Mythos Passwortwechsel

Warum der Ändere-dein-Passwort-Tag ein Risiko ist

Der Ändere-dein-Passwort-Tag feiert ein großes Missverständnis der IT-Sicherheit: Erzwungene Passwortwechsel sind nicht nur nutzlos – sie machen Systeme angreifbarer. Experten warnen, dass diese veraltete Praxis mehr schadet als nützt.

Rote Taste von einer Tastatur mit dem Wort
Immer wieder neue Passwörter? Ein fataler Fehler. Experten warnen: Wer ständig wechselt, wählt unsichere Muster. Stattdessen braucht es andere Schutzmaßnahmen.

Wie ist bei Ihnen? Haben Sie in den letzten Wochen und Monaten auch eine Aufforderungen kommen, Ihr Passwort zu wechseln? Möglicherweise erst vor kurzem? Hintergrund ist, dass jedes Jahr am 1. Februar der sogenannte "Ändere-dein-Passwort"-Tag begangen wird. Diesen Aktionstag gibt es seit dem 1. Februar 2012. Angefangen hat er als amerikanischer "Change Your Password Day" (engl.: National Change Your Password Day - oft auch kurz: Change Your Password Day), den damals das amerikanischen Webportal Gizmondo ins Leben gerufen hat. Ursprünglich war er als Sicherheitsmaßnahme gedacht – allerdings gibt es immer mehr kritische Stimmen zu diesem Tag. Denn: Die Aufforderung, Passwörter regelmäßig zu ändern, ist nicht nur überholt, sondern kann unter Umständen die Sicherheit von Benutzerkonten sogar gefährden. Aber warum?

Warum regelmäßige Passwortwechsel problematisch sind

Die Praxis, Passwörter regelmäßig zu ändern, basierte auf der Annahme, dass beispielsweise durch Sicherheitslücken in Datenbanken kompromittierte Passwörter so durch neue ersetzt werden. Doch diese Logik weist gravierende Schwächen auf. Laut dem Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) führt ein solcher Zwang in der Regel dazu, dass Nutzer schwächere Passwörter wählen. Sie greifen dann häufig zu vorhersehbaren Mustern oder minimalen Änderungen, wie der Erhöhung einer Ziffer am Ende des Passworts. Jeder kann an dieser Stelle einmal in sich gehen, ob ihm dieses Szenario bekannt vorkommt.

Auch das National Institute of Standards and Technology (NIST) bestätigt: Regelmäßige, anlassunabhängige Passwortwechsel sind nicht mehr zeitgemäß. Stattdessen sollten Organisationen darauf achten, dass Passwörter nur dann geändert werden, wenn ein begründeter Verdacht auf

Kompromittierung besteht. Zudem sollten Nutzer vorhersehbare Muster vermeiden. Beliebt sind etwa

  • „Passwort1“ statt „Passwort“
  • „Sommer2024“ → „Sommer2025“
  • minimale Ziffernänderungen am Ende

Karin Wilhelm, Expertin für Verbraucherschutz beim BSI, fasst das so zusammen: „Die meisten Menschen haben zahlreiche Benutzerkonten – etwa in Onlineshops, sozialen Netzwerken und bei E-Mail-Anbietern. Viele dieser Konten enthalten sensible Daten wie beispielsweise Klarnamen, Adressen oder Kreditkarteninformationen. Daher gilt es, sie vor Fremdzugriffen zu schützen. Ein routinemäßiger Passwortwechsel aber erhöht die Sicherheit nicht automatisch.

Neue Daten 2025: Die Passwortrealität in Deutschland bleibt erschreckend stabil

Besonders spannend ist der Blick auf die aktuellen Leak-Auswertungen: Identeco analysierte 2025 Passwortdaten aus realen Datenleaks – insgesamt basiert die Datenbank inzwischen auf über 57 Milliarden Datensätzen.

Top 20 private Passwörter in Deutschland (2025)

Position Passwort
1123456
2123456789
312345678
4[Password]
51234
6123456
712345
8admin
9qwerty123
10love8620
11102030
12123123
13123
141q2w3e4r
15plopl001
16qwerty
171q2w3e4r5t
18123456789
19rr44tt55
20Aa123456

Top 20 Passwörter im Fußball-Bundesliga-Umfeld (2025)

Position Passwort
1[Verein]
2bertolino
3Fussball
4Garmin21
5jonas131
6kartoffel1
7QdlDiLik123
8rakitic
9tapete191170
10Weltfrieden1
11ballack
12Rakitic!
13Meister0809
14effenberg1
15arschloch
16wolfsrudel
17Aufstieg20!
18Justin123
191234567890!
20123456!

Anmerkung: Begriffe in eckigen Klammern wie [Password] oder [Verein] sind Platzhalter. Sie ersetzen im Whitepaper anonymisierte Passwörter mit erkennbarem Bezug zu Organisationen oder Orten.

Entwicklung 2025: Stealer-Logs verändern die Bedrohungslage

Die wichtigste neue Erkenntnis des Whitepapers betrifft jedoch eine Entwicklung, die klassische Passwortregeln zunehmend aushebelt: Stealer-Logs statt einzelner Datenpannen. Identeco beobachtet 2025 eine wachsende Verbreitung sogenannter „verwandter Passwörter“, also Varianten desselben Stammworts, zum Beispiel:„HelmuT!rulez“ und „HelmuT@Rulez“. Dieses Muster deutet auf einen neuen Ursprung vieler Leaks hin: Stealer-Malware. Diese Programme lesen lokal gespeicherte Zugangsdaten direkt aus Browsern oder Passwortmanagern aus und kompromittieren damit oft gleich sämtliche Accounts eines Nutzers. In anderen Worten: Selbst ein starkes Passwort schützt nicht mehr, sobald es öffentlich geworden ist.

Moderne Alternativen: Passkeys und Zwei-Faktor-Authentisierung

Statt sich ausschließlich auf Passwörter zu verlassen, empfiehlt das BSI den Einsatz modernerer Sicherheitsmaßnahmen wie Passkeys und der Zwei-Faktor-Authentisierung (2FA). Passkeys ersetzen Passwörter durch biometrische Merkmale oder kryptografische Verfahren und machen so Phishing und ähnliche Angriffe wirkungslos. Die Zwei-Faktor-Authentisierung fügt eine zusätzliche Schutzebene hinzu, indem sie beispielsweise einen Code aus einer Authentifizierungs-App erfordert.

Leitfaden für den Umgang mit Passwörtern

Tipps für sichere Passwörter:

  1. Einzigartigkeit & Wiederverwendungsfreiheit

    • Verwenden Sie für jeden Dienst ein einzigartiges Passwort.
    • Wiederverwendung bereits genutzter Passwörter ist ein hohes Risiko.
  2. Lange und komplexe Passwörter

    • Empfohlen werden mindestens 12–16 Zeichen.
    • Nutzen Sie eine Kombination aus Groß- und Kleinbuchstaben, Zahlen und Sonderzeichen.
  3. Keine einfachen oder vorhersehbaren Passwörter

    • Vermeiden Sie triviale Zahlenfolgen („123456“), einfache Wörter („password“), Tastaturmuster („qwertz“) oder häufige Begriffe (z. B. Fußballvereine).
    • Leetspeak-Varianten wie „P@ssw0rt“ sind nicht sicher, da sie bekannt und leicht zu knacken sind.
  4. Passwortmanager verwenden

    • Speichert und generiert sichere Passwörter, sodass Sie sich keine merken müssen.
  5. Multi-Faktor-Authentifizierung (MFA) aktivieren

    • Zusätzliche Absicherung durch eine PIN, einen Hardware-Token oder biometrische Merkmale.
  6. Passwortwechsel nur bei Vorfällen

    • Kein regelmäßiger erzwungener Wechsel, sondern nur bei Verdacht auf Kompromittierung.
  7. Keine dienstspezifischen Namen oder persönlichen Informationen

    • Vermeiden Sie Passwörter, die Namen der Organisation, Städte oder persönliche Daten enthalten.
  8. Nutzung von modernen Technologien wie Passkeys erwägen

    • Passkeys sind eine sicherere Alternative zu klassischen Passwörtern und verringern das Risiko von Leaks.
  9. Überprüfung auf geleakte Zugangsdaten

    • Nutzen Sie Dienste wie „Have I Been Pwned“, um zu prüfen, ob Ihre Zugangsdaten kompromittiert wurden.

Passwortmanager: Unterstützung für komplexe Passwörter

Ein weiterer Schritt zur Verbesserung der Sicherheit ist die Verwendung eines Passwortmanagers. Diese Tools erstellen und speichern komplexe Passwörter und reduzieren das Risiko durch Wiederverwendung oder Schwachstellen in der Passwortwahl erheblich. Wichtig ist jedoch, dass auch der Passwortmanager sicher konfiguriert ist, um Manipulationen oder Datenlecks zu verhindern.

Dazu Dr. Markus Bieletzki, von der Stiftung Warentest und Mitglied im Beirat Digitaler Verbraucherschutz des BSI: „Eine sichere Alternative zu Passwörtern stellen außerdem Passkeys dar: Statt ein Passwort einzugeben, nutzen Verbraucherinnen und Verbraucher dabei beispielsweise ihren Fingerabdruck, die Gesichtserkennung oder eine PIN auf ihrem Smartphone oder Computer, um ein kryptografisches Verfahren in Gang zu setzen. Da sie kein Passwort mehr eingeben müssen, können Kriminelle auch kein Passwort mehr z. B. bei einem Phishing-Angriff oder Datenleck abgreifen oder anderweitig knacken. Das Benutzerkonto bleibt also gut geschützt.“

Der 1. Februar als Tag für echte Sicherheitsverbesserungen

Der Ändere-dein-Passwort-Tag bietet eine hervorragende Gelegenheit, die eigene digitale Sicherheit zu überdenken. Wer diesen Tag nutzen möchte, um etwas für die Sicherheit zu tun, sollte bei seinen wichtigsten Konten beginnen – zum Beispiel beim E-Mail-Account. Dieser ist oft der Zugangspunkt für zahlreiche weitere Dienste und daher besonders schützenswert. Das BSI rät: „Wer bislang nur ein schwaches Passwort verwendet oder den Verdacht hat, ein Passwort sei nicht mehr geheim, kann den 1. Februar nutzen, um dies zu ändern – womöglich zum letzten Mal. Besteht kein begründeter Verdacht, können Verbraucherinnen und Verbraucher den Aktionstag besser nutzen, indem sie die Zwei-Faktor-Authentisierung aktivieren oder gleich auf Passkeys umsteigen.“

Der Autor: Dr. Martin Large

Martin Large

Aus dem Schoß einer Lehrerfamilie entsprungen (Vater, Großvater, Bruder und Onkel), war es Martin Large schon immer ein Anliegen, Wissen an andere aufzubereiten und zu vermitteln. Ob in der Schule oder im (Biologie)-Studium, er versuchte immer, seine Mitmenschen mitzunehmen und ihr Leben angenehmer zu gestalten. Diese Leidenschaft kann er nun als Redakteur ausleben. Zudem kümmert er sich um die Themen SEO und alles was dazu gehört bei all-electronics.de.