| von Marisa Robles Consée

An Superlativen spart Nordrhein-Westfalen (NWR) nicht: Mit gut 18 Mio. Einwohnern ist es das bevölkerungsreichste, flächenbezogen mit 34.080 km² das viertgrößte Land der Bundesrepublik. 29 von 80 deutschen Großstädten liegen in seinem stark urbanisierten Gebiet. Der Ballungsraum Rhein-Ruhr im Zentrum des Landes ist mit rund 10 Mio. Bewohnern eine der 30 größten Metropolregionen der Welt und zentraler Teil eines europäischen Verdichtungsraumes. Die größte Stadt des Landes – zugleich eine der ältesten Deutschlands – ist Köln. Wäre NRW ein eigenständiger Staat, würde dieser an 18. Stelle unter den leistungsstärksten Ländern der Welt stehen. Mit einem Bruttoinlandsprodukt (BIP) von über 569 Mrd. Euro im Jahr 2011 ist es das wirtschaftlich erfolgreichste Land Deutschlands. Es erzielte knapp 5 Prozent der ökonomischen Leistung der gesamten EU.

Das Bundesland ist auch deutscher Exportmeister: Im Jahr 2011 führte es Waren im Wert von rund 176 Mrd. Euro aus. Damit würde NRW theoretisch den 18. Platz unter den Exportländern der Welt einnehmen. Gleichzeitig ist das Land einer der größten Regionalmärkte der Republik: Das Importvolumen betrug im Jahr 2011 über 204 Mrd. Euro. Kein Wunder also, dass Garrelt Duin, Minister für Wirtschaft, Energie, Industrie, Mittelstand und Handwerk (MWEIMH) des Landes Nordrhein-Westfalen davon spricht, dass Nordhein-Westfalen „einer der zentralen Wirtschafts- und Wissenschaftsstandorte in Europa“ sei. Den Minister dürfte überdies freuen, dass kein anderes Bundesland so viel ausländisches Kapital anzieht wie Nordrhein-Westfalen: Ende 2010 beliefen sich die Direktinvestitionen auf über 189 Mrd. Euro – rund 28 Prozent der ausländischen Investitionen, die in ganz Deutschland getätigt wurden.

Gelungener Mix aus Großkonzernen und Mittelstand

Eine tragende Säule der Wirtschaft in NRW sind große Unternehmen: 25 der 50 umsatzstärksten deutschen Firmen haben ihren Hauptsitz in diesem Bundesland – darunter Konzerne wie Bayer, Bertelsmann oder Thyssen-Krupp. Gleichzeitig ist die Wirtschaft des Landes stark durch den Mittelstand geprägt: Rund 763.000 kleine und mittlere Unternehmen bilden das wirtschaftliche Rückgrat der Region. Das sind 99,6 Prozent aller Unternehmen im Land. Rund 80 Prozent der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten und knapp 83 Prozent der Auszubildenden sind in mittelständischen Unternehmen tätig. Zusammen erwirtschaften sie 42 Prozent der Nettowertschöpfung des Landes. Das Handwerk ist mit rund 186.000 mittelständischen Betrieben in Nordrhein-Westfalen vertreten und mit rund 1 Mio. Beschäftigten zugleich der größte Arbeitgeber im Lande.

Besondere Bedeutung für Nordrhein-Westfalen haben Unternehmensgründungen. Sie geben der Wirtschaft neue Impulse – etwa indem sie innovative Produkte und Dienstleistungen entwickeln und Arbeitsplätze schaffen. So entstehen über 73 Prozent aller neuen Arbeitsplätze durch Gründungen und Kleinbetriebe. Im Jahr 2011 wurden 84.500 neue Unternehmen gegründet.

Ein bedeutender Faktor für den Erfolg des Standorts NRW ist seine geografisch günstige Lage. Hier kreuzen sich die beiden großen europäischen Verkehrsrouten: die Nord-Süd-Achse zwischen Südwestengland und Norditalien sowie die West-Ost-Achse zwischen Rotterdam und den dynamischen Ländern Osteuropas. Im Umkreis von 500 km um die Landeshauptstadt Düsseldorf leben 140 Mio. Menschen – das entspricht mehr als 40 Prozent der Verbraucher der Europäischen Union.

High-Tech-Standort und Wissensfabrik

„NRW ist ein High-Tech-Standort von Weltrang“, spart Duin nicht mit Eigenlob und betont: „Kaum eine andere Region in Europa verfügt über eine so reiche Forschungslandschaft.“ Zu ihr gehören unter anderem 67 Hochschulen, 14 Fraunhofer-Institute, 12 Max-Planck-Institute und etwa 100 an den Hochschulen angesiedelte Forschungsinstitute. Darunter befinden sich angesehene Hochschulen, wie die RWTH Aachen, die Hochschule Ostwestfalen-Lippe oder die Universität zu Köln. Die Hochschulen in NRW bilden derzeit 490.000 Studierende aus und zählen mit rund 120.000 Mitarbeitern zu den größten Arbeitgebern des Landes.

Um auch weiterhin ganz oben auf der EU-Erfolgsskala zu bleiben, hat die Landesregierung die Entwicklung von 16 Clustern in Branchen und Technologien mit hohem Wachstums- und Innovationspotential beschlossen. „Ziel der nordrhein-westfälischen Clusterpolitik ist es, ein günstiges Umfeld für Innovationen zu schaffen, um damit die Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft, insbesondere des Mittelstandes, zu stärken sowie die Voraussetzungen für Wachstum und Beschäftigung zu verbessern“, erklärt der Minister. Ins Visier rücken die Technologiebereiche Gesundheit, Ernährung, Logistik, Neue Werkstoffe, Nano-, Mikro,- Biotechnologien, Automotive, Maschinen- und Anlagenbau, Kunststoff, Chemie, Umwelttechnologien, Energie, Informations- und Kommunikationstechnologien, Medien und Kulturwirtschaft.

Elektronikindustrie im Fokus

Die Elektrotechnik- und Elektronikindustrie ist mit rund 140.000 Mitarbeitern eine der wichtigsten Branchen des Landes. Insgesamt sind rund 1.100 Elektrounternehmen im Land beheimatet. Die Mikrosystemtechnik wurde im Rahmen des Strukturwandels im Ruhrgebiet besonders gefördert. Zentrum der Mikrosystemtechnik in Deutschland ist Dortmund. Hier beschäftigen rund 40 Unternehmen insgesamt über 2.000 Mitarbeiter. Beispielsweise gilt Ostwestfalen-Lippe als Eldorado der Steckverbinderhersteller: Ansässig sind hier beispielsweise Weidmüller (Detmold), Harting (Espelkamp), Conec (Lippstadt) oder Phoenix Contact (Blomberg) sowie Wago (Minden). Für entsprechend östliches Flair und einen hohen Entwicklungsschub sorgen asiatische Unternehmen wie Mitsubishi Electric, Renesas Electronics oder Toshiba.

Beispielsweise hat sich BSAB-Elektronik aus Geldern auf Ringkerntrafos spezialisiert und fertigt seit über 25 Jahren Standard-Produkte gemäß VDE 0570/EN 61558 und UL 2601. Eine Besonderheit stellen die vakuumgetränkten Ringkerntrafos in Industrieausführung dar. Sie weisen eine zusätzliche Isolierung der Wickeldrähte auf, wodurch sich Kurzschlüsse weitgehend vermeiden lassen. Überdies sind kundenspezifische Ausführungen und Ringkerntransformatoren gemäß IEC 601 für die Medizinindustrie erhältlich. Ein weiterer Schwerpunkt ist der Vertrieb von aktiven und passiven Bauteilen.

Baugruppentests nach Maß offeriert A.R. Bayer DSP Systeme mit Sitz in Düsseldorf. Der Mittelständler entwickelt und vertreibt Software, Systeme und Komponenten für Industrie-, Medizin- und Kommunikationselektronik, Emulation und Baugruppentests mit Boundary-Scan. Das Expertenteam unterstützt Anwender bei allen Entwicklungsvorhaben von der Produktidee bis zur Konzeption und Umsetzung von Prüftechniken für elektronische Baugruppen. Für den Test von Baugruppen kommen Produkte und Services zur ScanExpress-Produktfamilie von Corelis zum Einsatz. Vom „TestGenie“ bis zur Integration in ICT-Systeme liefert Corelis auf die speziellen Testerfordernisse abgestimmte Lösungen für Boundary-Scan, Bus-Analyzer und In-System-Programmierung.

Der Mittelständler Mass aus Geseke hat sich im Laufe der Jahre zu einem Anbieter von Produktionsmaschinen für die Anwendungsbereiche Trocknen, Beschichten und Handling in der Leiterplattenfertigung entwickelt. Nach umfangreichen Investitionen in den vergangenen Jahren kann das Unternehmen den Leiterplattenherstellern nun ein geschlossenes Lieferspektrum von Gießanlagen, Trocknern und Handling-Geräten bieten. Das Unternehmen entwickelt, konstruiert und fertigt Speziallösungen nach individuellen Kundenwünschen. Hierbei setzt das junge, aus Ingenieuren, Technikern und Kaufleuten bestehende Team sein Wissen und seine Erfahrungen gezielt zum Nutzen der Leiterplattenhersteller ein, um für die Kunden die besten Lösungen zu verwirklichen.

Ebenfalls in Geseke angesiedelt ist die Heicks-Gruppe. Sie bietet als eine unter Wenigen neben dem EMS-Portfolio auch die Parylene-Beschichtung als Dienstleistung an. Dadurch ist es möglich, sowohl die komplette Leiterplatte inklusive Parylene-Beschichtung bis zur Gerätemontage aus einer Hand zu erhalten, oder aber auch nur die Parylene-Beschichtung als einzelnes Dienstleistungsangebot. Parylene steht für ein hocheffizientes Beschichtungsverfahren samt dazugehörendem Beschichtungsstoff. Durch seine überaus guten Eigenschaften findet es zunehmend Anwendung bei der Schutzbeschichtung von elektronischen Baugruppen. Gemeinsam mit dem Anwender erarbeitet der Anbieter kundenspezifische Lösungen um die Betriebssicherheit nachhaltig aufrecht zu erhalten und die Lebensdauer der Endgeräte zu verlängern.

Masterplan Elektromobilität

Etwa 1 Mio. Pkw und Nutzfahrzeuge werden jährlich produziert, auch wenn im Land keiner der großen deutschen Automobilbauer seinen Hauptsitz hat. Die rund 800 Unternehmen der Automobilbranche und der Zuliefererindustrie beschäftigen im Land über 200.000 Mitarbeiter. Die vier größten Hersteller in NRW sind Ford in Köln, Opel in Bochum, und Daimler AG in Düsseldorf. Insgesamt sind etwa 30 Prozent der deutschen Zulieferunternehmen im Bundesland beheimatet. Zusätzlich haben viele Automobilhersteller ihre Deutschland-Zentralen im Rheinland: Citroën (Köln), Toyota und Lexus (Köln), Volvo (Köln), Renault und Dacia (Brühl), Nissan (Brühl), Mazda (Leverkusen).

Dem Diktat der Bundesregierung, 1 Mio. elektrisch angetriebene Fahrzeuge bis zum Jahr 2020 über Deutschlands Straßen rollen zu lassen, beugt sich das Bundesland mit einer eigenen Initiative. Mit dem Slogan „Das schaffen wir“ sollen bis dahin 250.000 Elektroautos die Zulassung erhalten haben. Dafür hat das MWEIMH verschiedene Eisen im Feuer. So unterstützt die Landesregierung die Forschung und Entwicklung der Elektromobilität mit eigenen Förderprogrammen und wird bis zum Jahr 2015 Mittel in Höhe von mehr als 100 Mio. € bereitstellen. Einer der in diesem Bereich für das Land Aktiven ist der Projektträger ETN (Forschungszentrum Jülich). Der „Masterplan Elektromobilität Nordrhein-Westfalen“ soll für den zügigen Auf- und Ausbau der Regionen Rhein-Ruhr als Modellregion für Elektromobilität sorgen. Demnach soll der Marktanteil der nordrhein-westfälischen Zuliefererindustrie auf diesem Gebiet in den kommenden Jahren deutlich ausgebaut werden. Weiteres Ziel ist es, über die bestehenden Unternehmen hinaus zusätzliche Automobilhersteller- und Zulieferer im Lande anzusiedeln, um den erwarteten Marktumbruch von der Benzin- zur Elektromobilität als Chance für den Industriestandort Nordrhein-Westfalen zu nutzen.

Die „Modellregion Rhein-Ruhr“ umfasste in der ersten Phase, die von Mitte 2009 bis Ende 2011 lief, acht Projekte, die mit unterschiedlichen Anwendungsgebieten und verschiedenen Schwerpunkten das gesamte Spektrum der Elektromobilität abdeckten. Insgesamt kamen rund 200 Fahrzeuge, darunter Pkw, Busse, Nutzfahrzeuge, Scooter und Pedelecs, zum Einsatz. Dazu wurde eine projektbezogene Ladeinfrastruktur aufgebaut, die aus über 530 Ladepunkten besteht. An den Projekten waren rund 50 Projektpartner an 25 Standorten beteiligt. Seit Anfang 2012 läuft die zweite Phase des Modellregionen-Programms, die auf den Erkenntnissen der ersten Phase aufbaut. Die Modellregion Rhein-Ruhr bringt bis 2015 mit 50 Partnern in 11 Projekten rund 470 Elektrofahrzeuge in Deutschlands größter Metropolregion zum Einsatz. Darüber hinaus werden 400 weitere Ladepunkte installiert.

Für die mittelständischen Unternehmen der Elektronikbranche wird es damit weiterhin spannend bleiben: „Ohne die technologischen Fähigkeiten, Ideen und Produkte der Elektroindustrie wird es keine effektive Klimaschutz- und Ressourcenpolitik geben“, ist sich Garrelt Duin sicher.

Das Land von Kohle und Stahl

In den 1950er und 1960er Jahren war dies eine durchaus treffende Selbst- und Fremdbeschreibung für Nordrhein-Westfalen. Das montanindustrielle Ruhrgebiet war nach dem Wiederaufbau wieder eine der wichtigsten Industrieregionen Europas und hat zum Wirtschaftswunder nicht nur im Land, sondern in der gesamten Bundesrepublik entscheidend beigetragen. Seit dem Niedergang dieser Industrien ab den 1960er Jahren vollzog sich ein bis heute andauernder Strukturwandel. Noch heute ist Nordrhein-Westfalen durch diverse Schlüsselindustrien geprägt und eines der wirtschaftlichen Zentren Deutschlands.

Marisa Robles Consée

Marisa Robles Consée ist Fachjournalistin

(mrc)

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