AUTOMOBIL-ELEKTRONIK: Was ändert sich grundlegend an der Architektur der Fahrzeuge?

Dr. Thomas M. Müller: Wir sind dabei, eine neue Architektur zu entwerfen, die demnächst in die Serienentwicklung geht, und beginnen mit den neuen Premium-E-Fahrzeugen im Konzern, sodass zunächst einmal Audi und Porsche betroffen sind. Wir entwickeln eine gemeinsame Architektur, die dann auf der gemeinsamen PPE-Plattform erstmalig zum Einsatz kommen wird, wobei PPE für Premium Platform Electric steht. Porsche und Audi entwickeln PPE gemeinsam quasi als Premium-Pendant zum MEB, dem modularen Elektrifizierungs-Baukasten im Konzern.

Nicht nur das Thema E-Fahrzeuge bringt natürlich neue Herausforderungen mit sich, sondern insbesondere Themen wie autonomes Fahren, Digitalisierung, Update-fähige Security etc. Deshalb ist auch dort ein nächster Architekturhub erforderlich. Und in diesem Architekturhub sollen Security-by-Design und Update-by-Design fest verankert sein, während gleichzeitig die Entkopplung von Hardware und Software deutlich stärker gespielt werden soll, als dies in den Fahrzeugen der Fall ist, die jetzt auf den Straßen unterwegs sind. Audi ist auf dem Markt zwar schon bei der Eigenentwicklung von Software ganz weit vorne unterwegs, ebenso wie bei der Softwareentwicklung in entkoppelten Modellen, zum Beispiel mit e.solutions, unserem Joint Venture mit Elektrobit, in dem wir unsere Infotainment-Software wirklich selber entwickeln, selbst integrieren und auf die Head-Unit aufspielen. Aber wir haben auch immer noch etliche Steuergeräte, die heute im Prinzip nur Lastenheftvergabe sind.

Welche Grundzüge weist die neue Architektur auf?

Dr. Thomas M. Müller (hier im Interview mit AUTOMOBIL-ELEKTRONIK): „Mittlerweile lautet die Frage weniger, mit welchem First-Tier ich eine Lösung realisiere, sondern eher, welchen SoC-Hersteller ich auswähle. Eigentlich treffen wir auf Tier-2-Ebene eine Entscheidung, und dann suchen wir einen Tier-1, der diese Lösung implementiert.“

Dr. Thomas M. Müller (hier im Interview mit AUTOMOBIL-ELEKTRONIK): „Mittlerweile lautet die Frage weniger, mit welchem First-Tier ich eine Lösung realisiere, sondern eher, welchen SoC-Hersteller ich auswähle. Eigentlich treffen wir auf Tier-2-Ebene eine Entscheidung, und dann suchen wir einen Tier-1, der diese Lösung implementiert.“ Audi

Dr. Thomas M. Müller: Wir müssen nicht nur Hardware und Software stärker trennen, sondern wir müssen uns auch stärker auf das Thema Applikation und damit Software konzentrieren – und zwar im Zusammenspiel mit den benötigten Hardware-Peripherien, die für eine Funktion notwendig sind. Damit wollen wir auch einen Teil der Wertschöpfung stärker kontrollieren. Das heißt allerdings nicht, dass wir das zwingend alles selber machen. Wir werden zwar einen Teil der Software selbst entwickeln, aber wir werden dann auch einen Teil so mit Partnern entwickeln, dass uns dann vielleicht die IP gehört. Zusätzlich werden wir einen Teil als Lizenzen einkaufen. Die Funktion und damit letztendlich die Software steht hier ganz klar im Vordergrund – und nicht mehr so sehr das einzelne Steuergerät.

Wie sieht das konkret aus?

Dr. Thomas M. Müller: Wir werden das Bordnetz in einem Ebenenmodell mit einzelnen Domänen strukturieren. Die oberste Ebene bildet die sogenannte Rechnerebene, die derzeit aus fünf Hochleistungs-Computern für fünf Domänen besteht, aber das können in Zukunft auch weniger Einzelcomputer sein. Auf diesen High-Performance-Computern laufen im Wesentlichen die Logiken und Applikationen. Dieser Domänencontroller fungiert dann sozusagen als Gehirn seiner Domäne. Unterhalb der Rechenebene sind alle möglichen Peripherien angesiedelt – in erster Line Eingabe-/Ausgabesteuergeräte für Sensoren, Bildschirme, Audiosysteme etc.

Derzeit arbeiten wir daran, die Logik möglichst aus den Peripherien herauszulösen und nach oben hin zu zentralisieren, sodass die Applikation beziehungsweise der Algorithmus in der Rechnerebene stattfindet. Zudem werden wir eine beachtliche Anzahl von Steuergeräten entfallen lassen; in der Body-Domäne gelingt das beispielsweise relativ einfach und ziemlich gut. Wir lösen die Funktion vom Steuergerät und rechnen sie zentral.

Antworten darauf, wie sich die neue Architektur auf den Kabelbaum auswirkt, welche wesentlichen Features die Domänencontroller aufweisen und welche Auswirkungen sich für den Einkauf und die Zulieferer ergeben, finden Sie im weiteren Verlauf dieses Beitrags – ergänzt um Statements rund um die Themen Safety, Integration, Software-Wiederverwendung, Fahrzeugbusse von (über)morgen, Zusammenarbeit mit den Halbleiterfirmen, Tier-1s und Ingenieursdienstleistern, das neue Bordnetz, Backend, Function-on-Demand etc.

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