Die Normung ist als einer der Grundpfeiler der Produktentwicklung aus der täglichen Arbeit nicht wegzudenken, aber wie geht es weiter bei der Normung, wie sieht die Zukunft aus und welche Konsequenzen könnten sich ergeben?

Michael Zeyen, ZVEI-Vorstand: „Vom Innovationsführer werden wir zum Mitfahrer, schlimmstenfalls zu Getriebenen.“

Michael Zeyen, ZVEI-Vorstand: „Vom Innovationsführer werden wir zum Mitfahrer, schlimmstenfalls zu Getriebenen.“ ZVEI

Der Vorläufer der heutigen DIN VDE 0100 wurde in der Elektrotechnischen Zeitschrift (ETZ) am 9. Januar 1896 veröffentlicht. Im Jahre 2018 feierte der VDE unter reger Anteilnahme von Politik und Wirtschaft glanzvoll sein 125jähriges Bestehen. Kein Referent, der nicht die Bedeutung der Normung für zukünftige Marktentwicklung bekräftigte.

Es steht also alles zum Besten mit der elektrotechnischen Normung in Deutschland. So scheint es zumindest auf den ersten Blick. Wer genauer hinschaut, sich mit der Entwicklung neuer, digitaler Systeme und Komponenten befasst und diese rasch in den Markt bringen möchte, dem können erste Zweifel kommen. Warum, was hat sich in den letzten Jahren verändert?

  • Die Entwicklungszeiträume haben sich extrem verkürzt. Der Zeitraum von der ersten Konzeptidee bis zum Serienprodukt beträgt mitunter nur noch wenige Monate.
    Folge: Die Produktnormung hinkt zunehmend hinterher.
  • Aus den Komponenten entstehen immer häufiger variable, vor allem aber komplexe Systeme. Umfassende Systemkenntnisse sind für die Normung unabdingbar. Software-Algorithmen und funktionale Sicherheit werden zu bestimmenden Größen.
    Folge: Die klassische Produktnormung stößt zunehmend an ihre Grenzen, die Zuständigkeiten der Komitees sind fraglich.
  • Eine ganze Generation von erfahrenen Mitarbeitern in Normenausschüssen geht nach und nach in den Ruhestand. Für klassische Themen wie Schutz vor dem elektrischen Schlag vermag sich der ohnehin dünn gesäte Nachwuchs kaum zu begeistern.
    Folge: Es fehlt in den Gremien zunehmend an erfahrenen Experten.
  • Normungsarbeit gilt bei jungen Mitarbeiter(innen) nicht gerade als Karrieresprungbrett. Normungsarbeit ist oft langwierig und zäh, die Wertschätzung in den Firmen hält sich in Grenzen.
    Folge: Es mangelt in Deutschland an qualifiziertem Nachwuchs.
  • Die Unternehmensleitungen verkennen zunehmend die strategische Bedeutung der Normung. In Monatsreports und Quartalsanalysen hat es die Normungsarbeit schwer, ihre Daseinsberechtigung zu finden.
    Folge: Normungsarbeit ist häufig unterbudgetiert.
  • Wo früher die Normungsarbeit auf wenigen, klar abgegrenzten und geregelten Pfaden unterwegs war, gibt es heute unzählige Industriekonsortien, die große Marktwirkung entfalten. Sie sind vergleichsweise schnell und agil.
    Folge: Die Experten engagieren sich lieber bei der Entwicklung proprietärer Standards jenseits der klassischen Normung.

Das alles ist bedauerlich genug, wirklich problematisch ist aus Sicht des Autors aber Folgendes: Während sich die deutsche Industrie immer schwerer tut, die notwendigen Ressourcen für die Normungsarbeit bereit zu stellen, haben Länder jenseits der EU die Normungsarbeit längst als ein wichtiges, strategisches Instrument für sich erkannt. Während wir uns in Klein-Klein üben oder jenseits der Technik über das Übermorgen philosophieren, kommen zunehmend gut vorbereitete internationale Normungsanträge nebst Vorschlag für den Convenor beispielsweise aus Asien. Der deutschen Elektroindustrie schwindet zunehmend der Einfluss auf die normative Entwicklung. Vom Innovationsführer werden wir zum Mitfahrer, schlimmstenfalls zu Getriebenen.

Was ist somit im Bereich Normung zu tun?

Wir können die Normungsarbeit in Deutschland und Europa nicht mehr allein den wechselnden Tagesprioritäten einzelner Firmen überlassen. Es bedarf, nicht erst in Zeiten von Covid-19, gezielter Fördermaßnahmen vor allem für den Mittelstand und KMUs. Eine Unterstützung für die personellen Aufwendungen, die letztlich der ganzen Industrie zu Gute kommen, ist dringend notwendig.