In der LIB-Fertigung entstehen Brandrisiken entlang der gesamten Prozesskette. Eine risikobasierte Strategie ergänzt bauliche und anlagentechnische Maßnahmen um Prozesssicherheit, Überwachung und definierte Reaktionswege.
Manuel ObertManuelObert
4 min
LIB-Zellen sind der Gefahr eines thermischen Durchgehens ausgesetzt – nicht nur in kritischen Phasen des Herstellungsprozesses, sondern auch während des Gebrauchs.Siemens
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Brandschutz in der Batteriezellfertigung beginnt nicht erst
mit der Löschanlage. Er beginnt bei stabilen Prozessen, klaren
Qualitätskriterien und einer Fertigung, die kritische Abweichungen frühzeitig
erkennt, analysiert und ggf. beseitigt. Für Hersteller liegt genau darin der
größte Hebel.
In der Batteriezellfertigung entwickeln sich Brandrisiken
überall dort, wo energiereiche Materialien, enge Toleranzen, Lösemittel,
Wärmeeintrag, manuelle Prozesse („Human Factor“) und automatisierte Anlagen
aufeinandertreffen. Weil sie selten isoliert auftreten, können punktuelle, auf
bauliche Maßnahmen beschränkte Mechanismen keinen ausreichenden Schutz bieten.
Fehler wirken oft über mehrere Prozessschritte hinweg. Kleine Defekte, die in
einem frühen Stadium unentdeckt bleiben, können später gravierende Folgen
haben. Eine belastbare risikobasierte Brandschutzstrategie bewertet daher nicht
nur einzelne Anlagenteile, sondern die gesamte Prozesskette. Daraus folgen
konkrete Auslegungskriterien, maßgeschneiderte Brandschutzmaßnahmen, definierte
Prüfanforderungen und ein robustes Abweichungs- und Eskalationsmanagement. Für
Hersteller empfiehlt sich deshalb, das klassische Brandschutzkonzept um
Prozess- sowie Maschinensicherheit zu ergänzen und eine integrierte,
risikobasierte Strategie zu entwickeln. Wichtig sind hierbei die Besonderheiten
der drei Hauptbereiche in der LIB-Zellfertigung: Elektrodenfertigung,
Zell-Assemblierung und Zell-Finishing.
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Brandschutz als Teil der Fertigungsstrategie
Im ersten Produktionsabschnitt, wie z. B. beim Mischen,
Beschichten, Trocknen und Kalandrieren spielen organische Lösemittel, hohe
Temperaturen, mechanische Beanspruchung und elektrostatische Entladungen eine
zentrale Rolle. Sensible Materialien und Rohstoffe treffen auf mögliche
Zündquellen. Eine Reduktion der Zündquellen trägt ebenso zur Sicherheit bei wie
die Verwendung qualifizierter Rohstoffe und deren definierte Handhabung und Lagerung.
Ebenso wichtig sind passende Absaug- und Lüftungskonzepte sowie eine
kontinuierliche Qualitätssicherung, die Abweichungen früh erkennt und bei
Bedarf beseitigt. Das verringert das Risiko, dass sich Defekte in nachgelagerte
Schritte übertragen und die spätere Zellsicherheit gefährden.
Welche Risiken bestehen in der Elektrodenfertigung?
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Prozessschritt: Einfüllen des Elektrolyts. Die Brandgefahr geht hier hauptsächlich vom brennbaren Elektrolyt aus.Siemens
In der Zellassemblierung werden die Zellen erstmals befüllt.
Hier besteht ein Risiko im Umgang mit dem flüssigen, leicht entzündlichen
Elektrolyt. Dieses Risiko erhöht sich schon durch kleine Leckagen oder
Fehlbefüllungen. Problematisch wird die Situation, wenn zusätzliche
Wärmeeinträge, etwa beim Schweißen oder Kontaktieren, auftreten. Der Prozess
des Befüllens sollte deshalb kontinuierlich geprüft und überwacht werden – zum
Beispiel anhand des Benetzungsgrades – und strenge Freigaberegelungen für
Parameteränderungen einhalten.
Prozessschritte wie z. B. das Vereinzeln, Stapeln und
Verpacken der befüllten Zellen sind anfällig für mechanische Belastungen und
technische Störungen, die zu Funkenbildung und Beschädigungen führen können.
Prozessschritt: Einfahren. Die Zellen werden über einen Zeitraum von mehreren Tagen mehrmals geladen und entladen. Fehler aus früheren Schritten können in dieser Phase sehr leicht zu Bränden führen.Siemens
Zellassemblierung und der Umgang mit Elektrolyt
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Wenn im Prozessschritt Formierung die Zellen erstmals
geladen werden, steigt das Brandrisiko erheblich. Jeder Defekt, etwa beschädigte
Separatoren oder eine fehlerhafte Elektrolytbefüllung, kann hier ein thermisches
Durchgehen (engl. „Thermal Runaway“) auslösen. Diese unkontrollierte,
selbstverstärkende Kettenreaktion im Zellinneren, ausgelöst durch z. B.
Kurzschlüsse oder thermische Beanspruchung, kann zu Feuer, Explosionen unter
Freisetzung toxischer Rauchgase führen. Thermisches Durchgehen ist deshalb so
kritisch, weil es, einmal gestartet, als selbsterhaltende exotherme Reaktion,
nicht zu stoppen ist. Schutzkonzepte müssen deshalb vor allem die Früherkennung
adressieren, den Prozess räumlich begrenzen, die Ausbreitung auf andere
Bereiche verhindern sowie Notfallmaßnahmen definieren. Alle Sensor- und
Alarmierungssysteme müssen jederzeit funktionsfähig und verfügbar sein. Auch
schleichende Verschmutzung und die Alterung aller Komponenten beeinträchtigen
die Sicherheit.
Um den mit hohen Risiken behafteten Herstellungsprozess zu sichern, sind maßgeschneiderte Maßnahmen in den Bereichen Bau-, Prozess- und Maschinensicherheit sowie im betrieblichen Brandschutz erforderlich.Siemens
Wie lässt sich das Risiko im Aging reduzieren?
Die Reifung (Aging) erfordert ebenfalls spezielle
Aufmerksamkeit. Viele bereits geladene Zellen lagern in diesem Schritt in
verschiedenen Temperaturzonen. Nicht überall ist ein Batteriemanagementsystem
(BMS) vorhanden, welches diese Phase beinhaltet beziehungsweise dauerhaft
überwacht. Entscheidend sind hier eine möglichst frühe Detektion, klar
definierte Alarmwege und wirksame Maßnahmen zur Begrenzung und Beherrschung
eines möglichen Brandereignisses. Mit dieser Verzahnung aus Überwachung und
Notfallorganisation lässt sich das spezifische Risiko dieses Prozessschritts
deutlich auf ein akzeptables Maß reduzieren.
Aging ist eine der risikoreichsten Phasen des Prozesses. Es müssen in allen Bereichen des Brandschutzes Maßnahmen ergriffen werden, um sicherzustellen, dass diese Phase sicher durchgeführt wird.Siemens
Die risikobasierte Brandschutzstrategie kann als Grundlage
für die engmaschige Überwachung und dem gezielten Brandschutz beider Schritte
dienen und definiert Freigaben und Qualitätskriterien für einen
Produktionsstopp oder Notfall. Die lückenlose Rückverfolgbarkeit der gesamten
Charge und aller Prozesse bildet die Basis für eine wirksame Eindämmung der
Risiken. Für alle Abweichungen sollten klare Regeln definiert sein.
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Der rechtliche
Rahmen: Vorgaben durch risikobasierte Strategie ergänzen
Seitens des Baurechts sind in Deutschland bei der
LIB-Zellfertigung vor allem die Musterbauordnung (MBO) mit
den einzelnen Landesbauordnungen, die Muster-Verwaltungsvorschrift Technische
Baubestimmungen (MVV TB) und Sonderbauvorschriften wie z. B. die
Muster-Industriebaurichtlinie relevant.
Die risikobasierte Brandschutzstrategie stützt sich
methodisch h auf die Regelwerke EN ISO 19353:2019 (Sicherheit von Maschinen -
Vorbeugender und abwehrender Brandschutz) und DIN EN ISO 12100:2011 (Sicherheit
von Maschinen - Allgemeine Gestaltungsleitsätze - Risikobeurteilung
und Risikominderung).
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Neben den genannten prozess- maschinen und
brandschutzbezogenen Regelwerken sind für LIBs in Elektrofahrzeugen auch
Prüfnormen wie die IEC 62660 (Lithium-Ionen-Sekundärzellen für den
Antrieb von Elektrostraßenfahrzeugen) mit ihren Teilen 1-3 zu beachten: IEC 62660-1
Leistungs- und Lebensdauerprüfungen, IEC 62660-2 Prüfungen zu Zuverlässigkeit
und Missbrauchsverhalten von Zellen sowie IEC 62660-3 Sicherheitsanforderungen
für Lithium-Ionen-Zellen und Zellblöcke. Ergänzend sind auch die ISO 14001
(bezüglich Umweltmanagementsysteme) die ISO 45001 (bezüglich des
Arbeitsschutzes und sicherer Arbeitsbedingungen) und die EU-Batterieverordnung
(EU) 2023/1541 (bezüglich der Informations- und Nachhaltigkeitsanforderungen
sowie dem Inverkehrbringen von LIB im europäischen Markt) von Relevanz für die
Zellfertigung.
Allerdings deckt kein derzeit bestehendes Regelwerk auf
Prozess- und Maschinenebene die spezifischen Brandrisiken in Verbindung mit LIB‑Zellen
vollumfänglich ab. Die Risiken entstehen hier im Zusammenspiel von Maschine,
Prozess und Endprodukt. Diese Tatsache verdeutlicht den Bedarf für eine risikobasierte
Strategie, die Schadensausmaß, Eintrittswahrscheinlichkeit und die Möglichkeit
zur Vermeidung einer Propagation berücksichtigt.
Bauliche Trennung sowie Detektions- und Löschtechnik
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Ein weiterer wichtiger Hebel ist die bauliche Trennung
kritischer Bereiche. Brandabschnitte begrenzen Ereignisse räumlich und helfen,
die Verfügbarkeit und Redundanz der Gesamtanlage oder einzelner relevanter
Fertigungsbereiche redundant zu gestalten zu sichern. Ebenso wichtig ist eine Detektions- und Löschtechnik, die
auf den jeweiligen Prozess abgestimmt ist. Nur dann lassen sich Sensoren an den
richtigen Stellen platzieren und Auslösewerte sinnvoll festlegen. Hinzu kommen
Kalibrier- und Prüfpläne, eine verlässliche Ersatzteillogistik und ein
strukturiertes Abweichungsmanagement. Auch Lagerung und Verpackung geladener
Zellen verlangen besondere Sorgfalt. Wo viele Zellen über längere Zeit
zusammenliegen, sollte eine räumliche Trennung ebenso gegeben sein wie eine
geeignete Überwachung.
Integrierte Sicherheitskonzepte in der LIB-Fertigung
Die meisten derzeit im Einsatz befindlichen Batteriespeichersysteme enthalten Lithium-Ionen-Zellen. Risikobasierte Brandschutzmaßnahmen während des Herstellungsprozesses schützen die Systeme zudem vor den schwerwiegenden Folgen eines thermischen Durchgehens.Braillegrenate/Shutterstock
Um die wachsende Nachfrage nach LIB-Zellen sicher zu
bedienen, sollten Hersteller beim Brandschutz über klassische, gebäudebezogene
Konzepte hinausgehen. Eine risikobasierte Brandschutzstrategie bezieht auch die
Maschinen- und Prozesssicherheit ein und adressiert gezielt die Risiken jedes
einzelnen Fertigungsschrittes. Ein solches Vorgehen schützt Mitarbeitende und
Umwelt, sichert Investitionen ab und erfüllt Sicherheitsanforderungen. TÜV SÜD
begleitet und unterstützt Unternehmen bei der Erstellung und Umsetzung einer
risikobasierten, integrierten Brandschutzstrategie. (bs)