Materialplattformen bilden die Grundlage aktueller Quantentechnologien. Ihre Eigenschaften bestimmen, wie leistungsfähig, skalierbar und wirtschaftlich Anwendungen in Quantencomputing, Quantensensorik und Quantenkommunikation umgesetzt werden können.
Sabine SynkuleSabineSynkule
6 min
Für Quantentechnologien braucht es Materialplattformen, die Skalierbarkeit und die kommerzielle Tragfähigkeit der Quantentechnologie ermöglichen.eaivey - stock.adobe.com
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In der gesamten Quantentechnologiebranche braucht es Materialplattformen,
die Skalierbarkeit und damit letztlich die kommerzielle Tragfähigkeit der
Quantentechnologie ermöglichen. Diese Materialplattformen bilden die physische
Grundlage der Quantensysteme, mit deren Hilfe Produkte von den Eigenschaften
der Quantenphysik profitieren können: sei es durch die Lösung klassisch nicht
beherrschbarer Probleme im Quantencomputing, durch eine um Größenordnungen
höhere Empfindlichkeit bei Quantensensoren oder durch sichere kryptografische
Lösungen in der Quantenkommunikation.
Drei zentrale Materialplattformen für Quantentechnologien
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Aus Materialsicht macht es Sinn, Quantentechnologien nicht
in die drei Marktsegmente Quantencomputing, Quantensensorik und
Quantenkommunikation aufzuteilen, sondern nach den Quantensystemen, auf dem sie
basieren.
Quantenplattformen für QuantentechnologienSabine Synkule
Die drei wichtigsten Materialplattformen für
Quantentechnologien sind:
Photonische Systeme
Supraleitende Chips
Nanomaterialien und Diamant
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In allen drei Fällen erstrecken sich die Materialplattformen
jeweils über alle drei Marktsegmente. Dadurch können Technologien und Produkte
aus unterschiedlichen Bereichen der Quantentechnologie oft von denselben
Materialinnovationen, Komponenten oder Fertigungskompetenzen profitieren.
Photonik in Quantencomputing, Sensorik und Kommunikation
Photonik spielt in der Quantentechnologie eine zentrale
Rolle, weil Lichtquanten, also Photonen, besonders gut als Informationsträger
geeignet sind. Sie sind schnell, koppeln vergleichsweise schwach an ihre
Umgebung und lassen sich über große Distanzen mit geringen Verlusten
übertragen. Deshalb bilden sie die Grundlage für die Quantenvernetzung, also
die Verbindung einzelner Quantensysteme zu größeren Netzwerken. In diesem
Kontext fungieren Photonen als „fliegende Qubits“, die Verschränkung zwischen
räumlich getrennten stationären Qubits erzeugen und übertragen können, etwa
zwischen Ionenfallen oder Neutralatomsystemen.
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Ionenfallen- und Neutralatom-Quantencomputer
Photonik und atomare InterferometrieSabine Synkule
Im photonischen Quantencomputing werden Qubits sogar direkt
in den Zuständen einzelner Photonen kodiert, beispielsweise über Polarisation,
Phase oder Zeit-Bins. Mithilfe interferometrischer Strukturen lassen sich diese
Zustände gezielt manipulieren, sodass Quantenlogikoperationen und komplexe
Rechenprozesse möglich werden. Auch bei Ionenfallen- und Neutralatom-Qubits ist
Photonik unverzichtbar. Obwohl hier nicht selbst die Qubits von Interesse sind,
sind photonische Komponenten für Initialisierung, Kontrolle und Auslesen
unverzichtbar. Sowohl Atome als auch Ionen, die im Vakuum gehalten werden,
können durch angelegte Laserfelder bewegt, gekühlt oder in ihrem Quantenzustand
verändert werden, wobei die Laser mit den intrinsischen Energieniveaus der
Teilchen koppeln. Allerdings können bei Ionenfallen die Ionen wegen ihrer
elektrischen Ladung in elektrischen Feldern gefangen werden, die praktisch über
metallische Kontakte auf dem Quantenchip erzeugt werden. Neutrale Atome dagegen
müssen allein mit Lasern und Magnetfeldern gekühlt und gefangen werden. Für
beide Ansätze gewinnt integrierte Photonik an Bedeutung, weil sie Fehler
reduziert, die Robustheit erhöht und Skalierbarkeit demonstriert.
Welche Aufgaben übernehmen photonische integrierte Schaltkreise?
Photonische integrierte Schaltkreise (PICs) übertragen
optische Funktionen aus dem komplexen Laboraufbau auf eine kompakte, stabile
und skalierbare Chipplattform, auf der sich Photonen gezielt erzeugen, führen,
modulieren, detektieren und mit atomaren Systemen oder Spin-Defekten koppeln
lassen. Auf ihnen sind optische Bauelemente wie Wellenleiter, Modulatoren und
Detektoren integriert, um Lichtsignale – auch einzelne Photonen – gezielt zu
erzeugen, zu steuern und zu verarbeiten. PICs integrieren oft auch Einzelphotonenquellen,
z. B. nichtlineare Materialien für spontane parametrische Prozesse, oder Einzelphotonendetektoren,
z. B. supraleitende Nanodrahtdetektoren. Das reduziert Verluste und erhöht die
Stabilität gegenüber freien optischen Aufbauten. Für Systeme wie Ionenfallen,
neutrale Atome oder NV-Zentren in Diamant übernehmen PICs die Rolle einer
präzisen Schnittstelle. Sie ermöglichen eine gezielte Lichtführung zu
einzelnen Atomen oder Defekten, eine kontrollierte Anregung z. B. mit
resonanten Laserpulsen, das Auslesen des Quantenzustands über emittierte
Photonen und Photon–Materie-Kopplung durch integrierte Resonatoren oder
Kavitäten zur Verstärkung der Wechselwirkung.
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Der zentrale Mehrwert der PICs besteht in der sinkenden
Größe, Gewicht und Energiebedarf eines Quantencomputers, auch die skalierbare
Herstellung kommerzieller Systeme über standardisierte
Halbleiterfertigungsprozesse wird erleichtert. Darüber hinaus können PICs die
Leistung verbessern und das Rauschen reduzieren, weil der gesamte optische Pfad
kürzer wird und die relative Position der Komponenten fest definiert ist, was
die Justage vereinfacht und Fehlanpassungen verringert.
Die Anforderungen an Quanten-PICs unterscheiden sich jedoch
stark von anderen Anwendungen. Aufgrund der Fragilität von Quantensystemen ist
ihre Verlusttoleranz äußerst gering. Um Systeme wie Atome und Punktdefekte in
Diamant anzusteuern, müssen sie zudem bei Wellenlängen arbeiten, die der
traditionellen Telekommunikations- oder Datacom-Industrie wenig vertraut sind.
Um diese Anforderungen zu erfüllen, erforschen
Photonik-Innovatoren PIC-Materialplattformen jenseits von Silizium, denn Silizium-Photonik
ist zwar die am weitesten entwickelte Plattform, zugleich ist sie aber
ungeeignet für sichtbare Wellenlängen. Siliziumnitrid (SiN) hingegen gilt als ausgereifte
Wellenleiterplattform mit großem Betriebsfenster. Dünnschicht-Lithiumniobat
(TFLN) und Bariumtitanat (BTO) sind weitere Beispiele für aufstrebende
Materialien in der Quantenphotonik, wobei TFLN besonders geeignet für optische
Schalter mit ultraschneller Modulation ist. Verfechter dieser Materialien kommen sowohl
aus der Quantenindustrie selbst – etwa PsiQuantum, QuiX Quantum und Quantum
Computing Inc. (QCi) – als auch von externen Foundries und Partnern.
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Supraleitende Chips als Basis quantentechnologischer Hardware
Supraleitende Chips sind wichtige Hardwareplattformen der
Quantentechnologie, weil sie quantenmechanische Zustände in mikrofabrizierten
Schaltungen kontrollierbar machen und damit Anwendungen von Sensorik bis hin zu
Quantencomputern ermöglichen. Mikrofabrizierte supraleitende Schaltungen
bestehen aus dünnen Schichten supraleitender Metalle oder Verbindungen – etwa
Aluminium oder Niob –, die mithilfe von Halbleiterprozessen auf Wafern
strukturiert werden. Supraleitung ist ein physikalischer Zustand, bei dem ein
Material unterhalb einer kritischen Temperatur elektrischen Strom ohne
Widerstand und damit verlustfrei leitet. Um supraleitend zu werden, müssen die
entsprechenden Materialien üblicherweise auf Temperaturen unter 20 K gekühlt
werden, in der Praxis oft sogar in den mK-Bereich. In diesem Zustand bewegen
sich Elektronen als Cooper-Paare ohne elektrischen Widerstand, und selbst sehr
kleine äußere Signale können messbare Reaktionen hervorrufen. Zudem sorgen die
extrem niedrigen Temperaturen für ein Umfeld mit sehr geringem Rauschen.
Gleichzeitig entstehen daraus aber erhebliche Einschränkungen, denn um Temperaturen
im Bereich weniger Kelvin oder darunter zu erreichen, sind kryogene Systeme
nötig, die groß, energieintensiv, teuer und heliumabhängig sind.
Supraleitende ChipsSabine Synkule
Eine zentrale Rolle bei supraleitenden Chips spielt der Josephson-Effekt.
Er beschreibt den quantenmechanischen Tunnelstrom von Cooper-Paaren zwischen
zwei Supraleitern, die durch eine dünne Isolierschicht getrennt sind. Dadurch
entsteht ein nichtlinearer, verlustfreier Stromfluss, der sich gezielt zur
Realisierung und Kontrolle von Quantenzuständen nutzen lässt.
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Wie werden SQUIDs, supraleitende Qubits und SNSPDs eingesetzt?
SQUIDs (Superconducting Quantum Interference Devices) nutzen die
Interferenz von supraleitenden Strömen in einem Ring mit Josephson-Kontakten,
um extrem kleine Magnetfeldänderungen mit hoher Empfindlichkeit zu detektieren.
Als Quantensensor besitzt ein SQUID ein oder zwei Josephson-Kontakte und kommt
als einzelner Sensor ebenso vor wie in Arrays mit Hunderten Bauelementen. Er entwickelt
sich vor allem in Richtung besserer Performance, geringerer Systemgröße und
niedrigerer Kosten, etwa durch Betrieb bei höheren Temperaturen. Verwendet
werden vor allem Niob, Aluminium oder Titan. Zu den Fertigungsverfahren zählen
Dünnschichtabscheidung durch Magnetronsputtern, Elektronenstrahl- und
Photolithografie, Ionenätzen und Lift-off. Die Anwendungen gelten als nischenhaft,
aber ausgereift, etwa in der Hirnbildgebung mittels MEG, in wissenschaftlichen
Instrumenten und in Systemen zur Messung magnetischer Eigenschaften.
Bei der Fertigung werden bei supraleitenden Chips für SQUIDs ähnliche
Materialien und vergleichbare Mikrofertigungsprozesse eingesetzt, wie bei
supraleitenden Qubits, und die meisten Qubit-Designs enthalten sogar ein SQUID
oder ein ähnliches Bauelement. Während SQUID-Sensoren allerdings bereits eine
ausgereifte Technologie mit begrenztem Optimierungspotenzial darstellen,
befinden sich Quantencomputer noch in einer Phase rascher Entwicklung und
Skalierung.
In supraleitenden Qubits werden Josephson-Effekte verwendet, um
wohldefinierte Energieniveaus zu erzeugen, die als |0⟩- und |1⟩-Zustände
dienen. Mikrowellenpulse ermöglichen die kohärente Manipulation dieser
Zustände, während gekoppelte Resonatoren das Auslesen über dispersive
Messverfahren erlauben. Ein supraleitender Quantenchip nutzt pro Qubit ein oder
zwei präzise gefertigte Josephson-Kontakte, gekoppelt mit Induktivitäten,
Kapazitäten und Mikrowellenresonatoren. Heute werden ungefähr hundert Qubits
pro Chip erreicht, perspektivisch sollen es Tausende pro Chip und Millionen pro
Gesamtsystem werden. Der Entwicklungsschwerpunkt liegt auf Gleichförmigkeit,
Stabilität und Skalierbarkeit. Eingesetzt werden Aluminium, Niob und Tantal.
Bei der Fertigung kommen Dünnschichtabscheidung, Lithografie, Ionenätzen und
kontrollierte Oxidation zum Einsatz. Hinzu kommen fortgeschrittene
Packaging-Ansätze wie Through-Silicon Vias, 3D-Packaging und Chiplets. Die
Hardware ist bereits kommerziell verfügbar, muss jedoch weiterentwickelt
werden, um von Use-Case-Tests zu echtem kommerziellem Vorteil zu gelangen.
SNSPDs (Superconducting Nanowire Single-Photon Detectors) arbeiten
wiederum anders: Trifft ein einzelnes Photon auf einen supraleitenden
Nanodraht, erwärmt es ihn lokal über die kritische Temperatur und zerstört so
die Supraleitung. Dadurch entsteht ein messbarer Widerstandspuls. So lassen
sich einzelne Photonen mit hoher Effizienz und Zeitauflösung nachweisen.
Gemeinsam ist all diesen Bauelementen, dass sie quantenmechanische Effekte
auf makroskopischer Ebene nutzbar machen und sich dank mikroelektronischer Fertigungstechniken
präzise, reproduzierbar und zunehmend skalierbar auf Chips integrieren lassen.
Diamant und NV-Zentren für Quantenanwendungen
Punktdefekte in künstlichem Diamant, insbesondere NV-Zentren
(Stickstoff-Fehlstellen-Zentren), haben sich als vielversprechende Plattform
für Quantentechnologien etabliert und werden sowohl in kommerziellen
Quantensensoren als auch in ersten Quantencomputing-Ansätzen genutzt.
Nanomaterialien und DiamantSabine Synkule
Diamant ist ein Wide-Bandgap-Material. Dadurch lassen sich gezielt
Defektstellen im Kristallgitter erzeugen, die mit Laserlicht angeregt und über
ihr ausgesandtes Licht wieder ausgelesen werden können. Bei NV-Zentren kommt
hinzu, dass ihre Quantenzustände nur vergleichsweise schwach mit
Gitterschwingungen koppeln. Deshalb bleiben die Spinzustände selbst bei
Raumtemperatur relativ stabil. Unterstützt wird das durch die geringe Zahl
magnetisch störender Atomkerne im Diamant sowie durch die schwache
Spin-Bahn-Kopplung. Das bringt lange Kohärenzzeiten sowie wenig Störeinflüsse
und damit gute Voraussetzungen für Sensorik und Quantenbauelemente mit sich.
Die Energieniveaustruktur der NV-Zentren erlaubt es zudem, den
elektronischen Spin effizient optisch zu manipulieren und auszulesen, was sie
besonders für Anwendungen in der Quantensensorik – etwa zur hochpräzisen
Messung von Magnetfeldern – interessant macht. Gleichzeitig eröffnen
Fortschritte in der Materialforschung weitere Perspektiven: Neben Diamant
werden auch Nanomaterialien wie Kohlenstoffnanoröhren (CNTs), Quantenpunkte
sowie zwei- und zweieinhalbdimensionale Materialien als potenzielle Träger von Quantenzuständen
untersucht.
Allerdings sind mit Diamant auch Herausforderungen verbunden. So führen
Streuungen der emittierten Wellenlängen und Wechselwirkungen mit Phononen dazu,
dass die erzeugten Photonen nicht vollständig identisch sind, was die
quantenmechanische Ununterscheidbarkeit einschränkt – ein kritischer Punkt für
photonische Quantenanwendungen. Zudem ist die Bearbeitung von Diamant deutlich
anspruchsvoller als bei etablierten Halbleitern wie Silizium, und die Größe
hochreiner Einkristalle war lange begrenzt, um 2020 typischerweise auf etwa 10 mm
Kantenlänge. Daher werden auch alternative Wide-Bandgap-Materialien intensiv
erforscht, wenngleich bislang keines die Kombination von Eigenschaften erreicht
hat, die NV-Zentren in Diamant auszeichnet. (bs)
Dieser Beitrag basiert auf Unterlagen von Idtechex.
Autor
Sabine Synkule, Redakteurin bei elektronik industrie