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(Bild: Foto: Alfred Vollmer)

| von Alfred Vollmer

Wie läuft das Geschäft bei BHTC?

Thomas Schulte: Wir sind zufrieden. Die Auftragslage ist gut; wir sehen aber im vierten Quartal eine Erhöhung der Marktrisiken. Bei den operativen Themen beschäftigen uns die Allokation von elektronischen Bauelementen und verschiedene Serienanläufe.

Thomas Schulte: „Wir haben bei BHTC wirklich die Flexibilität, die Unabhängigkeit eines Mittelständlers, aber auch die Kraft und die Unterstützung unserer beiden großen Mütter im Hintergrund.“

Thomas Schulte: „Wir haben wirklich die Flexibilität, die Unabhängigkeit eines Mittelständlers, aber auch die Kraft und die Unterstützung unserer beiden großen Mütter im Hintergrund.“ Alfred Vollmer

Wo legen Sie die Schwerpunkte Ihrer Aktivitäten?

Thomas Schulte: BHTC wird nächstes Jahr 20 Jahre alt und ist ein Joint Venture von Mahle und Hella. Wir haben uns zusätzlich zu unserem ursprünglichen Betätigungsfeld als Experte der Fahrzeug-Klimatisierung ein Geschäftsfeld im Bereich HMI – Human Machine Interface – aufgebaut.

Bernd Kuhlhoff: Wir haben frühzeitig erkannt, dass die Bedienfunktion der Klimatisierung ein Teil des modernen HMI wird. Daher setzen wir auf eine Zwei-Säulen-Strategie. Die eine Säule bleibt die Klimatisierung. Diese wird zunehmend in separaten Steuergeräten stattfinden, während die Bedienung in die integrierten HMIs hineinwächst – und genau dort haben wir frühzeitig investiert, vorentwickelt und Kompetenzen aufgebaut. Das wird immer wichtiger, da der Trend in Richtung Touch und möglicherweise auch Gestensteuerung geht.

Wir können jede Art von Touch-Bediengerät im Auto realisieren: In der Tür, in der Mittelkonsole, in einem zentralen CID, also überall, wo es gewünscht wird. Wir sind für den Fahrzeuginnenraum der Systemanbieter für die Mensch-Maschine-Schnittstelle, für das HMI.

Welche Trends zeichnen sich im Bereich Klimatisierung ab?

Thomas Schulte: Fahrzeugklimatisierung wird es immer geben und wird immer auf hohem Niveau nachgefragt werden – unabhängig von Antriebsart und Level des autonomen Fahrens. Wir sind davon überzeugt, dass die Fahrzeugklimatisierung intelligenter werden wird und der Einsatz von KI, also künstlicher Intelligenz, den Komfort weiter steigern wird. Heutzutage liegen der Klimasteuerung im Wesentlichen Expertenmodelle zugrunde, die mit hohem Aufwand auf die Fahrzeuge abgestimmt werden. Dennoch verstellen Fahrer oder Beifahrer immer noch häufig die Klimaeinstellungen, um das individuelle Wohlfühlklima zu erreichen.

Wir gehen davon aus, dass zukünftig die Klimatisierung des Fahrzeugs per Sprachsteuerung mit den Insassen Kontakt aufnimmt, um mit einfachen Fragen dafür zu sorgen, dass sich alle im Innenraum wohlfühlen. Das darf jedoch nie aufdringlich werden.

Bernd Kuhlhoff: „Wir haben frühzeitig erkannt, dass die Bedienfunktion der Klimatisierung ein Teil des modernen HMIs wird. Daher setzen wir auf eine Zwei-Säulen-Strategie... Wir können bei BHTC jede Art von Touch-Bediengerät im Auto realisieren.“

Bernd Kuhlhoff: „Wir haben frühzeitig erkannt, dass die Bedienfunktion der Klimatisierung ein Teil des modernen HMIs wird. Daher setzen wir auf eine Zwei-Säulen-Strategie... Wir können jede Art von Touch-Bediengerät im Auto realisieren.“ Alfred Vollmer

Bleibt die Klimabedienung in einem separaten Bediengerät oder wird das auch mit zentralisiert?

Thomas Schulte: Wir glauben, und das raten wir letztendlich auch an, dass es gewisse Klimafunktionen gibt, die im direkten Zugriff bleiben müssen – zum Beispiel Temperatureinstellung, Defrost/Defog und auch die Umluftfunktion.

Bernd Kuhlhoff: Auch die Sitzheizung will der Nutzer im direkten Zugriff haben und nicht durch ein Menü navigieren. In puncto Integration wird es dann wohl alle Spielarten geben. Während manche Fahrzeughersteller auch aus Kostengesichtspunkten in den unteren Fahrzeugsegmenten die Regelung weiterhin in dem klassischen Klimabediengerät lassen, setzen andere auf separate Klimasteuergeräte, die dann dezentral montiert sind.

Je nach Wunsch des Kunden bieten wir vollständige Klimabediengeräte, Klimasteuerboxen oder die reine Software – in dem Fall als Lizenzmodell.

Welchen Trend sehen Sie im Low-End?

Bernd Kuhlhoff: Auch in den unteren Fahrzeugsegmenten geht der Trend zur Klima-Vollautomatik – und zwar nicht nur in Europa, sondern auch in Ländern wie Indien oder China. Die manuelle Klimatisierung wird es weiterhin als absolute Basisvariante geben, aber der größte Teil der effektiv bestellten Ausstattungsraten wird den Vollautomaten auf der Liste haben.

Zu den Themen auf der nächsten Seite zählen Gestensteuerung im Fahrzeug. Kamera oder ToF?

Wie kam BHTC auf die Idee, seine Aktivitäten auf das komplette HMI auszudehnen?

Thomas Schulte: Die Trends zu höherer Integration von HMI-Funktionen im Innenraum sowie Einflüsse aus der Consumer-Elektronik zeichneten sich ab. Deshalb haben wir vor etwa zehn Jahren die Entscheidung getroffen, in das Thema HMI als logische Weiterentwicklung unserer Kompetenzen im Bereich Anzeige und Bedienung einzusteigen. Als Mechatronik-, Elektronik- und Softwarespezialist bringen wir hierzu alle Fähigkeiten mit.

Bereits 2010 haben wir ein Touch-Bediengerät mit GM entwickelt. So haben wir schon relativ früh erste Erfahrungen mit Touchtechnologie gemacht. Parallel zu diesem Entwicklungsprojekt haben wir uns 2013 schon mit Gestensteuerung beschäftigt und auf der IAA entsprechende Lösungen vorgestellt.

Dr. Ralph Trapp: „Für unser neustes Konzept, das wir auf der CES im Januar 2019 zeigen werden, sind wir für einen CES-Award vorgeschlagen. Es handelt sich dabei um ein hochauflösendes Touch-Bediensystem von BHTC auf einer Metalloberfläche mit haptischem Feedback.“

Dr. Ralph Trapp: „Für unser neustes Konzept, das wir auf der CES im Januar 2019 zeigen werden, sind wir für einen CES-Award vorgeschlagen. Es handelt sich dabei um ein hochauflösendes Touch-Bediensystem auf einer Metalloberfläche mit haptischem Feedback.“ Alfred Vollmer

Welche Perspektive sehen Sie für die Gestensteuerung im Fahrzeug?

Thomas Schulte: Es gibt hier noch keinen eindeutigen Trend. Wir sind uns darüber im Klaren, dass die Gestensteuerung im Fahrzeug immer noch kontrovers wird. Dennoch gibt es bereits einige Serienanwendungen im Markt.

Dr. Ralph Trapp: Eine ergonomisch gut durchdachte Gestenerfassung kann durchaus die Bedienung im Fahrzeug erleichtern. Einfache Wischgesten, um einen Telefonanruf wegzuwischen, ohne den Blick auf das Display richten zu müssen, reduzieren die Fahrerablenkung. Ferner kann bei der Annäherung an den Bildschirm die genaue Position der Hand oder des Fingers dazu genutzt werden, die Bildschirminhalte selektiv zu vergrößern. Hierdurch kann die Ablesbarkeit des Bildschirms während der Fahrt verbessert werden. Auch das ist Gestensteuerung. Ein ähnliches System bringen wir derzeit in Serie.

Auf welches Verfahren setzen Sie hier: Kamera oder ToF?

Dr. Ralph Trapp: Wir haben die ToF-Technologie und Kameras bei uns im Technologieportfolio, aber das Projekt, von dem ich gerade sprach, nutzt eine Kombination aus Infrarotsensorik, die über Triangulation funktioniert, und kapazitiver Sensorik. Dieses System ist erheblich günstiger als kamerabasierende Verfahren oder ToF.

Was war denn Ihr erstes Großserien-Touchprojekt?

Bernd Kuhlhoff: Nach der ersten Einführung mit GM kamen zahlreiche weitere Projekte, unter anderem aus dem Hause Audi. Im Porsche Panamera wurde die Touch-Technologie dann erstmals mit haptischem Feedback kombiniert, was heute sicherlich immer noch eins der innovativsten Bedienkonzepte in der Automobilindustrie ist.

… und im Bereich Display?

Bernd Kuhlhoff: …sind es die beiden in der Mittelkonsole befindlichen CIDs im neuen Audi A6.

„Wir sind der festen Überzeugung, dass haptisches Feedback in Zukunft eine sehr wichtige Rolle spielen wird, um die Ablenkung des Fahrers so gering wie möglich zu halten; es kann zum Beispiel Fühlhilfen auf der Oberfläche schaffen“, betont das Management von BHTC. Im Bild v.l.n.r.: Thomas Schulte, Alfred Vollmer (Chefredakteur AUTOMOBIL-ELEKTRONIK), Dr. Ralph Trapp und Bernd Kuhlhoff.

„Wir sind der festen Überzeugung, dass haptisches Feedback in Zukunft eine sehr wichtige Rolle spielen wird, um die Ablenkung des Fahrers so gering wie möglich zu halten; es kann zum Beispiel Fühlhilfen auf der Oberfläche schaffen“, betont das Management von BHTC. Im Bild v.l.n.r.: Thomas Schulte, Alfred Vollmer (Chefredakteur AUTOMOBIL-ELEKTRONIK), Dr. Ralph Trapp und Bernd Kuhlhoff.








Alfred Vollmer

Welche Fertigungstiefe auf der Display- und Touchseite hat BHTC?

Dr. Ralph Trapp: Bevor ich diese Frage beantworte, lassen Sie mich kurz auf unsere Kompetenzen im Bereich der Display-Entwicklung eingehen. Von der Auslegung des Displays, des Deckglases und des Touchsensors bis hin zur Entwicklung des Backlights haben wir alle Kompetenzen an Bord. Dies ermöglicht es uns, maßgeschneiderte OEM-Lösungen flexibel zu konzeptionieren. Vor diesem Hintergrund haben wir uns entschieden Backlight, Display sowie Deckglas zuzukaufen und diese Komponenten elektrisch, mechanisch und optisch zu kombinieren. Die Elektronik fertigen wir selbst. Somit können wir gewährleisten, dass wir bei der Integration des Gesamtsystems kritische Faktoren wie zum Beispiel EMV, ESD oder Entwärmung optimal und automotive-gerecht umsetzen.

Auf der nächsten Seite ist unter anderem das Potenzial für das haptische Feedback Thema.

Welches Potenzial sehen Sie für das haptische Feedback?

Thomas Schulte: Wir sind der festen Überzeugung, dass haptisches Feedback in Zukunft eine sehr wichtige Rolle spielen wird, um die Ablenkung der Fahrer so gering wie möglich zu halten; es kann zum Beispiel Fühlhilfen auf der Oberfläche schaffen. Es käme niemand auf die Idee, eine mechanische Tastenleiste ohne haptisches Feedback zu entwickeln. Über ein Display bedienen Sie Funktionen, und die Nutzer wollen unseres Erachtens auch hier eine taktile Rückmeldung erhalten.

Uns freut besonders, wenn die Kunden unseren Einsatz auch würdigen. So haben wir 2017 vom Volkswagen-Konzern einen Innovation Award für das CID im Audi A6 erhalten. Mit dem haptischen Feedback in diesem Gerät haben wir aus unserer Sicht einen neuen Benchmark gesetzt.

Dr. Ralph Trapp: Mit einem großen deutschen OEM arbeiten wir gerade an einem Vorentwicklungsprojekt, in dem die Technologie von Ultrahaptics zum Einsatz kommt, die eine haptische Rückmeldung berührungslos im Raum ermöglicht. Auf der IAA 2015 haben wir einen ersten Demonstrator für diese Technologie gezeigt. In Kombination mit Gestensteuerung ergeben sich hier ganz neue Möglichkeiten. Erst vor kurzem haben wir mit der TU München eine Usability-Studie durchgeführt, in der die Fahrerablenkung bei verschiedenen Konzepten getestet wurde.

Für unser neustes Konzept, das wir auf der CES im Januar 2019 zeigen werden, sind wir für einen CES-Award vorgeschlagen. Es handelt sich dabei um ein hochauflösendes Touch-Bediensystem auf einer Metalloberfläche mit haptischem Feedback.

Bernd Kuhlhoff: Hochwertige Materialien spielen zukünftig eine immer wichtigere Rolle im Fahrzeug-Innenraum. So haben wir auf der IAA 2017 auch in der Ledermittelkonsole ein Touchpad und eine Touchfläche gezeigt. Damit haben wir Handschriftenerkennung auf Leder realisiert. Mit unserer Technologie können wir praktisch jede beliebige Oberfläche als Schreiboberfläche oder als Eingabeoberfläche nutzen.

Wie hoch ist dabei der Anteil der vollkommen eigenständigen Entwicklung und des Ausprobierens neuer Technologien – noch ganz ohne einen OEM als Partner?

Dr.-Ing. Ralph Trapp (Leiter Entwicklung HMI

Dr. Ralph Trapp (Leiter Entwicklung HMI & Vorentwicklung), hier mit einem Center Information Display. BHTC

Dr. Ralph Trapp: Neue Technologien werden zunächst bei uns intern vorentwickelt. Wir versuchen jedoch, dann auch möglichst schnell in gemeinsamen Konzeptarbeiten diese Technologien mit unseren Kunden in konkrete Anwendungen zu bringen. Dies hat sich als Erfolgsrezept bei immer kürzeren Entwicklungszyklen bewährt.

Welche Bedeutung hat die CES in Las Vegas für Sie?

Thomas Schulte: Die CES ist für uns sehr wichtig. In 2019 werden wir erstmals in Las Vegas ausstellen. Die CES besuchen wir seit 2013 regelmäßig. Die Messe hat sich zu einem Entscheidertreffen in der Automobilbranche entwickelt, und es wird die Brücke zu Trends und Technologien aus der Konsumgüterbranche gebaut.

Auf der nächsten Seite stehen unter anderem Aktivitäten in Asien im Fokus.

Welche Aktivitäten hat BHTC in Asien?

Bernd Kuhlhoff: Asien – und hier insbesondere China – ist selbstverständlich für BHTC ein bedeutender Markt. Wir sind mit lokalen Organisationen in China, Japan und Indien kompetent vertreten. Zu China: Neben den westlichen OEMs, die dort produzieren, haben wir auch bei unseren chinesischen Kunden substantielles Geschäft aufgebaut. Hier haben sich viele Möglichkeiten durch unsere starke lokale Entwicklungs- und Fertigungskompetenz ergeben, die wir seit 2004 kontinuierlich verstärkt haben.

Besonders stolz sind wir auf unsere erfolgreichen Japan-Aktivitäten. Hier ist es uns gelungen, Vertrauen von Kunden für die Belieferung von großen weltweiten Plattformen zu erhalten. Eine Präsenz in Japan vor Ort ist dafür unerlässlich. In Indien ist Wettbewerbsfähigkeit im Lowcost-Segment gefragt. Dies konnten wir in zahlreichen lokalen Entwicklungsprojekten unter Beweis stellen.

Wie gelingt es Ihnen, das passende Personal zu finden?

Thomas Schulte: Auch uns trifft der europaweite Fachkräftemangel. Dennoch haben wir viel zu bieten. Als Technologie-Unternehmen mit guten Kontakten in die Hochschulwelt bieten wir unseren Ingenieuren hohe Freiheitsgrade und ein attraktives Arbeitsumfeld mit kurzen Entscheidungswegen. Im Unternehmen herrscht sozusagen eine gewisse Campusmentalität. Der Mitarbeiter steht bei uns im Mittelpunkt. Wir nutzen zwei Betriebskindergärten und ein Betriebs-Fitnessstudio unserer Mutter Hella. Darüber hinaus bieten wir sehr viele Sport-, Ernährungs- und Gesundheitskurse für unsere Mitarbeiter und deren Familien an.

Mit Hella und Mahle hat BHTC zwei große Mütter, aber andererseits ist BHTC doch noch halbwegs überschaubar…

Thomas Schulte: …und genau das ist ein Vorteil, denn so können wir richtig agil unterwegs sein. Wir haben wirklich die Flexibilität, die Unabhängigkeit eines Mittelständlers, aber auch die Kraft und die Unterstützung unserer beiden großen Mütter im Hintergrund.

Alfred Vollmer

Chefredakteur AUTOMOBIL-ELEKTRONIK

(av)

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