Sustainability Gate 2026

Warum ESG in der Elektronik wirtschaftlich werden muss

Beim Sustainability Gate der Silicon Saxony Days 2026 diskutierten Andreas Ernst, Merlin Reingruber und Rui Duarte, wie ESG in der Elektronikindustrie praktisch wirken kann. Im Mittelpunkt standen nicht Berichtspflichten, sondern wirtschaftliche Hebel: Energieeffizienz, Lieferkettendaten, sekundäre Rohstoffe, Design for Sustainability und Kreislaufwirtschaft.

Vier Personen stehen an Stehtischen und diskutieren bei einem Live-Talk über ESG vor einer Präsentationswand.
Beim Live-Talk „ESG That Pays Off: Practice Over Principles“ diskutierten Vertreter aus Industrie und Beratung, wie Nachhaltigkeit vom Pflichtprogramm zum wirtschaftlich sinnvollen Steuerungsinstrument werden kann.

Nachhaltigkeit darf in Unternehmen kein Selbstzweck sein. Diese Botschaft zog sich durch die Paneldiskussion „ESG That Pays Off: Practice Over Principles“ beim Sustainability Gate der Silicon Saxony Days 2026. Moderiert von Petra Gottwald diskutierten Andreas Ernst, Senior Director Global Quality Management bei ASMPT, Merlin Reingruber von Symtronics und Rui Duarte von Elocompanion darüber, wie ESG vom regulatorischen Pflichtprogramm zum praktischen Steuerungsinstrument werden kann.

Schon zu Beginn setzte Gottwald den Rahmen der Diskussion. ESG stehe für Environmental, Social and Governance, sei aber mehr als ein abstraktes Rahmenwerk. „ESG ist keine Theorie. ESG muss liefern“, brachte sie den Anspruch sinngemäß auf den Punkt. Genau darum ging es im Panel: Nachhaltigkeit soll nicht vor allem aus möglichst vielen Maßnahmen bestehen, sondern aus den richtigen Entscheidungen an den richtigen Stellen.

Warum ESG kein reiner Kostentreiber ist

Andreas Ernst machte deutlich, dass ESG aus Unternehmenssicht durchaus zunächst Aufwand bedeutet. Wer regulatorische Anforderungen ignoriert, Lieferkettenrisiken unterschätzt oder soziale Standards vernachlässigt, riskiere jedoch langfristig höhere Kosten. „Nachhaltigkeit kostet manchmal Geld. Aber am Ende des Tages hilft sie, Risiken und Kosten zu reduzieren“, sagte Ernst sinngemäß.

Bei ASMPT zeigt sich der wirtschaftliche Hebel unter anderem bei der Energieeffizienz von Maschinen. Da SMT-Produktionsanlagen häufig rund um die Uhr laufen, wirken sich Verbesserungen im Energieverbrauch direkt auf Betriebskosten und CO₂-Bilanz aus. Ernst verwies zudem auf recycelte Kunststoffe und Design-for-Environment-Ansätze. Nachhaltigkeit könne damit langfristig Kosten senken, Risiken reduzieren und die Wettbewerbsfähigkeit stärken.

Wie zirkuläres Zinn zum Praxisbeispiel wurde

Merlin Reingruber brachte die Perspektive eines Elektronikfertigers ein. Sein zentrales Beispiel war der Einsatz von sekundärem Zinn in der Elektronikproduktion. Zinn ist für Lötprozesse unverzichtbar und zugleich ein kritischer Rohstoff in der Lieferkette. Reingruber schilderte, dass die Umstellung auf zirkuläres Zinn mehrere Jahre gedauert und zunächst Investitionen erfordert habe.

Inzwischen sei der Einsatz von sekundärem Zinn jedoch nicht teurer als Primärmaterial. „Wir können heute sagen: Sekundäres Zinn ist nicht teurer als Zinn, das aus der Erde kommt“, erklärte Reingruber sinngemäß. Besonders wichtig sei dabei Zusammenarbeit. Wenn mehrere EMS-Unternehmen und weitere Akteure gemeinsam beschaffen und Wissen teilen, sinken Einstiegshürden und Kosten. Genau hier setzt das Ökosystem Symtronics an, das Unternehmen aus Entwicklung, Fertigung und Recycling zusammenbringt.

Zugleich betonte Reingruber den Marktwert solcher Maßnahmen. Wer glaubwürdig zeigen könne, dass Kreislaufwirtschaft in der Elektronikproduktion funktioniert, gewinnt nicht nur ökologisch, sondern auch kommunikativ und strategisch.

ESG als Kompass durch Krisen

Rui Duarte rückte den Blick auf kleine und mittlere Unternehmen. Viele Firmen nähmen ESG zunächst als regulatorische Belastung wahr. Häufig gehe es zuerst um die Frage: Spart mir das Geld? Seine Antwort fiel klar aus: Ja, wenn Unternehmen ESG nicht als Pflichtübung verstehen, sondern als Werkzeug zur besseren Steuerung.

„ESG kann ein Kompass sein, um besser durch Krisen zu kommen – etwa bei Energiepreisen, Materialverfügbarkeit und Lieferkettenrisiken“, sagte Duarte sinngemäß. Gerade bei Energieeffizienz, Materialpreisen, Lieferkettenvolatilität und langfristigen Investitionsentscheidungen könne ESG helfen, robuster zu werden. Entscheidend sei, nicht pauschal Maßnahmenkataloge abzuarbeiten, sondern die eigene Wertschöpfungskette zu analysieren und relevante Hebel zu identifizieren.

Ohne Daten bleibt Nachhaltigkeit Stückwerk

Ein weiterer Schwerpunkt der Diskussion war die Rolle von Daten und Digitalisierung. Die Panelisten waren sich einig: Nachhaltigkeit lässt sich ohne belastbare Daten kaum skalieren. In der Praxis liegen Informationen aus Lieferketten heute jedoch oft in sehr unterschiedlichen Formaten vor – als PDF, Excel-Datei, Datenbankeintrag oder Schätzung.

Andreas Ernst plädierte dafür, dennoch mit vorhandenen Daten zu arbeiten. Sie seien nicht immer perfekt, könnten aber bereits helfen, die richtige Richtung einzuschlagen. Wichtig sei, dass Unternehmen zunächst auch die eigenen Daten im Griff haben, bevor sie immer detailliertere Informationen von Lieferanten verlangen.

Rui Duarte formulierte das Problem aus Beratungssicht: Viele Unternehmen sammeln zwar Daten, nutzen sie aber nicht strategisch. Entscheidend sei, Hotspots zu erkennen und daraus konkrete Entscheidungen abzuleiten. Digitalisierung und KI könnten künftig helfen, Daten aus der Lieferkette besser auszuwerten und Maßnahmen gezielter zu priorisieren.

Der größte Hebel liegt oft im Design

Beim Thema Scope 3 und Total Cost of Ownership wurde deutlich, dass viele Nachhaltigkeitseffekte früh im Produktlebenszyklus entschieden werden. Rui Duarte verglich dies sinngemäß mit Erziehung: Was am Anfang nicht mitgedacht werde, lasse sich später nur schwer korrigieren. Für Unternehmen bedeutet das: CO₂-Emissionen, Materialwahl, Reparierbarkeit, Energieverbrauch und Kreislauffähigkeit müssen bereits im Designprozess berücksichtigt werden.

Auch Reingruber sieht hier Nachholbedarf. Entwicklerinnen und Entwickler seien an Design for Cost, Design for Manufacturing oder Design for Test gewöhnt. Design for Sustainability müsse ähnlich selbstverständlich werden. Dabei gehe es etwa um die Frage, ob Baugruppen reparierbar sind, welche Materialien verwendet werden, wie gut sich Produkte recyceln lassen und wie viel CO₂ durch bestimmte Designentscheidungen entsteht.

Ernst ergänzte aus Sicht des Maschinenbaus, dass vor allem die Nutzungsphase der Maschinen entscheidend sei. Wenn Anlagen über Jahre hinweg 24 Stunden am Tag laufen, zählt jede eingesparte Kilowattstunde.

Mitarbeitende müssen den Wandel verstehen

Nachhaltigkeit ist jedoch nicht allein eine Frage von Daten, Lieferketten und Technik. Reingruber zeigte mit einem ungewöhnlichen Beispiel, wie wichtig das Mindset der Mitarbeitenden ist. Um Kreisläufe greifbarer zu machen, brachte sein Unternehmen Schafe auf das Firmengelände. Was zunächst kurios wirkte, sollte Kreislaufwirtschaft in der Natur sichtbar machen: Aus organischem Material entsteht Boden, aus Boden entsteht neues Wachstum.

Das Beispiel zeigt, dass Nachhaltigkeit in Unternehmen erklärt, erlebt und übersetzt werden muss. Nur wenn Mitarbeitende verstehen, warum Prozesse verändert werden, können sie diese Veränderungen auch mittragen.

Greenwashing wird schwerer

Auf die Frage, wie sich echte Nachhaltigkeit von Greenwashing unterscheiden lässt, verwies Andreas Ernst auf zunehmende Transparenzanforderungen. Wer über Energieverbrauch, erneuerbare Energien oder nachhaltige Materialien spricht, müsse diese Aussagen künftig stärker belegen. Kunden, Audits, Berichtspflichten und Nachweissysteme erhöhen den Druck auf Unternehmen, nicht nur schöne Broschüren zu produzieren.

Duarte ergänzte eine langfristige Perspektive auf verantwortungsvolle Geschäftsmodelle. Unternehmen müssten Entscheidungen nicht nur mit Blick auf den nächsten Bonus oder die nächsten drei Jahre treffen, sondern auf die nächste Generation. Wer Produkte, Investitionen und Geschäftsmodelle so bewertet, verändert automatisch den Maßstab für wirtschaftlichen Erfolg.

Europa hat bei Kreislaufwirtschaft eine Chance

In der globalen Perspektive warnte Andreas Ernst davor, Nachhaltigkeit als rein europäisches Thema zu betrachten. Auch China, Japan, Korea und andere Märkte entwickelten Anforderungen und Standards. Besonders China habe sich bei Umwelt- und Energiethemen stark verändert.

Reingruber sieht für Europa dennoch eine besondere Chance: Kreislaufwirtschaft könnte zu einem Technologiefeld werden, in dem europäische Unternehmen Know-how aufbauen und exportieren. Dafür brauche es Zusammenarbeit, gemeinsame Standards und funktionierende Ökosysteme. Auch der digitale Produktpass könne trotz seines Aufwands ein wichtiges Instrument werden, um Transparenz, Rückverfolgbarkeit und Kreislauffähigkeit systematisch zu verbessern.

Vom Prinzip ins Handeln kommen

Am Ende der Diskussion stand ein pragmatisches Fazit: ESG zahlt sich dann aus, wenn Unternehmen es mit Augenmaß umsetzen. Nachhaltigkeit beginnt nicht bei der Berichtspflicht und endet nicht beim Recycling. Sie entsteht in der Lieferantenauswahl, im Designprozess, in der Materialentscheidung, in der Energieeffizienz, im Datenmanagement und in der Frage, wie konsequent Unternehmen ihre Maßnahmen tatsächlich umsetzen.

Die vielleicht wichtigste Botschaft des Panels lautete daher: Die Frage ist nicht mehr, ob ESG relevant ist. Die entscheidende Frage ist, wie schnell Unternehmen vom Prinzip ins Handeln kommen.