Mit dem Modul Electrical Design kann Siemens den Digitalen Zwilling komplett mit eigenen Mitteln ohne strategische Partner wie Eplan generieren.

Mit dem Modul Electrical Design kann Siemens den Digitalen Zwilling komplett mit eigenen Mitteln ohne strategische Partner wie Eplan generieren. Siemens

„Wir sind die Einzigen, die alles digitalisieren können, Mechanik, Software und die Elektronik in den Geräten und Maschinen,“ propagierte Dr. Jan Mrosik, CEO der Division Digital Factory, einmal mehr auf der Auftaktveranstaltung von Siemens im Vorfeld der Hannover Messe.

Er zielt damit auf die Übernahme von Mentor Graphics in 2017 ab, einem Softwareanbieter für Elektronik- und IC-Design sowie Simulation- und Elektronikfertigung. „Mentor rundet unser bestehendes Angebot bei Mechanik und Software mit dem Design, Test und der Simulation von elektrischen und elektronischen Systemen ab“, so Mrosik.

Im Bereich E-CAD gab es trotz Comos (Engineeringlösung für Prozessindustrien) seit Jahren einen blinden Fleck: Beim Elektro-CAD klaffte in Sachen durchgängigem Engineering eine Lücke, die Siemens bis dato mit den Tools von Eplan Software und Services als strategischem Partner abdeckte.

„Zudem stellt Siemens mit dem Modul Electrical Design eine eigene E-CAD-Funktionalität für das mechatronische Engineering von Maschinen- und Produktionslinien vor,“ heißt es schüchtern am Ende eines Absatzes der Pressemitteliung zur Erweiterung des NX Designers beziehungsweise Automation Designer. Warum so eine bescheidene Ankündigung? Dabei ist es doch ein großer Wurf, nach Jahrzehnten wieder ein eigenes E-CAD vorzustellen. Zur Erinnerung: Bis 1995 hatte Siemens mit Sigraph ET ein eigenes E-CAD-System im Haus.

Sigraph ET reloaded: E-CAD für Industrie 4.0

Bisher setzte Siemens für das elektrische Engineering auf eine Anbindung an Eplan Electric P8. Dessen Anbindung erfolgt über das elektrotechnische Datenmodell in Automation Designer. Nun bietet Siemens neben der Eplan-Anbindung mit dem Modul ‚Electrical Design‘ auch eigene E-CAD Funktion an. Dafür wurde der Automation Designer erweitert und mit NX-2D-Zeichenfunktionen für Schaltpläne und NX-3D-Funktionen für das Schaltschrank-Design ausgestattet.

Auf Nachfrage erklärte Dr. Wolfgang Schlögl, Vice President Digital Engineering bei Siemens: „Siemens hat bereits vor einigen Jahren begonnen, eine mechatronische Engineering-Umgebung basierend auf der NX-Softwareplattform und Teamcenter als Daten-Backbone zu entwickeln.“ Die Zielsetzung des Projekts: ‚Echtes‘ mechatronisches Engineering für den Maschinen- und Anlagenbau zu ermöglichen und in der gleichen Umgebung auch Simulation und Validierung (virtuelle Inbetriebnahme) anzubieten. Erste Entwicklungsschritte waren Tools wie Line Designer, Mechatronics Concept Designer und der Automation Designer. „Aus datentechnischen Gründen sind bei der Anbindung eines externen Tools wie Eplan Electric P8 an Automation Designer jedoch Abstriche bei Mechatronik, Änderungsmanagement und Round-Trip-Funktionalitäten unausweichlich“, zeigt Schlögl das Manko einer strategischen Kooperation im Vergleich zu Eigenentwicklungen auf.

Siemens komplettiert mit Electrical Design seinen Digitalen Zwilling für Maschinen und Produktionslinien in einer konsequenten Weiterentwicklung um die Detaildaten der Elektrotechnik.

Siemens komplettiert mit Electrical Design seinen Digitalen Zwilling für Maschinen und Produktionslinien um die Detaildaten der Elektrotechnik. Siemens

 

Den Nutzen des eigenen E-CAD-Moduls sieht Siemens in der Möglichkeit, eines nun integrierten mechatronischen Engineerings, zusammen mit anderen Werkzeugen wie:

  • NX (Konstruktion und CAE)
  • Automation Designer (Auslegung für Elektrik und Automatisierung)
  • TIA Portal (Automatisierungs-Engineering
  • Mechatronics Concept Designer, Simit (Simulation und virtuelle Inbetriebnahme)
  • Teamcenter (Datenverwaltung und Kollaboration)

Das ermöglicht höhere Effizienz und Qualität im Engineering durch integrierte Datenhaltung und ein definiertes Änderungsmanagement mit Round-Trip-Funktionen zwischen Mechanik, Elektrik und Automatisierung.

Um hier erstmals echte Mechatronik in einer Tool-Umgebung zu realisieren, hat Siemens daher bereits vor einigen Jahren die Neuentwicklung eines integrierten E-CAD-Moduls begonnen, das von Anfang an auf die Mechatronik- und PLM-Integration ausgelegt war. Mit diesen Fähigkeiten ist das Modul ‚Electrical Design‘ als Erweiterung von Automation Designer nun das erste E-CAD-System der vierten Generation. „In der Tat schließt das Modul die Lücke der vollständig integrierten Elektrotechnik im Digitalen Zwilling der Produktion von Siemens“, so Schlögl.

Konkurrenz-Situation: nicht gewollt aber unvermeidlich

Für Nutzer des E-CAD Systems Eplan Electric P8 wird die entsprechende Schnittstelle in Automation Designer parallel weiterentwickelt und weiter angeboten. Electrical Design und Eplan Electric P8 werden künftig also als alternative Lösungen präsentiert – deren Datenmodelle sind wegen unterschiedlicher Datenmodelle aber nicht kompatibel. Die Software wird als optionaler Teil der Mechatronik-Lösung angeboten. Eine Positionierung als eigenständiges E-CAD System ist nicht vorgesehen. Laut Siemens „entspricht ein direkter Wettbewerb mit Eplan Electric P8 zwar nicht der Produktstrategie – wird aber nicht komplett ausbleiben.“ (sk)