„Die maskierten Pilzens“ wie Thomas Pilz sich und seine Schwester Susanne Kunschert bezeichnete

„Die maskierten Pilzens“ wie Thomas Pilz sich und seine Schwester Susanne Kunschert bezeichnete, gaben einen Überblick über die Geschäftsenwicklung bei Pilz, die Auswirkungen der Corona-Pandemie und des Cybersangriffs im Herbst 2019. Die Masken stammen aus eigener Produktion, wofür Pilz extra die interne Textilforschung umgewandelt hat. Redaktion IEE

„Rein die Kartoffeln, raus aus den Kartoffeln.“ Dieser Ausspruch zog sich durch die aufgrund der Corona-Pandemie digital stattfindende Jahrespressekonferenz. Statt wie gewohnt am Stammsitz in Ostfildern präsentierten Thomas Pilz und Susanne Kunschert Zahlen und Fakten rund um das Unternehmen sowie ihre Neuentwicklungen per Live-Stream.

Das erste Mal „Rein in die Kartoffeln“ musste das Unternehmen, als im Herbst 2019 ein Cyberangriff Pilz für zwei Wochen komplett lahmlegte. Hacker hatten gezielt Server weltweit verschlüsselt, um Lösegeld zu erpressen – welches Pilz jedoch nicht bereit war zu zahlen. Dazu Thomas Pilz: „Das ist das Geschäftsmodell der Erpresser. Eine Forderung zu stellen in Höhe eines von Cyberversicherung oder Finanzabteilung als zahlbar einzustufenden Betrags. Aber genau hier kann man sich wehren und eben nicht zahlen! Dann funktioniert das Geschäftsmodell nicht mehr.“

Durch die Auswirkungen des Angriffs sah sich das Unternehmen dazu gezwungen, einen Teil der Mitarbeiter in Kurzarbeit zu schicken. Gerade als man dachte, die Auswirkungen wären überstanden und man könnte wieder zu mehr Normalität zurückkehren („Raus aus den Kartoffeln“), kam der zweite Virus, der weltweit für Chaos sorgt: Sars-CoV-2. Verlagerte das Unternehmen zuerst seine Produktion von China nach Europa, musste Pilz erneute reagieren, nachdem die Welle auch nach Europa schwappte und Lock-Downs verursachte. Allgemein war in den letzen Monaten viel Flexibilität gefragt: Während der Cyberattacke musste Pilz komplett weg vom Digitalen –  in Zeiten von Corona dafür komplett hin zum Digitalen.

Viren, Brexit und Co. senken den Umsatz von Pilz

Susanne Kunschert, Pilz

„Hadern bringt nichts!“, so Susanne Kunschert zu den Auswirkungen des Cyberangriffs und der Corona-Krise. Redaktion IEE

Der Cyberangriff, Corona sowie die durch Handelsstreitigkeiten und Unsicherheiten über den Brexit schwächelnde Weltwirtschaft führten in Summe dazu, dass Pilz erstmals seit der letzten großen Krise 2009 einen Umsatzrückgang von 6,5 % auf 322,5 Mio. Euro zu verbuchen hatte. Zum Vergleich: 2018 konnte das Unternehmen in dem sich bereits abzeichnenden schwierigen Umfeld seinen Umsatz noch um 2,1 % steigern. Dabei zieht sich der Umsatzrückgang, bis auf wenige Ausnahmen, durch das gesamte Produktportfolio. Vermehrt in Ländern, in denen die Automobilwirtschaft ein wichtiger Wirtschaftszweig ist, zeigten sich besonders schwierige Entwicklungen.

Positiv entwickelt sich hingegen der Bereich Dienstleistungen, denn Beratung und Engineering sowie Schulungen sind „gerade in Krisenzeiten ein wichtiges Standbein für uns“, wie Susanne Kunschert berichtet. So interessierten sich auch kleine Organisationen dafür, mit wenig Aufwand, Mitarbeiter bei den Themen Maschinensicherheit und Automatisierung überall auf der Welt auf den gleichen Kenntnisstand zu bringen.

Vor allem für die 2018 vorgestellte Sparte der Service-Robotik kam die Corona-Krise zu Unzeiten. Man habe gerade mit Start-ups erste Erfolge gefeiert und müsse nun „kleinere Brötchen backen, als mir eigentlich lieb ist“, wie Thomas Pilz es formulierte. Aber er sieht in dem „zarten Pflänzchen“, das auf einem „guten Fundament steht“, immer noch großes Potenzial.

Digitales Geschäftsmodell für Losgröße 1: Pilz will digitale Safety-Welt

Thomas Pilz

Thomas Pilz verfluchte die Verbrecher, die ihnen durch den Cyberangriff „die Zukunft aus den Händen gerissen haben“. Im Hintergrund ein „Bepper“, also einem Postit, das Pilz während des Cyberangriffs und beim darauffolgenden Wiederaufbau der IT-Strukturen geholfen habe. Redaktion IEE

Ein Geschäftsmodell für Produkte zur Automatisierung von Anlagen und Maschinen zu finden, ist schwer. Denn das bisherige Geschäftsmodell, der Preis der Hardware gleicht die Funktionalität der Firmware aus, ist laut Thomas Pilz bewährt und gut etabliert. Somit sei das in der Bürowelt funktionierende Geschäftsmodell – etwa eine Cloud, bei der über Lizenzen gezahlt wird – nur dann im Maschinenbau nutzbar, wenn man an der eigenen IT-Infrastruktur arbeitet. Pilz hat daher für sein neuestes Produkt einen digitalen Unterbau geschaffen, um gemeinsam mit Kunden ein individuelles Automatisierungsprodukt herzustellen.

Im ersten Schritt erfasst der Anwender (bei Bedarf gemeinsam mit Pilz) seine Anforderungen über einen Creator. Daraus entsteht, aus Millionen von Möglichkeiten, die bedarfsgerechte Hardware-Konfiguration sowie die Logik der Schaltung, die auch auf ihre Funktionalität geprüft wird. Durch die Simulationsfunktion im Creator erhält der Anwender zusätzliche Unterstützung bei der Entwicklung seiner Schaltungslogik. Eine CAE-Schnittstelle ermöglicht es dem Elektroplaner, ohne Zusatzaufwand die Schaltschrankplanung abzuschließen.

Pilz will damit Systeme anbieten, die nach kundenspezifischen Anforderungen individuell in Losgröße eins im Auslieferungslager gebaut werden. Dieses Angebot möchte Pilz erstmals im November auf der Messe SPS in Nürnberg vorstellen – sofern sie unter für alle sinnvollen Bedingungen stattfinden kann. Eigentlich war die Vorstellung dieses Modells schon deutlich früher geplant, doch der Cyberangriff habe die Entwicklungen um 12 Monate zurückgeworfen. Dennoch sollen sich Stück für Stück alle Produktfamilien von Pilz in diesem Geschäftsmodell wiederfinden. Im Zuge dessen verwies Thomas Pilz darauf, dass digitale Geschäftsmodelle nicht die Produktentwicklung entstehen, sondern in IT-Abteilungen. „Jedes Mal, wenn in Unternehmen von Industry of Things oder Industrie 4.0 die Rede ist, ist ein Neudenken der IT-Ausrichtung gefordert“, erklärte er zum Abschluss.