den Status eines Artikels verwalten, sondern alle potenziellen Substanzen auf diesem Artikel. Wir reden von 1 Million Produkte und 300 verschiedenen Substanzen. Das sind 300 Millionen Datenpunkte, von denen die Hersteller bestenfalls 10 Prozent anwenden. Es ist wahnsinnig schwierig, dass Ganze zu aktualisieren.

Der Elektronikmarkt war zuletzt geprägt von zahlreichen Mergern im Halbleiterbereich. Wie wirkt sich das auf Distributoren aus?

Wir sehen das mit gemischten Gefühlen. Unsere Hersteller werden immer größer, die Anforderungen immer härter, die Produkte immer komplexer. Wenn zwei unserer Hersteller sich zusammenschließen, sehen sie als Erstes den Produktkatalog durch, ob man irgendwo ausmisten kann; sie wollen Synergie-Effekte finden. In der Regel gehen Merger also einher mit verschiedenen Abkündigungen. Das ist für uns und speziell für unsere Kunden ein Drama. Denn sie haben ein Produkt designt und plötzlich gibt es das Bauteil nicht mehr. Damit hatten wir in der Vergangenheit auch schon zu kämpfen, doch in letzter Zeit verschärft sich das Problem. Mit NXP und Qualcomm steht der nächste große Merger bevor, und so wird es wohl weitergehen.

Es geht gerade in der Halbleiterfertigung bei den Kosten auch immer um die Größe. Denn wenn die Produzenten am Markt eine Rolle spielen wollen, brauchen sie eine kritische Masse – gerade wenn sie noch eine eigene Fertigung betreiben oder Produktivitätsgewinne machen wollen. Weitere Fab-Kapazitäten kosten viel Geld, und um Synergie-Effekte zu schaffen, kaufen die Produzenten  Unternehmen dazu, deren Produkte sie mitfertigen können.  Was heißt das für uns? Die Hersteller müssen einen Teil ihrer Akquisitionen und Streamlinings refinanzieren. Dadurch, dass der Markt in den vergangenen Jahren eher schwach war, war der Return on Investment nicht gut genug. Also müssen Hersteller Wege finden, anderweitig Geld zu verdienen. Deshalb setzte man die Distributionsbranche, den Channel, unter Druck. Margen werden reduziert, und für bestimmte Kunden gibt es nur noch Firmenmargen und so weiter. Der Druck war in den letzten Jahren enorm.

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