Der Browser ist das Frontend des Engineering-Tools Michael Matthesius, Weidmüller Redaktion IEE

Michael Matthesius, Weidmüller Redaktion IEE

Herr Matthesius, nach Jahren der Abstinenz kehrt Weidmüller als Steuerungsanbieter in den Automatisierungsmarkt zurück. Warum die Besinnung auf alte Tugenden?

Michael Matthesius: Aus unserer heutigen Sicht sind die alten Tugenden hochaktuell und innovativ. Lassen Sie mich das an drei Szenarien betrachten. Erstens: Wir wollen uns zu einem globalen Lösungsanbieter entwickeln und zweitens unseren weltweit tätigen Schlüsselkunden langfristig einen Mehrwert bieten. Und Drittens: Die Informations- und Kommunikationstechnik, sowie die Digitalisierung werden die Automatisierungstechnik grundlegend ändern.

Diese drei Szenarien zugrundegelegt, führen unweigerlich zur Notwendigkeit für Weidmüller, in der Automatisierungstechnik Präsenz zu zeigen – mehr als bisher. Das führte zur Gründung der Division Automation Products & Solutions. Deren wesentlichen Bestandteile sind Hard- und Software, Applikations-Know-how und eine umfassende Beratungskompetenz.

Und die Web-basierte Steuerung ist das erste Produkt?

Michael Matthesius: Wenn Sie den Fokus rein auf die Steuerung legen, dann ist es richtig: u-control ist das erste Produkt. Davor haben wir mit den kommunikationsfähigen Signalwandlern ACT20C sowie unserem Remote I/O u-remote aber bereits interessante Automatisierungskomponenten im Angebot.

Die Web-basierte Steuerung wurde letztes Jahr hier in Nürnberg als Technologiestudie präsentiert und hat große Resonanz erfahren. Die Hannover Messe 2017 hat das Konzept bestätigt. Mit dem Marktfeedback und diversen Kundenwünschen sind wir anschließend an die konsequente Umsetzung der Steuerung gestartet.

Bei u-control nutzen wir als Basis für die Entwicklung der Engineering-Software offene und herstellerunabhängige Web-Technologien wie HTML5, CSS3 und JavaScript. Der Browser wird für den Anwender zur Applikationsplattform und erlaubt eine flexible System-Konfiguration, Programmierung gemäß IEC 61131-3 sowie die Anbindung an HMIs in einem Web-basierenden Engineering-Tool.

Wie muss ich mir die Projektierung vorstellen?

Michael Matthesius: Die Projekterstellung kann auf zwei Arten erfolgen. Wenn der Laptop direkt mit der u-control verbunden ist, mit einem beliebigen Browser. Dann wird mithilfe des auf der Steuerung vorhandenen Engineering-Tools programmiert. Es geht aber auch ohne Steuerungshardware. Dazu muss lediglich die Engineering-Software auf dem Laptop installiert sein.

Was sorgt für diese Flexibilität?

Michael Matthesius: u-control bietet im Gegensatz zu existierenden Systemen mehr Flexibilität auf Basis standardisierter, webbasierter Technologien wie HTML5, bei der die Engineering-Software auf der Embedded-Hardware integriert ist. Unser Controller unterscheidet sich dadurch erheblich von existierenden Steuerungen. Aufgrund der Web-Technologien kann die Engineering-Lösung auf unterschiedlichsten Geräten ausgeführt werden. Eine direkte Verbindung zur Hardware ist dazu nicht zwingend erforderlich. Vielmehr kann die Software von jedem Ort der Welt über einen direkte Verbindung zum u-control Gerät oder eine indirekte Verbindung übers Internet überwacht, programmiert und aktualisiert werden. Einzige Voraussetzung ist ein HTML5-fähiger Browser. Dieses webbasierte Engineering macht sowohl standortunabhängig – Fabrik oder Büro- plattformunabhängig – Linux oder Windows – als auch browserunabhängig – Internet Explorer, Firefox oder Chrome, alles funktioniert.

Das Engineeringtool und das Projekt liegen also auf der Steuerung. Ist bei der Konstellation ein Know-how Verlust nicht vorprogrammiert?

Michael Matthesius: Nein, ein Know-how Verlust ist nicht vorprogrammiert. U-control wurde unter Berücksichtigung neuester Sicherheitsnormen entwickelt. Unter anderem sind eine Verschlüsselung der Software sowie ein sicherer Zugriff über das HTTPS-Protokoll oder über eine VPN-Verbindung implementiert.

Darüber hinaus haben wir die Steuerung konsequent nach dem Konzept Security by Design entwickelt. Bei dieser Methode wird bereits bei der Entwicklung von Hard- und Software darauf geachtet, dass die Systeme gegen Angriffe von außen gehärtet sind. Somit ist die Sicherheit bei u-control über den gesamten Lebenszyklus des Produkts gewährleistet. Ein weiteres Sicherheitsmerkmal: Sowohl das Steuerungsprogramm wie auch das Projekt des Anwenders sind verschlüsselt und passwortgeschützt.

Welche Disziplinen und Programmiersprachen sind zum Start verfügbar?

Michael Matthesius: Das in der Steuerung integrierte Engineering-Tool ist so ausgelegt, dass die Programmierung auf IEC 61131-3 basiert. Von den fünf definierten Sprachen sind zum Produktionsstart Funktionsbausteinsprache und strukturierter Text verfügbar. Beide sind den Anwendern bekannt, benötigen also keine große Einarbeitung. Weitere Programmiersprachen folgen sukzessive.

Wie sieht das Lizenzmodell bei Funktionserweiterungen aus?

Michael Matthesius: Das in der Steuerung integrierte Engineering-Tool wird automatisch mit dem Kauf der Hardware mitgeliefert und ist somit kostenfrei. Bei den Lizenzmodellen passen wir uns flexibel den Kundenwünschen an. Das gilt auch für Funktionserweiterungen. Dadurch können wir passgenaue Lösungen zusammenstellen.

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Bei u-control sind die Linux-basierte Engineeringumgebung zusammen mit dem kompletten Automatisierungsprojekt auf einer SD-Karte in der Steuerung gespeichert und werden parallel zur Applikation auf dem zweiten Core des ARM-Prozessors ausgeführt. Weidmüller

Welche Zielapplikationen sehen Sie für Ihre Steuerungsplattform?

Michael Matthesius: Unsere Zielanwender sind in erster Linie unsere weltweit tätigen Schlüsselkunden, also deren Applikationen. Hier wollen wir uns als Lösungsanbieter positionieren. Aus diesem Grund ist u-control ein Erfolgsfaktor im Projektgeschäft. Mit seiner technischen Leistungsfähigkeit adressieren wir eindeutig den Maschinen- und Anlagenbau, beispielweise Verpackungsmaschinen sowie Handlings-Systeme. Der Fokus liegt dabei auf Assistenz-Maschinen und -Systeme, die in diesen Branchen fester Bestandteil der Maschinenkonzepte sind. Über solche Maschinenkomponenten und Aggregate definiert sich schließlich der Automatisierungsgrad von Produktionsanlagen.

Ist auch ein Ausbau in Richtung IoT-Gateway denkbar? Dazu braucht es doch nur die Integration eines Verschaltungseditors wie Note-RED?

Michael Matthesius: Mit einem IoT-Gateway oder IoT-Controller ist die Anbindung an Industrie 4.0-Umgebungen einfach realisierbar – ohne in die Automatisierungslogik einzugreifen. Der hier in Nürnberg vorgestellte IoT-Controller soll sowohl den Datenaustausch und die Kommunikation von Maschinen untereinander als auch zwischen Maschinen und IT-Systemen ermöglichen. Dazu findet der Informationsaustausch auf Basis von Standardprotokollen wie OPC-UA statt. Die Lösung eignet sich auch zur Datenanalyse. Die Kommunikation mit Cloud-Systemen erfolgt dann etwa mit dem MQTT-Protokoll.

Das Softwarekonzept des IoT-Gateway/Controllers basiert auf Linux, Note-RED und wie bei u-Control auf offenen Web-Schnittstellen. Aufgrund unserer Baukastenstrategie können sich durchaus individuelle Hybrid-Lösungen ergeben.

Wann geht u-control ins Feld?

Michael Matthesius: u-control ist derzeit bei ausgesuchten Schlüsselkunden des Maschinen- und Anlagenbaus in der Erprobungsphase. Nach Abschluss der Feldtests mit entsprechendem Feedback erfolgen regelmäßige Softwareupdates des Engineering-Systems, so dass eine sukzessive Markteinführung im Laufe des Jahres 2018 realisierbar ist.

Das Interview führte IEE-Chefredakteur Stefan Kuppinger


SPS IPC Drives 2017 Halle 9, Stand 351