Schluss mit Altlasten: Geschäftsführer Gerard van Dierendonck präsentierte der Öffentlichkeit nun die dritte Variante, wie sich die Zukunft von Unimicron Germany gestalten soll. Ein kompletter Werksneubau für Innen- und Außenlagen. An anderer Stelle am Gelderner Stadtrand, einen Steinwurf weit entfernt von einem idyllischen Seen-Gebiet, soll auf einem 34.000 m² großen Areal für nunmehr rund 100 Mio. Euro investiert werden. Die Konzernmutter Unimicron in Taiwan habe bereits „grünes Licht gegeben“.

Über die Jahrzehnte gewachsen: Der aus einem alten Vorkriegsschlachthof entstandene Ruwel-Standort seit dem Start im Jahr 1951 viele Umbauten und Werksanbauten erlebt.

Über die Jahrzehnte gewachsen: Der aus einem alten Vorkriegsschlachthof entstandene Ruwel-Standort seit dem Start im Jahr 1951 viele Umbauten und Werksanbauten erlebt. Bildarchiv Productronic

Unimicron will den alteingesessenen Ruwel-Standort mit Altlasten in Geldern aufgeben und plant daher eine Investition von 100 Mio. Euro für den Werksneubau von Platinen.

Unimicron will den alteingesessenen Ruwel-Standort mit Altlasten in Geldern aufgeben und plant daher eine Investition von 100 Mio. Euro für den Werksneubau von Platinen. Bildarchiv Productronic

Zunächst hatte Ruwel wenige Tage nach dem Brand noch den Neubau eines Innenlagenwerks gleich neben dem zerstörten Werk Geldern II verkündet. Eine Baugenehmigung sei bereits erteilt, hieß es – und ließ Fachleute ungläubig staunen. Diese Aussage musste schließlich revidiert werden und das Unternehmen äußerte sich: „Die Sachverständigen … bewerten den Restbestand“.

Was zahlen die Versicherungen?

Ein solcher Restwert kann von der Versicherungsleistung abgezogen werden, wenn man nicht wiederaufbaut, sondern „auf der grünen Wiese“ von Grund auf neu. Dieses Geld fehlt dann in der Kasse und zudem müssen die Gebäudereste abgerissen und entsorgt werden. Unimicron Germany-Chef van Dierendonck geht jedoch nach wie vor davon aus, dass die Versicherungen zwischen 40 bis 45 Mio. Euro für das ehemals 30 Mio. Euro teure Werk überweisen werden.

Experten hatten zudem hohe Bauauflagen vorhergesehen, da in den vergangenen Jahren ein attraktives Neubau-Wohngebiet bis in unmittelbarer Werksnähe entstanden war. Doch immer wieder seien ablehnende Rückmeldungen von interessierten Häuslebauern gekommen, die über Geruchsbelästigungen klagten. Auch Lärmschallpegelmessungen wurden immer wieder erforderlich. Nicht verwunderlich, dass seitens der Stadt Geldern jetzt wohl eine Umsiedlung des Unternehmens angeregt wurde. Dies soll „eine deutliche Entspannung“ bringen, wird Bürgermeister Sven Kaiser in den lokalen Medien zitiert.

Zeitschiene ungewiss

Unimicron Germany-Geschäftsführer van Dierendonck sieht den neuen Innenlagenbereich bereits Anfang 2018 in Betrieb und die nachfolgende Außenlagenfertigung bereits Anfang 2019. Branchen-Insider halten dies für wenig realistisch. Neubauplanung, Umweltschutzgutachten, Brandschutzkonzept, Errichtung des Neubaus, Equipment-Installation und -Inbetriebnahme, ganz neue Zertifizierungen, Auditierungen durch Kunden, Musterfreigaben etc. – da dürfte der Kalender schon für den ersten Abschnitt das Jahr 2019 zeigen, bis die Innenlagenfertigung wieder unter Volllast läuft.

Auch die angegebenen Mitarbeiterzahlen von 270 eigenen Festangestellten und 100 Zeitmitarbeitern kurz vor dem Brand halten Insider für „großzügig aufgerundet“. Für die Mitarbeiter wird es spannend, wenn die Produktionsausfallversicherung die Lohnkosten nicht mehr übernimmt.

Mit Altlasten belastete Gewerbebrache

Das Grundstück des abgebrannten Werks II würde die Stadt Geldern dem Vernehmen nach wohl bereit sein, zu übernehmen. Bodenproben werden zuvor ergeben, ob tatsächlich keine kritischen Chemikalien aus den zahlreichen Nasslinien mit dem Löschwasser in den Boden gespült wurden. Auch müssen Maschinentrümmer und Restgebäude abgerissen und entsorgt werden.

Was aus dem künftig eventuell verwaisten Werk I mit dem alten Verwaltungsgebäude aus den 1970er Jahre werden soll, steht noch in den Sternen. Ruwel hatte 1951 den dortigen alten Vorkriegsschlachthof gekauft und darin – bis heute – produziert. Mit Einführung neuer Produktionsprozesse wurden immer wieder Hallen angebaut. „Vereinigte Hüttendörfer“, witzeln Anwohner. Dieses Werksgelände ist stark mit Altlasten aus den frühen Jahren behaftet. Selbst eine Flächensanierung mit Totalabriss würde neben den hohen Kosten keine praktikable Lösung für eine einfache Verwertung des Grundstücks sein. Die vorhandene alte problematische Bausubstanz wird auch nur schwerlich einer Anschlussverwendung zuzuführen sein, zumal im reinen Wohnumfeld nur emissionsfreies Gewerbe – wenn überhaupt – genehmigt werden würde.

Sollte Unimicron Germany tatsächlich ein vollständig neues Werk an anderer Stelle errichten, würde der Leiterplattenhersteller über eine modernste Innenlagenfertigung und optimalen Produktionsfluss verfügen. Darin läge eine Chance. Bleibt abzuwarten, wie viele Kunden dem Unternehmen treu bleiben und bereit sind, über Jahre mit Kompromissen und Einschränkungen zu leben.