Die Kolumne aus dem Herzen der europäischen Halbleiterfertigung
Kolumne von Silicon Saxony: Japan macht, statt zu reden
Während Europa Halbleiterstrategien schreibt, baut Japan. Was Deutschland von seinem Industriepartner lernen könnte, erfahren Sie in der neuen Kolumne von Frank Bösenberg, Geschäftsführer bei Silicon Saxony.
Silicon Saxony / Hüthig-Medien
In Japan beginnt der Frühling mit dem
Hanami, dem gemeinsamen Betrachten der Kirschblüten. Ein Ritual, das Vergehen
und Erneuerung zugleich feiert. Wer in diesen Wochen auf die japanische
Halbleiterindustrie blickt, begegnet einem ähnlichen Gefühl: dem Bewusstsein
für vergangene Größe und dem entschlossenen Willen zum Neuanfang. Und anders
als in Europa handelt es sich dabei nicht um eine Ankündigung. Es ist gelebte
Praxis.
Die Japaner
haben dafür sogar einen Begriff: fugen jikkō (不言実行). Sinngemäß
heißt das „Handeln ohne große Worte". In Deutschland haben wir eine
Mikroelektronikstrategie, einen Aufruf im Rahmen des EU Chips Act, dessen
Einreicher mit wenigen Ausnahmen seit nunmehr fast anderthalb Jahren auf
Entscheidungen warten, und viele Abstimmungsrunden.
In Japan sieht man: in Kumamoto produziert
JASM seit Ende 2024, die zweite Fab ist im Bau, und in Chitose fährt Rapidus
seine 2‑nm‑Pilotlinie hoch. Aber das Handeln geht noch weiter.
Rapidus: Ein nationaler Kraftakt wird
real
Wer vor drei Jahren hörte, Japan
wolle bis 2027 2-Nanometer-Chips in Serie fertigen, durfte skeptisch sein.
Japans modernste Fertigungskapazitäten lagen bei 40 Nanometern. Im Grunde
„Legacy Nodes“ und mehrere Generationen hinter modernsten Chips zurück. Der
Sprung klang kühn bis absurd. Heute klingt er anders.
Rapidus, das 2022 mit staatlicher und
privatwirtschaftlicher Unterstützung gegründete Foundry-Startup, hat im Juli
2025 erstmals funktionsfähige 2-nm-GAA-Transistoren demonstriert, gebaut in der eigenen Pilotlinie in Chitose,
Hokkaido. Die Maschinen stehen, die EUV-Belichtung läuft, erste Kunden erhalten
bereits Process Design Kits. Anfang 2026 sicherte sich das Unternehmen 267,6
Milliarden Yen, umgerechnet rund 1,7 Milliarden US-Dollar, von Regierung und 32
Privatunternehmen, darunter Sony, Toyota und SoftBank. Die Massenproduktion ist
für 2027 geplant.
Natürlich bleiben Risiken. Rapidus
produziert heute erst rund 7.000 Wafer pro Monat. Im Vergleich dazu bringt es TSMC
auf ein Vielfaches. Der Weg zur wirtschaftlichen Massenproduktion ist teuer,
technisch anspruchsvoll und bisher nur von drei Unternehmen weltweit beschritten,
vier wenn man Rapidus mitzählt. Und doch: Japan hat aufgehört, nur über
Technologiesouveränität zu reden. Es baut sie.
Stärken stärken und gleichzeitig
Lücken schließen
Wer meint, Japan setze alles auf die
Karte Rapidus, hat nur die halbe Geschichte gelesen. Parallel läuft etwas, das
in Deutschland eine ziemlich lebhafte Debatte auslösen dürfte: die
Konsolidierung der heimischen Leistungshalbleiter-Industrie.
Ende März 2026 unterzeichneten Rohm,
Toshiba und Mitsubishi Electric ein Memorandum of Understanding, um ihre
Power-Semiconductor-Geschäftsbereiche zusammenzuführen. Auch all-electronics
hatte darüber berichtet.
Die drei Unternehmen halten zusammen
rund 7,5 Prozent des globalen Marktes für Leistungshalbleiter. Als gemeinsame
Einheit wären sie der weltweit zweitgrößte Anbieter, hinter Infineon, aber vor
jedem anderen. Der Deal ist noch nicht besiegelt, und das Interesse von Denso
an einer Rohm-Übernahme verkompliziert die Lage. Aber die Richtung ist klar:
Japan will seine fragmentierten Kapazitäten bündeln, um gegen chinesischen
Volumendruck und westliche Technologieführer bestehen zu können.
Das Bemerkenswerte, Japan versucht
beides gleichzeitig. Es stärkt seine angestammten Stärken, Automotive-Chips,
SiC-Leistungselektronik, Spezialkomponenten, und arbeitet zugleich daran, die
Lücke bei Hochleistungslogik zu schließen. In Deutschland und Europa werden
beide Wege häufig als einander ausschließende Alternativen diskutiert: entweder
Spartenstärken verteidigen oder in die Leading Edge investieren. Japan zeigt,
dass diese Entgegensetzung falsch ist.
Zwei Industrienationen, ein Spiegel
Die Parallelen zwischen Deutschland
und Japan sind verblüffend und werden in der Halbleiterdebatte zu selten
erwähnt. Beide Länder sind exportorientierte Industrienationen mit starker
Automobilindustrie, hoher Ingenieurdichte und einer mittelständisch geprägten
Zulieferstruktur. Beide verloren in den 1990er-Jahren den Anschluss an die
führenden Logik-Chipknoten. Beide haben ihre Verarbeitungsstärken in
Materialien, Anlagentechnik und Spezialchips bewahrt. Und beide ringen heute
mit ähnlichen Fragen: Wie viel Souveränität können wir uns leisten und wie viel
können wir uns nicht leisten zu verpassen?
Der Unterschied liegt weniger in der
Analyse als in der Konsequenz. Allein zwischen den Fiskaljahren 2021 und
2023 mobilisierte Japan rund 25,7 Milliarden US-Dollar an Subventionen für
seinen Halbleitersektor – das entspricht 0,71 Prozent des BIP, der höchste
Anteil weltweit. Deutschland lag im selben Vergleich bei 0,41 Prozent. Diese Zahlen allein erklären noch
nichts. Entscheidend ist, was damit geschieht. Während Japan staatliche Mittel
direkt in operative Unternehmensstrukturen lenkt und Konsolidierungsprozesse
aktiv fördert, warten deutsche Unternehmen teils seit über einem Jahr auf
Förderbescheide.
Das ist kein Aufruf zur blinden
Nachahmung japanischer Industriepolitik. Japan hat seine eigenen Baustellen:
überteuerte Energiekosten, fehlende Backend-Kapazitäten in der Nähe neuer Fabs,
ein drängendes Fachkräfteproblem. Aber die Grundhaltung, eine Strategie zu
formulieren, konsequent umzusetzen und wo nötig anzupassen, ist ein Modell, das
sich zu studieren lohnt
Was bleibt: Anlass zum Optimismus
Japans Halbleiterindustrie hat in den
vergangenen zwei Jahren mehr Bewegung gesehen als in den zwei Jahrzehnten
davor. TSMC fertigt in Kumamoto, Rapidus demonstriert 2-nm-Technologie, und die
Leistungshalbleiter-Champions des Landes rücken zusammen. Analysten sehen Japan
in der Lage, bis in die frühen 2030er-Jahre einen bedeutenden Anteil am
globalen Markt für Leading-Edge-Logik zu halten.
Das dürfte auch Deutschland nicht
gleichgültig sein. Nicht weil Japan ein Konkurrent ist, sondern weil es ein
Partner sein kann. In Materialien, Anlagentechnik und Spezialprozessen gibt es
mehr Gemeinsamkeiten als Reibungsflächen. Und weil Japan zeigt, dass Erneuerung
möglich ist, wenn Strategie und Umsetzung zusammenfinden. Die Kirschblütensaison
endet schnell. Aber was danach wächst, trägt Früchte. (bs)
Autor
Frank Bösenberg, Geschäftsführer von Silicon Saxony