Das bestückte Gehäuse besteht aus Aluminium.

Das bestückte Gehäuse besteht aus Aluminium.Bopla

Ob Steuerungen, Messgeräte, Programmiergeräte oder Module – viele tummeln sich auf dem Markt – und alle haben eines gemeinsam: sie benötigen ein Gehäuse. Was sich im Gespräch mit den Herstellern von elektronischen Geräten deutlich abzeichnet: Viele von ihnen bauten bisher ihre Elektronik in gängige Standardgehäuse ein. Aber was bei näherer Betrachtung auffällt: Kaum ein Endgerät sieht aus wie das andere! Für Bopla ist dieses Wissen ein Grund, zu schauen, welche Markttrends der Gehäusehersteller bereits erkannt hat und wie er in seinem Produkt- und Dienstleistungsangebot auf die Ansprüche der Kunden eingeht.

Was den Vertrieb umtreibt

Der Entwicklungsleiter Andreas Krömer (li.) und der Vertriebsleiter Thomas Lüke (re.) beim gemeinsamen Rundgang.

Der Entwicklungsleiter Andreas Krömer (li.) und der Vertriebsleiter Thomas Lüke (re.) beim gemeinsamen Rundgang.Bopla

In einem fiktiven Spaziergang durch das Unternehmen, bestätigt Thomas Lüke, der Vertriebsleiter bei Bopla im westfälischen Bünde den Trend zur Individualisierung: „Die Vermutung ist korrekt, dass das typische Standardgehäuse, bestehend aus einem schlichten Ober- und Unterteil, ohne weitere Designelemente, Veredelungen oder Bearbeitungen, vom Markt nur noch in den seltensten Fällen verlangt wird. Unsere Kunden möchten häufig ein individuelles Produkt einsetzen – selten ein schlichtes Gehäuse.“ Dafür gibt es viele Gründe, die vor allem von den wachsenden Ansprüchen der Endkunden abhängen. Lüke erklärt: „Für moderne Unternehmen gilt es, sich auf die veränderten Marktbedingungen einzustellen. Wir reagieren durch ein breites Service- und Dienstleistungsangebot. Vorweg sei aber noch gesagt: Wir können auch Sondergehäuse auf Kundenwunsch konstruieren und fertigen.“ Diese Möglichkeit steht jedoch gerade bei der Notwendigkeit nach kleineren Stückzahlen aus Kostengründen bei der Wahl eines Gehäuses häufig außer Frage.

Die Kosten stellen oft ein wesentliches Kriterium bei der Auswahl von Komponenten dar. „Reden wir heute von einem individuellen Produkt für einen Kunden, so beziehen wir uns auf unser umfangreiches Standardprogramm an Gehäusesystemen, die wir auf Kundenwünsche zuschneiden. Die beträchtliche Auswahl an Standards ermöglicht es Bopla, die gewünschten Gehäuse schnell und kostengünstig zu individualisieren“, erläutert der Vertriebsleiter.

Was Entwickler bewegt

Der Entwicklungsleiter Andreas Krömer (li.) und sein Mitarbeiter in der hauseigenen Durckerei.

Der Entwicklungsleiter Andreas Krömer (li.) und sein Mitarbeiter in der hauseigenen Durckerei.Bopla

Euromas ist eine „in die Jahre gekommene“ Gehäuseserie aus den siebziger Jahren. Dennoch ein Klassiker im Produktportfolio von Bopla. Der Entwicklungsleiter Andreas Krömer erklärt diesen Umstand so: „Das Standardelektronikgehäuse ist schlicht, technisch sehr einfach und findet dennoch oft Verwendung. Die Euromas-Serie zählt noch heute zu unseren Top-Absatzprodukten. Die Gründe dafür liegen klar auf der Hand: Euromas ist sehr vielfältig, alleine die Serie Euromas I liegt in 36 Größen und in den Materialien ABS, Polycarbonat und Polycarbonat UL 94 V0 vor. Darüber hinaus gibt es eigene Euromas-Serie aus Aluminium  in 43 Größen, aus Polyester in 27 Größen und aus Polyamid in fünf Größen, mit angespritzten Kabelverschraubungen. Euromas II ist die Weiterentwicklung von Euromas I.“

Den Gehäusetyp II gibt es in 29 Größen, je in den Materialien ABS und Polycarbonat. Die Serie ist moderner gestaltet als das Euromas I und bietet eine vertiefte Fläche für Folientastaturen. „Die Kunden schätzen die Vielfältigkeit des Programms, weil sie häufig selber eine Produktfamilie aufbauen möchten, die sich durch eine gewisse Wiedererkennung abheben soll. Euromas bietet da viele Möglichkeiten“, erläutert Andreas Krömer.

Keine Qual bei der Wahl

Je nach Einsatzort kommt Material zum Einsatz, das bestimmte Eigenschaften besitzt. Während beispielsweise Euromas-Aluminium dank der Schutzart IP 66 und der hohen Temperaturbeständigkeit von zirka 130 °C für den Einsatz in der Wüste geeignet ist, punktet die Serie Euromas II vor allem dank der montagefreundlichen Verschraubungstechnik und des Zubehörs. „Unsere Kunden schätzen die Gehäuse, die aus unterschiedlichen Materialien gefertigt werden können, denn der Einsatzort bestimmt das Material“, weiß der Vertriebsleiter Thomas Lüke.

Auch bei der Euromas II-Serie zeigt es sich, dass sich nur wenig Gehäuse heutzutage in der Standardversion verkaufen. Man fragt sich unwillkürlich, wie sich Gehäuse so veredeln, bearbeiten oder gar designtechnisch verbessern lassen, dass sie immer noch ihren Beitrag zum Umsatz beisteuern. Letztendlich reduzieren sich diese Überlegungen auf folgende Frage: Welche zusätzlichen Dienstleistungen muss der Hersteller anbieten, um ein Standardprodukt zur individuellen Lösung für die Kunden werden zu lassen?

Wünsche erfüllen

Ein bereits beschichtetes Euromas-Gehäuse.

Ein bereits beschichtetes Euromas-Gehäuse.Bopla

Den „Kundenanforderungen entsprechen könnte das Motto lauten, nach dem im Standort Bünde ein modernes Dienstleistungszentrum entstanden ist. Hier bearbeitet man die Standardgehäuse mechanisch und veredelt sie, bevor sie in die Montageabteilung und zur Prüfung gelangen. Die Bearbeitung größerer Serien erfolgt selten, da Werkzeugänderungen in diesem Fall oftmals günstiger für den Kunden sind. Wie bereits erwähnt, sind die Bopla-Gehäuse zunächst standardmäßig neutral gestaltet, beispielsweise kommt die Euromas-Serie ab Werk in verschiedenen Grautönen.

Die Gehäuse lassen sich in verschiedenen Farben individuell beschichten.

Die Gehäuse lassen sich in verschiedenen Farben individuell beschichten.Bopla

Sind die Gehäuse der jeweiligen Corporate Identity (CI) des Geräteherstellers farblich anzupassen, so kann man sie lackieren beziehungsweise pulverbeschichten. Speziell die auf die verschiedenen Kunststoffe abgestimmten Lacke zeigen über einen langen Zeitraum gute Haftung und sind kratzbeständig. Bei größeren Fertigungslosen ist es kostengünstiger, die Gehäuse aus durchgefärbtem Kunststoff abzuspritzen; dafür gibt es unterschiedliche Materialien in verschiedenen Farbtönen. Im Trend liegt die Softtouch-Lackierung, die die sich durch einen lederartigen, weichen Griff auszeichnet und sich für das Veredeln von Handgehäusen eignet.

Sollen die Gehäuseflächen eine kostengünstige Werbefläche für den Hersteller und sein Produkt darstellen, eine Montage- und Gebrauchsanleitung oder Bezeichnungen für Anzeige- und Bedienelemente abbilden, setzt man häufig eine Beschriftung ein. „Je nach Gehäusetyp werden diese Beschriftungen im Sieb- oder Tampondruck in unserer hauseigenen Druckerei aufgebracht. Ergänzend hierzu setzen wir auch Lasertechnologien ein“, erklärt Andreas Krömer die einzelnen Verfahren. „Wenn wir schon beim Thema der individuellen Veredelung sind: Häufig kommt die Frage nach EMV-Beschichtungen auf, die den Schutz der Elektronik im Gehäuse vor äußeren Störeinflüssen sicherstellen. Hier haben wir drei Verfahren, die abhängig von der Kosten-Nutzen-Relevanz individuell zur Auswahl stehen: Kupfer-Chrom-Nickel-Bedampfung, Aluminium-Bedampfung oder eine Lackierung mit Kupferleitlack.“

Durchdacht und geprüft

Das Euromas-Gehäuse in einer Sonderfarbe ist mit Kabelverschraubungen ausgestattet.

Das Euromas-Gehäuse in einer Sonderfarbe ist mit Kabelverschraubungen ausgestattet.Bopla

Aus Qualitäts- und Designgründen liefern Hersteller ihre Standardgehäuse in der Regel geschlossen. Das bedeutet, dass die Produkte anfangs noch keine Vorbohrungen aufweisen. Die benötigten Bohrungen, Stanzungen und Ausfräsungen bringt man je nach Anforderung der Kunden erst im Nachhinein ein. Bedingt durch das Bearbeiten eines Gehäuses ändert sich nämlich die Schutzart. Durch den Einsatz von speziellen Dichtungen beziehungsweise Kabelverschraubungen lässt sich jedoch oftmals die ursprüngliche Schutzart wiederhergestellen. „Da unser Haus über eigene Prüfstände für den IP-Schutz verfügt, können wir die Einhaltung der geforderten Schutzart garantieren. Aufgrund einer TÜV–Zulassung können wir nicht nur Werkszeugnisse anfertigen, sondern auch Tüv-Prüfungszeugnisse ausstellen“, informiert Thomas Lüke.

Ist ein Gehäuse mechanisch bearbeitet, lackiert oder bedruckt, kann es direkt zum Versand gehen. Der überwiegende Anteil gelangt allerdings zunächst in die Bestückungs- und Montageabteilung zum Weiterverarbeiten. Das Komplettbestücken mit Montageplatten und Tragschienen sowie Anschlussklemmen verschiedener Hersteller gehört heute oftmals zum selbstverständlichen Lieferumfang. Die Klemmenbestückung ist ein komplexer Bereich, der nach speziell ausgebildetem Montagepersonal verlangt. Kann der Gehäusehersteller auf ein eigenes Kabelverschraubungsprogramm zurückgreifen, so ist das Montieren der Verschraubungen mit den Gehäusen eigentlich schon fast ein „Muss“.

Auch Löt- und Kabelkonfektionierungsarbeiten lassen die Kunden heutzutage gerne vorab durchführen. „Der Kunde erhält ein Gehäuse, das er teilweise „nur“ noch mit seiner Elektronik bestücken muss. Alle Arbeiten, die das Gehäuse betreffen, sind bereits für ihn erledigt“, erläutert Thomas Lüke die angebotenen Dienstleistungen. „Kunden können so ihr Ausschussrisiko minimieren. Die Suche nach weiteren Lieferanten bleibt ihnen  erspart und sie können sich voll auf ihre Kernkompetenz, die Herstellung der Elektronik und die Vermarktung des Gerätes konzentrieren.“

Von Touch bis Tastaturen

Thomas Lüke erklärt, wie sich vorherrschende Markteinflüsse auf die Produktpalette auswirken: „Durch die fortschreitende Zunahme der mobilen Datenerfassung  nahm in den letzten Jahren auch der Einsatz von Handgehäusen in der Industrie überdurchschnittlich zu. Zusätzlich zu den oben angeführten Bearbeitungsschritten bedarf es in diesem Bereich der Ausstattung mit Bedien- und Ableseeinheiten.“ Die Gehäuse dienen nicht nur dem Verpacken der Elektronik, sondern stellen oft die Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine dar. Für verschiedene Gehäuse entwickelt Bopla auch Standard-Folientastaturen. Der Anwender kann dadurch die Kosten für anfallende Werkzeuge einsparen. Anpassungen an spezielle Designwünsche sind ohne hohen Mehraufwand bereits in Kleinserien realisierbar. Sind aber trotzdem keine Standardtastaturen für ein Gehäuse vorhanden, so wird die Anfertigung einer Designfolie oder einer Folientastatur angeboten. Von der Integration von Touch-Screens über Kurzhubtaster bis hin zu anderen elektromechanischen Bauteilen ist alles möglich. Für diese Applikationen eignet sich die Euromas-II-Serie, da sie aufgrund ihres Deckels mit einer Folientastaturfläche versehen ist.

In diesem Bereich ist es ganz deutlich zu erkennen: Individualisierung nimmt zu. Die Nachfrage nach Standardtastaturen liegt deutlich geringer als noch vor 15 Jahren. „Die meisten Eingabeeinheiten konstruieren und fertigen wir heute schon exakt nach den Wünschen der Kunden“, bestätigt Thomas Lüke.

Hübsch verpackt!

Nicht zuletzt spielt auch ein kundenspezifisches Verpackungskonzept der Gehäuse eine wichtige Rolle. Darunter fallen in erster Linie Systeme zur Gehäuse-Kennzeichnung wie Plomben, Siegel oder Plaketten. „Wie man am Beispiel von Euromas gesehen hat, reicht es heute und zukünftig aber nicht aus, Erfahrung in der Umsetzung der Marktanforderungen an Gehäusesysteme mitzubringen und ein breites Sortiment an Standardgehäusen anzubieten, um weiterhin erfolgreich zu sein. Die Flexibilität und Leistungsfähigkeit im Bereich Service und Dienstleistung bildet daher die Basis, damit innovative Gehäusesysteme entwickelt werden können“, erklären Thomas Lüke und Andreas Krömer bei der Beendigung des Spaziergangs.

Auf einen Blick

Ein innovatives Produkt will auch im besonderen Gehäuse sein. Da Sonderanfertigungen bei geringen Stückzahlen aus Kostengründen ausscheiden, besteht die Alternative in einem Standardgehäuse, das sich aber durch verschiedene Verarbeitungsschritte veredeln beziehungsweise individualisieren lässt. Mit der gewünschten Verpackung und weiterführenden Dienstleistungen kombiniert, ergibt sich ein rundes Konzept.