Bild 1: Andreas Wolf (hier im Gespräch mit AUTOMOBIL-ELEKTRONIK-Chefredakteur Alfred Vollmer): „Wir haben mit einer Ausnahme – der Batteriezelle – wirklich alles rund um den elektrischen Antriebsstrang an Bord. Indem wir die elektrischen Traktionsmotoren selbst bauen, haben wir die gesamte Wertschöpfungskette komplett im Griff.“

Bild 1: Andreas Wolf (hier im Gespräch mit AUTOMOBIL-ELEKTRONIK-Chefredakteur Alfred Vollmer): „Wir haben mit einer Ausnahme – der Batteriezelle – wirklich alles rund um den elektrischen Antriebsstrang an Bord. Indem wir die elektrischen Traktionsmotoren selbst bauen, haben wir die gesamte Wertschöpfungskette komplett im Griff.“ (Bild: Alfred Vollmer)

Herr Wolf, warum gliedert Continental Vitesco Technologies aus?

Andreas Wolf:  Rechtlich gesehen sind wir schon seit Januar 2019 eigenständig. Im zweiten Halbjahr 2020 verselbständigen wir uns dann komplett in Form eines Spin-offs. So ist es geplant. Wir begrüßen diese Entscheidung von Continental. Als eigenständiges und unabhängiges Unternehmen kann Vitesco Technologies besser auf die Marktentwicklungen reagieren. Wir bewegen uns schneller und agiler durch kürzere Entscheidungswege, treten sichtbarer als klare Marke auf und fokussieren uns klar auf Elektrifizierung und E-Mobilität.

Warum ein Spin-off und kein Teilbörsengang mehr?

Bild 1: Andreas Wolf (hier im Gespräch mit AUTOMOBIL-ELEKTRONIK-Chefredakteur Alfred Vollmer): „Wir haben mit einer Ausnahme – der Batteriezelle – wirklich alles rund um den elektrischen Antriebsstrang an Bord. Indem wir die elektrischen Traktionsmotoren selbst bauen, haben wir die gesamte Wertschöpfungskette komplett im Griff.“

Bild 1: Andreas Wolf (hier im Gespräch mit AUTOMOBIL-ELEKTRONIK-Chefredakteur Alfred Vollmer): „Wir haben mit einer Ausnahme – der Batteriezelle – wirklich alles rund um den elektrischen Antriebsstrang an Bord. Indem wir die elektrischen Traktionsmotoren selbst bauen, haben wir die gesamte Wertschöpfungskette komplett im Griff.“ Alfred Vollmer

Andreas Wolf:  Die Bedingungen auf den Kapitalmärkten haben dazu beigetragen, einen möglichen Teilbörsengang nicht weiter zu verfolgen. Diese Option wäre mit viel Unsicherheit behaftet gewesen. Mit dem Spin-off hingegen sind wir von volatilen Marktentwicklungen unabhängig, die Aktionäre von Continental als Ursprungsunternehmen erhalten in einem noch zu bestimmenden Verhältnis Vitesco-Technologies-Aktien.

Wie geht es weiter?

Andreas Wolf:  Der Aufsichtsrat muss dem Plan noch zustimmen. Sein Beschluss wird dann den Aktionären zur Abstimmung vorgelegt. Das ist für die Continental-Hauptversammlung im April vorgesehen. Der Spin-off ist dann für die zweite Jahreshälfte geplant. Am Ende werden wir als vollständig unabhängiges Unternehmen am Markt agieren.

Was heißt das konkret?

Andreas Wolf:  Zum einen können Entscheidungen in einer 8-Milliarden-Euro-Firma schneller ablaufen als in einem 44-Milliarden-Euro-Konzern. Zum anderen erwarten wir, dass es in den nächsten Jahren zu einer Konsolidierung auf dem Markt für Antriebe kommen wird. Dies betrifft einerseits Verbrennungskomponenten, wo gemeinsam Synergien erreicht und der Marktanteil verbessert werden kann. Andererseits ist dies auch bei Elektrifizierungs- und anderen Zukunftstechnologien der Fall, wo Partnerschaften sich gut ergänzen können. Vitesco Technologies will dabei den Markt aktiv mitgestalten. Wir wollen dabei zu den Gewinnern gehören. Das ist unser Anspruch.

Warum sind Sie überzeugt von einer kommenden Konsolidierung?

Andreas Wolf:  Die Elektromobilität erfordert einen hohen finanziellen Aufwand. Wir haben bis heute zwei Milliarden Euro in die Entwicklung von Elektromobilität investiert und werden auch in Zukunft erhebliche Mittel investieren. Dieser finanzielle Aufwand ist enorm und für viele, insbesondere kleinere Firmen kaum zu leisten. Daher müssen sie kooperieren, um den Wandel gemeinsam zu schaffen.

Wie laufen die Geschäfte bei Vitesco Technologies?

Andreas Wolf:  Aktuell macht das klassische Geschäft rund um den Verbrennungs-/Hybridantrieb noch den Großteil unseres Umsatzes aus. Dieser Geschäftsbereich ist sehr profitabel und finanziert somit im Grunde über die nächsten Jahre den Umstieg auf die Elektrifizierung/Elektromobilität. Diese macht – wenn man nur den Umsatz betrachtet – derzeit noch deutlich weniger als zehn Prozent unseres Umsatzes aus. Das wird sich aber zügig ändern. Wir verstehen komplette Antriebssysteme und nicht nur einzelne Komponenten. Wir beherrschen das Zusammenspiel von mechatronischen und elektronischen Komponenten. Dieses Knowhow fließt in unsere Elektronik und Software-Algorithmen. Es erlaubt uns, Systeme auf maximale Effizienz zu optimieren. Vitesco Technologies ist ein Unternehmen mit starker Elektronik-DNA; 4.300 unserer Entwicklungsingenieure – das sind mehr als 50 Prozent – arbeiten im Bereich Software und System. Insgesamt ist es unser Ziel, mittelfristig stärker als der Markt zu wachsen. Mit unseren Produkten können wir alle Elektrifizierungsszenarien der kommenden zehn Jahre abdecken.

Welche weiteren Entwicklungen bei Vitesco geplant sind, wie sich das auf den Bereich Automobil-Elektronik auswirkt und welche Motorentypen besonders gefragt sind, steht auf der nächsten Seite.

Wie soll sich Vitesco Technologies langfristig in technischer Hinsicht entwickeln?

Andreas Wolf:  Wir haben uns entschieden, unser Geschäft konsequent auf Elektrifizierung und Elektronik auszurichten. Bereits jetzt haben wir unsere starke Elektronik- und Mechatronik-Kompetenz sowie unser Verständnis von kompletten Antriebssystemen auf elektrifizierte und Elektroantriebe übertragen. Elektronik, Regelsysteme und das effiziente Zusammenspiel von komplexen Systemen werden weiterhin im Zentrum unserer Entwicklungen stehen.

Die ständige Verbesserung des Verbrenners sowie die Sensoren und Aktuatoren für alle Antriebsarten bleiben mittelfristig wichtige Pfeiler unseres Portfolios. In allen genannten Bereichen haben wir herausragende Kompetenzen. Davon werden künftige Produkte umfassend profitieren. Mittelfristig werden wir uns aus dem Pumpen- und Injektorengeschäft zurückziehen. In diesen Bereichen sehen wir keine Zukunft.

Was heißt das konkret für den Bereich Automobil-Elektronik?

Andreas Wolf:  Wir wollen unsere über 8.000 Ingenieure mit auf die Reise Richtung Elektromobilität nehmen. Um dies bei einem möglichst großen Teil zu ermöglichen, unterstützen wir unsere Mitarbeiter mit umfassenden Qualifizierungsmaßnahmen. Aber ohne Anpassungen an einzelnen Standorten wird die Transformation hin zur E-Mobilität nicht vonstattengehen. Die Gespräche dazu laufen.

Woher nimmt Vitesco Technologies das Selbstvertrauen, derart stark auf das Thema Elektromobilität zu setzen?

Bild 2: „Wenn die Brennstoffzelle kommt, dann zuerst in Nutzfahrzeugen. Vitesco Technologies ist so aufgestellt, dass wir jederzeit einsteigen könnten.“ Andreas Wolf, CEO bei Vitesco Technologies.

Bild 2: „Wenn die Brennstoffzelle kommt, dann zuerst in Nutzfahrzeugen. Vitesco Technologies ist so aufgestellt, dass wir jederzeit einsteigen könnten.“ Andreas Wolf, CEO bei Vitesco Technologies. Alfred Vollmer

Andreas Wolf:  Wir haben über zehn Jahre Erfahrung in der Elektrifizierung/Elektromobilität und bislang rund zwei Milliarden Euro auf diesem Feld investiert. Heute haben wir ein breites Angebot an Elektrifizierungstechnologien. Unser neuer, kompakter, leichter und vollintegrierter elektrischer Achsantrieb ist bereits die dritte Generation. Es macht sich bezahlt, dass wir früh die Weichen gestellt haben. Wir haben alles im Gepäck, um in der Zukunft damit erfolgreich zu sein. Wir kommen sozusagen von der – in Anführungszeichen – richtigen Seite, der Elektronik- und Softwareseite. Auch wenn der Elektromobilitätsmarkt noch relativ klein ist, sind die Wachstumsraten hoch. Externe Untersuchungen zeigen, dass für all unsere E-Mobilitäts-Produkte jährliche Wachstumsraten von über 30 Prozent möglich sind. Daher sehen wir die Elektrifizierung für uns als große Chance.

Fertigt Vitesco Technologies auch eigene Elektromotoren für den Antrieb?

Andreas Wolf:  Ja – und zwar sowohl für den milden 48-Volt- als auch für den Hochvoltbereich. Wir haben mit einer Ausnahme – der Batteriezelle – wirklich alles rund um den elektrischen Antriebsstrang an Bord. Indem wir die elektrischen Traktionsmotoren selbst bauen, haben wir die gesamte Wertschöpfungskette komplett im Griff. Die Lernkurve verläuft dabei sehr steil und wir profitieren von unserer Erfahrung der vorigen Generationen. Die Kunden vertrauen darauf, so liefern wir zum Beispiel die genannte elektrische Achse in Serie für Volumenmodelle wie für den Peugeot e-208 oder Opel Corsa-e. Diese Achse, die natürlich auch viel Mechatronik enthält, fertigen wir aktuell im chinesischen Tianjin für den Weltmarkt.

Welcher Motortyp ist denn besonders gefragt – mit oder ohne seltene Erden?

Andreas Wolf:  Generell geht es in allen Segmenten in Richtung mehr Performance. Sowohl bei 48-Volt-Anwendungen als auch bei Hochvoltsystemen. Der Fahrbetrieb auf 48-Volt-Basis soll ja zum neuen Standard werden. Der Schwerpunkt liegt hier auf permanent erregten Synchronmaschinen. Dabei kommt man an Magneten mit seltenen Erden derzeit nicht vorbei, denn in dieser Spannungsklasse lassen sich Spitzenlasten von 30, 35 oder gar 40 kW nur sehr schwer mit Asynchronmotoren realisieren. Synchronantriebe haben im Dauereinsatz für Traktion oder Rekuperation deutliche Vorteile. Asynchronmotoren werden häufig bei reduzierten Performance-Anforderungen und als Sekundärantrieb eingesetzt.

Was bevorzugen Ihre Kunden – möglichst eine komplette E-Achse von einem Anbieter? Oder kaufen sie die einzelnen Komponenten wie Motor, Steuerung, Bremsen etc. von verschiedenen Anbietern?

Andreas Wolf:  Das ist sehr gemischt. Wir sind offen für alle Varianten, da wir alle Systemvarianten im Portfolio haben. Externe Untersuchungen zeigen, dass für all unsere E-Mobilitäts-Produkte jährliche Wachstumsraten von über 30 Prozent möglich sind. Das gilt für die milde Hybridisierung genauso wie für Hochvoltsysteme. Momentan sehen wir die 48-Volt-Systeme und Plug-In-Hybride als besondere Wachstumstreiber, denn an der Hybridisierung kommt keiner vorbei. Die rein batterieelektrischen Fahrzeuge setzen sich regional unterschiedlich schnell durch.

Auf der nächsten Seite lesen Sie alles über Vitescos Prognose bezüglich Verbrennungsmotoren, was im 48-Volt-Bereich zu erwarten ist, die Bedeutung von Nutzfahrzeugen und einiges mehr.

Was erwartet uns im 48-Volt-Bereich?

Andreas Wolf:  In entwickelten Märkten werden 48-Volt-Mild-Hybride zum neuen Standard werden – insbesondere in Mittel- und Oberklassefahrzeugen. Die elektrische Maschine unterstützt den Verbrenner bei Lastspitzen wie beim Anfahren und ermöglicht das sogenannte Segeln, bei dem mit abgekoppeltem Verbrenner eine konstante Geschwindigkeit gehalten werden kann. Ein Durchbruch in der 48-Volt Technologie wäre, wenn man innerstädtisch sogar rein elektrisch fahren könnte. Wir sprechen hier von 30 bis 50 Kilometern Reichweite.

Vitesco Technologies hat eine neue Technologie entwickelt – den ersten 48-Volt-High-Power-Hybrid. Damit wird rein elektrisches Fahren bis 80 km/h möglich. Wir hoffen auf baldigen Serieneinsatz. Künftig rechnen wir damit, dass es zwei Arten von Hybriden geben wird  – die, die nur in der Stadt elektrisch fahren können, und die Hochvolt-PHEVs, die das auch bis 160 km/h auf der Autobahn schaffen. Erstere werden dabei deutlich günstiger sein und zur Demokratisierung der Elektrifizierung beitragen – sozusagen als Volkshybride. Das ist wichtig, denn eine der großen Herausforderungen für den Erfolg der E-Mobilität ist die Preisfrage. Das beste Angebot nutzt sehr wenig, wenn die Preisliste erst bei 60.000 oder 70.000 Euro beginnt.

Welche Prognose sieht Vitesco Technologies für den Verbrennungsmotor?

Andreas Wolf:  Wir glauben nicht, dass es eine Renaissance des Verbrennungsmotors geben wird. Je nach Region, wird er uns aber – konsequent elektrifiziert – noch eine Weile begleiten. Aber selbst Lkws und Busse tendieren zunehmend zur Elektrifizierung. Bei den Nutzfahrzeugen wird die Brennstoffzelle zeitnah eine Rolle spielen. Der Energiespeicher ist dann Wasserstoff, der Antrieb elektrisch.

Welche Bedeutung haben Nutzfahrzeuge für Vitesco Technologies?

Bild 3: „Wir glauben nicht, dass es eine Renaissance des Verbrennungsmotors geben wird.“ Andreas Wolf, CEO bei Vitesco Technologies.

Bild 3: „Wir glauben nicht, dass es eine Renaissance des Verbrennungsmotors geben wird.“ Andreas Wolf, CEO bei Vitesco Technologies. Alfred Vollmer

Andreas Wolf:  Auf der Elektronikseite decken wir auch bei Nutzfahrzeugen das gesamte Spektrum ab. Bei der Elektrifizierung liegt unser Fokus derzeit auf Pkws. Wir prüfen regelmäßig unser Engagement im Bereich Brennstoffzelle. Gemeinsam mit der TU Chemnitz forschen wir aktiv an dieser Technologie. Wenn die Brennstoffzelle kommt, dann zuerst in Nutzfahrzeugen. Vitesco Technologies ist so aufgestellt, dass wir jederzeit einsteigen könnten.

Wie sieht der Energiespeicher der EVs von morgen aus?

Andreas Wolf:  Bei Vitesco Technologies sind wir Technologie-offen. Global betrachtet hängt es zum Beispiel stark von der jeweiligen Region ab, ob etwa mit Brennstoffzelle oder Akkupack gefahren werden wird. Egal welcher Energiespeicher zum Einsatz kommt: Er wird stets clevere Regelsysteme benötigen und einen Elektroantrieb speisen. In allen Szenarien sind unsere Kernkompetenzen also gefragt.

Zunächst sind Hybride für uns sehr wichtig. Sie sind ein Wachstumsmarkt. Der Großteil der Verbrenner wird jetzt elektrifiziert. Gleichzeitig wird das batterieelektrische Fahrzeug bis 2030 deutlich an Fahrt aufnehmen und eine hohe Marktdurchdringung erreichen – wenn auch nicht in jeder Region gleichermaßen. Sämtliche Maßnahmen – ob EU-weite Regulatorik oder staatliche Einzelmaßnahmen wie Kaufanreize, Einschränkungen für Verbrenner sowie schneller Ausbau der Ladeinfrastruktur – geben die Richtung unmissverständlich vor. Vitesco Technologies ist in jedem Fall für die unterschiedlichen künftigen Antriebsszenarien gerüstet.

Welche Bedeutung haben Silizium­karbid-Halbleiter?

Andreas Wolf:  SiC-Halbleiter sind eine gute Möglichkeit, den Wirkungsgrad der Inverter zu steigern. Wir betrachten allerdings immer das Gesamtsystem sowohl aus der technischen Perspektive als auch auf der Kostenseite. Über alles betrachtet sieht SiC sehr attraktiv aus, aber man muss jeden Einzelfall individuell betrachten.

Welche Auswirkungen hat das automatisierte Fahren auf den Antriebsstrang?

Andreas Wolf:  Jedes automatisierte oder autonome Fahrzeug benötigt weiterhin einen Antriebsstrang. Solange der Fahrer nennenswerte Zeit selbst fährt, wird weiterhin ein tolles Fahrerlebnis gefragt sein. Bei komplett autonomen Fahrzeugen würde dagegen eher Komfort im Vordergrund stehen. Technisch gilt: Die Bedeutung von Elektronik in Form von sicheren Regelsystemen und Software nimmt zu, je mehr der Antrieb automatisiert wird und mit der Fahrzeugumwelt in Verbindung steht. Die Anforderungen an unsere Komponenten und Systeme verändern sich daher; unsere Expertise wird für den Automobilhersteller wichtiger.

Dipl.-Ing. Alfred Vollmer

Chefredakteur AUTOMOBIL-ELEKTRONIK

(aok)

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