Stammt der Strom aus Kohlekraftwerken, stoßen Elektroautos mindestens ebensoviel CO2 aus wie vergleichbare Modelle mit Verbrennungsmotor.

Stammt der Strom aus Kohlekraftwerken, stoßen Elektroautos mindestens ebensoviel CO2 aus wie vergleichbare Modelle mit Verbrennungsmotor.Marina Zlochin – Fotolia.com

Eines der größten oder besser, eines der am häufigsten genannten Probleme von Fahrzeugen mit Elek­tromotoren ist deren vergleichsweise geringe Reichtweite. Mehr als 200 km schafft kein Fahrzeug mit reinem Elektroantrieb – eigentlich mehr als genug für die tägliche Fahrt zur Arbeit oder die Einkaufstour. Dennoch arbeiten Hersteller wie auch Vordenker alternativer Verkehrsmittel und -konzepte daran, den Aktionsradius alternativ angetriebener Fahrzeuge zu erhöhen. Gegen die naheliegende Lösung, einfach die Batterie und damit deren Kapazität zu vergrößern, sprechen das Gewicht, der Preis und die Ladezeit: 200 kg wiegt der Lithium-Ionen-Akku Elektro-Kleinwagen Mitsubishi iMiev mit einer Kapazität von 4.400 Ah. Der Preis beläuft sich derzeit auf 14.000 US-Dollar – er soll aber im Zuge der Massenproduktion auf weniger als ein Zehntel davon fallen. Ist der Akku leer, dauert es sechs Stunden, bis er an einer 230-V-Steckdose wieder geladen ist. Aus diesen Gründen existieren verschiedene Ansätze, um die Wartezeit zu verkürzen. Einen davon, an möglichst jedem Haltepunkt den Akku ein wenig aufzuladen, verfolgt der Antriebshersteller SEW gemeinsam mit dem Automobilzulieferer Brose. Den Kern des Konzeptes bilden Ladestationen, die im Boden auf Parkplätzen und vor Ampeln installiert sind. Bei jeder roten Ampel und während des Parkens füllt das Fahrzeug seinen Energiespeicher nach – per Induktion, ohne Kabel. Durch das häufige Nachladen kommen die Fahrzeuge mit erheblich kleineren Akkus aus. Große Reichweiten von mehreren Hundert Kilometern sind nicht nötig. Sie müssen immer nur ausreichend Energie im Speicher haben, um zum nächsten Ladepunkt zu kommen. Das spart Gewicht und vor allem Geld für den Akku. Interessierte können sich das System auf der Ecartec 2012 am Stand des Gemeinschaftsunternehmens Brose-SEW Elektromobilität in Halle B1, an Stand 414 ansehen.

Erst einmal Daten sammeln

Auch das ist Elektromobilität: Tesla ist bekannt für seine sportlichen Elektro­autos. Wer würde so einen Flitzer nicht gerne mal fahren?

Auch das ist Elektromobilität: Tesla ist bekannt für seine sportlichen Elektro­autos. Wer würde so einen Flitzer nicht gerne mal fahren?Munich-Expo

Eine andere Möglichkeit verfolgen die Forscher der Arbeitsgruppe für Energie­systemtechnik und Leistungsmechatronik der Ruhr-Universität Bochum. Sie untersuchen Verfahren, um den Aufladevorgang mittels schnellladefähiger Fahrzeuge zu verkürzen. Um ihre Arbeit auf zuverlässige Daten stützen zu können, erfassen die Wissenschaftler systematisch das Fahrverhalten von 350 Testfahrern. „Geplant ist der Aufbau einer umfangreichen Infrastruktur mit acht Schnellladestationen in Bochum und Umgebung“, so Prof. Dr. Constantinos Sourkounis, Leiter der Arbeitsgruppe. Informationen zu diesem und anderen Projekten der Bochumer Forscher gibt es in Halle B1, an Stand 701.

Einer muss anfangen – aber wer?

Die Elektromobilität steckt noch in den Kinderschuhen.

Die Elektromobilität steckt noch in den Kinderschuhen.Munich-Expo

Fällt das Stichwort Infrastruktur, stellt sich sofort die Kostenfrage: Wer zahlt? Hier steht die Branche vor einem klassischen Henne-Ei-Problem: Niemand kauft ein Elektrofahrzeug, wenn es keine Möglichkeit gibt, es unterwegs aufzuladen. Andererseits stellt aber auch kein Unternehmen ein dichtes Netz an Stromtankstellen bereit, wenn sie nur einzelne Enthusiasten nutzen – und sich die Investitionen nicht lohnen. Einen Ausweg bietet Carsharing: Der Anbieter stellt Fahrzeuge und Lade-Infrastruktur bereit, der Nutzer bezahlt in der Regel einen monatlichen Mitgliedsbeitrag und nocheinmal extra pro Stunde oder gefahrenem Kilometer. Der Autohersteller Citroen hat dieses Prinzip auf die Elektromobilität angewandt. Sein Projekt Multicity-Carsharing-Berlin basiert auf dem Ausleihsystem von DB Rent, dem Carsharing-Unternehmen der Deutschen Bahn und bietet ausschließlich Elektrofahrzeuge an. Aktuell setzt der Anbieter 100 Elektrofahrzeuge ein. Nach und nach soll die Flotte auf 500 Fahrzeuge anwachsen. Diese lassen sich auf allen öffentlichen Parkplätzen innerhalb des Berliner S-Bahn-Rings anmieten und wieder abstellen. Das Besondere dabei: Der Strom stammt zu 100 % aus regenerativen Quellen.

Messe im Detail

Ecartec 2012

Veranstaltungsort:
Messe München

Adresse fürs Navi:
Am Messesee
81829 München

Termin:
23. bis 25. Oktober 2012

Öffnungszeiten:
Di und Mi    9 bis 19 Uhr
Donnerstag    9 bis 17 Uhr

Das berührt übrigens einen der Hauptkritikpunkte von Greenpeace an elektrischer Mobilität. Stammt deren Energie nämlich aus Kohlekraftwerken, stoßen die vermeintlich umweltfreundlicheren Alternativen mindestens ebensoviel CO2 aus wie vergleichbare Modelle mit Verbrennungsmotor – nur eben nicht aus dem eigenen Auspuffrohr. Ebenso wichtig ist den Umweltschützern das Entwickeln von kleineren und leichteren Fahrzeugen. So wie der 2,32 m lange und 1,19 m breite Renault Twizy. Dieses zweisitzige Kleinstfahrzeug findet garantiert immer einen Parkplatz. Und trotz der gering erscheinenden Motorleistung von 13 kW lässt er beim Ampelstart fast alle anderen Verkehrsteilnehmer stehen. Wer sich vom Fahrgefühl selbst überzeugen möchte, kann dies auf der E-Car-Livedrive genannten Teststrecke der Ecartec tun.

Für geistigen Input ist gesorgt

Bei so viel praktisch erfahrbarer Elektromobilität darf auch die Theorie nicht zu kurz kommen. Deshalb gibt es den Ecartec-Munich-Kongress. Die Veranstaltung findet parallel zur Messe am 23. und 24. Oktober im Novotel Messe München statt. Zur Diskussion stehen  unter anderem Innovationen bei Antrieb und Aggregaten, Konzepte für eine flächendeckende Lade-Infrastruktur, neue Entwicklungen zur Energiespeicherung sowie die Prüfung und Produktion von Komponenten für die Elektromobilität. Zu den Referenten gehören Dr. Ralph Lux von Daimler und Werner von Eyser von Siemens. Neben eher allgemeinen Themen am ersten Kongresstag wie der Eröffnungsvortrag von Dr. Peter Sallandt, dem Leiter der Gemeinsamen Geschäftsstelle Elektromobilität, über Elektromobilität in Deutschland, geht es am zweiten Tag aufgeteilt in drei gleichzeitg stattfindende Sessions mehr ins Detail. In Session 1, Komponenten und Anwendungen, stellen beispielsweise Friedrich Moertl von Compact Dynamics und Bernhard Kalkmann von Semikron einen 60-V-Motor mit integrierter Leistungselektronik vor. In Session 2, bei der sich alles um Energie und Lade-Infrastruktur dreht, spricht unter anderem Dr. Anthony Thomson von Qualcomm über drahtloses Laden. In Session 3 referiert unter der Überschrift Nutzfahrzeuge und Bus Dr. Anton Müller von MAN über Elektromobilität als Basistechnologie für die Zukunft in Nutzfahrzeugen.