Intelligente Automatisierung im Halbleiter- und PCB-Design
Vom Copiloten zum autonomen Agenten: „Fuse EDA AI Agent“ von Siemens beschleunigt die Workflows im Design, steigert die Produktivität steigert und ermöglicht eine intelligente End-to-End-Orchestrierung über den gesamten EDA-Lifecycle.
Niranja SitapureNiranjaSitapureCentral AI Product Manager, Siemens EDA
3 min
Der Fuse EDA AI Agent von Siemens soll Entwicklungsprozesse im Halbleiter- und Leiterplattendesign durch agentische KI automatisieren und die Produktivität von Entwicklungsteams steigern.Siemens Digital Industries Software
Die
nächste Ära des Halbleiter- und Leiterplattendesigns wird von zwei parallelen
Anforderungen geprägt sein: der Beschleunigung der Core-Engines und der
Steigerung der Produktivität der Ingenieure. Auf der Engine-Seite integriert
die Branche maschinelles Lernen und bestärkendes Lernen direkt in EDA-Tools.
Dies ermöglicht beispielsweise lokale Modelle, die auf der Grundlage einer
kleinen Anzahl von SPICE-Simulationen erstellt werden, um die Verifikation
erheblich zu beschleunigen und dabei eine nahezu SPICE-konforme Genauigkeit
beizubehalten. Gleichzeitig gehen führende EDA-Anbieter Partnerschaften mit
Hardware-Unternehmen wie NVIDIA ein. Ziel ist es, Kernalgorithmen mithilfe von
GPUs deutlich schneller auszuführen und so einen höheren Durchsatz bei
Simulation, Design-Exploration, Abdeckungsanalyse und OPC zu erreichen. Die
Bewältigung der zweiten Herausforderung – die Produktivitätssteigerung –
erfordert eine grundlegend andere Art von KI-Lösung.
Um
die Arbeit der Ingenieure zu beschleunigen, waren generative KI-Copiloten für
EDA die erste Antwort der Branche – doch sie reichen nicht mehr aus. Angesichts
der zunehmenden Komplexität der Entwürfe und der immer stärkeren Fragmentierung
der Tools sind manuelle Skripte und isolierte Punktlösungen nicht mehr
skalierbar. Ingenieure brauchen mehr als einen Chatbot; sie benötigen autonome
Systeme, die zu intelligentem Denken, mehrstufiger Ausführung und
Echtzeitanpassung über verschiedene EDA-Tools hinweg fähig sind. Das ist das
Versprechen der agentenbasierten Automatisierung: eine einheitliche
Orchestrierungsschicht, die über den gesamten Design-Lebenszyklus hinweg
Entscheidungen auf Expertenniveau liefert. Um dies zu realisieren, müssen
jedoch domänenspezifische Hürden überwunden werden, für deren Bewältigung
generische KI-Frameworks einfach nicht ausgerüstet sind.
Fünf
zentrale Herausforderungen der EDA-Komplexität
Generische,
handelsübliche KI-Modelle haben Schwierigkeiten mit dem Chipdesign, da die
Branche auf einer hochspezialisierten Grundlage basiert. Jede Lösung muss den
gesamten End-to-End-Workflow nahtlos abdecken – vom ersten Konzept bis zur
Freigabe für die Fertigung. Zudem sollten kritische Aufgaben in den Bereichen
Front-End-Design, Verifikation, physikalische Implementierung, PCB-Freigabe und
Fertigungsreife automatisiert werden. Nur so kann eine einheitliche
Intelligenzebene erreicht werden.
Um
agentische KI in der EDA effektiv einzusetzen, müssen Entwickler fünf konkrete
Herausforderungen bewältigen:
Spezifisches Fachwissen im Bereich Chipdesign: Das Chipdesign stützt sich auf physikalisch fundierte Methoden, die in öffentlichen Trainingsdaten nicht enthalten sind. Generischen Agenten fehlt das spezifische Fachwissen, das für die Konfiguration spezialisierter Werkzeuge, die Koordination von Abläufen oder die Erstellung präzisen Produktionscodes erforderlich ist.
Starre EDA-Umgebungen und Datenflüsse: EDA stützt sich auf sichere, lokale Cluster statt auf schnelle Cloud-Frameworks. Agenten müssen lang andauernde Verifizierungsaufträge verwalten, sich in bestehende Scheduler (wie LSF) integrieren und vor Ort Datensätze im Terabyte-Bereich verarbeiten.
Skalierbarkeit über fragmentierte Workflows hinweg: Das riesige Ökosystem an EDA-Tools kann Standard-KI leicht überfordern, was zu „Kontextsättigung“ und Halluzinationen führt. Eine einheitliche Orchestrierungsschicht ist für die deterministische Ausführung über expandierende Toolketten hinweg unerlässlich. Da EDA-Workflows von Natur aus herstellerübergreifend sind und sich nicht auf ein bestimmtes Ökosystem beschränken lassen, benötigen KI-Agenten ein hohes Maß an Flexibilität, um nahtlos über verschiedene Toolsets hinweg zu arbeiten.
Intransparente EDA-Modalitäten: EDA-Daten umfassen dichte Binärformate und intransparente Datenbanken. Agenten benötigen domänenspezifische Parser, um verwertbare Informationen aus komplexen Artefakten wie Wellenformen und Netzlisten zu extrahieren.
Integrierte Unternehmenssicherheit: Zum Schutz sensibler geistiger Eigentumsrechte müssen Agenten in hochsicheren Umgebungen arbeiten. Dies erfordert robuste rollenbasierte Zugriffskontrollen (RBAC), striktes Sandboxing, umfassende Prüfpfade und Kontrollpunkte mit menschlicher Einbindung.
Die
Lösung: Das Fuse EDA AI System und der Fuse EDA AI Agent von Siemens
Um diese
hochspezifischen Branchenengpässe zu beheben, hat Siemens das Fuse™ EDA AI System und den Fuse™ EDA AI
Agent eingeführt. Dieses System revolutioniert das Chip- und
Leiterplattendesign grundlegend, indem es generative und agentische
KI-Fähigkeiten in das gesamte EDA-Portfolio von Siemens integriert. Über eine
kontextbezogene Schnittstelle in natürlicher Sprache koordiniert es auf intelligente
Weise komplexe, toolübergreifende Arbeitsabläufe vom ersten Konzept bis zur
Freigabe für die Fertigung und steigert so die Produktivität der Entwicklung
sowie die Designqualität.
Die Architektur wurde
speziell für die Halbleiterentwicklung konzipiert. Ihr Kernstück bildet ein
zentraler, multimodaler EDA-Data-Lake, der mithilfe spezialisierter Parser
Team- und Tool-Silos aufbricht und so sicherstellt, dass jeder Workflow auf
einer einzigen verlässlichen Datenquelle basiert. Darüber liegt ein fortschrittliches
RAG-Framework, das auf Siemens EDA-Tools und -Methoden trainiert wurde und es
dem System ermöglicht, komplexe fachspezifische Abfragen präzise und nicht nur
annähernd zu beantworten. Das System ist zudem modellunabhängig und von Grund
auf offen ausgelegt. Es unterstützt mehrere LLMs und lässt sich nahtlos in
Tools von Drittanbietern integrieren. Dies trägt der Tatsache Rechnung, dass
Produktions-EDA-Umgebungen naturgemäß herstellerübergreifend sind. Sicherheit
und Flexibilität bei der Bereitstellung sind von Anfang an integriert, mit
Unterstützung für On-Premise- und Cloud-Umgebungen, nativem RBAC und
umfassenden Audit-Trails, die geistiges Eigentum auf jeder Ebene schützen.
Das Fuse EDA AI System verbindet KI-Agenten, EDA-Werkzeuge und externe Entwicklungsumgebungen zu einer durchgängigen Automatisierungsplattform für den gesamten Design-Workflow.Siemens Digital Industries Software
Fuse EDA AI System und der Fuse EDA AI Agent von Siemens
Das Halbleiter- und Leiterplatten-Design steht
an einem Wendepunkt. Der Übergang von „Copiloten“ zu autonomen Agenten ist
keine ferne Perspektive – er hat bereits begonnen. In den nächsten Jahren
werden Multi-Agenten-KI-Systeme den Design-Lebenszyklus grundlegend neu
gestalten, Zeitpläne verkürzen, Fachwissen demokratisieren und ein bisher
unmögliches Maß an paralleler Innovation ermöglichen. Die Architekturen, die
heute entwickelt werden, legen den entscheidenden Grundstein für diese autonome
EDA-Zukunft. Entdecken Sie Fuse™ EDA AI Agent, um Ihre Reise in die KI-gestützte EDA-Welt zu beginnen.
All diese Funktionen vereint der Fuse EDA AI Agent. Dieser ermöglicht eine durchgängige Automatisierung, indem er Workflows über den gesamten Entwurfszyklus von Halbleiter- und Leiterplattensystemen hinweg plant, koordiniert und ausführt. Ergänzt wird dies durch KI-gesteuerte Tool-Automatisierung und Debugging in natürlicher Sprache. Ingenieure können ihre Absichten in einfacher Sprache formulieren und das System setzt sie in präzise, ausführbare Aktionen um. Der Fuse EDA AI Agent löst zudem Skalierbarkeitsprobleme, indem er die Erkennung von Tools in einer einheitlichen Betriebsebene zentralisiert und so eine Überlastung des Kontexts bei wachsenden Workflows wirksam verhindert. Letztendlich entsteht so ein System, das über einfache Unterstützung hinausgeht und autonom und zuverlässig im Namen der Ingenieure auf Unternehmensebene arbeitet.
Der
Fuse EDA AI Agent basiert auf einem stark modularen Ansatz: Jeder Teilablauf
des übergeordneten EDA-Workflows wird detailliert automatisiert. Dies wird
durch eine Kombination aus dem Model Context Protocol (MCP) zur Ausführung von
EDA-Tools, „Agent Skills“ – ausführbaren Playbooks, die Fachwissen kodieren, um
Tools mit integrierter Validierung und Sicherheitsvorkehrungen richtig zu
sequenzieren und einzurichten – sowie spezialisierten EDA-Parsern innerhalb des
Fuse EDA AI Systems erreicht. So kann präziser Kontext aus komplexen
EDA-Datenformaten (z. B. LEF/DEF, GDSII) extrahiert werden. Sobald Hunderte
dieser automatisierten Teilabläufe entwickelt sind, können sie miteinander
verknüpft werden, um umfangreiche, mehrere Werkzeuge umfassende Workflows zu
erstellen, die den gesamten EDA-Lebenszyklus abdecken. Das ist in etwa so, als
würde man einzelne Legosteine nehmen, um immer größere, modulare Strukturen zu
bauen.
Entwickler erstellen, veröffentlichen und orchestrieren agentische EDA-Workflows über den Fuse EDA AI Agent und binden diese über offene Schnittstellen in ihre Entwicklungsumgebung ein.Siemens Digital Industries Software
Die
Zukunft: Eine neue Ära der Automatisierung im EDA-Bereich
Die
Einführung von Lösungen wie dem Fuse EDA AI Agent markiert den Beginn eines
grundlegenden Wandels in der Art und Weise, wie Halbleiter- und
Leiterplattendesign durchgeführt wird. Heutige KI-Agenten übernehmen bereits
eng gefasste, repetitive Arbeitsabläufe und steigern so die Produktivität,
während Ingenieure weiterhin die Kontrolle über Entscheidungen auf höherer
Ebene behalten. Doch dies ist erst der Anfang.
Mit zunehmender
Leistungsfähigkeit werden sich KI-Agenten von reaktiven Aufgabenausführern zu
proaktiven Konstruktionsassistenten entwickeln. Sie werden ganze EDA-Phasen
autonom verwalten, komplexe Kompromisse abwägen und sich ohne manuelles
Eingreifen selbst korrigieren. Auf längere Sicht wird kollektive Intelligenz in
großem Maßstab die Grenzen des Möglichen neu definieren: Die Rolle des
Ingenieurs wird sich von der Ausführung einzelner Aufgaben hin
zur strategischen Überwachung verlagern. Dabei beaufsichtigt er Hunderte von
parallelen Agenten, die gleichzeitig Leistung, Energieverbrauch und Fläche optimieren
– und zwar in einem Ausmaß, das kein menschliches Team allein erreichen könnte.
Vom aufgabenspezifischen KI-Agenten bis zu autonomen Multi-Agenten-Systemen: Agentische KI übernimmt zunehmend komplexe Entwicklungsaufgaben im EDA-Workflow.Siemens Digital Industries Software
Über den Autor: Niranjan Sitapure, Central AI Product Manager, Siemens EDA
Dr. Niranjan Sitapure ist Central AI Product Manager bei Siemens EDA. Er ist verantwortlich für die Roadmap-Erstellung, die Entwicklung, strategische KI-Initiativen und das Produktmarketing für das KI-Portfolio von Siemens EDA. Mit einem Doktortitel in Ingenieurwissenschaften der Texas A&M University verfügt Niranjan über fundierte Fachkenntnisse in den Bereichen fortschrittliche KI- und Machine-Learning-Technologien, darunter Zeitreihen-Transformer, große Sprachmodelle (LLMs) und digitale Zwillinge für ingenieurwissenschaftliche Anwendungen. Zuvor war Niranjan als Berater bei Bain & Company tätig, wo er Fortune-500-Unternehmen und Private-Equity-Kunden zu Digitalisierungsstrategien, der Neugestaltung von Betriebsmodellen und Due-Diligence-Prüfungen beriet.