ESG im Mittelstand

Wie Nachhaltigkeit zum wirtschaftlichen Vorteil wird

ESG entfaltet seinen Nutzen erst, wenn es mit Strategie und operativen Prozessen verknüpft wird. Rui Duarte Ramalheiro von Elocompanion spricht über Kostensenkung, bessere Daten und resiliente Lieferketten.

Vier Redner stehen auf einer Konferenzbühne vor einem blauen Banner und sprechen an Stehtischen.
ESG kann weit über Berichtspflichten hinausreichen. Rui Duarte Ramalheiro (2. von links) erklärt, wie daraus ein Werkzeug für effizientere Prozesse, belastbarere Lieferketten und fundiertere Entscheidungen wird.

ESG wird für Unternehmen erst dann wirklich wertvoll, wenn Nachhaltigkeit über die Berichtspflichten hinaus in Strategie und operative Prozesse einfließt. Dann können Daten, effizientere Abläufe und belastbare Lieferketten konkrete wirtschaftliche Vorteile schaffen. Wie das insbesondere kleinen und mittleren Unternehmen gelingt, erklärt Rui Duarte Ramalheiro im Interview.

Wie können kleine und mittlere Unternehmen ESG so angehen, dass daraus kein reines Reporting-Projekt wird?

Viele Unternehmen starten bei ESG mit der Frage: Was müssen wir berichten? Aus meiner Sicht ist das die falsche Reihenfolge. Spannend wird es, wenn Unternehmen stattdessen fragen: Wo beeinflussen Nachhaltigkeitsthemen tatsächlich unser Geschäft, und wie können wir daraus einen Mehrwert schaffen? Das betrifft beispielsweise Energiekosten, Lieferketten, die Attraktivität als Arbeitgeber oder die eigene Innovationsfähigkeit. Wer hier genauer hinschaut, entdeckt häufig neben Risiken auch konkrete Effizienzpotenziale und Wettbewerbsvorteile. Bleibt ESG auf das Reporting beschränkt, entsteht oft viel Aufwand bei überschaubarem Nutzen. Wird ESG hingegen mit der Unternehmensstrategie und den operativen Prozessen verknüpft, entwickelt es sich zu einem Instrument für bessere Entscheidungen, mehr Resilienz und langfristige Zukunftsfähigkeit.

Wo entstehen durch ESG-Maßnahmen konkrete wirtschaftliche Vorteile – etwa bei Energie, Materialeinsatz, Lieferketten oder Resilienz?

Wir erleben in Projekten häufig, dass nachhaltige Maßnahmen zunächst als Kostenfaktor wahrgenommen werden. Bei genauerer Betrachtung zeigen sich jedoch oft sehr konkrete wirtschaftliche Vorteile. Ein geringerer Energieverbrauch senkt unmittelbar die Kosten. Ein effizienterer Materialeinsatz reduziert Ausschuss und Ressourcenverbrauch. Stabile Lieferketten helfen dabei, Risiken und ungeplante Ausfälle zu vermeiden und die eigene Resilienz zu erhöhen. Hinzu kommt, dass Kunden, Banken und Investoren zunehmend Transparenz erwarten. ESG ist deshalb ein Nachhaltigkeitsthema und zugleich ein wichtiger Hebel für Wettbewerbsfähigkeit und Risikomanagement.

Wie können Unternehmen Nachhaltigkeitsdaten so nutzen, dass daraus bessere operative und strategische Entscheidungen entstehen?

Nachhaltigkeitsdaten sind für mich weit mehr als eine Grundlage für Berichte. Sie schaffen überhaupt erst die Möglichkeit, fundierte Entscheidungen zu treffen, anstatt im Nebel herumzustochern. Auf operativer Ebene können Unternehmen mithilfe eines guten Monitorings frühzeitig erkennen, wo Probleme entstehen, Ressourcen ineffizient genutzt werden oder Risiken in der Lieferkette, beim Energieverbrauch oder in den eigenen Prozessen zunehmen. Der große Vorteil ist, dass Schwachstellen sichtbar werden, bevor sie außer Kontrolle geraten und tatsächliche Kosten oder Probleme verursachen.

Auf strategischer Ebene helfen Daten dabei, Entwicklungen besser zu verstehen und die richtigen Prioritäten zu setzen: Wo investieren wir? Welche Lieferanten sind für uns besonders kritisch? Wo liegen die größten Risiken und zugleich die größten Chancen? Ohne Daten beruhen viele dieser Entscheidungen auf Annahmen. Mit einer belastbaren Datengrundlage können sie fundierter getroffen werden.

Gleichzeitig sollten wir nicht dem Irrglauben verfallen, dass mehr Daten automatisch zu besseren Entscheidungen führen. Entscheidend ist, die Daten zu verstehen und in einen sinnvollen Zusammenhang zu bringen. Erst wenn aus einzelnen Kennzahlen eine nachvollziehbare Logik entsteht, werden daraus echte Erkenntnisse.

Darin liegt aus meiner Sicht auch die Grundlage für den erfolgreichen Einsatz Künstlicher Intelligenz. KI kann große Potenziale erschließen, Muster erkennen und Entscheidungen unterstützen. Sie ist jedoch immer nur so gut wie die Datenbasis, auf der sie arbeitet. Wer seine Nachhaltigkeitsdaten strukturiert erfasst, versteht und sinnvoll miteinander verknüpft, schafft Transparenz für die Gegenwart und zugleich die Grundlage für datengetriebene und KI-gestützte Entscheidungen der Zukunft.

Warum sollte Nachhaltigkeit bereits in frühen Design- und Entwicklungsphasen mitgedacht werden?

Warum Nachhaltigkeit bereits in der Produktentwicklung berücksichtigt werden sollte, lässt sich anhand nahezu jedes Entwicklungsprozesses erklären: Je mehr wir am Anfang investieren, desto weniger Probleme entstehen später. Die größten Hebel liegen meist in den frühen Phasen. Dort fallen Entscheidungen über Materialien, Konstruktion, Reparierbarkeit, Energieeffizienz und den späteren Ressourceneinsatz. Diese Entscheidungen begleiten ein Produkt häufig über seinen gesamten Lebenszyklus. Wer Nachhaltigkeit erst am Ende betrachtet, versucht oft nachträglich zu korrigieren, was längst festgelegt wurde. Das ist meist deutlich aufwendiger, teurer und mit Kompromissen verbunden.

Ein Vergleich aus dem Alltag: Auch bei der Erziehung von Kindern werden wichtige Grundlagen in den ersten Lebensjahren gelegt. Was dort investiert wird, wirkt häufig ein Leben lang nach. Ähnlich verhält es sich bei Produkten und Prozessen. Die frühen Entscheidungen haben den größten Einfluss auf die spätere Entwicklung.

Deshalb sprechen wir häufig von Design for Sustainability. Nachhaltigkeit sollte kein zusätzlicher Prüfschritt am Ende eines Projekts sein, sondern von Anfang an einen festen Bestandteil der Entwicklung bilden.

Der große Vorteil ist, dass Unternehmen ihre Umweltwirkungen reduzieren, die Lebenszykluskosten senken, Risiken minimieren und bessere Produkte für ihre Kunden entwickeln können. Damit eröffnen sich zugleich Möglichkeiten, sich vom Wettbewerb abzuheben.

Wie lässt sich langfristiges, verantwortungsvolles Wirtschaften mit kurzfristigem Kosten- und Wettbewerbsdruck vereinbaren?

Die Zielkonflikte zwischen kurzfristigem Kostendruck und langfristiger Nachhaltigkeit sind real. Unternehmen müssen täglich zwischen Kosten, Lieferfähigkeit, Qualität und langfristiger Wirkung abwägen.

Gleichzeitig bin ich überzeugt, dass wirtschaftlicher Erfolg und Nachhaltigkeit keine Gegensätze sind. Ein Unternehmen kann nur dann nachhaltig wirken, wenn es wirtschaftlich erfolgreich ist. Nur profitable Unternehmen können investieren, Arbeitsplätze sichern, Innovationen vorantreiben und langfristig Verantwortung in ihrem Umfeld übernehmen. Deshalb müssen wirtschaftlicher Erfolg und Nachhaltigkeit im Einklang stehen.

Nach unserer Erfahrung sind gerade jene Unternehmen vergleichsweise gut durch die Krisen der vergangenen Jahre gekommen, die sich frühzeitig und konsequent mit diesen Themen beschäftigt haben. Ob Energiekrise, Lieferkettenprobleme oder Fachkräftemangel: Viele von ihnen profitieren heute von Entscheidungen, die sie bereits vor Jahren getroffen haben.

Ein wichtiger Erfolgsfaktor sind dabei starke und partnerschaftliche Lieferantenbeziehungen. Unternehmen, die ihre Lieferanten nicht allein als Kostenfaktor betrachten, sondern gemeinsam mit ihnen an Transparenz, Nachhaltigkeit und Weiterentwicklung arbeiten, schaffen Vertrauen. Dieses Vertrauen zahlt sich besonders in schwierigen Zeiten aus. Unsere Erfahrung zeigt: Lieferanten, mit denen über Jahre partnerschaftlich zusammengearbeitet wurde, stehen einem in Krisen häufig eher zur Seite als Geschäftspartner, deren Beziehung ausschließlich über den Preis definiert ist.

Gleichzeitig darf man nicht erwarten, dass Nachhaltigkeit von heute auf morgen funktioniert. Sie ist ein Entwicklungsprozess, der Zeit braucht. Die Unternehmen, die heute davon profitieren, haben meist nicht erst gestern begonnen, sondern bereits vor Jahren die entsprechenden Weichen gestellt.

Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob wir uns Nachhaltigkeit leisten können, sondern ob wir es uns leisten können, noch länger damit zu warten.

Das Interview führte Martin Probst, Redakteur all-electronics.de.