Interview mit Dr. Thomas Irawan, CEO von ETAS

„Viele SDV-Ansätze sind noch immer ein Flickenteppich.“

Immer komplexer werdende Fahrzeugoftware macht Skalierung zu einer zentralen Herausforderung der Automobilelektronik-Branche. Dr. Thomas Irawan von ETAS erklärt, wie abgestimmte Ökosysteme und klare Plattformdisziplin SDV-Strategien tragfähig machen.

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Lächelnder Mann im Sakko steht in einem hellen Büro vor Schreibtischen mit Monitoren.
Dr. Thomas Irawan ist sowohl Präsident als auch Vorsitzender der Geschäftsführung von ETAS. Der promovierte Physiker hat langjährige Führungserfahrung in den Bereichen Fertigung, Qualitätssicherung, Entwicklung und Automotive Software Engineering.

Da die Automobilindustrie den Schritt von der SDV-Vision zur Serienumsetzung schaffen will, verlagert sich der Druck von der Verfügbarkeit der Technologie hin zu Integrationsfähigkeit, Governance und langfristiger Plattformdisziplin. Offene Software-Grundlagen, skalierbare Ökosysteme und konsistente Betriebsmodelle werden somit zu entscheidenden Faktoren einer Branche unter Druck.

Dr. Thomas Irawan, Präsident und Vorsitzender der Geschäftsführung von ETAS, wird diesen Themenkomplex gemeinsam mit Dr. Christian Salzmann von BMW auf dem AUTOMOBIL-ELEKTRONIK Kongress 2026 adressieren – in einer Doppelkeynote, die den Branchenauftrag bereits im Titel trägt: „Eclipse S-CORE – Speed, Efficiency, Community in Open Source: Time to Deliver“.

Im Vorfeld der Veranstaltung in Ludwigsburg haben wir mit Dr. Irawan über das Betriebsmodell, Plattformentscheidungen und Abstimmungsfragen im Ökosystem gesprochen, die nötig sind, um SDV- und KI-Strategien zu skalieren.

Hr. Dr. Irawan, was wird in den nächsten drei bis fünf Jahren der größte Engpass sein, um SDV- und KI-Strategien in skalierbare, industrialisierte Fahrzeugplattformen zu überführen?

Der größte Engpass wird nicht die Verfügbarkeit der Technologie sein. Die Kerntechnologien für softwaredefinierte und KI-fähige Fahrzeuge sind weitgehend bereits vorhanden. Der eigentliche Engpass wird die Fähigkeit der Industrie sein, ihr Betriebsmodell und ihr Ökosystem so aufeinander abzustimmen, dass sich diese Technologien im großen Maßstab industrialisieren lassen. In den kommenden drei bis fünf Jahren wird der Erfolg weniger davon abhängen, wer die fortschrittlichsten einzelnen KI-Anwendungsfälle hat, sondern vielmehr davon, wer Architektur, Organisation und Partner in ein skalierbares Umsetzungsmodell zusammenführen kann. Anders gesagt: Die Herausforderung ist nicht die Innovation selbst, sondern die koordinierte Industrialisierung.

Das wurde für mich auf meiner jüngsten Reise nach China sehr greifbar. Auffällig war dort nicht nur das Entwicklungstempo, sondern auch eine andere architektonische Logik und Herangehensweise. In vielen westlichen Automotive-Programmen bewegt sich die Branche noch immer von einer hardwarezentrierten Historie hin zum softwaredefinierten Fahrzeug, wobei KI häufig als zusätzliche, vor allem funktionsbasierte Schicht obenauf gesetzt wird. In China nähern sich einige führende chinesische OEMs dem Fahrzeug bereits stärker aus einer KI-nativen Perspektive. Dort sehen wir zunehmend, dass KI-Anforderungen Architekturentscheidungen in der Software beeinflussen und die Softwarearchitektur dann die Hardware definiert.

Save the date: 30. AUTOMOBIL-ELEKTRONIK Kongress

Logo Automobil-Elektronik Kongress (AEK), mit Datum für 2026, eine Veranstaltung von Ultima Media Germany, mit dem dazugehörigen Magazin Automobil-Elektronik

Am 16. und 17. Juni 2026 findet zum 30. Mal der Internationale AUTOMOBIL-ELEKTRONIK Kongress (AEK) statt. Dieser Netzwerkkongress ist bereits seit vielen Jahren der Treffpunkt für die Top-Entscheider der Elektro-/Elektronik-Branche und bringt nun zusätzlich die Automotive-Verantwortlichen und die relevanten High-Level-Manager der Tech-Industrie zusammen, um gemeinsam das ganzheitliche Kundenerlebnis zu ermöglichen, das für die Fahrzeuge der Zukunft benötigt wird. Trotz dieser stark zunehmenden Internationalisierung wird der AUTOMOBIL-ELEKTRONIK Kongress von den Teilnehmern immer noch als eine Art "automobiles Familientreffen" bezeichnet.

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Ich würde das nicht als Frage darstellen, bei der die eine Seite richtig und die andere falsch liegt. Es ist weitgehend ein Spiegel unterschiedlicher Ausgangspunkte und verschiedener historischer Zwänge. Aber es verdeutlicht eine entscheidende Verschiebung: Künftige Wettbewerbsfähigkeit wird weniger davon abhängen, bestehenden Systemen Intelligenz hinzuzufügen, sondern davon, Hardware, Software, Daten und KI von Anfang an als eine kohärente Architektur zu entwerfen. Genau dort liegt der eigentliche Engpass.

Um in diesem Umfeld erfolgreich zu sein, brauchen Unternehmen mehr als starke Einzeltechnologien. Sie brauchen ein deutlich softwarezentrierteres Betriebsmodell, frühere funktionsübergreifende Entscheidungen, schnellere Integrationsschleifen und eine wesentlich engere Zusammenarbeit zwischen OEMs, Zulieferern, Halbleiterunternehmen, Cloud-Anbietern und Infrastrukturpartnern. Im SDV-Zeitalter ist die Leistungsfähigkeit des Ökosystems zu einer zentralen Wettbewerbsfähigkeit geworden. Wenn das Ökosystem nicht abgestimmt ist, bricht Skalierbarkeit zusammen – bei Geschwindigkeit, Kosten, Qualität und Lifecycle-Management. Wenn es abgestimmt ist, können Unternehmen Innovation in wiederholbare, industrialisierte Plattformen überführen.

Meine Sicht darauf ist daher sehr klar: Der größte Engpass in den nächsten drei bis fünf Jahren wird im Betriebsmodell und in der Abstimmung des Ökosystems liegen – also in der Fähigkeit, Architektur, Governance, Entwicklungsprozesse und Partner auf einer gemeinsamen Software- und KI-Basis auszurichten.

Wie sich SDV-Plattformen industrialisieren lassen

Welche heute getroffene Entscheidung wird am stärksten bestimmen, wo künftig Wertschöpfung im automobilen Ökosystem entsteht?

Die wichtigste Entscheidung ist diese: wie ein OEM definiert, wo er sich differenzieren will und wo er standardisiert. Die strategische Frage lautet nicht mehr einfach nur, wem die Software gehört. Die eigentliche Frage ist, wer die Teile des Fahrzeugerlebnisses kontrolliert, die die Marke wirklich prägen. Genau dort wird künftig Wertschöpfung entstehen.

Die Gewinner werden nicht die Unternehmen sein, die versuchen, jede Software-Schicht selbst zu entwickeln. Es werden jene sein, die die nicht differenzierende Basis standardisieren und ihre eigenen Ressourcen auf das konzentrieren, was das Fahrzeug einzigartig macht – vom Fahrverhalten und automatisierten Funktionen über User Experience und Komfort bis hin zu KI-gestützten Diensten.

Deshalb sind offene, produktionsreife Grundlagen so wichtig. Wenn OEMs aufhören, den grundlegenden Software-Stack – Middleware, Betriebssystemschichten, Kommunikations-Frameworks, Hardware-Abstraktion – immer wieder neu zu erfinden, können sie knappe Engineering-Kapazitäten auf die Funktionen lenken, die der Kunde sieht und erlebt.

Aus meiner Sicht sollten OEMs also nicht versuchen, alles selbst zu programmieren. Sie müssen Architekten des Ganzen sein. Sie sollten starke Partner und offene Ökosysteme für die Commodity-Schichten nutzen und gleichzeitig die Kontrolle über die funktionale Logik behalten, die den Charakter des Fahrzeugs definiert.

Einfach gesagt: Die Basis standardisieren, die Differenzierung schützen. Diese Entscheidung wird bestimmen, wo im künftigen automobilen Ökosystem Wertschöpfung verortet ist.

Wo SDV- und E/E-Architekturansätze an ihre Grenzen stoßen

An welchen Stellen bleiben aktuelle Ansätze für SDVs und E/E-Architekturen der nächsten Generation in realen Programmen noch hinter den Anforderungen zurück?

Aktuelle Ansätze für SDVs und E/E-Architekturen der nächsten Generation scheitern nicht an mangelndem Anspruch. Sie scheitern daran, wie sie integriert, industrialisiert und über die Zeit hinweg aufrechterhalten werden.

Eine große Schwäche in realen Programmen ist nach wie vor die späte Integration. Hardware, Basissoftware, Middleware, Anwendungen und cloudbezogene Komponenten werden oft parallel entwickelt, aber nicht früh genug gegen ein stabiles Architekturziel integriert. Dadurch treten kritische Abhängigkeiten, Performance-Probleme und Schnittstellenkonflikte erst spät im Programm auf – zu einem Zeitpunkt, an dem ihre Behebung deutlich teurer und störender ist. Das führt zu Verzögerungen, Nacharbeit und erheblichen Umsetzungsrisiken.

Ein zweites Problem sind fragmentierte Stacks. Viele aktuelle SDV-Ansätze sind noch immer ein Flickenteppich herstellerspezifischer Lösungen, hardwaregebundener Software-Schichten und teilweise inkompatibler Frameworks. Auf Prototypenebene mag das funktionieren, doch beim Skalieren über Plattformen, Fahrzeuglinien und Generationen hinweg wird es zu einem ernsthaften Hindernis. Fragmentierung reduziert die Wiederverwendung, erhöht den Validierungsaufwand und erschwert die konsistente Weiterentwicklung des Gesamt-Stacks.

Damit kommen wir direkt zur dritten Lücke: die Lifecycle-Belastung. In vielen Fällen ist der Stack vor allem für den SOP ausgelegt, aber nicht ausreichend für den gesamten darauffolgenden Lebenszyklus. Sobald Software über viele Jahre gewartet, aktualisiert, abgesichert, zertifiziert und unterstützt werden muss, wird architektonische Fragmentierung zu einem wesentlichen Kosten- und Komplexitätstreiber. Was zum Start noch beherrschbar wirkt, kann über einen Fahrzeuglebenszyklus von zehn bis fünfzehn Jahren extrem belastend werden.

Meine Sicht ist daher: Aktuelle Ansätze bleiben häufig hinter den Anforderungen zurück, weil Integration zu spät erfolgt, der Technologie-Stack zu fragmentiert bleibt und die langfristige Lifecycle-Belastung noch immer unterschätzt wird. Die eigentliche Herausforderung liegt nicht darin, die SDV-Vision zu definieren – sie liegt darin, einen Stack aufzubauen, der sich früh integrieren, konsistent skalieren und über die Zeit effizient managen lässt.

Was zeichnet in der Praxis eine skalierbare Software-Plattform für SDVs aus?

In der Praxis muss eine skalierbare Software-Plattform für SDVs Konsolidierung ermöglichen, ohne die Sicherheit zu beeinträchtigen. Das ist der eigentliche Maßstab. OEMs können Software-Komplexität nicht weiter dadurch beherrschen, dass sie einfach mehr ECUs, mehr Schnittstellen und mehr Verkabelung hinzufügen. Eine skalierbare Plattform muss es ermöglichen, unterschiedliche Funktionen kontrolliert, sicher und wartbar auf zentralisierter Rechenleistung auszuführen.

Aus ETAS-Sicht braucht es dafür drei Dinge. Erstens: starke Isolation. Wenn sicherheitskritische Funktionen wie Bremsen, Lenken oder ADAS gemeinsam mit Infotainment und KI-getriebenen Diensten auf derselben Hardware laufen, ist Trennung nicht verhandelbar. Zweitens: intelligente Middleware. Middleware ist das Rückgrat, das Anwendungen, Dienste und Kommunikation über Domänen hinweg verbindet. Sie ermöglicht sichere Interaktion, unterstützt das Sicherheitskonzept und schafft die Grundlage für Wiederverwendung und Portierbarkeit. Drittens: deterministische Konnektivität. In zonalen und zentralisierten Architekturen hängt Skalierbarkeit von vorhersagbarem Kommunikationsverhalten ab, insbesondere dort, wo sicherheitsrelevante Daten und Timing-Anforderungen eine Rolle spielen.

Das eigentliche Ziel ist sichere Konsolidierung im industriellen Maßstab. Wenn das gelingt, können OEMs Komplexität reduzieren, Wiederverwendung verbessern, Updates in nicht sicherheitskritischen Domänen beschleunigen und eine Plattform aufbauen, die über den gesamten Fahrzeuglebenszyklus beherrschbar bleibt. Genau daran arbeiten wir bei ETAS: an der produktionsreifen Software-Grundlage, die die SDV-Vision in eine sicherheitszertifizierbare Realität überführt.

Warum ETAS S-CORE in seine Vehicle Software Platform Suite bringt

Wo haben aktuelle Software-Ansätze noch Schwierigkeiten, Wiederverwendung und langfristige Wartbarkeit zu liefern?

Sie haben immer dort Schwierigkeiten, wo Software nicht als langfristiges industrielles Asset behandelt wird. Die erste Hürde ist die Hardware-Abhängigkeit. Noch immer ist zu viel Software zu eng an bestimmte Silizium- oder Plattformentscheidungen gebunden. Sobald sich die Hardware ändert, bricht Wiederverwendung weg und Teams sind gezwungen, weit mehr zu portieren oder neu aufzubauen, als eigentlich nötig wäre.

Die zweite Hürde ist Lifecycle-Disziplin. In der Automobilindustrie muss Software deutlich mehr als ein Jahrzehnt wartbar bleiben. Das erfordert reproduzierbare Toolchains, robustes Versionsmanagement und Update-Fähigkeit, lange nachdem sich die ursprüngliche Entwicklungsumgebung verändert hat.

Das dritte Problem ist begrenzte Transparenz. Wenn es über Schnittstellen und Abhängigkeiten hinweg nicht genügend Transparenz gibt, verlangsamt sich die Integration, die Flexibilität sinkt und OEMs geraten selbst bei kleineren Änderungen in Abhängigkeit von externen Roadmaps.

Und schließlich häufen viele Programme noch immer technische Schulden an, weil sie auf den Marktstartzeitpunkt statt auf Modularität und langfristige Weiterentwicklung optimiert sind. Das reduziert die Wiederverwendung über Fahrzeuglinien hinweg und macht Systeme über die Zeit schwerer und teurer in der Wartung.

Der Kernpunkt lautet also: Die Branche hat große Fortschritte dabei gemacht, mehr Software ins Fahrzeug zu bringen, aber noch nicht genug Fortschritte bei der Industrialisierung von Software. Erst mit offenen, standardisierten Grundlagen und einer stärkeren Entkopplung von Hardware und Software kann Software wirklich wiederverwendbar, wartbar und generationenübergreifend skalierbar werden.

Was war die größte unerwartete Herausforderung auf dem Weg zu einer industriefähigen S-CORE-Plattform?

Die größte Herausforderung – und vielleicht jene, die viele unterschätzt haben – bestand nicht darin, schnell genug eine offene Grundlage aufzubauen. Sie bestand darin, diese offene Grundlage in etwas zu verwandeln, das die Automobilindustrie tatsächlich in Serienprogrammen im großen Maßstab einsetzen kann. Offene Zusammenarbeit schafft Geschwindigkeit. Im Automotive-Bereich reicht Geschwindigkeit allein aber nicht aus. 

OEMs brauchen Nachverfolgbarkeit, stabile Versionierung, Integrationsqualität, Safety- und Cybersecurity-Tauglichkeit sowie langfristige Wartbarkeit. Genau das macht den Unterschied zwischen Community-Code und einer industriellen Plattform. Genau dort schafft ETAS Mehrwert. Wir sehen S-CORE als eine gemeinsame offene Grundlage für die Industrie. Kunden brauchen jedoch mehr als nur Zugriff auf Open-Source-Komponenten. Sie brauchen eine produktionsreife Distribution, die konsistent paketiert, nachvollziehbar versioniert, in industrielle Toolchains integriert und mit modernen Entwicklungs- und Validierungsprozessen abgestimmt ist.

Deshalb bringen wir S-CORE in die ETAS Vehicle Software Platform Suite ein. Unsere Rolle besteht nicht nur darin, zum offenen Ökosystem beizutragen, sondern es zu industrialisieren – und Kunden dabei zu helfen, eine offene Middleware-Grundlage in etwas zu verwandeln, das sich über den gesamten Fahrzeuglebenszyklus hinweg einsetzen, warten und skalieren lässt. In einem Satz lautet die größte Herausforderung: eine vielversprechende offene Initiative in eine vertrauenswürdige, industriefähige Plattform für die automobile Serienproduktion zu transformieren.