Implementierung einer intelligenten Energieverteilung im SDV
Aktuelle eFuses erweitern die Energieverteilung im softwaredefinierten Fahrzeug um Schutz-, Diagnose- und Steuerungsfunktionen. So lassen sich Verfügbarkeit, Fehlermanagement und Energieeffizienz gezielt verbessern.
Thomas BlasiusThomasBlasius
André MourrierAndréMourrier
Christoph Schulz-LinkholtChristophSchulz-Linkholt
6 min
Bild 1: Ursache-Wirkungs-Kette zwischen SDVs und der Energieverteilung.Infineon
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Der Begriff SDV wird häufig verwendet, um einen
Paradigmenwechsel in der Fahrzeugkonzeption zu beschreiben, bei dem Software
zunehmend von der Hardware entkoppelt wird. Die Diskussionen konzentrieren sich
jedoch oft ausschließlich auf die Softwareaspekte, wie zentralisierte
Rechenleistung, Datenverarbeitung, Fahrzeugnetzwerke und serviceorientierte
Softwarearchitekturen. Doch auch die Hardware-Seite sollte beachtet werden,
insbesondere im Hinblick auf die ebenso neue elektrische/elektronische (E/E) Architektur,
die sich derzeit in Richtung einer Zonenarchitektur entwickelt. Ein zentrales
Element dieser Transformation ist die Dezentralisierung und Elektrifizierung
der Energieverteilung. Dieser Ansatz reduziert die Komplexität und die Kosten
der Verkabelung, verhindert Störungen bei ausfallsicheren Systemen und
ermöglicht ein effizienteres Energiemanagement durch aktive Steuerung des
Energieflusses während der Fahrt und im Parkzustand. Mit der Elektrifizierung des
Energiebordnetzes ermöglichen die eFuse-Funktionen – Schaltfähigkeit,
Diagnosefähigkeit und Konfigurierbarkeit – eine softwarebasierte
Systemoptimierung in SDVs (Bild
1).
Warum verändert das SDV-Konzept das Energiebordnetz?
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Unter Energieverteilung versteht man den kontrollierten
Transport der elektrischen Energie von den Quellen zu allen Endpunkten in einem
Fahrzeug über das Energiebordnetz (EBN). Das EBN ist in seiner Funktion in eine
primäre Energieverteilung mit hohen Stromstärken nahe der Quelle und eine
anschließende sekundäre Energieverteilung mit geringeren Stromstärken
unterteilt. Die primäre Verteilung ist die erste Instanz, die die elektrische
Energie auf genau definierte Versorgungsleitungen aufteilt, entweder direkt zu
Anwendungen mit hohen Stromstärken wie Bremsen, Lenkung, Fahrwerk und
Zentralcomputer oder zur sekundären Energieverteilung. Basierend auf dem
Zonenkonzept der E/E-Architektur ist die sekundäre Verteilung dezentralisiert
und in dem Zonensteuergerät integriert.
Mit neuen SDV-Anwendungen kann der Gesamtleistungsbedarf
von 3 kW auf bis zu 9 kW ansteigen, was gleichzeitig zu höheren
Leistungsverlusten im System führt. Um diese Verluste zu minimieren und
ausreichend Energie bereitzustellen, wird eine 48-V-Spannungsklasse eingeführt,
die sich auf das gesamte Energiebordnetz auswirkt: Die primäre 12-V-Energieverteilung
wird auf 48 V umgestellt, während die sekundäre Energieverteilung über längere
Zeiträume sowohl 48-V- als auch 12-V-Endpunkte versorgen muss. Deswegen ist
eine zonale 48-V/12-V-DC/DC-Spannungswandlung erforderlich.
Das EBN ist für hochverfügbare Systeme von besonderer
Bedeutung. Es ermöglicht die Stromversorgung einzelner sicherheitsrelevanter
Fahrzeugfunktionen, darunter Bremsen, Lenken und Umgebungswahrnehmung, und muss
daher ebenfalls hochverfügbar sein. Aufgrund der sicherheitsrelevanten
Fahrzeugfunktionen muss das Energiebordnetz die erhöhten
Sicherheitsanforderungen und die entsprechenden Entwicklungsanforderungen
erfüllen, die in der Norm ISO 26262:2018 definiert sind. Die funktionalen
Sicherheitsanforderungen, beispielsweise für automatisiertes Fahren und
X-by-Wire, verlangen, dass das gesamte EBN nach ASIL D entwickelt wird.
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Anforderungen an Verfügbarkeit und Schutz im Bordnetz
Die Notwendigkeit einer hochverfügbaren Stromversorgung
hat tiefgreifende Auswirkungen auf die Architektur des Energiebordnetzes im
Fahrzeug. Um eine hohe Verfügbarkeit zu ermöglichen, insbesondere in
sicherheitskritischen ASIL-D-Anwendungen, müssen die primäre und sekundäre Energieverteilung
mit redundanten Versorgungswegen und Mechanismen zur schnellen Fehlerisolierung
ausgelegt werden.
Elektronische Sicherungen (eFuses) dienen in diesen
Architekturen als zentrale Sicherheitselemente. Als halbleiterbasierte, rücksetzbare
Bauteile integrieren sie einen High-Side-Treiber und eine DMOS-Leistungsstufe
zur Steuerung des Stromflusses, kombiniert mit integrierten Selbstschutz- und
Diagnosefunktionen. Damit ermöglichen sie eine autonome, schnelle
Fehlererkennung und -isolierung direkt am Lastpunkt, wodurch eine
Fehlerausbreitung verhindert und die Stromversorgung über redundante Pfade
aufrechterhalten wird.
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Um den strengen Anforderungen sicherheitskritischer
Fahrzeugsysteme gerecht zu werden, müssen Design und Entwicklung von eFuses der
Norm ISO 26262 entsprechen und robuste, redundante
ASIL-D-Stromversorgungskonzepte unter allen Betriebsbedingungen unterstützen.
Wichtige Anwendungsfälle für eFuses in SDVs
Da die eFuse sowohl als Sicherheitselement im Energiebordnetz
als auch im Zusammenhang mit SDV zum Einsatz kommt, muss sie eine Reihe von
Aufgaben übernehmen, damit die Systemanforderungen erfüllt werden, was zu
spezifischen Anwendungsfällen führt.
Bild 2: Strom-Zeit-Auslösekennlinie Itrip der eFuse, um einen sicheren Betriebsbereich für Lasten und einen geschützten Bereich des Energiebordnetzes zu gewährleisten.Infineon
Laststeuerung und Selbstschutz als Grundfunktionen
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Elektronische Sicherungen steuern Lasten und schützen
sich dabei selbst. Dazu gehören sowohl einfache Ein-/Aus-Schaltvorgänge als
auch PWM-fähige Steuerungen, die die EMV-Anforderungen erfüllen. Die eFuse muss
sicherstellen, dass die Last innerhalb eines definierten Strom-Zeit-Intervalls
konstant versorgt und nicht unbeabsichtigt vom Versorgungssystem getrennt wird.
Dabei muss der sogenannte sichere Betriebsbereich (Safe Operating Area, SOA)
der Lasten eingehalten werden (Bild 2). Gleichzeitig schützen integrierte Schutzmechanismen die
eFuse vor Überspannung und thermischer Belastung. Um thermische Überlastung zu
vermeiden, sind sowohl Übertemperatur- als auch Überstromschutzfunktionen
integriert. Der Überstromschutz soll schneller auf ein Überstromereignis wie
einen Kurzschluss reagieren. Dadurch wird die thermische Belastung in der eFuse
reduziert – sowohl während des Überstromereignisses als auch während der
Entmagnetisierung des angeschlossenen Leiters nach dem Trennen.
Leitungsschutz im elektrischen Bordnetz
Die eFuse muss zudem den Kabelbaum, einschließlich
Steckverbindern und Leiterbahnen, vor thermischer Überlastung schützen. Dieser
Leitungsschutz definiert einen geschützten Bereich des Energiebordnetzes. Um
eine Überhitzung des Kabelbaums zu verhindern, begrenzt die eFuse den
zulässigen Temperaturanstieg der Leitung (ΔT),
indem sie den Strom misst, diesen in ein I²t-Verhalten über die Zeit umsetzt
und mithilfe eines Tiefpassfilters erster Ordnung in den thermischen Bereich
überführt. Unterschiedliche Leitungsquerschnitte und Verlegungsbedingungen
erfordern unterschiedliche I²t-Schutzstufen pro Bauteil, und präzise
Schutzcharakteristiken ermöglichen eine Optimierung des Leitungsquerschnitts.
Die eFuse sollte einen eigenständigen Hardware-Schutz bieten, der auch dann
aktiv bleibt, wenn das Steuergerät nur eingeschränkt funktionsfähig ist oder
sich im Stand-by-Modus befindet, sodass keine Softwareunterstützung
erforderlich ist.
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Wie unterstützen eFuses den Schutz des Energiebordnetzes?
Diese zuvor genannten Funktionen müssen für den Anwendungsfall
Energiebordnetzschutz ergänzt werden. Die eFuse muss elektrische Fehler jeder
Art schnell isolieren, um das Energiebordnetz vor Spannungsabfällen zu
schützen. Dadurch wird sichergestellt, dass die Versorgungsspannung für alle
hochverfügbaren Lasten innerhalb des definierten Spannungs- und Zeitbereichs
eingehalten wird. Um neben dem Leitungsschutz sowie den integrierten
Selbstschutzfunktionen gegen Übertemperatur (OT) und Überstrom (OC) einen
wirksamen Energiebordnetzschutz zu gewährleisten, ist eine schnelle
Abschaltfunktion erforderlich. Diese ermöglicht Abschaltzeiten von weniger als
50 µs, die durch ein externes Signal angesteuert werden.
Redundanz und Trennung in sicherheitskritischen Systemen
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Ein Anwendungsfall im fail-operational Betrieb von eFuses
ist das Verbinden oder Trennen zweier Energiebordnetze. Eine schnelle Trennung
kann dazu beitragen, dass Teilenergiebordnetze im Fehlerfall weitgehend
unabhängig bleiben und sich möglichst wenig gegenseitig beeinflussen. Umgekehrt
ermöglicht eine kontrollierte Verbindung die Energieübertragung zur Absicherung
von Redundanz, was insbesondere für autonome Fahrfunktionen relevant ist. Ein
unabhängiger, bidirektional einstellbarer Schutz wird eingesetzt, um Fehler
unabhängig von der Stromflussrichtung zu handhaben und eine Rückspeisung in ein
ausgefallenes Teilenergiebordnetz zu vermeiden. Diagnose-, Überwachungs- und
Selbstdiagnosefunktionen unterstützen den zuverlässigen Betrieb, während
softwarekonfigurierbare Strategien und Fallback-Einstellungen ein definiertes
Verhalten ermöglichen, auch wenn die steuernde ECU nicht verfügbar ist.
Betrieb und Schutzfunktionen im Parkmodus
Neben Anwendungsfällen der funktionalen Sicherheit
erfordern SDV-Funktionen häufig, dass sie auch im geparkten Zustand teilweise
aktiv bleiben. Dazu zählen etwa Telematik, Fernwartung, Fahrzeugzugang und
Ladevorgänge. In diesem Zusammenhang versorgen eFuses im Ruhemodus ausgewählte
Lasten auch während des Parkens mit Strom und halten dabei ihre eigene
Stromaufnahme möglichst gering. Im Ruhemodus liegt diese typischerweise unter
50 µA, sofern sich die Lasten in einem Zustand mit geringer Stromaufnahme
befinden. Gleichzeitig sollen unnötige Spannungsabfälle vermieden werden, indem
die eFuse den Ruhemodus automatisch verlässt, wenn die Last beispielsweise
einen zyklischen Weckstrom benötigt. Schutzmechanismen und ihre ASIL-Zuordnung
bleiben auch im Parkmodus verfügbar und werden klar signalisiert – ein Flag
wird gesetzt, sobald ein Schutzmechanismus anspricht oder eine unerwartet hohe
Stromaufnahme einer Last erkannt wird.
Wie liefern eFuses Daten für Diagnose und Energiemanagement?
Zu guter Letzt fungieren eFuses als dezentrale Sensoren.
Auf Anfrage liefern sie zuverlässige physikalische Daten wie Spannung, Strom,
Temperatur und den Temperaturanstieg der Leitungen (ΔT)
sowie Informationen zum Systemstatus. Diese Daten sind unter anderem für
SDV-Funktionen wie flottenbasierte Kalibrierung, prädiktive Diagnose und die
dynamische Anpassung von Schutzschwellenwerten relevant. Softwaredefinierte
Standard- und Sicherheitsfunktionen helfen zudem, die Energieverteilung an sich
weiterentwickelnde Fahrzeugfunktionen und Sicherheitskonzepte anzupassen. Ebenso
lassen sich eFuses über digitale Schnittstellen wie SPI konfigurieren, sodass
integrierte Funktionen wie Kabelbaumschutz, Überstromschutz-Einstellungen oder
der Fail-Safe-Status per Software angepasst werden können. Dadurch kann eine
einzelne Hardwarekomponente per Software für unterschiedliche Anwendungen oder
Einbauorte genutzt werden. Das zeigt auch, wie SDVs die Stromverteilung
verändern – und welche Rolle eFuses dabei spielen.
Bild 3 zeigt
die beschriebenen Anwendungsfälle und die vielfältigen Vorteile von eFuses in
Form von intelligenten Leistungsschaltern oder Gate-Treibern + MOSFETs, die
Sicherungen und Relais in einem elektrifizierten Stromverteilungssystem
ersetzen.
Bild 3: Anwendungsfälle für eFuses in Form von intelligenten Leistungsschaltern oder Gate-Treibern + MOSFETs, die Sicherungen und Relais in einem elektrifizierten Energiebordnetz ersetzen.Infineon
eFuse-Lösungen für unterschiedliche Anwendungsbereiche
Die beschriebenen eFuse-Funktionen und Anwendungsfälle
finden sich in spezialisierten Bauteilfamilien wieder. Infineon bietet
verschiedene eFuse-Lösungen für Schaltungsschutz, Laststeuerung und Energieverteilung
mit hoher Verfügbarkeit in SDV-Architekturen an. Ein Beispiel ist der PROFET™
Wire Guard, eine eFuse für integrierten Leitungs- und Systemschutz mit
integrierter I²t-Berechnung, die sich an Leitungsprofil und Systemanforderungen
anpassen lässt. Das Bauteil verfügt über einen automatischen Ruhemodus, der im
Parkbetrieb die Laststeuerung und Selbstschutzfunktionen aufrechterhält und
dabei die Stromaufnahme reduziert. Mit einem einstellbaren
Überstromschwellenwert ermöglicht es eine definierte und schnelle
Fehlerabschaltung in der Stromversorgung. Zudem ist das Bauteil gemäß ISO 26262
für sicherheitsrelevante Anwendungen ausgelegt.
Der SPOC Wire Guard bietet einen eigenständigen,
hardwarebasierten Leitungsschutz mit integrierter I²t-Funktionalität und lässt
sich über digitale Schnittstellen wie SPI konfigurieren. Ein Ruhemodus
reduziert die Stromaufnahme im Parkbetrieb. In Kombination mit einem
konfigurierbaren Überstromschutz ermöglicht das Bauteil eine schnelle und
präzise Fehlerabschaltung und wird mit einem Safety-Manual für die Integration
in Fahrzeugsicherheitssysteme gemäß ISO 26262 bereitgestellt. Ein vom Kunden
programmierbarer nichtflüchtiger Speicher erlaubt die Ablage von
Konfigurationen, einschließlich sicherer Zustände, und unterstützt so
nachträgliche Anpassungen im Feldbetrieb. Eine konfigurierbare
Unterspannungsabschaltung ermöglicht eine prioritätsabhängige Absicherung von
Lasten und trägt zur Stabilisierung des Energiebordnetzes bei.
Für Anwendungen mit höheren Strömen bietet die
Kombination aus EiceDRIVER™ APD und MOSFET eine diskrete Lösung. Der EiceDRIVER
APD vereint die Funktionen der Wire-Guard-Familien. Der OptiMOS™ LinearFET kann
als Trennschalter eingesetzt werden und zeichnet sich durch einen niedrigen
Durchlasswiderstand (R(DSon)), einen breiten sicheren
Betriebsbereich sowie gute Parallelschalteigenschaften im linearen Betrieb aus.
Er ermöglicht eine kontrollierte Begrenzung von Einschaltströmen während des Ladens
eines Kondensators und eine höhere Energiebelastbarkeit bei langsamen
Schaltvorgängen und Kurzschlussbedingungen. Darüber hinaus reduziert die Lösung
sowohl die Systemkomplexität als auch die Stückliste, da weniger externe
Schutzkomponenten benötigt werden und keine separate Vorladeschaltung
erforderlich ist.
Ein zentraler Aspekt der Funktionsweise von SDVs ist die
Cloud-Konnektivität und die Möglichkeit, Software zu aktualisieren, was eine
kontinuierliche Optimierung von Fahrzeugfunktionen und Sicherheit ermöglicht.
SDVs erzeugen täglich eine sehr große Menge an Fahrzeugdaten, die in der Cloud
analysiert und für vorausschauende Wartung sowie datenbasierte Entwicklung
genutzt werden. In diesem Zusammenhang trägt eine intelligente Verteilung der
elektrischen Energie mit eFuses durch die Bereitstellung kontinuierlicher und
zuverlässiger Daten zu einer verbesserten Energieeffizienz und einem besseren
Energiemanagement im Fahrzeug bei. Insbesondere liefert der Datenaustausch auf
Anfrage präzise physikalische Daten, die für SDV-Funktionen wie flottenbasierte
Kalibrierungsverbesserungen, prädiktive Diagnose und die dynamische Anpassung
von Schutzschwellenwerten relevant sind.
(bs)
Authors
Dr.
Thomas Blasius, Senior Director of Application Marketing at
Infineon Technologies
Christoph
Schulz-Linkholt, Distinguished Engineer and System Architect
at Infineon Technologies.
André
Mourrier, Distinguished Engineer and System Architect
at Infineon Technologies