Von zwei Dutzend auf weltweit bislang 80.238 infizierte Menschen und mehr als 2700 Todesfälle binnen acht Wochen (Stand: 25.02.2020, Bundesgesundheitsministerium) – die rasante Ausbreitung der auf Covid-19 getauften Epidemie gleicht einem sich global erstreckenden Flächenbrand. Aber was bedeutet das für die Leiterplatten- und Elektronikbranche?

China und der Coronavirus

Der Coronavirus kennt keine Grenzen und wird sich so schnell nicht stoppen lassen. Experten gehen davon aus, dass sich der Peak bis erst Mitte/Ende April 2020 ereignen wird. AdobeStock

Corona kennt keine Grenzen, längst sind andere Kontinente und Länder betroffen: Neben den USA und Europa wurden in Afrika sowie in Japan und Australien aber auch in Ägypten und im Iran die ersten Fälle registriert. Mit derzeit 16 laborbestätigten Fällen von Covid-19 ist die Virusinfektion endgültig in Deutschland angekommen. Italien reagiert radikal und sperrte per Dekret insgesamt elf Kommunen in den norditalienischen Regionen Lombardei und Veneto komplett von der Außenwelt ab, nachdem dort zunächst Dutzende und inzwischen über 320 Infektionen bekannt wurden. 50.000 Menschen stehen unter Quarantäne und können ihre Heimatorte in der „roten Zone“ nicht mehr verlassen. Nach China sind derzeit vor allem Italien, Südkorea und Iran derzeit stark vom Coronavirus betroffen (Stand. 25.02.2020).

Leiterplattenproduktion in China

Die in China: Gut 55 Prozent der weltweiten Leiterplattenproduktion stammen aus China. Im Bild die prozentuale Verteilung der verschiedenen chinesischen Produktionsstätten für Leiterplatten. Data4PCB

Zum Vergleich: Während der SARS-Pandemie (Schweres Akutes Atemwegssyndrom) in den Jahren 2002/2003 erkrankten 8000 Menschen in neun Monaten. Bei Covid-19 gab es etwa sechs Wochen nach Bekanntwerden der ersten Fälle offiziell bereits 60.000 Erkrankte – wenigstens. Modelle für das derzeitige Coronavirus gehen von derzeit 400.000 bis 600.000 Infizierten aus. Diese Zahlen machen fassungslos: „Was wir gerade sehen, ist beispiellos. Ich weiß von keinem Ausbruch in den letzten 100 Jahren, der sich so schnell und so weit ausgebreitet hat, der so herausfordernd war“, bekräftigt der Infektionsmediziner Jeremy Farrar in einem Interview gegenüber der Süddeutschen Zeitung. Seit dem 11. Februar heißt das Coronavirus laut Bundesgesundheitsministerium SARS-CoV-2. Der Name weist auf die enge Verwandtschaft zum SARS-Virus hin, das 2002/2003 eine Epidemie ausgelöst hatte.

Michael Gasch, Geschäftsführer von Data4PCB

Michael Gasch von Data4PCB: „Die hiesige Leiterplattenindustrie könnte von dem Corona-Effekt profitieren, zumindest so lange, wie sie über die notwendigen Materialien verfügt.“ Marisa Robles

Auswirkung auf die Leiterplattenfertigung

So schnell wird sich der Coronavirus nicht stoppen lassen. Experten gehen davon aus, dass sich der Peak erst bis Mitte/Ende April 2020 ereignen wird. Denn bislang war es nicht möglich, den Virus trotz vielfältiger Vorkehrungen und Maßnahmen unter Kontrolle zu bringen. Auch der Umstand, dass der Virus lebensbedrohlich sein kann, aber auch sehr mild, verkompliziert den Kampf gegen die Epidemie enorm. Erstmals Ende Dezember 2019 wurde der Coronavirus in der Millionenstadt Wuhan der chinesischen Provinz Hubei als Ausbruch einer neuen Erkrankung auffällig. Doch erst am 23. und 24. Januar 2020 – und damit unmittelbar kurz vor Chinese New Year, den wichtigsten Feiertagen Chinas – wurde eine strenge Quarantäne über Wuhan und dann über die Nachbarregionen (in denen ca. 20 Mio. Menschen leben) verhängt. Später wurde der Bereich noch vergrößert.

„Das Coronavirus hat dafür gesorgt, dass die Regierung die Region Hubei isoliert, Reisebeschränkungen und Ausgangssperren verhängt und die Neujahrsferien zwangsverlängert hat“, erläutert Michael Gasch, Geschäftsführer von Data4PCB. Das habe verheerende Folgen für die Elektronikfertigung: „Auf etwa 12 Mrd. Dollar oder 30 Prozent der chinesischen Leiterplattenproduktion beläuft sich der Produktionsanteil in den Großräumen Shanghai, inklusive Wuxi und weitere 10 Mrd. Dollar oder 25 Prozent in den Provinzen Hubei und Chongqing. Das sind umgerechnet knapp 30 Prozent der Weltproduktion“, rechnet Gasch vor. In dieser Region sind die großen Leiterplattenhersteller AT&S, Meiko, Tripod, Wus und Unimicron mit Standorten vertreten. „Durch die zwangsweise verordneten Betriebsschließungen gehen wöchentlich Produktionsvolumen von mehr als 150 bis 200 Mio. Dollar verloren“, schätzt Michael Gasch. Das bleibt nicht ohne Folgen für die angegliederte Wertschöpfungskette vor Ort: So haben die Behörden im Raum Shanghai dem Apple-Zulieferer und EMS Foxconn die Wiederaufnahme der Produktion im Werk Shenzhen untersagt, ebenso wie bei Samsung und Johnson & Johnson. Bei Volkswagen stehen die Bänder in den chinesischen Werken genauso still wie bei Renault, PSA, Honda und Toyota mit ihren Zulieferern Bosch, Schaeffler und Webasto, die allesamt im Raum Wuhan angesiedelt sind. Betroffen sind überdies auch Toyota und General Motors.

Frank Hoiboom, Leiterplattenexperte

Frank Hoiboom: „20 bis 25 Prozent der Mitarbeiter kehren nach Chinese New Year nicht mehr an ihre bisherigen Arbeitsplätze zurück. Diese ehemaligen Mitarbeiter fehlen in den Werken, was auch bedeutet, dass Know-how abfließt.“ Hoiboom

Zunächst ließen sich die Werkschließungen mit einer verlängerten Holiday-Season kompensieren. Dennoch gilt Chinese New Year als traditionell wichtigste Urlaubszeit in Asien, die mit einer großen Unruhe einhergeht, die Frank Hoiboom, Experte der Leiterplattenbranche, so beschreibt: „Vor Chinese New Year gibt es eine große Völkerwanderung, von der schon in „normalen“ Jahren danach 20 bis 25 Prozent der Mitarbeiter nicht mehr an ihre bisherigen Arbeitsplätze zurückkehren. Diese ehemaligen Mitarbeiter fehlen in den Werken, was auch bedeutet, dass Know-how abfließt.“ Vor der Quarantäne sind 5 Mio. Menschen aus der 11 Mio. Einwohner umfassenden Metropole Wuhan ausgereist. Ähnlich dürfte das auch in anderen Regionen sein. Die neuen Mitarbeiter müssten entsprechend angelernt werden. Das kostet Zeit: „In dieser Anlernphase sind die Werke nicht mit genügend Mitarbeitern besetzt und somit ist die Produktion nicht ausgelastet. Bis die neuen Mitarbeiter entsprechend eingelernt sind, leidet die Qualität“, erklärt Hoiboom das Dilemma. Wegen der Fahrverbote können Personen derzeit nicht zurück in die Fabriken. Foxconn meldete für das Werk in der Nähe von Shanghai, dass etwa 10 Prozent und damit nur etwa 16.000 seiner Mitarbeiter eingetroffen sind. Dass da die Produktion längerfristig unrund läuft, dürfte Apple schnell klar gewesen sein, weshalb das Unternehmen nicht nur seine Umsatzprognosen stramm nach unten korrigierte, sondern auch darauf aufmerksam machte, dass es auch zu Lieferengpässen kommen könnte. Sieben der zehn größten Containerhäfen der Erde liegen an der Küste der Volksrepublik. Nach Recherchen des Datenanbieters Alphaliner ist der Handelsschiffsverkehr in Chinas Häfen in den letzten Wochen um 20 Prozent zurückgegangen. Auch der Flugbetrieb von und nach China ist weitestgehend eingestellt. „Es ist daher damit zu rechnen, dass vor Ende März keine oder bestenfalls nur wenige Lieferungen erfolgen können“, schätzt Gasch.

Hiesige Leiterplattenhersteller könnten profitieren

Wegen der Fahrverbote ist der Warenfluss gestört oder zumindest eingeschränkt. „Noch kommen Containerschiffe mit Laminaten und weiteren für die Leiterplattenproduktion notwendigen Materialien für die deutschen und europäischen Leiterplattenhersteller an“, betont Michael Gasch. Seiner Einschätzung nach könnten wichtige Aufträge kurzfristig von China nach Deutschland zurückgeholt werden: „Die hiesige Leiterplattenindustrie könnte von dem Corona-Effekt profitieren, aber nur so lange, wie sie über die notwendigen Materialien verfügt.“ Mit Isola und der in Österreich produzierenden Panasonic aus Japan gibt es auch hier Anbieter von Leiterplattenmaterialien, jedoch hängen sie trotzdem am seidenen Faden Chinas.

Der Leiterplattenhersteller Würth Elektronik CBT vermeldet auf seiner Website, dass die Lieferung aus deutschen Werken gesichert ist: „Aus heutiger Sicht ist die Versorgung der deutschen Werke mit Roh-, Hilfs- und Betriebsstoffen in der nächsten Zeit gesichert. Somit sind wir optimistisch für die Versorgung und Lieferung aus den deutschen Werken.“ Jedoch könne es aufgrund der hohen Nachfrage zu längeren Lieferzeiten kommen. In der allgemeinen Kundeninformation heißt es allerdings auch: „Aus den uns vorliegenden Informationen haben sehr viele Betriebe diese Genehmigung zum Start am 10.02.2020 noch nicht erhalten. Dies hat zur Auswirkung, dass wir aktuell davon ausgehen müssen, dass es mindestens bis zum 17.02.2020 eine weitere Woche zu Einschränkungen kommen wird. Falls es Einschränkungen in der Produktion der asiatischen Werke gibt und sie daher nicht fristgerecht beliefert werden können, betrachtet Würth Elektronik den aktuellen, von der WHO als internationale gesundheitliche Notlage eingestuften Krankheitsausbruch, als Fall Höherer Gewalt (Force Majeure).“

Dirk Stans, Managing Partner von Eurocircuits

Dirk Stans von Eurocircuits: „Wir sehen uns mit deutlich größeren Aufträgen als üblich konfrontiert. Dies hat massive Auswirkungen auf unseren normalerweise reibungslosen Produktionsfluss.“ Eurocircuits

Dirk Stans, Managing Partner von Eurocircuits, erläutert seine Situation: „Wir sehen uns mit deutlich größeren Aufträgen als üblich konfrontiert. Dies hat massive Auswirkungen auf unseren normalerweise reibungslosen Produktionsfluss.“ Der Hersteller von Prototypen und Kleinserien kann derzeit Bestellungen über 100 dm² nur mit einer Lieferzeit von 20 Arbeitstagen bewältigen. „Bestellungen unter 100 dm² sind zu unseren Standardbedingungen für schnellere Lieferzeiten verfügbar“, erläutert er und setzt mit Blick auf die Pfennigfuchser nach: „In den letzten 30 Jahren ist das europäische Produktionsvolumen der Leiterplatten von knapp 20 Prozent auf weniger als 3 Prozent des weltweiten Volumens gesunken. Gleichzeitig ist das Produktionsvolumen in China auf über 50 Prozent gestiegen. Und genau hier beginnt nun das Problem.“ Bei solch einem großen Produktionsvolumen in einem geografischen Gebiet erzeuge jede Störung zwangsläufig ein massives Vakuum in der Lieferkette. Das zeige das Coronavirus deutlich: „Man kann nicht erwarten, dass die verbliebenen 3 Prozent der europäischen Leiterplattenhersteller die Lücke ohne Störungen schließen können, wenn die anderen 50 Prozent urplötzlich Probleme haben.“

EMS-Industrie in der Zwickmühle

Die Bauteileverknappung 2018 wurde im vergangenen Jahr mit Mühe überwunden und gegen Jahresende 2019 schöpfte die Branche Hoffnung, dass das neue Jahr wieder eine Normalisierung mit sich bringt. Doch dann kam das Coronavirus, das nun alles wieder in Frage stellt. Finanzanalysten von Standard & Poor‘s Global (S&P) schätzen, dass chinesische Elektronikbauteile bei EMS-Anbietern im Schnitt 20 bis 25 Prozent des Umsatzes ausmachen – in Einzelfällen, wie etwa beim amerikanischen Elektronikfertigungs-Dienstleister Jabil, bis zu 50 Prozent. Dieses Volumen lässt sich nicht kurzfristig auf Bauteilelieferanten aus oder eine Fertigung in anderen Regionen verlagern. Das direkte Geschäft großer Distributoren wie Arrow oder Avnet dürfte gemäß den Marktanalysten von S&P spürbar betroffen sein.

Christian Reinwald, Head of Product Management and Marketing von Reichelt Elektronik

Christian Reinwald von Reichelt Elektronik: „Von Panikkäufen ist definitiv abzuraten, doch sollte man absehbaren und kritischen Bedarf rasch decken, denn die Situation kann sich schnell ändern.“ Reichelt Elektronik

Christian Reinwald, Head of Product Management and Marketing von Reichelt Elektronik, gibt seine Einschätzung: „Unsere Partner in China signalisieren uns klar, dass sie keine gesicherte Aussage treffen können, wie sich die Produktionssituation in absehbarer Zeit entwickeln wird.“ Aktuell werden noch Warensendungen in deutschen Häfen gelöscht, die vor dem chinesischen Neujahrsfest Ende Januar verschifft wurden. „Damit sind die Lagerbestände bei Distributoren aktuell gesichert. Doch das dürfte in absehbarer Zeit bereits anders aussehen“, erläutert er. Manche Elektronikbauteile wie Widerstände werden fast ausschließlich in China gefertigt und neben der Schließung der Fertigungen haben Hersteller im Reich der Mitte zusätzlich mit der Materialversorgung zu kämpfen, weshalb er betont: „Dieser Punkt betrifft auch Zulieferer, die außerhalb von abgeriegelten Krisenregionen wie der Provinz Hubei liegen. Zwar könnten sie den Fertigungsbetrieb aufrechterhalten, es fehlt jedoch mittlerweile oft an ausreichend Rohmaterial.“ Doch wie sind die Auswirkungen auf die Produktion in Deutschland? „Hier lässt sich die Situation mit den Worten „banges Warten“ treffend zusammenfassen.“ Deshalb empfiehlt er den Herstellern hierzulande, sich mit dem kritischen Warenbestand zur Aufrechterhaltung der Produktion vorsorglich einzudecken. „Von Panikkäufen ist definitiv abzuraten, doch sollte man absehbaren und kritischen Bedarf rasch decken, denn die Situation kann sich schnell ändern. Mit einer rechtzeitigen Vorsorge können Unternehmen ihre Produktion sicherstellen, ohne Lieferverzögerungen und Preiserhöhungen in Kauf nehmen zu müssen.“

Johann Weber, Vorstandsvorsitzender von Zollner Elektronik

Johann Weber von Zollner Elektronik: „Die mit dem Coronavirus einhergehenden Herausforderungen können nur gemeinsam gelöst werden. Konkret in der Elektronikindustrie beginnen sie bei der Bauteilverfügbarkeit sowie den Produktionsressourcen, vor allem im personellen Bereich und ziehen sich durch bis zum Transport und der Logistik.“ Marisa Robles

Zollner Elektronik hat sein 800 km von der Metropole Wuhan entfernte Werk in Taicang seit 12. Februar 2020 wiedereröffnet. „Die strengen Sicherheitsauflagen, unter denen dies erfolgt ist, wurden bereits durch chinesische Regierungsvertreter auditiert. Sie haben offiziell die Freigabe zur Produktion erteilt“, erläutert Johann Weber. Der Vorstandsvorsitzende von Zollner Elektronik räumt allerdings ein: „Derzeit erfolgt die Produktion noch nicht in vollem Umfang. Wir gehen aber davon aus, dass wir Mitte März wieder eine volle Auslastung fahren können.“ Keiner der Mitarbeiter in Taicang oder in anderen Werken sei bisher von dem Virus betroffen. Durch den Coronavirus und die dadurch notwendigen eingeleiteten Maßnahmen der chinesischen Regierung seien für die gesamte Weltwirtschaft große Herausforderungen entstanden, erläutert Weber und merkt weiter an: „Die können nur gemeinsam gelöst werden. Konkret in der Elektronikindustrie beginnen sie bei der Bauteilverfügbarkeit sowie den Produktionsressourcen vor allem im personellen Bereich und ziehen sich durch bis zum Transport und der Logistik.“

Der situationsbedingten Unruhe im Unternehmen begegnet der EMS mit einer sehr kontinuierlichen und genauen Prüfung der Bestände und Liefersituation. Parallel dazu werden entsprechende Maßnahmen abgeleitet. „Wir kalkulieren zum Beispiel im Moment mit einem zweiwöchigen Verzug der Lieferverfügbarkeit bei einigen Bauteilen und Leiterplatten aus China. Hinzu kommen die im Land derzeit bestehenden Schwierigkeiten in Logistik und Transportwesen. Somit ergeben sich im Ganzen betrachtet für uns in manchen Bereichen Verzögerungen von bis zu vier bis fünf Wochen.“ Zollner steht in sehr enger Abstimmung mit Zulieferern sowie Kunden und prüft täglich die aktuelle Situation in allen Unternehmensbereichen, da sich hier sehr schnell einiges ändern kann. „Im Großen und Ganzen betrachtet, muss man aber sowohl auf der Lieferantenseite als auch auf der Seite der Kunden von einem sehr besonnenen Umgang mit dieser Situation sprechen. Es handelt sich um eine Ausnahmesituation, die die ganze Welt betrifft, und jeder hofft, dass sie sich schnell zum Guten wendet“, ist Johann Weber zuversichtlich.