in4ma EMS & PCB-Forum 2026

Europas EMS-Branche sucht ihren Weg zwischen KI-Boom und Konsolidierung

Rund 200 Teilnehmer, ein turbulenter Auftakt und eine Branche im Umbruch: Beim in4ma EMS & PCB-Forum 2026 ging es um globale Wachstumsverschiebungen, neue Lieferketten, Indien, Rohstoffrisiken, Digitalisierung und den steigenden Konsolidierungsdruck.

Rekordbeteiligung in Würzburg: Rund 200 Teilnehmer verfolgten die Marktanalysen und Fachvorträge des in4ma EMS & PCB-Forums 2026 – der bis auf den letzten Platz gefüllte Saal machte deutlich, wie groß der Austauschbedarf in der Branche ist.

Der weltweite EMS- und ODM-Markt wächst rasant, doch die europäische Elektronikfertigung erlebt eine deutlich andere Realität. Beim in4ma EMS & PCB-Forum 2026 in Würzburg trafen ernüchternde Marktdaten auf eine Branche, die ihre Lage offen diskutiert und trotz aller Schwierigkeiten zuversichtlich nach vorne blickt.

Der Veranstaltungstag begann dabei beinahe sinnbildlich. Mehrere Teilnehmer steckten am Morgen im Aufzug des Hotels fest. Auch der Notrufknopf zeigte offenbar zunächst wenig Wirkung. Am Ende erreichten die Betroffenen den Saal dennoch fast pünktlich und wurden dort mit Applaus begrüßt. Ein turbulenter Auftakt für eine Branche, die derzeit ebenfalls mit Engpässen, technischen Abhängigkeiten und schwierigen Rahmenbedingungen umgehen muss.

Mit rund 200 Teilnehmern verzeichnete das in4ma EMS & PCB-Forum einen neuen Rekord. Im Saal wurde es entsprechend eng. Organisatorin Dr. Mareike Haaß von in4ma kündigte bereits an, für die nächste Ausgabe nach größeren Räumlichkeiten zu suchen. Zugleich blieb die Atmosphäre ausgesprochen familiär. Viele Teilnehmer kennen sich seit Jahren, arbeiten als Kunden, Lieferanten oder Wettbewerber miteinander und nutzen das Forum längst als jährlichen Treffpunkt der Elektronikfertigung.

Fünf Personen stehen auf einer Bühne vor einem dunklen Vorhang, während Zuschauer im Vordergrund sitzen und fotografieren.
Zum Auftakt des Talk & Taste begrüßte Moderatorin Petra Gottwald die vier Impulsgeber Nicolas Denis, Shaan Tharani, Sebastian Schaal und Eric Miscoll auf der Bühne. Das Talk & Taste am Vorabend bot den Teilnehmern einen entspannten Rahmen für Gespräche und neue Kontakte.

Durch den Veranstaltungstag führte productronic-Chefredakteurin Petra Gottwald. Sie moderierte die Vorträge, ordnete die Themen ein und sorgte mit spontanen Übergängen und humorvollen Bemerkungen dafür, dass der dicht gefüllte Tagesablauf trotz ernster Marktthemen angenehm und nahbar blieb.

Talk & Taste als informeller Auftakt

Bereits am Vorabend kamen die Teilnehmer im Barbarossasaal des Maritim Hotels Würzburg zum Talk & Taste zusammen. Kurze Impulsvorträge von Nicolas Denis, Shaan Tharani, Sebastian Schaal und Eric Miscoll eröffneten den Abend. Das bewusst kompakte Format kam ohne Präsentationsfolien aus und sollte Gedanken anstoßen, die anschließend bei Essen, Getränken und persönlichen Gesprächen vertieft werden konnten.

Damit gab der Vorabend bereits den Ton für das Forum vor: Fachliche Einordnung und belastbare Zahlen bildeten die Grundlage, der persönliche Austausch spielte jedoch eine ebenso wichtige Rolle. Gerade in einer wirtschaftlich angespannten Phase zeigte sich, welchen Wert stabile Beziehungen und ein gut funktionierendes Netzwerk für die Branche besitzen.  Am nächsten Morgen rückten dann die Marktdaten, strategischen Herausforderungen und Zukunftsoptionen der europäischen EMS- und PCB-Industrie in den Mittelpunkt.

KI-Server lassen den globalen EMS-Markt wachsen

Dieter G. Weiss von in4ma eröffnete das Fachprogramm mit einer umfassenden Analyse der weltweiten EMS- und ODM-Industrie. Die Datenbasis umfasst nach Angaben von in4ma 143 Unternehmen mit jeweils mehr als 100 Millionen US-Dollar Umsatz sowie eine Beobachtungsliste mit mehr als 150 Anbietern.

Die 100 größten EMS- und ODM-Unternehmen steigerten ihren Umsatz 2025 auf rund 835 Milliarden US-Dollar. Gegenüber dem Vorjahr entspricht das einem Plus von 23,7 Prozent. Wer in die weltweiten Top 100 einziehen wollte, benötigte inzwischen mindestens 313 Millionen US-Dollar Jahresumsatz. Die Gruppe steht nach der in4ma-Auswertung für rund 86 Prozent des globalen Produktionsvolumens.

Eine Frau steht auf einer Bühne vor einer Projektionswand mit Logos und hält Karten in der Hand.
productronic-Chefredakteurin Petra Gottwald führte als Moderatorin durch das in4ma EMS & PCB-Forum 2026 und verband Marktanalysen, Unternehmensperspektiven und politische Themen zu einem abwechslungsreichen Programm.

Unter Einbeziehung kleinerer Anbieter und der EMS-Aktivitäten von OEMs bezifferte Weiss das weltweite Produktionsvolumen 2025 auf rund 969 Milliarden US-Dollar. Der theoretisch adressierbare Gesamtmarkt, der auch noch intern von OEMs erbrachte Leistungen umfasst, erreichte demnach 2,153 Billionen US-Dollar.

Für 2026 erwartet in4ma eine weitere Beschleunigung. Die Top 100 könnten ihren Umsatz um 32,7 Prozent auf rund 1,108 Billionen US-Dollar steigern. Vor allem Wistron, Wiwynn, Accton, Celestica und weitere Anbieter mit starkem Datacenter-Geschäft wiesen bereits im ersten Quartal 2026 hohe Wachstumsraten aus.

Das Wachstum konzentriert sich auf wenige Unternehmen und Regionen

Die hohen Wachstumsraten dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, wie stark sich das Geschäft konzentriert. Die 20 größten Unternehmen erwirtschafteten 2025 rund 88 Prozent des Umsatzes der Top 100. Foxconn allein kam auf einen Anteil von 30,8 Prozent. Taiwanische Unternehmen ohne Foxconn erreichten weitere 35 Prozent, Anbieter aus China und Hongkong 16,3 Prozent.

Damit kontrollieren Unternehmen mit Hauptsitz in Taiwan, China oder Hongkong zusammen 82,1 Prozent des betrachteten Produktionswerts. Westliche Anbieter stehen für 40 Prozent der Unternehmen in der Rangliste, erreichen beim Umsatz jedoch lediglich 13,2 Prozent. Europas Anteil liegt innerhalb der Global 100 bei 2,1 Prozent.

Hinter dieser Verschiebung steht vor allem die Nachfrage nach KI-Rechenzentren, Cloud-Infrastruktur und High-Performance-Computing. Datacenter-Produkte machten laut in4ma bereits 36 Prozent des Geschäfts der 30 größten Unternehmen aus. Weitere 38 Prozent entfielen auf Consumer-Produkte. Die für Europa wichtigen Segmente Industrie, Medizintechnik und Verteidigung kamen jeweils nur auf rund zwei Prozent.

Das erklärt, weshalb globales Wachstum und die Geschäftslage vieler europäischer EMS derzeit so weit auseinanderliegen. Die Dynamik entsteht in Anwendungen und Stückzahlen, die vor allem von großen asiatischen ODMs bedient werden.

KI verändert auch den Markt für Bauteile und Leiterplatten

Die Investitionen in Rechenzentren wirken längst über die Serverhersteller hinaus. Die Systeme benötigen große Mengen an Halbleitern, keramischen Vielschichtkondensatoren, leistungsfähigen Stromversorgungen und technisch anspruchsvollen Leiterplatten.

Weiss verwies darauf, dass sich viele Anbieter auf höhermargige Materialien und Leiterplatten für KI-Server konzentrieren. Der weltweite Umsatz der Hersteller von Leiterplatten-Basismaterialien stieg 2025 laut den präsentierten Daten um 24,4 Prozent auf rund 18,7 Milliarden US-Dollar. Taiwan und China standen gemeinsam für fast 70 Prozent der Produktion.

Für europäische Kunden ergeben sich daraus längere Vorlaufzeiten, kurzfristige Preisanpassungen und teilweise spürbare Versorgungsengpässe. Standardmaterialien verlieren bei einigen Lieferanten an Priorität, weil Kapazitäten in profitablere Anwendungen verlagert werden.

Damit wächst die Gefahr einer bekannten Reaktion: Unternehmen erhöhen ihre Bestände, um sich gegen mögliche Lieferausfälle abzusichern. Solche Bewegungen können Engpässe zusätzlich verstärken und erneut hohe Kapitalbindungen verursachen.

Europa meldet Wachstum, doch drei Viertel der Unternehmen verlieren Umsatz

Auf den ersten Blick erscheint die europäische Bilanz mit einem durchschnittlichen Plus von 0,7 Prozent noch vergleichsweise stabil. Der Blick auf die einzelnen Unternehmen zeichnet jedoch ein anderes Bild.

Von 1.025 untersuchten europäischen EMS erzielten 777 beziehungsweise 75,8 Prozent 2025 geringere Umsätze. Darunter befanden sich 41 Unternehmen, die Ende 2024 oder im Verlauf des Jahres 2025 geschlossen wurden. Nur 248 Anbieter meldeten steigende Erlöse. Zwei große positive Ausreißer verbesserten das europäische Gesamtergebnis erheblich.

Ein älterer Mann spricht an einem Rednerpult vor einer Leinwand mit Präsentation.
Dieter G. Weiss von in4ma präsentierte aktuelle Zahlen zur weltweiten EMS- und ODM-Industrie und zeigte, wie stark KI-Rechenzentren das globale Wachstum treiben.

Regional verlief die Entwicklung sehr unterschiedlich. Westeuropa verlor im Durchschnitt 5,5 Prozent, während Osteuropa um 7,5 Prozent wuchs. Das Baltikum erreichte ein Plus von 17,6 Prozent, Tschechien, Ungarn, die Slowakei und Slowenien kamen gemeinsam auf 7,9 Prozent. Frankreich verlor 13,5 Prozent, Spanien, Italien und Portugal zusammen 11,2 Prozent.

Ein Teil des osteuropäischen Wachstums geht auf die Produktion von HPC-Servern bei Foxconn-Unternehmen in Tschechien und Ungarn zurück. Die dafür benötigten Baugruppen und Leiterplatten stammen teilweise weiterhin aus Asien. Das Ergebnis lässt sich daher nur eingeschränkt als breite Stärkung der europäischen Lieferkette interpretieren.

Große europäische EMS wachsen vor allem außerhalb Europas

Die größten europäischen EMS-Unternehmen entwickelten sich in den vergangenen Jahren erheblich besser als der Gesamtmarkt. Die betrachteten Anbieter mit globaler Präsenz steigerten ihre Umsätze zwischen 2020 und 2025 um 72,4 Prozent. Die gesamte europäische EMS-Produktion wuchs im gleichen Zeitraum um 23,2 Prozent.

Dieses Wachstum entstand allerdings überwiegend durch Übernahmen und durch Werke außerhalb Europas. Europas Anteil an der weltweiten EMS-Produktion lag 2025 bei etwa 7,5 Prozent und könnte 2026 auf rund sechs Prozent sinken.

Damit zeigt sich ein grundlegendes Dilemma: Europäische EMS-Gruppen können durchaus wachsen, doch dieses Wachstum stärkt nicht automatisch den Produktionsstandort Europa.

Kleine EMS geraten besonders stark unter Druck

In der DACH-Region meldeten 442 von 495 untersuchten EMS rückläufige Umsätze. Das entspricht 89,3 Prozent. Der durchschnittliche Rückgang betrug sieben Prozent. Ohne zwei größere positive Ausreißer in Deutschland wären es 10,4 Prozent gewesen.

Österreich verzeichnete mit minus 15,2 Prozent den stärksten Rückgang, Deutschland kam auf minus 6,3 Prozent und die Schweiz auf minus 2,8 Prozent. Von 381 deutschen Unternehmen meldeten 339 geringere Einnahmen. Zwölf Anbieter stellten den Betrieb ein.

Die Auswertungen zeigen zudem eine deutliche Größenschere. Exportstarke und größere EMS kamen besser durch das schwierige Marktumfeld. Unternehmen mit mehr als 50 oder 100 Millionen Euro Umsatz verfügten häufiger über ein solides Auftragspolster und erwarteten für 2026 wieder Wachstum.

Kleinere Anbieter unter zehn Millionen Euro Umsatz waren doppelt belastet: Ihre Auftragsreichweite fiel geringer aus, zugleich blieben ihre Prognosen negativ. Unternehmen unter fünf Millionen Euro Umsatz hatten 2025 durchschnittlich 23,2 Prozent verloren und erwarteten auch 2026 ein weiteres Minus von 3,2 Prozent.

Verteidigung wird zum wachsenden Marktsegment

Während Automotive weiterhin kritisch beurteilt wird und sich die Industrieelektronik nur langsam stabilisiert, gewinnt der Bereich Aerospace and Defence an Bedeutung. Nach der in4ma-Auswertung stand das Segment 2025 für rund 5,2 Prozent der europäischen EMS-Produktion. Bis 2030 könnte der Anteil auf etwa sieben Prozent steigen.

Die 50 größten europäischen EMS in diesem Segment kamen gemeinsam auf rund 2,03 Milliarden Euro Umsatz und deckten damit knapp 72 Prozent des Marktes ab. Zertifizierungen wie die EN 9100 werden damit zu einem wichtigen Zugangskriterium.

Der Verteidigungsmarkt bietet lange Produktlebenszyklen, hohe Zuverlässigkeitsanforderungen und vergleichsweise stabile Programme. Gleichzeitig sind die Eintrittshürden hoch, und nicht jedes Unternehmen kann die erforderlichen Zertifizierungen, Sicherheitsvorgaben und Investitionen stemmen.

Osteuropa fordert einen neuen Platz in der europäischen Industrie

Péter Lakatos, Co-CEO und Mitinhaber von Videoton, richtete den Blick auf Mittel- und Osteuropa. Seine zentrale These: Die Region kann dauerhaft keine verlängerte Werkbank bleiben.

Nach dem politischen und wirtschaftlichen Umbruch um 1990 bot Mittel- und Osteuropa gut ausgebildete und vergleichsweise günstige Arbeitskräfte. Im Gegenzug entstanden Arbeitsplätze, moderne Werke und Zugang zu neuen Technologien. Ein klarer Weg für Wissenstransfer, die Entwicklung eigener Entscheidungszentren und eine echte wirtschaftliche Konvergenz fehlte jedoch häufig.

Viele ausländische Investitionen brachten Produktionsstätten und Shared-Service-Center in die Region. Strategische Funktionen wie Produktentwicklung, globaler Vertrieb, Einkauf oder Sourcing blieben meist im Westen. Dadurch entstanden nur begrenzte Ausstrahlungseffekte auf lokale Unternehmen und Karrierewege. Lakatos brachte es zugespitzt auf den Punkt: Mittel- und Osteuropa sei zu groß, um zu einem industriell ausgedünnten Hinterland zu werden.

Er forderte eine stärkere Integration in europäische Innovations- und Entscheidungsstrukturen, mehr Gegenseitigkeit im Handel, realistische Gesamtkostenrechnungen und eine Industriepolitik, die nicht ausschließlich auf die Interessen großer westeuropäischer Konzerne ausgerichtet ist.

Besonders kritisch bewertete Lakatos die Lage der Automobilindustrie. Eine Konsolidierung sei entlang aller Zulieferstufen unausweichlich. Europa müsse seine Wettbewerbsfähigkeit beschleunigt verbessern, stärker in europäischen Wertschöpfungsketten denken und auf neue asiatische Überkapazitäten reagieren.

Indien baut ein vollständiges Elektronikökosystem auf

Ein Mann steht hinter einem weißen Podium in einem hellen Raum mit Präsentationsleinwand.
Sarushan Perinpanathan von Asetronics zeigte, warum Indien für die europäische Elektronikindustrie als Wachstumsmarkt, Produktionsstandort und Partner an Bedeutung gewinnt.

Sarushan Perinpanathan von Asetronics präsentierte Indien als einen der dynamischsten Wachstums- und Produktionsstandorte der Elektronikindustrie. Das Land verfügt über rund 1,4 Milliarden Einwohner, wächst wirtschaftlich langfristig mit etwa sechs bis sieben Prozent pro Jahr und bildet jährlich mehr als 1,5 Millionen Ingenieurinnen und Ingenieure aus.

Mehrere Entwicklungen rücken Indien in den Fokus: China-plus-One-Strategien, geopolitische Risiken, der Wunsch nach resilienteren Lieferketten, der Fachkräftemangel in Europa und der Kostendruck in der EMS-Branche.

Indien verfolgt dabei einen umfassenden Ansatz. Das Land baut Kapazitäten vom Chipdesign über Waferfertigung, Assembly, Test und Packaging bis zu Leiterplatten und EMS auf. Programme wie Make in India, Production Linked Incentives und die India Semiconductor Mission unterstützen diese Entwicklung.

Die 14 führenden indischen EMS- und ODM-Unternehmen mit mehr als 100 Millionen US-Dollar Umsatz steigerten ihre gemeinsamen Erlöse zwischen 2020 und 2025 von 2,9 auf 17,5 Milliarden US-Dollar. Das entspricht einem Wachstum von mehr als 500 Prozent.

Für europäische Mittelständler bieten sich Möglichkeiten über Partnerschaften, Joint Ventures, lokale Beschaffung und zusätzliche Engineering-Kapazitäten. Perinpanathan warnte zugleich vor einer pauschalen Betrachtung. Pune, Bengaluru, Chennai, Hyderabad oder der Großraum Delhi unterscheiden sich deutlich bei Infrastruktur, Kosten, Branchenschwerpunkten und Verfügbarkeit von Partnern.

Persönliche Beziehungen und Vertrauen haben im indischen Geschäftsleben einen hohen Stellenwert. Auch bei Dokumentation, Rückverfolgbarkeit und Prozessstabilität bestehen je nach Unternehmen Unterschiede. Ein Engagement benötigt daher Zeit, lokale Erfahrung und eine sorgfältige Partnerauswahl.

Rohstoffrisiken reichen weit über Seltene Erden hinaus

Mehrere Personen sitzen in einem Konferenzraum und sehen einem Vortrag vor einer Präsentationsleinwand zu.
Michael Schmidt von der Deutschen Rohstoffagentur erläuterte, welche Preis- und Lieferrisiken sich aus der hohen Konzentration wichtiger Rohstoffmärkte ergeben.

Michael Schmidt von der Deutschen Rohstoffagentur zeigte, wie stark Energiewende, Elektrifizierung und Digitalisierung von konzentrierten Rohstoffmärkten abhängen. Windkraft, Photovoltaik, Stromnetze und Energiespeicher benötigen unter anderem Seltene Erden, Kupfer, Nickel, Lithium, Graphit, Gallium, Germanium, Indium, Silber und Silizium.

Die Risiken entstehen dabei häufig weniger durch die geologische Verfügbarkeit als durch die geografische Konzentration von Förderung, Raffination und Weiterverarbeitung. Deutschland und Europa beziehen große Anteile bei Magnesium, Gallium, Lithium-Ionen-Batterien und Permanentmagneten aus China.

Besonders relevant für die Elektronikindustrie sind Permanentmagnete mit Neodym, Praseodym, Dysprosium oder Samarium. Nach zeitweiligen Handelsbeschränkungen stiegen die deutschen Importe Anfang 2026 wieder deutlich. Die strukturelle Abhängigkeit blieb jedoch bestehen.

Unternehmen sollten daher analysieren, welche Rohstoffe indirekt in ihren Baugruppen und Komponenten stecken. Eine Lieferkette kann auf Ebene des direkten Lieferanten europäisch erscheinen und bei Vormaterialien dennoch stark von einzelnen Staaten abhängig sein.

Europas Leiterplattenindustrie hat nur noch gut zwei Prozent Weltmarktanteil

Rico Schlüter, Präsident des EIPC, zeichnete die langfristige Entwicklung der europäischen Leiterplattenindustrie nach. Europas globaler Produktionsanteil fiel seit dem Jahr 2000 von rund 16 Prozent auf etwas mehr als zwei Prozent.

Treiber waren niedrigere Lohn- und Grundstückskosten in Asien, geringere regulatorische Belastungen und die Verlagerung großer Teile der Consumer-Elektronik. Hinzu kamen steigende europäische Kosten für Umweltauflagen, Chemikalienmanagement und Entsorgung. Leiterplattenhersteller reagierten mit einer Konzentration auf anspruchsvolle Anwendungen in Aerospace, Medizintechnik, Bahn und Automotive.

Die heutige Position Europas beruht daher vor allem auf hoher Technologiekompetenz, kleinen und mittleren Losgrößen, kurzen Abstimmungswegen und zuverlässiger Fertigung. Eine Rückkehr in globale Massenmärkte erscheint wenig realistisch. Bei sicherheitskritischen und technologisch anspruchsvollen Produkten kann Europa jedoch eine strategisch wichtige Rolle behalten.

Leiterplattenversorgung braucht resiliente Designs

Peter Schaarschmidt von KSG ergänzte die Marktbetrachtung um die Sicht eines europäischen Herstellers. Die steigende Nachfrage aus KI und Rechenzentren führt bei Materiallieferanten zu Sortimentsverschiebungen. Die Folgen reichen von längeren Vorlaufzeiten über ausbleibende Auftragsbestätigungen bis zu verspäteten Lieferungen und kurzfristigen Preisänderungen.

KSG empfiehlt deshalb, bereits beim Produktdesign mehr Flexibilität zu schaffen. Starre Vorgaben für einzelne Materialhersteller sollten vermieden, Alternativaufbauten zugelassen und Spezialmaterialien kritisch hinterfragt werden. Bei unverzichtbaren Materialien kann eine Doppelqualifikation sinnvoll sein.

Ebenso wichtig sind langfristige Bedarfsplanungen, Rahmenaufträge, abgestimmte Sicherheitsbestände und definierte Eskalationsprozesse. Unternehmen sollten mögliche Alternativmaterialien und Designänderungen vorbereiten, bevor eine Lieferkette tatsächlich unterbrochen wird.

Schaarschmidt warnte zugleich vor Panikkäufen. Überzogene Bevorratung könne den Markt erneut in eine Situation wie 2020 und 2021 treiben. Resilienz entstehe durch Transparenz und strategische Partnerschaften, weniger durch kurzfristige Bestandsmaximierung.

Der Chips Act muss die gesamte Elektronik-Wertschöpfung berücksichtigen

Thomas Michels von Ilfa und Clemens Otte vom ZVEI erläuterten, warum ein erweiterter Chips Act neben Halbleitern auch Leiterplatten und EMS als strategische Bestandteile der europäischen Elektronik-Wertschöpfung berücksichtigen muss.

Thomas Michels von Ilfa und Clemens Otte vom ZVEI warben für eine Erweiterung des europäischen Chips Act. Halbleiter allein bilden keine funktionsfähige Elektronik. Benötigt werden ebenso Sensoren, passive und elektromechanische Bauelemente, Leiterplatten und Fertigungskapazitäten bei OEMs und EMS.

Der europäische Bedarf an Leiterplatten könnte nach den vorgestellten Berechnungen zwischen 2025 und 2040 um den Faktor 2,3 wachsen. Besonders starke Zuwächse werden für Datacenter mit dem Faktor neun, Aerospace and Defence mit dem Faktor vier sowie Industrieprodukte und Medizintechnik mit dem Faktor drei erwartet. Automotive, Energie und Consumer-Elektronik könnten sich etwa verdoppeln.

Zu den politischen Kernforderungen gehören die Ausweitung des Chips Act auf die gesamte Wertschöpfung, der Abbau von Zöllen auf Basismaterialien und eine stärkere europäische Beschaffung bei Verteidigung und kritischer Infrastruktur.

Ein Chips Act 2 könnte erstmals PCB- und EMS-Projekte systematisch berücksichtigen. Entscheidend bleibt, ob Förderverfahren schneller, einfacher und auch für mittelständische Unternehmen zugänglich werden.

Vertikale Integration soll Abhängigkeiten reduzieren

Alexander Hagemann, CEO von Cicor, stellte vertikale Integration als strategischen Vorteil vor. Der Ansatz umfasst bei Cicor Entwicklung und Design, Fertigung elektronischer Baugruppen sowie eigene Substrat- und Leiterplattentechnologien.

Cicor adressiert insbesondere Industrieelektronik, Medizintechnik sowie Aerospace and Defence. Das Unternehmen verbindet damit ein High-Mix-Low-Volume-Modell mit einer paneuropäischen Präsenz und zusätzlichen Standorten in Asien und den USA.

Zwischen 2020 und 2025 wuchs der Umsatz im Durchschnitt um 24 Prozent pro Jahr. Ein großer Teil dieses Wachstums entstand durch Übernahmen. Für 2026 plante Cicor mit 24 Produktionsstandorten in elf Ländern und einem Umsatz von rund 790 Millionen Euro.

Die strategische Logik reicht über reine Größe hinaus. Wer Entwicklung, Fertigung, Test, Leiterplatten und Lifecycle-Services verbindet, kann Kunden früher im Produktentstehungsprozess unterstützen. Die Zusammenarbeit wird enger, Wechselkosten steigen und zusätzliche Leistungen lassen sich über den gesamten Produktlebenszyklus anbieten.

Vertikale Integration verlangt jedoch Kapital, Managementkapazität und die Fähigkeit, unterschiedliche Technologien und Standorte tatsächlich zusammenzuführen. Eine bloße Sammlung von Unternehmen schafft noch keine integrierte Plattform.

Mittelständische EMS müssen gleichzeitig an vier Fronten handeln

Milosch Fürst von Fritsch Elektronik und Marc Albin Alge von alge electronic betrachteten die Lage aus der Perspektive mittelständischer EMS. Ihr Vortrag konzentrierte sich auf vier Themen: künstliche Intelligenz, Supply-Chain-Management, Mitarbeiter und Working Capital.

Bei KI lautete die These: Der Hype ist groß, der praktische Einsatz wird dennoch unverzichtbar. Anwendungsmöglichkeiten reichen von Kalkulationssoftware und Feinplanung über kamerabasierte Montagesysteme bis zur AOI-Programmierung. Fritsch entschied sich nach dem Verlust einer Schlüsselmitarbeiterin für eine KI-gestützte Feinplanung. Bei 60 Kunden, 1.200 Baugruppentypen und 45.000 Arbeitsgängen pro Jahr sollte Wissen stärker systematisiert und die Planung robuster werden.

Zwei Männer stehen in einem Konferenzraum vor einer Leinwand und sprechen miteinander.
Marc Albin Alge und Milosch Fürst diskutierten, wie mittelständische EMS mit KI, Lieferkettenrisiken, Fachkräftemangel und hoher Kapitalbindung umgehen können.

Im Einkauf bleibt die Fähigkeit, Bauteile zu beschaffen, Risiken zu bewerten und Alternativen zu finden, ein Differenzierungsmerkmal. Mit zunehmender Digitalisierung und stärker integrierten Plattformen könnte sich dieser Vorteil allerdings verändern.

Beim Thema Personal ging es um den Verlust von Erfahrungswissen, den Wettbewerb um Fachkräfte und die Frage, wie Unternehmen Prozesse weniger abhängig von einzelnen Personen machen können. Digitalisierung und KI können Wissen sichern, ersetzen jedoch keine Führungsarbeit und keine qualifizierten Mitarbeiter.

Die vierte Herausforderung ist die Liquidität. Hohe Lagerbestände, schwankende Abrufe und lange Zahlungsziele binden Kapital. Working-Capital-Management entwickelt sich damit zu einer strategischen Fähigkeit. Unternehmen mit ausreichender Finanzierung können Engpässe besser überstehen und Chancen schneller nutzen.

Mehr als 120 Übernahmen in fünf Jahren

Ein Mann hält einen Vortrag vor einer Projektionsleinwand in einem Konferenzraum; Zuhörer sind unscharf im Vordergrund zu sehen.
Simon Majer von Raymond James zeigte, wie Übernahmen, neue Fähigkeiten und der Zugang zu attraktiven Marktsegmenten die Konsolidierung im europäischen EMS-Markt vorantreiben.

Simon Majer von Raymond James zeigte, wie schnell die Konsolidierung im europäischen EMS-Markt voranschreitet. In den vergangenen fünf Jahren wurden mehr als 120 EMS-Unternehmen in Europa und Nordamerika übernommen.

Käufer suchen dabei kaum noch reine Produktionskapazität. Im Mittelpunkt stehen zusätzliche Fähigkeiten, neue Regionen und attraktive Marktsegmente. Entwicklung, New Product Introduction, Test, Zertifizierung und Lifecycle-Services erhöhen Margen und Kundenbindung. Besonders gefragt sind Unternehmen mit Zugang zu Datacentern oder Verteidigung.

Für kleinere EMS ergeben sich nach Majers Darstellung drei grundsätzliche Wege: Sie können selbst zum Konsolidierer werden, sich einer größeren Gruppe anschließen oder eigenständig weiterarbeiten. Die erste Option benötigt Finanzkraft und Erfahrung bei Transaktionen. Die zweite kann sinnvoll sein, wenn Ressourcen für die nächste Entwicklungsstufe fehlen. Der eigenständige Weg wird schwieriger, je größer die entstehenden Gruppen werden.

Dass strategisch attraktive Marktpositionen hohe Bewertungen erreichen können, zeigen Transaktionen im Verteidigungs- und High-Reliability-Umfeld. Mehrere Deals erreichten Multiplikatoren um das Zehnfache des EBITDA.

Digitalisierung beginnt bei Prozessen und Daten

Gerd Ohl von Limtronik beschrieb den Weg vom Elektronikfertiger zur Smart Factory als langfristige Entwicklung. Am Standort Limburg begann die Digitalisierung bereits in den 1990er-Jahren mit Track-and-Trace-Systemen. Später kamen ERP, MES, vernetzte Maschinen, Echtzeitdaten und erste KI-Anwendungen hinzu.

Der praktische Nutzen liegt in geringeren Fehlerkosten, transparenteren Prozessen, einer besseren Rückverfolgbarkeit und einer engeren Verbindung von Produktion und Supply Chain. Digitale Zwillinge und KI-Anwendungen benötigen diese Datenbasis.

Zu den konkreten Anwendungen gehören automatisiertes Bad-Board-Handling, digitale Angebotsbearbeitung, Stücklistenanalyse, KI-gestützte End-of-Life-Prüfungen, Nachkalkulationen, BI-Auswertungen sowie Predictive Maintenance für Feeder und Düsen. Auch CO₂-Daten lassen sich einzelnen Produkten und Aufträgen zuordnen.

Ohl machte damit deutlich, dass Digitalisierung kein einzelnes IT-Projekt ist. Sie entsteht schrittweise, indem Datenquellen verbunden, Abläufe standardisiert und manuelle Nebenprozesse reduziert werden.

Geschäftsmodelle müssen zur Unternehmensgröße passen

Alexander Fey von Roland Berger schloss den Tag mit einem Blick auf die Geschäftsmodelle der EMS-Industrie. Roland Berger erwartet, dass der globale Markt von rund 490 Milliarden Euro im Jahr 2024 auf etwa 560 Milliarden Euro im Jahr 2029 wächst. Treiber sind Elektrifizierung, zusätzliche Auslagerung durch OEMs, Re- und Nearshoring sowie eine Ausweitung des Leistungsangebots.

Das Wachstum im klassischen europäischen EMS-Geschäft bleibt jedoch auf bestimmte Segmente konzentriert. Gute Perspektiven bestehen vor allem in Defence und Medizintechnik. In vielen Industrieanwendungen ist der Outsourcing-Anteil bereits hoch, weshalb zusätzliche Verlagerungen begrenzt bleiben.

Auch der Austausch mit dem Publikum gehörte zum Forum: In den Fragerunden wurden Marktdaten, Lieferkettenrisiken und strategische Optionen aus Sicht der Unternehmen vertieft.

Fey betonte, dass Kunden und EMS hinsichtlich ihrer Größe zueinander passen müssen. Große Anbieter konzentrieren sich bevorzugt auf hohe Volumina und internationale Kunden. Kleinere und mittlere EMS können durch Nähe, Flexibilität und intensive Betreuung punkten. Gerade komplexe Entwicklungsprojekte mit geringen Stückzahlen sind für sehr große Fertiger häufig wenig attraktiv.

Zugleich treten neue Wettbewerber in den Markt ein. Automobilzulieferer und OEM-nahe Unternehmen nutzen freie Kapazitäten oder bauen durch Übernahmen eigene EMS-Angebote auf. Dadurch wächst der Druck auf klassische Build-to-Print-Anbieter.

Roland Berger unterscheidet mehrere Entwicklungspfade: vom lokalen Spezialisten über regionale Turnkey-Anbieter bis zum globalen Supply-Chain-Orchestrator oder einem an Joint Design Manufacturing angelehnten Modell. Welche Richtung sinnvoll ist, hängt von Kundengröße, Branchenfokus, geografischer Präsenz und vorhandenen Kompetenzen ab.

Eine Branche unter Druck – und dennoch voller Zuversicht

Das in4ma EMS & PCB-Forum zeigte eine Industrie mit stark gegenläufigen Entwicklungen. Weltweit erzeugen KI, Cloud Computing und Rechenzentren ein enormes Wachstum. Die größten Profiteure sitzen in Taiwan und China und bedienen Märkte mit Volumina, die für viele europäische Anbieter kaum erreichbar sind.

In Europa dominieren rückläufige Umsätze, hohe Kosten und eine wachsende Zahl an Unternehmensschließungen. Besonders kleine EMS stehen unter Druck. Gleichzeitig eröffnen Defence, Medizintechnik, anspruchsvolle Industrieanwendungen und zusätzliche Engineering-Leistungen neue Perspektiven.

Die Vorträge machten deutlich, dass es keine einzelne Antwort gibt. Europäische EMS müssen ihre Lieferketten absichern, Daten besser nutzen, Liquidität steuern, Fachwissen erhalten und ihre Position in der Wertschöpfung ausbauen. Für manche Unternehmen bedeutet das Spezialisierung, für andere vertikale Integration, Internationalisierung oder den Anschluss an eine größere Gruppe.

Trotz der schwierigen Zahlen war in Würzburg wenig von Resignation zu spüren. Die Branche diskutierte ihre Probleme offen, gelegentlich hart, häufig mit Humor. Man kennt sich, widerspricht sich und trifft sich spätestens in der nächsten Kaffeepause wieder.

Vielleicht passte deshalb auch der ungewöhnliche Beginn des Tages so gut. Es war eng, die Technik bereitete Probleme und für einige Minuten ging es weder vor noch zurück. Am Ende erreichten trotzdem alle den Saal. Die europäische EMS- und PCB-Branche steht vor einer ähnlichen Aufgabe: handlungsfähig bleiben, gemeinsam nach Lösungen suchen und dort ankommen, wo sich die nächsten Chancen eröffnen.