Polestar-CEO Michael Lohscheller im Gespräch
Polestar zeigt SDV-Praxis mit Core-Compute und OTA
Polestar setzt beim Polestar 3 auf zentralisierte Rechenarchitektur und Over-the-Air als Entwicklungsprinzip. Die Marke betont Integrationshoheit bei UI, Update-Strategie und Systemintegration – trotz Nutzung von Konzernplattformen.
Lohscheller: „Architektur ist kein Einmalprojekt, sondern ein kontinuierlicher Prozess.“
Polestar
Software-Defined Vehicles sind für viele Hersteller noch Projekt, Roadmap oder Ankündigung. Polestar positioniert sich dagegen als Anbieter, der die Architektur bereits im Produkt trägt – und nutzt den Polestar 3, um den eigenen Anspruch technologisch zu unterfüttern.
„Mit dem Polestar 3 haben wir das erste Software-Defined Vehicle aus Europa auf den Markt gebracht. Wir haben das im Markt, während viele noch darüber reden“, sagt Polestar-CEO Michael Lohscheller im Interview mit automotiveIT. Im Kern gehe es um eine stärker zentralisierte Rechenarchitektur mit klarer Software-Schichtung, die domänenübergreifend Funktionen orchestriert – und damit die Voraussetzung schafft, das Fahrzeug über den Lebenszyklus weiterzuentwickeln.
Core-Compute statt ECU-Landschaft
Technisch setzt Polestar auf einen Core-Compute-Ansatz, also gebündelte Rechenleistung statt vieler verteilter Steuergeräte. „Der Kern ist ein Core-Compute-Ansatz. Also nicht viele isolierte Steuergeräte mit jeweils eigener Logik, sondern gebündelte Rechenleistung und eine klare Softwarearchitektur, die zentral orchestriert.“ Lohscheller verbindet damit zwei Effekte: weniger Integrationsaufwand durch reduzierte Schnittstellenkomplexität und eine kontrolliertere Ausrollung von Funktionen.
OTA als Produktprinzip
Over-the-Air-Updates sind für Polestar nicht nur ein Werkzeug zur Fehlerbehebung, sondern Bestandteil des Produktverständnisses. „Und damit meine ich nicht nur Fehlerbehebung, das Auto entwickelt sich laufend weiter“, so Lohscheller. Polestar will über Updates Funktionen nachschärfen, Performanceparameter optimieren, Assistenzsysteme verbessern, Energiemanagement weiterentwickeln oder die Infotainment-Performance erhöhen. Aus Sicht des Herstellers ist „Over-the-Air“ dabei der sichtbare Teil; die eigentliche Grundlage sei die Architektur mit zentraler Rechenleistung und klarer Schichtung.
Plattformbasis vs Marken-DNA: Differenzierung über Integrationshoheit
Parallel zur SDV-Architektur setzt Polestar auf Konzernplattformen, um Investitionen in Grundarchitekturen und Industrialisierung zu reduzieren. „Die Plattform ist für uns die technische Basis, nicht die Identität.“ Eigenständigkeit soll stattdessen über Ausgestaltung und Integration entstehen – insbesondere über Software.
Polestar betont hierfür die Kontrolle über die zentralen Ebenen: „Wir behalten die Integrationshoheit: User Interface, Bedienlogik, Update-Strategie, Systemintegration.“ Diese Integrationshoheit soll es ermöglichen, trotz Plattformstandardisierung markenspezifische UX, Funktionslogik und Update-Fähigkeit zu steuern.
Google Built-in als Baustein der Systemstrategie
Ein konkretes Beispiel für den Integrationsansatz ist die frühe Entscheidung für Google Built-in. „Das wurde anfangs kontrovers diskutiert, heute ist die Akzeptanz extrem hoch und viele Wettbewerber beneiden uns darum.“ Lohscheller ordnet das als bewussten Trade-off ein: „Natürlich gibt es eine Abhängigkeit von externen Roadmaps und Entwicklungszyklen.“ Priorisiert worden sei jedoch ein System, das in der Praxis stabil funktioniere und für Nutzer einen unmittelbaren Mehrwert liefere.
Partnerschaften bis ADAS: Mobileye beim Polestar 4
Polestar versteht sich als partnerorientiert und verweist auf die eigene Größe. „Wir sind ein kleines Unternehmen mit weniger als 2.000 Mitarbeitenden. Wir können und wollen nicht alles alleine machen.“ Neben Plattform- und Ökosystemthemen nennt Lohscheller auch ADAS: „Und beim autonomen Fahren arbeiten wir beim Polestar 4 mit Mobileye zusammen.“ Entscheidend sei aus Polestar-Sicht, dass markenkritische Differenzierung und Integrationsentscheidungen im eigenen Zugriff bleiben.