Interview mit Martin Wagner, Head of Software Platforms ADAS bei BMW

„OEMs brauchen mehr Flexibilität bei Community-basierten Standards“

Open Source wird mehr und mehr zum strategischen Hebel für SDV-Plattformen. Dr. Martin Wagner von BMW erklärt im Interview, welche Rolle Community-basierte Entwicklung, automatisierte Safety-Prozesse und offene Standards dafür spielen.

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Lächelnder Mann mit Bart in hellblauem Hemd vor zweifarbiger Wand
Dr. Martin Wagner hat an der Technischen Universität München in Informatik promoviert.

Software wird im Fahrzeug zur zentralen Wertschöpfungsebene – Entwicklungsaufwand und Plattformstrategien müssen folglich neu gedacht werden. Für die Automobilindustrie stellt sich besonders bei sicherheitskritischen Serienprojekten die Frage, wie sich offene Softwareentwicklung mit Validierung, Zertifizierung und langfristiger Plattformstabilität verbinden lässt.

Dr. Martin Wagner, Head of Software Platforms ADAS bei BMW, arbeitet an der Schnittstelle von Open Source, HPC-Plattformen, ADAS und Safety-Validierung. Auf der Automotive Software Strategies Conference in München hält er die Keynote „Open Source Development for Safety-Critical Series Projects“ und stellt das S-CORE-Projekt innerhalb von Eclipse vor.

Im Interview erläutert er, welche Rolle Community-basierte Entwicklung, automatisierte Safety-Prozesse und offene Standards für künftige SDV-Plattformen spielen können.

Herr Dr. Wagner, was wird in den nächsten drei bis fünf Jahren die größte Herausforderung sein, um offene Software für SDV-Plattformen tragfähig zu machen?

Entscheidend ist, so schnell wie möglich eine Community aus Unternehmen und Einzelpersonen aus der Automobilindustrie und aus anderen Branchen aufzubauen, die gemeinsam an gemeinsamem Code arbeiten.

Warum Open Source für SDV-Plattformen wichtig ist

Welche technologische oder organisatorische Entscheidung wird die Rolle von Open Source in Automotive-Softwareplattformen am stärksten beeinflussen?

Bei BMW haben wir bereits wichtige Entscheidungen getroffen, die es uns ermöglicht haben, Open-Source-Software zu nutzen. Technologisch bedeutet das die hohe Integration von Funktionalität aus unterschiedlichen Domänen auf High-Performance-Compute-Plattformen, unseren „Superbrains“. Organisatorisch haben wir die Verantwortung für die Integration von System- und Kundenfunktionen auf diesen HPC-Plattformen übernommen. 

Key Facts – Automotive Software Strategies Conference 2026

Konferenzbanner mit der Aufschrift 7th International Conference Automotive Software Strategies May 19-20 2026 mit Fahrzeugfront und Code.

Was ist die Automotive Software Strategies Conference? Die Automotive Software Strategies Conference ist eine Fachkonferenz mit Fokus auf Software-Defined Vehicles, Automotive-Softwarearchitekturen und neue Entwicklungsparadigmen. Sie bringt OEMs, Zulieferer, Technologieunternehmen und Engineering-Spezialisten zusammen, um die Zukunft der Fahrzeugsoftware zu diskutieren.

Wann findet die Veranstaltung statt? Die Konferenz findet am 19. und 20. Mai 2026 statt.

Wo findet die Veranstaltung statt? Der Veranstaltungsort ist das Hochhaus des Süddeutschen Verlags in München.

Für wen ist die Konferenz gedacht? Die Veranstaltung richtet sich an Softwarearchitekten, Systemingenieure, Plattformentwickler, Engineering Manager sowie Entscheidungsträger, die an Automotive-Softwareplattformen, SDV-Architekturen und digitalen Fahrzeugökosystemen arbeiten.

Welche Themen werden auf der ASSC 2026 behandelt? Softwarearchitekturen und Softwarefabriken, Betriebssysteme und Middleware, die Programmiersprache Rust in Automotive-Systemen, Simulation und Virtualisierung, KI-gestützte Softwareentwicklung, Datennutzung und Datenmanagement sowie softwarebasierte Geschäftsmodelle.

Welche Unternehmen werden vertreten sein? Zu den Sprechern und Teilnehmern zählen Experten von Unternehmen wie Jaguar Land Rover, Mercedes-Benz, BMW, Renesas, Infineon, Microsoft, Google Cloud, AVL, IAV, ZF, Schaeffler und Green Hills Software.

Warum ist die Konferenz für die Branche relevant? Da sich Fahrzeuge zunehmend zu softwaredefinierten Plattformen entwickeln, untersucht die Konferenz, wie neue Softwarearchitekturen, Entwicklungsprozesse und Datenstrategien die Zukunft der automobilen Innovation prägen werden.

Wo gibt es Tickets für die Konferenz? Tickets gibt es auf der offiziellen Event-Page zur ASSC 2026.

In Ihrer ASSC-Keynote stellen Sie das S-CORE-Projekt innerhalb von Eclipse SDV vor. Welche konkrete Lücke adressiert diese Initiative?

Es geht dabei konkret um eine OSS-Lösung für sichere POSIX-basierte HPC-Plattformen, hauptsächlich im ADAS-Bereich. Wir konzentrieren uns zunächst auf Middleware, verfolgen langfristig aber das Ziel, eine vollständige OSS-Stack-Integration vom SoC bis zur Middleware-API zu erreichen.

Wie kann Open-Source-Entwicklung die Wiederverwendung nicht differenzierender Software in der Automobilindustrie erhöhen?

Indem eine Community aus gleichgesinnten OEMs und Distributoren geschaffen wird, die Code aus OSS nutzt und zusätzliche Services anbietet, etwa die Integration in OEM-Umgebungen oder Safety-Zertifizierung, können der gemeinsam entwickelte Code und zusätzliche Artefakte wiederverwendet werden.

Wie Open Source im Serienfahrzeug zertifizierbar wird

Was muss sich bei Safety-Validierung und Zertifizierungsprozessen ändern, um offene Software in Serienfahrzeugen zu unterstützen?

Die technische Safety-Validierung, zum Beispiel die Einhaltung von Code-Qualitätsstandards wie MISRA und die ordnungsgemäße Verknüpfung von Anforderungen, Architektur, Code und Testfällen entlang des V-Modells, muss so weit wie möglich automatisiert werden. Nur dann kann eine inkrementelle Entwicklung durch verschiedene Partner stattfinden, während die erzeugten Artefakte zertifizierbar bleiben.

Wie sollten OEMs offene Zusammenarbeit mit dem Bedarf an langfristiger Plattformstabilität und Safety Assurance in Einklang bringen?

Langfristige Plattformstabilität und offene Zusammenarbeit stehen nicht zwangsläufig im Widerspruch zueinander. Die Zusammenarbeit an einem offenen Standard über mehrere Generationen von Serienprojekten hinweg verbessert die bestehende Codebasis und die zugehörigen Artefakte. OEMs sollten außerdem mehr Flexibilität dabei zulassen, Community-basierte Standards zu übernehmen, anstatt auf proprietären „Das haben wir schon immer so gemacht“-Lösungen zu bestehen.

Was erhoffen Sie sich persönlich von der Automotive Software Strategies Conference in München?

Tiefere Einblicke in den aktuellen Stand der Technik bei automobilen Softwarepraktiken von anderen Branchenakteuren. Und natürlich, mehr Partner zu ermutigen, sich Eclipse SDV anzuschließen!