Interview mit Frank Schröer, Geschäftsführer, und Uwe Grimmer-Herklotz, Applikationstechnik von Felder Löttechnik

Felder Löttechnik

Frank Schröer (l.) und Uwe Grimmer-Herklotz (r.) von Felder Löttechnik. Marisa Robles

In diesem Jahr feiert Felder Löttechnik sein 40-jähriges Bestehen. Was ist Ihr Alleinstellungsmerkmal gegenüber dem Wettbewerb?

Frank Schröer: Wir haben das größte Lieferprogramm und bevorraten Waren im Wert von über 8 Mio. Euro – Standardprodukte liefern wir in der Regel aus unserem Lagervorrat. Dadurch können wir flexibel und intensiv auf Kundenwünsche eingehen. Wir sehen uns deshalb als Problemlöser für unsere Kunden. Auch im Dienstleistungsbereich punkten wir einer kostenlosen Überwachung der Lotbäder über unseren Analysenservice. Darüber hinaus haben die Genehmigung der Bezirksregierung, die Metallabfälle unserer Kunden zurückzunehmen, zu recyceln und dem Lotkreislauf wieder zuzuführen.

Gemeinhin heißt es, dass die Innovationstreiber für Lotlegierungen vor allem aus Japan kommen. Inwiefern sehen Sie das auch so? Immerhin hat sich die von Nihon Superior stammende Legierung SN100C als Standard-Lotlegierung etabliert.

Udo Grimmer-Herklotz: Das ist nicht ganz korrekt. Mit dem SN100C gibt es eine Legierung auf der Basis von Sn und Cu (mit Ni und Ge) mit einer recht überschaubaren Produktpalette. Hingegen bieten wir von Felder bereits seit 2005 Legierungen nach dem japanischen Fuji-Patent. Wir haben hieraus eine ganze Palette bleifreier Legierungen kreiert und produzieren diese seither erfolgreich für den europäischen Markt.

Könnten Sie das bitte konkretisieren?

Udo Grimmer-Herklotz: Wir haben hier die Möglichkeit Sn-Cu-Legierungen mit Ni und Ge und zusätzlichen Silbergehalten von >0 bis 4,0 % zu produzieren. Japanische Forschungsergebnisse haben gezeigt, dass die beste und zugleich kostengünstigste Alternative für eine SAC387 oder SAC305 Legierung, unser ISO-Tin Sn98Ag+ mit 1,2 % Silbergehalt ist. In den Anwendungsgebieten, wo kein oder nur ein geringer Silbergehalt erforderlich ist, bieten wir unser ISO-Tin Sn99Ag+ mit 0,3 % Silber oder unser silberfreies Sn100Ni+ an. Wir haben allerdings auch die Lizenz von Nihon Superior für das SN100C, unter anderem für EMS-Anbieter die durch Kundenvorgaben zur Verwendung dieses Lotes verpflichtet sind.

Wir drehen kurz das Rad der Geschichte zurück: In der Hochzeit der Bleifrei-Umstellung zwischen 2003 und 2006 kamen in Japan reine Zinn-Kupfer-Lote gar nicht so zum Tragen wie hier in Europa. Der Zusatz von Silber versprach hingegen große Vorteile, da anfänglich ähnliche Eigenschaften erreicht wurden wie sie bleihaltige Legierungen hatten.

Frank Schröer: Das hat man in Japan in der Tat schnell erkannt, weshalb Fuji ursprünglich bereits 1997 ein Patent in Japan angemeldet hatte, das eine SnAgCu-Lotlegierung mit mindestens 1 % oder 1 % bis 4 % Silberanteil vorsah. Fuji erkannte damals schon, dass die beste und günstigste Lotlegierung jene mit 1 % Silberanteil ist. Im Anschluss reicht Fuji in 1998 die Patenanmedlung in Deutschland und USA ein und korrigierte den Silberanteil auf größer 0 % bis 4 %. Das ist ein sehr wichtiger Aspekt, denn Fuji ließ sich die Bandbreite ab 0,001 % bis hin zu 4 % Silberanteil patentieren. Damit war eine solide Basis geschaffen, um weitere Entwicklungen in der bleifreien Technologie voranzutreiben.

Udo Grimmer-Herklotz: Aber die Konkurrenz, sprich Nihon Superior, schläft nicht und so ging dieser Hersteller her und meldete zunächst ein Patent in Japan für eine Silberfreie SnCu-Lotlegierung an, um ein Jahr später die SnCuNiGe-Legierung – also mit den Zusätzen Nickel-Germanium anzumelden.

Das hört sich an, als hätte Ihre Lottechnologie Sn100Ni+ wie eine Bombe eingeschlagen.

Frank Schröer: Als wir mit Sn100Ni+ durchstarteten, wurden wir schon damit konfrontiert, dass wir dieses Lot überhaupt nicht verkaufen dürfen. Gerade im europäischen Ausland wurden die EMS mit der Aussage konfrontiert, dass wir hier ein Patentverstoß begangen hätten. Schließlich wurden uns Klagen angedroht.

Udo Grimmer-Herklotz: Dem kann man im Prinzip nur Fakten entgegensetzen, also die entsprechenden Patente und Claims. Und da war ganz schnell klar, dass Nihon Superior mit einem Silbergehalt von 0% arbeiten darf, was dann in der Lotlegierung Sn100C resultierte und wir nach unserer Lizenz entsprechend größer 0% bis kleiner unter 4% fertigen dürfen. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Im Gegenteil. Wir haben die wesentlich größeren Möglichkeiten mit diesem Patent, denn wir konnten erstens unsere Sn100Ni+ als Alternative zu Sn100C auf den Markt bringen. Das hat die ganze Situation damals doch sehr entspannt, weil Kunden mit unserer Lotlegierung eine Second Source erhielten. Zweitens hatten wir zudem die Möglichkeit, SnAgCu-Legierungen mit Ni und Ge herzustellen und das Ganze mit jedem möglichst sinnvollen Silberanteil. Zunächst mit 3,8 %, dann auch 3 % Silber.

Frank Schröer: Daran angelehnt haben wir uns intensiv mit diesem Bereich zwischen 3% und 0,3% Silber beschäftigt. Gemeinsam mit unseren Kollegen aus Japan haben wir weitere Untersuchungen durchgeführt und kamen dabei auf einen optimalen Wert von 1,1 % bis 1,2 % Silberanteil.

In Anzeigen und Artikeln von Nihon Superior und auf der Homepage von Balver Zinn wurde seit November 2018 ein neues Patent vorgestellt, das auch die SN100C-Lötstelle bis 2028 schützt. Was genau missfällt Ihnen daran, so dass Sie in Ihrem Kunden-Anschreiben den Fake Alert ausgelöst haben?

Frank Schröer: Zum einen, weil dieses Patent nicht für SN100C-Legierungen oder deren Verbindungen wirksam ist. Zum anderen, dieses Statement ob beabsichtigt oder nicht den Kunden vermittelt, dass bei der weiteren Nutzung von SN100C nach dem 15. März 2019 – dem Tag, an dem das Patent für diese Legierungszusammensetzung ausläuft – auch weiterhin Patentgebühren entrichtet werden müssen. Das ist so nicht hinnehmbar, da die Patentschrift etwas ganz Anderes zum Ausdruck bringt.

Und was genau?

Frank Schröer: Es ist schon interessant, dass es bald 10 Jahre brauchte, zwischen Antragstellung am 20. Oktober 2008 und Patenterteilung am 13. Dezember 2017. Das kommt nicht von ungefähr. Denn im Antrag ging es um ein Lot mit einem Cu-Anteil von 0,01 % bis 7,6 %. Damit wäre im Prinzip alles abgedeckt gewesen, was in der Löttechnik tatsächlich an Zinn-Kupfer-(Nickel)-Loten verwendet wird. Hingegen legen am Ende die Claims – also die Patentrechte und Patentansprüche – etwas ganz anders fest. Das Patent wurde für eine Lötstelle bewilligt, die mit einem Lot gelötet ist, das aus 0,01 % oder 7,6 % Kupferanteil zuzüglich Nickel und Rest-Zinn besteht.

Das ist ein himmelweiter Unterschied! Denn es gibt nur zwei Legierungen, die dieses Patent betreffen: Erstens, eine Legierung mit 0,01 % Kupferanteil und zweitens eine Legierung mit 7,6 % Kupferanteil. Beide Lote werden, nebenbei bemerkt, gar nicht in der Elektronikindustrie eingesetzt. Ein weiterer Aspekt ist der Kontext, in dem die Legierungen stehen. Denn die zur electronica 2018 veröffentlichten EU- und US-Patentschriften sagen unisono, dass hier „eine Lötverbindung, gelötet mit einer Legierung bestehend aus…“ patentiert ist und nicht eine Lötverbindung bestehend aus irgendwelchen Legierungen.

Um es auf den Punkt zu bringen: Der Patenthalter versucht hiermit den Lotanwender zu verunsichern und so weiter an Nihon Superior und Balver Zinn zu binden. Da der Patentschutz für die Lotlegierung Sn99,25Cu0,7Ni0,05 beziehungsweise SN100C am 15.03.2019 abgelaufen ist, kann ab diesem Datum theoretisch jeder Lothersteller dieses Lot lizenzfrei anbieten – eventuell wird das Lot einen anderen Namen tragen müssen, da Sn100C eine registrierte Warenmarke ist und auch weiterhin bleiben wird. Der Inhalt bleibt dennoch identisch, da das Lot ja auch nach EN ISO 9453 genormt ist. Patentschriften sind für jeden frei einsehbar. Wir empfehlen jedem Anwender, sich selbst von dem „sehr begrenzten“ Patentschutz der genannten Patente EP 2218540B1 und US8999519B2 zu überzeugen. Wir stellen jedem Interessenten gerne die Patentschriften zur Verfügung.

Das Interview führte Marisa Robles, Chefredakteurin Productronic

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