EMS-Marktumfrage 2026

EMS-Branche zwischen Erholung und neuer Materialkrise

Die EMS-Branche zeigt erste Erholungssignale: Weniger Unternehmen melden Umsatzrückgänge, 74 % erwarten für 2027 Wachstum. Gleichzeitig bleiben Auslastung und Nachfrage  schwach. Im Interview erklärt Michael Künsebeck von EMS Scout, warum strategischer Vertrieb wichtiger wird und weshalb neue Engpässe bei Speicherbausteinen und Leiterplatten die Branche unter Druck setzen.

Automatisierte Maschine in einer Fabrikhalle mit sichtbaren Leiterplatten und einem Bediener im Hintergrund.
Die deutsche EMS-Branche zeigt Mitte 2026 erste Stabilisierungstendenzen. Gleichzeitig bleiben niedrige Auslastung, Materialengpässe und wachsender Wettbewerbsdruck zentrale Herausforderungen für viele Elektronikfertiger.

Die wirtschaftliche Lage der deutschen EMS-Industrie bleibt zur Jahresmitte 2026 angespannt, zeigt gegenüber dem Vorjahr jedoch erste Anzeichen einer Stabilisierung. Das geht aus der dritten Marktumfrage des EMS Scout hervor, an der 136 Unternehmen teilgenommen haben. 43 % der Befragten erzielten in den ersten sechs Monaten 2026 einen niedrigeren Umsatz als im entsprechenden Vorjahreszeitraum. Gleichzeitig berichten andere Marktteilnehmer von steigenden Auftragseingängen und Wachstum.

Der Vergleich mit der vorherigen Erhebung zeigt eine Verschiebung zum Positiven. 2025 lagen noch 61 % der befragten Unternehmen beim Umsatz unter dem jeweiligen Vorjahresniveau. Mitte 2026 beträgt dieser Anteil 43 %. Gleichzeitig stieg der Anteil der Unternehmen mit Umsätzen über Vorjahresniveau von 24 auf 37 %. Weitere 21 % liegen auf dem Niveau des Vorjahres.

Balkendiagramm von EMS-Scout zur Geschäftsentwicklung deutscher EMS-Unternehmen im Halbjahresvergleich.
Die Umsatzlage der EMS-Branche hat sich gegenüber dem Vorjahr verbessert: 43 % der Unternehmen liegen im ersten Halbjahr 2026 unter dem Vorjahresniveau, 37 % darüber. 2025 hatten noch 61 % einen Umsatzrückgang gemeldet.

Niedrige Auslastung bleibt ein Problem

Von einer breiten Erholung kann dennoch kaum die Rede sein. 43 der 136 befragten Unternehmen weisen derzeit eine Produktionsauslastung von weniger als 70 % auf. 37 Unternehmen verfügen zudem lediglich über einen Auftragsbestand von maximal 150 Tagen.

Auch die Erwartungen für das Gesamtjahr spiegeln die weiterhin schwierige Situation wider. 33 % der Unternehmen gehen davon aus, ihr Umsatzziel für 2026 zu verfehlen. Rund 30 % rechnen damit, das Jahr mit einem Umsatzrückgang gegenüber 2025 abzuschließen.

Auffällig ist dabei die zunehmende Spreizung innerhalb der Branche. Selbst Unternehmen mit vergleichbaren Zielmärkten und Kundenstrukturen entwickeln sich teilweise sehr unterschiedlich. Während einige EMS-Dienstleister weiterhin unter geringer Nachfrage, niedriger Auslastung und Preisdruck leiden, melden andere steigende Auftragseingänge und Umsätze.

Optimismus für das zweite Halbjahr und 2027

Für die kommenden Monate hellt sich die Stimmung auf. 52 % der befragten Unternehmen erwarten im zweiten Halbjahr 2026 eine Verbesserung ihrer Geschäftsentwicklung. Noch deutlicher fällt der Blick auf das kommende Jahr aus: 74 % rechnen für 2027 mit steigenden Umsätzen.

Auch hier zeigen die Vergleichsdaten eine Verbesserung. In der vorherigen Befragung erwarteten 47 % ein besseres bis deutlich besseres zweites Halbjahr. Aktuell rechnen nur noch elf Unternehmen mit einer Verschlechterung, während es in der Vorjahresbefragung 20 waren. 54 Unternehmen erwarten eine Entwicklung auf dem Niveau der ersten sechs Monate.

Infografik mit Ringdiagramm zur Kapazitätsauslastung in der Produktion von 2024 bis 2026.
Die Produktionskapazitäten vieler EMS-Unternehmen bleiben schwach ausgelastet: 32 % arbeiten mit weniger als 70 % Auslastung, insgesamt liegen 74 % unter der Marke von 90 %. Nur 7 % sind zu mehr als 100 % ausgelastet.

Für 2027 fällt die Erwartung besonders deutlich aus: 38 % der Befragten rechnen sogar mit einem Umsatzwachstum von mehr als 10 %. 21 % erwarten ein weitgehend unverändertes Umsatzniveau, lediglich 6 % gehen von einem Rückgang aus.

Speicher und Leiterplatten rücken wieder in den Fokus

Parallel zur Nachfrageentwicklung beschäftigt die Branche erneut die Materialversorgung. Besonders Speicherbausteine und Leiterplatten rücken laut Umfrage wieder stärker in den Fokus. Gleichzeitig berichten viele Unternehmen weiterhin von schwacher Nachfrage in einzelnen Marktsegmenten und wachsendem Wettbewerbsdruck.

Als Belastungen werden unter anderem nachteilige Kostenstrukturen in Deutschland und Europa sowie ein aggressiver auftretender Wettbewerb aus dem Ausland genannt. Kritisch beurteilen zahlreiche Unternehmen zudem politische und regulatorische Rahmenbedingungen. Bürokratie, zusätzliche Auflagen und steigende Kosten werden zunehmend als Belastung für die internationale Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Elektronikfertigung wahrgenommen.

45 % wollen zusätzliches Personal einstellen

Ein auffälliges Signal liefert die Personalplanung. Trotz der teilweise schwierigen Geschäftslage planen lediglich 10 % der Unternehmen einen Personalabbau. 45 % der befragten EMS-Unternehmen wollen dagegen zusätzliches Personal einstellen.

Damit zeigt die Marktumfrage insgesamt ein widersprüchliches Bild: Die wirtschaftliche Lage bleibt für einen erheblichen Teil der EMS-Unternehmen angespannt, gleichzeitig mehren sich die Hinweise auf eine Stabilisierung. Besonders die zunehmende Spreizung innerhalb der Branche wirft die Frage auf, warum manche Unternehmen bereits wieder wachsen, während andere weiter mit schwacher Nachfrage und niedriger Auslastung kämpfen.

Im Interview ordnet Michael Künsebeck von EMS Scout die Ergebnisse der Marktumfrage ein. Er spricht über die Bedeutung einer strategischen Vertriebsarbeit, die Erwartungen für 2027, den Einfluss neuer Materialengpässe, die Personalplanung und den zunehmenden Wettbewerbsdruck auf deutsche EMS-Unternehmen.

Ihre Umfrage zeigt eine immer stärkere Spreizung innerhalb der EMS-Branche. Was unterscheidet aus Ihrer Sicht derzeit die Unternehmen, die bereits wieder wachsen, von denen, die weiterhin mit schwacher Nachfrage und niedriger Auslastung kämpfen?

Diese Frage ist nicht einfach zu beantworten. Aus unserer Sicht liegt ein Grund in der strategischen Ausrichtung der Unternehmen. Wir erleben immer noch viele Anbieter, die von wenigen Kunden und teilweise alten Baugruppen abhängig sind und wenig aktive Kundenakquise betreiben. Unternehmen, die ihre Vertriebsarbeit seit Jahren strategisch angehen und auf ein breites Kundenportfolio gesetzt haben, profitieren aktuell und wachsen.

Balken- und Kreisdiagramm zu Umsatzerwartungen von Unternehmen für das zweite Halbjahr 2025 auf weißem Hintergrund.
Die Stimmung hellt sich auf: 52 % der befragten EMS-Unternehmen erwarten im zweiten Halbjahr 2026 eine bessere Geschäftsentwicklung. Lediglich elf Unternehmen rechnen mit einer Verschlechterung.

Natürlich kommt es auch darauf an, dass die Kunden in den richtigen Wachstumsmärkten unterwegs sind. Der Maschinenbau ist derzeit eher schwierig, wohingegen sich viele Bereiche in der Sensorik bereits erholen. Märkte wie Medizin oder Verteidigung sind ebenfalls eher Wachstumstreiber, wobei sich auch das nicht pauschalisieren lässt.

74 % der befragten Unternehmen erwarten für 2027 steigende Umsätze. Worauf basiert dieser Optimismus konkret – sehen die Unternehmen bereits steigende Anfragen und Auftragseingänge oder ist das bislang vor allem eine Erwartung an eine konjunkturelle Erholung?

Eine Mischung aus beidem, würde ich sagen. Die Bestelleingänge nehmen zu und auch die Anfragen steigen wieder. Viele Kunden haben lange gebraucht, die hohen Bestände aus der letzten Materialkrise abzubauen. Aber auch steigende Lieferzeiten und Materialengpässe haben bereits ersten Einfluss auf die Auftragsbestände.

Diese Faktoren sind messbar. Anders sieht es mit dem Optimismus aus. Auch im letzten Jahr war die Wachstumserwartung für 2026 bereits hoch. Dies hat sich bisher allerdings nicht in Gänze bestätigt und viele Unternehmen hoffen nun, dass es langsam wieder besser wird.

Aus unserer Sicht ist dabei auch viel Optimismus im Spiel, da nach unseren Erfahrungen viele Unternehmen nicht ausreichend mit ihren Kunden sprechen und sich zu wenig mit deren Märkten und Produkten auseinandersetzen. Kurz gesagt: Die aktive Vertriebstätigkeit wird noch immer zu stark vernachlässigt.

Gleichzeitig liegt die Produktionsauslastung bei vielen Unternehmen weiterhin auf einem niedrigen Niveau. Wann erwarten Sie, dass sich eine mögliche Nachfragebelebung tatsächlich in einer höheren Auslastung bemerkbar macht?

Die Unternehmen erwarten diese Belebung und damit auch eine steigende Auslastung bereits für das 2. Halbjahr und noch stärker für 2027. Vieles wird aber nicht allein an einer stärkeren Erholung der Wirtschaft und der Nachfrage liegen.

Die Materialengpässe nehmen wieder stark zu und sorgen sehr wahrscheinlich erneut für eine Marktverzerrung mit künstlichen Bedarfen, steigenden Umsätzen und später überfüllten Lagern. Vor diesem Hintergrund dürfte die Auslastung der Produktion wieder stark steigen, allerdings nicht zwangsläufig aufgrund einer realen Marktnachfrage.

Besonders auffällig ist die Personalplanung: 45 % wollen zusätzliche Mitarbeiter einstellen, obwohl ein erheblicher Teil der Branche wirtschaftlich noch unter Druck steht. Wie erklären Sie diesen scheinbaren Widerspruch?

Auch hier gibt es mehrere Faktoren. Zunehmend verlassen Mitarbeiter die Unternehmen und gehen in Rente. Diese Stellen müssen nachbesetzt werden. Gleichzeitig wird es schwieriger, geeignetes Personal zu finden.

Viele Unternehmen haben sich darauf eingestellt und agieren bei der Personalsuche langfristiger. Gleichzeitig sehen wir, dass beispielsweise die Digitalisierung dafür sorgt, dass die Unternehmen andere Qualifikationen benötigen und hier investieren.

Eine neue Materialkrise dürfte viele Unternehmen jetzt an die Grenzen bringen, da wir im Vergleich zu der letzten Krise auf fast drei schwache Jahre zurückblicken und die Folgen der letzten Materialverknappung gerade erst wieder hinter uns lassen.

Michael Künsebeck, EMS Scout

Speicherbausteine und Leiterplatten rücken laut Umfrage wieder stärker in den Fokus der Materialversorgung. Zeichnen sich hier bereits konkrete Engpässe, längere Lieferzeiten oder Preissteigerungen ab?

Nach unserer Wahrnehmung sind diese bei den Unternehmen bereits angekommen. Wir müssen die Materialbeschaffung global betrachten, da in Europa viele Bauteile und Leiterplatten nur noch in geringem Umfang hergestellt werden und wir bei Rohstoffen und Vormaterialien insbesondere von Asien abhängig sind.

Während wir in Europa und insbesondere in Deutschland mit schleppender Nachfrage und geringer Produktionsauslastung kämpfen, sieht es im Rest der Welt durchaus anders aus – und das schon seit längerer Zeit.

Hinzu kommt der immense Bedarf an Hardware für das KI-Thema. Die Nachfrage nach Halbleitern wie Speicherbausteinen, aber auch nach komplexen Leiterplatten, ist seit einigen Monaten hoch und dies bekommen wir immer mehr zu spüren.

Während wir mit Halbleitern auch in der letzten Materialverknappung zu kämpfen hatten, sind die Probleme mit Leiterplatten dieses Mal neu. Ein Grund liegt darin, dass wir in Europa kaum noch Leiterplatten selbst herstellen und bei den Basismaterialien entsprechend dünn aufgestellt sind. Asien dominiert hier den Markt bei gleichzeitig immenser Nachfrage, insbesondere getrieben durch KI-Anwendungen und neue Rechenzentren.

Präsentationsfolie mit Kreisdiagramm und Umsatzerwartungen für 2027.
Für 2027 überwiegt der Optimismus deutlich: 74 % der EMS-Unternehmen erwarten steigende Umsätze, 38 % rechnen sogar mit einem Wachstum von mehr als 10 %. Nur 6 % gehen von einem Umsatzrückgang aus.

Viele Unternehmen nennen Kostenstrukturen, internationalen Wettbewerbsdruck, Bürokratie und regulatorische Belastungen als Problem. Welche dieser Faktoren bedrohen die Wettbewerbsfähigkeit deutscher EMS-Unternehmen aktuell am stärksten?

Wir glauben nicht, dass es sich auf einen Faktor beschränken lässt. Es ist die Mischung aus schwacher Nachfrage, steigenden Kosten durch beispielsweise den Anstieg beim Mindestlohn und den Nachweispflichten insbesondere durch Regelungen aus Brüssel.

Beim Bürokratieabbau wurde zudem viel versprochen und die Erwartungen sind entsprechend hoch. Angekommen ist bei den Unternehmen bisher aber wenig.

Die EMS-Industrie in Deutschland hat immer stärker mit den niedrigeren Löhnen in Osteuropa und den besseren Rahmenbedingungen dort zu kämpfen. Gleichzeitig drängen immer mehr asiatische Wettbewerber auf den Markt, die nicht nur die Leiterplatte, sondern gleich die bestückte Leiterplatte liefern wollen.

Wenn Sie die aktuelle Situation mit Ihren vorherigen Marktumfragen vergleichen: Welche Kennzahl macht Ihnen derzeit am meisten Hoffnung, dass tatsächlich eine Trendwende bevorsteht – und welche Kennzahl mahnt weiterhin zur Vorsicht?

Positiv ist, dass 58 % der Unternehmen im ersten Halbjahr mindestens auf dem Niveau des Vorjahres liegen, wobei 37 % sogar gewachsen sind. Diese Zahlen haben sich gegenüber den letzten beiden Jahren verbessert.

Sorge macht uns weniger eine Kennzahl als die stark steigende Zahl der Meldungen über Probleme bei der Beschaffung. Eine neue Materialkrise dürfte viele Unternehmen an ihre Grenzen bringen, da wir auf fast drei schwache Jahre zurückblicken und die Folgen der letzten Materialverknappung gerade erst hinter uns lassen.

Zusammen mit einer stark schwankenden Nachfrage könnte das für einige Marktteilnehmer existenzbedrohend werden.