Herr Penno, wie laufen die Geschäfte im Automotive-Bereich?

Karsten Penno: 2018 war ein sehr gutes Jahr für uns. Insgesamt hat sich der Markt sehr gut entwickelt. So sind zum Beispiel die Take-Rates bei ADAS-Systemen signifikant angestiegen. Das ist für uns natürlich eine gute Entwicklung, da wir in diesen Bereichen besonders viel investieren. 2018 war zwar ein heißes Jahr für die Halbleiterindustrie in punkto Marktdruck und Lieferfähigkeit, aber wir sind da insgesamt wirklich sehr gut durchgekommen und konnten unsere Marktanteile ausbauen. 2019 hat etwas schwächer begonnen; sowohl die Marktdaten aus China als auch aus anderen Märkten tendieren ja eher ins Negative, aber der schon erwähnte Take-Rate-Effekt kompensiert das wieder. Außerdem geht die Elektrifizierung des Antriebsstrangs deutlich nach oben – sowohl im 48-V- als auch im Hochvoltbereich. Da hier vermehrt Traktions-Inverter, DC/DC-Wandler, On-Board-Charger etc. gefragt sind, kompensiert dieser Anstieg der hierfür nötigen Halbleiter die Reduzierung des Fahrzeug-Gesamtvolumens.

Wir sind also auch weiterhin sehr gut aufgestellt, um stärker als der Markt zu wachsen. Als Top-10-Halbleiterlieferant der Automotive-Branche wollen wir diesen Trend auch weiter fortführen: ON Semiconductor bietet eine große Bandbreite an Halbleiter-Produkten für den Automobilbereich. Das Unternehmen hat sich von den diskreten Bauteilen – quasi Standardprodukte aus der klassischen Motorola-Historie – durch diverse Merger und Akquisitionen bis heute ganz massiv verändert. Konkret lag unser Automotive-Umsatz von 1,8 Milliarden US-Dollar im letzten Jahr bei etwa 31 % unseres Gesamtumsatzes. Bis 2022 soll dieser Anteil auf 36 % wachsen, denn ON Semiconductor erwartet langfristig eine weitere Stärkung des Automotive-Bereichs.

Karsten Penno, ON Semiconductor, und Alfred Vollmer, Chefredakteur AUTOMOBIL-ELEKTRONIK

Karsten Penno (rechts, im Gespräch mit AUTOMOBIL-ELEKTRONIK-Chefredakteur Alfred Vollmer): „Wir haben ein fast unvergleichbares Gesamtportfolio, denn Radar-Transceiver, Lidar- und Bildsensoren, sowie Lösungen für ultraschall-basierte Parkassistenzsysteme hat so in der Halbleiterindustrie im Automotive-Bereich kein anderes Unternehmen im Angebot.“ Alfred Vollmer

Was bedeuten die neuen NCAP-Bestimmungen für ON Semiconductor?

Karsten Penno: Sensoren sind ein wesentlicher Bestandteil in elektronischen Systemen um aktuelle und zukünftige NCAP-Anforderungen zu erfüllen, die auf einen weiter verbesserten Schutz aller Verkehrsteilnehmer abzielen. Mit unseren Lösungen für zum Beispiel Kamera-, Lidar-, Radar-, Parkassistenz- oder auch Sensor-Fusion-Systeme leisten wir hier einen entscheidenden Beitrag zu mehr Sicherheit im Straßenverkehr. Ein gutes Beispiel hierfür sind die Sensoren unserer neuen Hayabusa-Familie, die wir mit einer innovativen Methode ausgestattet haben, LED-Flicker in HDR-Bildern zu eliminieren. Ohne ein solches Feature könnte eine ADAS-Kamera möglicherweise Probleme bekommen, ein durch LEDs angezeigtes Verkehrszeichen bei sehr hellen Lichtverhältnissen korrekt zu erkennen. Hintergrund ist hier die aufgrund der Umgebungshelligkeit kurze Belichtungszeit des Sensors in Kombination mit der Eigenschaft der LEDs, die ja gepulste Lichtquellen sind. Speziell für Frontkameras, also Machine Vision-Kameras, ergeben sich durch die NCAP-Bestimmungen auch Anforderungen für eine hohe Sensorauflösung, da das Fahrzeug Objekte in großer Entfernung und bei hoher Geschwindigkeit erkennen muss. Diese Anforderungen adressieren wir mit unserem aktuellen 8-Megapixel-Sensor AR0820. Zudem unterstützen wir die NCAP-Anforderungen mit einer entsprechend auf dem Sensor implementierten Logik für funktionale Sicherheit (ASIL B/C) sowie Cyber-Security. Zukünftige NCAP-Anforderungen – insbesondere für erweiterte Autonomiefunktionen – erfordern zudem zusätzliche Kamerasensorik im Fahrzeug, wie zum Beispiel die Fahrer-, beziehungsweise Innenraumbeobachtung.

Welche Aktivitäten hat ON Semiconductor bei Lidar und Radar?

Karsten Penno: Im Mai 2018 haben wir die irische Firma SensL akquiriert, die sich seit mehr als 15 Jahren primär im Medical- und Industriebereich mit Lidar beschäftigt. Wir werden die dort bereits etablierte Technologie in den Automotive-Bereich überführen. Dabei geht es um die Verwendung von hochempfindlichen SIPMs (Silicon Photomultiplier) und SPAD-Arrays, also Single-Photon-Avalanche-Dioden, die es Systemintegratoren ermöglichen, kompakte, hochauflösende Long-Range-Lidarsysteme zu entwickeln. Im Radarbereich haben wir bereits 2017 ein erfahrenes israelisches Entwicklungszentrum übernommen, und zusätzlich, in 2018, eine zweite Entwicklungsabteilung in den USA aufgebaut. Wir sind zwar bei Radar noch ein relativ neuer Player auf dem Markt, stehen aber dennoch bereits kurz vor der Massenfertigung unseres ersten Transceivers für 77- und 79-GHz-Radarsysteme, der aufgrund innovativer Antennenkonzepte (MIMO+) eine systemkostenoptimierte Lösung ermöglicht. Wir haben damit ein fast unvergleichbares Gesamtportfolio, denn Radar-Transceiver, Lidar- und Bildsensoren, sowie Lösungen für ultraschall-basierte Parkassistenzsysteme hat so in der Halbleiterindustrie im Automotivebereich kein anderes Unternehmen im Angebot.

Wie die Kunden von ON Semiconductor ihre Sensordaten verarbeiten wollen und wie die Zusammenarbeit mit Nvidia aussieht, steht auf der nächsten Seite.

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