Doch noch keine Baugenehmigung

Bei Industriebränden gibt es aus guten Gründen von den Versicherungsgesellschaften kein Bargeld. Daher wird Ruwel eine neue Werkshalle in Geldern bauen. Dazu hieß es in einer ersten Stellungnahme des Unternehmens auf seiner Homepage erst fünf Tage nach der Katastrophe am 2. Januar 2017: „Wir werden auf dem Grundstück hinter Werk 2 so schnell wie möglich ein neues Werk aufbauen … und wir haben bereits eine Baugenehmigung.“ Weltrekord! Planung, Statik, Brandschutzkonzept, Umweltgutachten und Baugenehmigung in nur fünf Tagen – und das über Silvester und Neujahr!

So war es nicht verwunderlich, dass das Unternehmen angesichts ungläubigen Staunens aller Orten alsbald zurückrudern musste und sich fünf Wochen nach dem Brand, zum zweiten Mal auf seiner Homepage sehr zurückhaltend äußert: „Intensive Gespräche mit dem Architekten und der Stadt Geldern“ fänden statt, „erste Bauzeichnungen“ seien erstellt.

Das jetzt zerstörte Werk Geldern II war für 1,5 Mio. Quadratmeter Innenlagen pro Jahr nach damaligen Mitteilungen des Unternehmens ausgelegt und schon bei Fertigstellung im Jahr 2001, kurz nach dem Börsencrash und Wirtschaftskrise, völlig überdimensioniert.

Das jetzt zerstörte Werk Geldern II war für 1,5 Mio. Quadratmeter Innenlagen pro Jahr nach damaligen Mitteilungen des Unternehmens ausgelegt und schon bei Fertigstellung im Jahr 2001, kurz nach dem Börsencrash und Wirtschaftskrise, völlig überdimensioniert. Productronic-Archiv

Auch der Neubau auf der grünen Wiese, zeitsparend parallel zu den Abbrucharbeiten, scheint fraglich. Denn diesem müssten die beteiligten Versicherungen zustimmen. Doch einige Brandschutzwände hielten stand und so ist nicht unbedingt von einem Totalschaden auszugehen: „Die Sachverständigen … bewerten den Restbestand“, heißt es dazu von Ruwel/Unimicron. Heißt unter Umständen: Weitere Zeitverzögerung, denn zunächst müssten Teilabriss und Entsorgung der Trümmer erfolgen, bevor ein Neubau errichtet werden kann. Dieser hatte damals schon unter Hochdruck genau ein Jahr gedauert – nach Monaten der Planung und Genehmigungen.

Etikettenwechsel löst Problem nicht

Nach Fertigstellung müssen zunächst neue Zertifizierungen (Qualitätsmanagementsystem, Umwelt etc.) erfolgen, maßgebliche Automobilzuliefer-Kunden müssen die Werks- und Prozessfreigaben erteilen, und schließlich müssen Freigabemuster gefertigt und geprüft werden. Wenn die ersten Serien für automobile Sicherheitselektronik das neue Werk verlassen, zeigt der Kalender schon schnell das Jahr 2019.

Ruwel-Betriebsleiter Bart Kempen hatte im TV-Interview kurz nach dem Brand noch gemeint, es werde „alles voll weitergehen. Die Frage ist nur, wie lange wir brauchen werden – Tage oder Wochen – bis hier wieder alles funktioniert“. Das zerstörte Werk war seinerzeit für rund 30 Mio. Euro errichtet und ausgestattet worden. Geschäftsführer Gerard van Dierendonck bezifferte jetzt den reinen Brandschaden in der Lokalpresse mit „40 bis 45 Mio. Euro“.

Zeitnahe, transparente und verlässliche Krisenkommunikation ist nach einer derartigen Katastrophe unabdingbar, will man nicht das Vertrauen bei Geschäftspartnern und in der Öffentlichkeit verlieren. Da hilft es auch nicht, sich rasch einen anderen Namen zu geben: Wo jetzt nur „Unimicron Germany“ drauf steht, ist immer noch „Ruwel International“ drin. Professionell geplant, hätte das „neue“ internationale Unternehmen sicherlich zum Start zumindest eine eigene Internetseite gehabt.

 

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