Herr Schupfner, wie laufen die Geschäfte?

Markus Schupfner: Visteons Geschäfte laufen sehr gut, und wir sehen extrem viele Auftragseingänge in 2017. Allein im Jahr 2017 hatten wir sieben Milliarden US-Dollar an neuen Geschäftsaufträgen. In China wachsen wir beispielsweise gut 21 Prozent mehr als im Jahr 2016. Wenn man bedenkt, dass global etwa drei Prozent Zuwachs im Fahrzeugverkauf 2017 weltweit erfolgte, dann ist die Zunahme in China wirklich fantastisch. In China haben wir vier Joint-Ventures, von denen Yanfeng Visteon das Größte ist.

smartcore drivecore Markus Schupfner: „Die OEMs wollen eine Lösung möglichst vom Entry-Level, dem Kleinwagen, bis zum Premium-Modell nutzen, um nicht für jede Modellreihe ein komplett eigenes System entwickeln zu müssen.“ Visteon

Markus Schupfner: „Die OEMs wollen eine Lösung möglichst vom Entry-Level, dem Kleinwagen, bis zum Premium-Modell nutzen, um nicht für jede Modellreihe ein komplett eigenes System entwickeln zu müssen.“ Alfred Vollmer

Wie wirkt sich der hohe China-Anteil sonst noch aus?

Markus Schupfner: Wenn wir mit chinesischen Kunden über ein neues Projekt reden, dann sagen sie uns, dass sie bereits zwei Jahre später damit in Produktion gehen wollen. Früher hatten wir für Entwicklungen mindestens drei Jahre zur Verfügung. Die Entwicklungsgeschwindigkeit hat sich somit wesentlich erhöht. Weil viele der neuen chinesischen OEMs so gut wie keine Altlasten – beispielsweise Verbrennungsmotoren – haben, können sie komplett neue Fahrzeugarchitekturen viel leichter generieren und einführen.

Wie reagieren die anderen OEMs?

Markus Schupfner: Wenn es um neue elektrische Plattformen geht, dann legen auch die deutschen OEMs jetzt ein noch nie gekanntes Entwicklungstempo an den Tag. Wir sehen das zum Beispiel bei den Änderungen für elektrische Fahrzeuge, wo Konzerne die kompletten E/E-Architekturen neu aufstellen und dabei auch eher über Ethernet als über MOST oder CAN sprechen. Aufgrund der höheren Bandbreite, die dann zur Verfügung steht, lassen sich mehr Informationen im Fahrzeug zentral verarbeiten. Diese Zentralisierung ist eines unserer Hauptthemen sowohl für den Cockpitbereich als auch für autonomes Fahren.

Die höhere Geschwindigkeit drückt sich in zwei Aspekten aus. Der eine Aspekt ist die Geschwindigkeit selbst, mit der die Produkte bei erheblich kürzerer Entwicklungszeit marktreif werden. So etwas funktioniert nur mit dem konsequenten Einsatz von Plattformen. Wir als Tier-1 müssen derartige Plattformen generieren und quasi zum richtigen Zeitpunkt schon in der Schublade bereithalten, um sie dann an die Bedürfnisse des OEMs zeitnah anzupassen.

Der zweite Aspekt ist die Skalierbarkeit, denn die OEMs wollen eine Lösung möglichst vom Entry-Level, dem Kleinwagen, bis zum Premium-Modell nutzen, um nicht für jede Modellreihe ein komplett eigenes System entwickeln zu müssen. Dabei stellt sich die Frage, wie sich CPU- oder GPU-Power auf den Systemen skalieren lässt, ohne dabei das gesamte Steuergerät neu entwickeln zu müssen. Diese Skalierbarkeit beschäftigt uns bei allen neuen Entwicklungskonzepten in den Bereichen Cockpitcomputer und zentralisiertes Computing für das automatisierte Fahren.

Wie sieht denn das neue Geschäft von Visteon aus?

drivecore Markus Schupfner (mit Drivecore-Exponaten für Level 2 bis Level 5): „Wir haben daher unsere Plattform bewusst so entwickelt, dass die OEMs und Drittanbieter ihre Algorithmen integrieren können.“ visteon smartcore

Markus Schupfner (mit Drivecore-Exponaten für Level 2 bis Level 5): „Wir haben unsere Plattform bewusst so entwickelt, dass die OEMs und Drittanbieter ihre Algorithmen integrieren können.“ Alfred Vollmer

Markus Schupfner: Visteons Vision ist die Verwandlung in ein Technologieunternehmen. Früher gehörten wir mit unserem klassischen Produktportfolio eher zur Kategorie Me-Too, aber das hat sich radikal geändert, denn bei uns heißt es unter unserem CEO Sachin Lawande ganz klar: „Changing over to a High-Technology Company“. Das Ziel ist es, Visteon mit hoher Geschwindigkeit in eine Hochtechnologiefirma zu überführen, und ich denke, wir sind mit unseren neuen Technologien bereits auf einem guten Weg dazu.

Das merkt man auch bei unserem aufstrebenden Geschäftsvolumen mit den Cockpit-Computern, wo Visteon dieses Jahr erstmalig mit einem deutschen OEM auf den Markt kommt. Bei diesen Cockpit-Computern erfolgt die Berechnung zum Beispiel für das Head-Up-Display, das Cockpit-Cluster und das Infotainment auf einem zentralisierten Chipset und damit nur noch in einer anstatt bisher drei verschiedenen ECUs. Unsere Entwicklung, bei der wir beispielsweise mit SoCs von Nvidia,  Renesas oder Qualcomm arbeiten, haben wir vor über vier Jahren gestartet. Damals gab es auf dem Markt noch keine passende Lösung zur Virtualisierung, mit der wir auf einem zentralen Rechner mehrere Betriebssysteme betreiben konnten. Deshalb haben wir unseren eigenen hardwarenahen Typ-1-Hypervisor entwickelt. So können wir auf einem Prozessorsystem sowohl ein Betriebssystem laufen lassen, das die Anforderungen an funktionale Sicherheit gemäß ASIL-B erfüllt, als auch ein Betriebssystem für das Infotainment auf QM-Level.

Parallel dazu haben wir ein zentrales Clustersystem entwickelt, das die gesamte grafische Rechenleistung erbringt, sodass lediglich ein simples Display erforderlich ist. Wir virtualisieren somit die Displays, um so die Hardware-Abhängigkeit zum Display zu verringern. Wir wollen die Grafikleistung und das Grafik-Setup unabhängig von den verschiedenen Auflösungen und Skalierungen umsetzen, um dann mit der gleichen zentralen Lösung sowohl ein kleineres Display in den unteren Marktsegmenten als auch beispielsweise ein 12-Zoll-Cluster in Premium-Fahrzeugen anzusteuern. Mit diesem Konzept können wir auch Applikationen über verschiedene Displays verteilen, ohne die Berechnung oder Datenbasis auf die Anzeigegeräte verschieben zu müssen.

Welche generellen Trends sind für Visteon besonders wichtig?

smartcore visteon Markus Schupfner: „Wir virtualisieren die Displays, um so die Hardware-Abhängigkeit zum Display zu verringern.“ drivecore

Markus Schupfner: „Wir virtualisieren die Displays, um so die Hardware-Abhängigkeit zum Display zu verringern.“ Alfred Vollmer

Markus Schupfner: Generell sehen wir einen Trend startend vom 100 Prozent digitalen Cockpit hin zu Cockpitfunktionalität für teil- und voll-automatisiertes Fahren. Dies beinhaltet einen Trend zur verstärkten Zentralisierung von Funktionen auf einem Zentralrechner. Dies beginnt durch die zentrale Steuerung aller Anzeigesysteme inklusive Infotainment-System bis hin zur Integration von Driver- und Passenger-Monitoring, das für autonomes Fahren ab Level-3-Fahrten unbedingt erforderlich ist. Auch Augmented-Reality-Anzeigen liegen im Trend, um das wahrgenommene Fahrzeugumfeld für Fahrer und Beifahrer darzustellen und den Sicherheitskomfort zu steigern. Im Zuge der kompletten Digitalisierung sehen wir zudem den Trend Richtung E-Mirror, also zu elektronischen Spiegeln. Auch diese Anzeige muss das zentrale Steuergerät in Zukunft berechnen.

Wie geht Visteon in diesem Bereich vor?

Markus Schupfner: Um alle Features sinnvoll umzusetzen, ist ein hochgradig skalierbares System erforderlich, das gleichzeitig noch entsprechend kostengünstig ist. Daher beschäftigen wir uns intensiv mit dem Thema skalierbare Plattformen – sowohl im Bereich Cockpit als auch für das autonome Fahren. Mit Visteons neuem skalierbaren Baukasten ist es möglich, ein Basissystem, ein Mid-System und ein High-System gleichzeitig zu realisieren; für das Cockpit heißt unser Baukasten Smartcore, für das automatisierte Fahren Drivecore. Die Software-Anwendungen laufen auf Smartcore beziehungsweise Drivecore je nach Art der eingesetzten Prozessoren und SoCs unterschiedlich schnell.

Wir produzieren jeweils ein Basisboard, auf das dann je nach Zusatzfunktionalität, Art der zusätzlichen Sensoranbindungen, funktionaler Sicherheitsanforderung und Performance-Anforderung ein oder mehrere Zusatzboards, sogenannte Computing- Carrrier, aufgesteckt werden. Wenn die Performance zum Beispiel von 500 GFLOPS auf 2 TFLOPS steigen soll, dann sind aktuell vier Zusatzboards erforderlich. Mit unserem aktuellen Ansatz erzielen wir eine Verarbeitungsleistung von bis zu 20 TFLOPS. Aufgrund des hohen Energiebedarfs dieser Hochleistungs-Chips verfügen die Mid-Systeme über eine aktive Lüfterkühlung, während die Topsysteme aktuell auf Wasserkühlung ausgelegt sind. Bezüglich der SoCs, die wir verwenden, sind wir ziemlich neutral und versuchen, die effizientesten Lösungen, ausgerichtet nach den Wünschen unserer Kunden, zu finden. Hier sind wir bestens gerüstet für die neuen Grafikprozessoren und SoCs von Unternehmen wie Nvidia, Renesas, Qualcomm, Intel oder anderen Chipherstellern.

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