Europas EMS verzeichnen wieder mehr Aufträge, doch von einem kräftigen Aufschwung kann noch keine Rede sein. Gleichzeitig verschärft der globale KI-Boom den Wettbewerb um Halbleiter, Leiterplatten und passive Bauelemente.
Martin ProbstMartinProbstOnline-Redakteur
4 min
Die Halbjahreserhebung der Global Electronics Association zeigt eine vorsichtige Erholung der europäischen EMS-Branche. Gleichzeitig verschiebt sich die größte Herausforderung von der Nachfrage zunehmend zurück zur Versorgung mit Halbleitern, Leiterplatten und passiven Bauelementen.Global Electronics Association
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Kurz zusammengefasst: Der EMS-Markt 2026
Europas EMS-Branche stabilisiert sich nach dem schwachen zweiten Halbjahr 2025. Die privaten EMS steigerten ihre Umsätze im ersten Halbjahr 2026 um 12,3 Prozent gegenüber dem vorherigen Halbjahr, im Vorjahresvergleich beträgt das Plus allerdings nur 0,3 Prozent. Gleichzeitig verbessern sich Auftragseingang und Book-to-Bill deutlich. Neue Risiken entstehen bei Halbleitern, Leiterplatten und passiven Bauelementen: Der weltweite KI-Boom bindet Fertigungskapazitäten und Materialien. Damit könnte sich das bisherige Nachfrageproblem der europäischen EMS zunehmend zu einem Beschaffungsproblem entwickeln.
Europas EMS-Unternehmen erhalten wieder mehr Aufträge, gleichzeitig wird die Materialversorgung schwieriger. Genau dieser Widerspruch prägt das erste Halbjahr 2026. Die „Half year survey of the European EMS Industry 2026“ der Global Electronics Association zeigt wachsende Auftragsbestände und eine deutliche Verbesserung gegenüber dem schwachen zweiten Halbjahr 2025. Von einem breit getragenen Aufschwung kann dennoch noch keine Rede sein.
An der Erhebung beteiligten sich 152 rechtliche Einheiten, die 98 EMS-Unternehmen repräsentieren. Fünf börsennotierte EMS wurden auf Basis öffentlich zugänglicher Zahlen einbezogen. Die erfassten Unternehmen kamen im ersten Halbjahr 2026 auf rund 4,43 Milliarden Euro Umsatz.
Nach dem Tiefpunkt im zweiten Halbjahr 2025 haben sich die Umsätze der europäischen EMS im ersten Halbjahr 2026 wieder erholt. Im Vorjahresvergleich bleibt das Plus der privaten Unternehmen mit 0,3 Prozent jedoch gering.Global Electronics Association
Wie stark hat sich der europäische EMS-Markt erholt?
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Die Studie sieht vor allem gegenüber dem unmittelbar vorausgehenden Halbjahr eine deutliche Verbesserung. Ohne die fünf börsennotierten EMS lag der Umsatz im ersten Halbjahr 2026 um 12,3 Prozent über dem zweiten Halbjahr 2025. Die Global Electronics Association sieht darin ein Zeichen dafür, dass die zweite Hälfte 2025 den Tiefpunkt des jüngsten Abschwungs markiert haben dürfte.
Der Vergleich mit dem Vorjahreszeitraum fällt allerdings erheblich schwächer aus. Gegenüber dem ersten Halbjahr 2025 beträgt das Plus ohne die börsennotierten Unternehmen lediglich 0,3 Prozent. Die kräftige sequenzielle Erholung folgt also auf eine besonders niedrige Ausgangsbasis.
In4ma gewichtet deshalb den Vorjahresvergleich stärker. Aus Sicht der Marktbeobachter lässt das Plus von 12,3 Prozent die Entwicklung dynamischer erscheinen, als sie tatsächlich ist. Im üblichen Vergleich zum ersten Halbjahr 2025 habe sich der europäische EMS-Markt kaum bewegt.
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Das Book-to-Bill-Verhältnis der europäischen EMS ist im ersten Halbjahr 2026 auf 1,21 gestiegen. Besonders hohe Werte erreichen Frankreich mit 1,40 und Mittel- und Osteuropa mit 1,34.Global Electronics Association
Ähnliches gilt für die börsennotierten Unternehmen. Werden sie einbezogen, weist die Erhebung ein Umsatzplus von 10,3 Prozent gegenüber dem ersten Halbjahr 2025 aus. Die Studie macht selbst deutlich, wie stark diese Unternehmen den Durchschnitt beeinflussen.
In4ma weist zusätzlich darauf hin, dass die positive Entwicklung börsennotierter EMS stark durch Übernahmen geprägt sei. Das organische Wachstum habe dagegen nahezu bei null gelegen. Die Zahlen der großen Anbieter seien deshalb nur eingeschränkt als Indikator für die tatsächliche Marktdynamik geeignet.
Die Auftragslage verbessert sich, bei der Materialversorgung bleibt die Stimmung angespannt. Nur 10,9 Prozent der befragten EMS bewerten ihre aktuelle Versorgungssituation als gut, 38,4 Prozent als schlecht oder sehr schlecht.Global Electronics Association
Deutschland kommt nur langsam voran
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Deutschland zeigt besonders deutlich, warum die aktuellen Zahlen unterschiedlich interpretiert werden können. Die 72 erfassten Unternehmen lagen im ersten Halbjahr 2026 beim Umsatz noch 0,5 Prozent unter dem Vorjahresniveau. Gegenüber dem schwachen zweiten Halbjahr 2025 erreichten sie dagegen ein Plus von 14,5 Prozent. 38 Unternehmen beziehungsweise 52,8 Prozent erzielten höhere Umsätze als ein Jahr zuvor.
Auch zwischen den Größenklassen gibt es erhebliche Unterschiede. Deutsche EMS mit mehr als 100 Millionen Euro Jahresumsatz lagen im Vorjahresvergleich noch 3,6 Prozent im Minus, verbesserten sich gegenüber der zweiten Jahreshälfte 2025 aber um 22,5 Prozent. Unternehmen zwischen 50 und 100 Millionen Euro legten gegenüber dem Vorjahr um 16 Prozent zu, die Gruppe zwischen 20 und 50 Millionen Euro um 10,6 Prozent.
Für das Gesamtjahr sind die Erwartungen deutlich positiver. Die deutschen Teilnehmer rechnen im Durchschnitt mit 7,7 Prozent Umsatzwachstum. 50 der 72 Unternehmen erwarten höhere Umsätze als 2025.
Warum sprechen die Aufträge für eine weitere Belebung?
Stärker als die Umsatzentwicklung fällt die Verbesserung beim Auftragseingang aus. Der europäische Book-to-Bill-Wert liegt im ersten Halbjahr 2026 bei 1,21, nach 0,95 im Vorjahreszeitraum. Der Wert beschreibt das Verhältnis zwischen neuen Aufträgen und fakturiertem Umsatz. Oberhalb von 1 kommen mehr Aufträge herein, als aktuell abgearbeitet werden – 1,21 signalisiert daher eine spürbare Belebung der Nachfrage.
Auch die Auftragsbestände wachsen. Bei den 147 betrachteten privaten EMS erhöhten sie sich zwischen Ende 2025 und Ende Juni 2026 um 13,9 Prozent. Deutschland erreicht ein Plus von 10,6 Prozent, Frankreich knapp 20 Prozent und Mittel- und Osteuropa sogar 36,3 Prozent. 73 Prozent aller Teilnehmer beurteilen ihre Auftragssituation als gut oder sehr gut.
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Die Studie sieht darin eine wichtige Grundlage für die kommenden Monate. Gleichzeitig warnt sie davor, den hohen Book-to-Bill-Wert uneingeschränkt als zusätzliches Produktionsvolumen zu interpretieren. In einem Markt mit knapper werdendem Material können Unternehmen Bestellungen früher oder mehrfach platzieren, um sich Kapazitäten zu sichern.
Materialversorgung wird zum neuen Engpass
Die größte Schwachstelle der Erholung zeigt die Versorgungslage. Während die Auftragsbücher gut gefüllt sind, beurteilen lediglich 10,9 Prozent der Unternehmen ihre Materialversorgung als gut. 37 Prozent nennen sie schlecht, weitere 1,4 Prozent sehr schlecht. Kein Teilnehmer bewertet sie als sehr gut.
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Die Global Electronics Association sieht bislang keine flächendeckende Wiederholung der Engpässe von 2021. Die Probleme konzentrieren sich auf bestimmte Produktgruppen. Genannt werden unter anderem Memory sowie einzelne Automotive-, Power-, Analog-, RF- und MCU-Komponenten. Auch bei hochkapazitiven MLCCs und anspruchsvollen Leiterplatten verschärft sich die Lage. Bei High-Layer-Count- und HDI-Boards können Speziallaminate, Kupferfolien und Glasmaterialien zu limitierenden Faktoren werden.
In4ma führt diese Entwicklung stärker auf den weltweiten Boom bei Rechenzentren und HPC-Systemen zurück. Das Unternehmen beobachtet derzeit 135 große EMS- und ODM-Anbieter. Die bislang auswertbaren Unternehmen steigerten ihren Umsatz im ersten Halbjahr 2026 gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 37,8 Prozent – und damit erheblich stärker als der europäische Markt.
Nach den bisherigen Untersuchungen von in4ma spielen dabei Aufträge der Hyperscaler eine zentrale Rolle. KI-Rechenzentren und HPC-Server benötigen hochlagige Leiterplatten mit Low-Loss-Laminaten, komplexe Stromversorgungen sowie große Mengen an Memory- und Logikhalbleitern. Diese Nachfrage beansprucht Kapazitäten, die damit anderen Elektronikmärkten fehlen können.
Was bedeutet die Lage konkret für EMS-Unternehmen?
Die zunehmende Unsicherheit zeigt sich bereits in den Lagerbeständen. Europaweit stiegen sie im ersten Halbjahr absolut um 11,8 Prozent. Gemessen am Jahresumsatz erhöhte sich der Anteil von 21,2 auf 22,4 Prozent. Zum Vergleich: Zwischen 2015 und 2019 lag er im Durchschnitt bei etwa 15 Prozent.
Für EMS bedeutet das einen schwierigen Spagat. Längere Lieferzeiten und drohende Allokationen erhöhen den Druck, kritische Bauteile früher zu bestellen und größere Sicherheitsbestände vorzuhalten. Damit steigen jedoch Lagerkosten und Kapitalbindung. Besonders kleinere Anbieter geraten dabei unter Druck: 43,8 Prozent der Unternehmen unterhalb von 50 Millionen Euro Umsatz bewerten ihre Versorgungslage als schlecht.
Die europäischen EMS rechnen für 2026 mit 7,2 Prozent Umsatzwachstum und für 2027 mit 8,6 Prozent. Ob diese Prognosen erreicht werden, hängt zunehmend von der Versorgung mit Halbleitern, Leiterplatten und passiven Bauelementen ab.Global Electronics Association
Auch die Kalkulation neuer Aufträge wird schwieriger. Die Studie weist darauf hin, dass höhere Komponentenpreise teilweise an die Kunden weitergegeben werden müssen. Umsatzwachstum in Euro bedeutet deshalb nicht zwangsläufig entsprechend mehr produzierte Baugruppen. Gleichzeitig können die Margen leiden, wenn Einkaufspreise steigen und sich diese nicht vollständig oder nicht schnell genug weiterreichen lassen.
In4ma sieht darüber hinaus ein mögliches Nachfragerisiko. Steigende Preise für Halbleiter, Leiterplatten und MLCCs würden sich letztlich auch in den Produkten der OEMs niederschlagen. Höhere Endpreise könnten wiederum die Nachfrage dämpfen.
Wie belastbar sind die Prognosen für 2026 und 2027?
Die Unternehmen selbst bleiben dennoch optimistisch. Für Europa erwartet die Erhebung 2026 ein Umsatzplus von 7,2 Prozent, für 2027 weitere 8,6 Prozent. Deutschland liegt für 2026 bei 7,7 Prozent, Frankreich bei 8,0 Prozent und Mittel- und Osteuropa bei 8,4 Prozent.
Die Global Electronics Association versieht diese Erwartungen allerdings selbst mit Einschränkungen. Materialverfügbarkeit, steigende Lagerbestände und mögliche Preisanteile am nominalen Umsatzwachstum machen die weitere Entwicklung schwerer vorhersehbar.
In4ma bewertet insbesondere die Erwartungen für die zweite Jahreshälfte 2026 und für 2027 skeptischer. Die Prognosen beruhen wesentlich auf den vorhandenen Aufträgen. Ob daraus tatsächlich entsprechende Umsätze werden, hängt aus Sicht der Marktbeobachter zunehmend von der Verfügbarkeit von Halbleitern, Leiterplatten und passiven Bauelementen ab. Die Auswirkungen der aktuellen Engpässe könnten nach Einschätzung von in4ma bis 2028 reichen.