Heutige Fahrzeuge benötigen Halbleiter, die sich über verschiedene Funktionen und Architekturen hinweg einsetzen lassen und zugleich eine präzise Anpassung an OEM-spezifische Anforderungen ermöglichen. Modulare Plattformkonzepte schaffen dafür die technologische Grundlage.
Dr. Oliver AubelDr. OliverAubel
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Wie lösen Halbleiter im Auto den Spagat aus universeller Plattform und OEM-spezifischer Maßarbeit?sornram - stock.adobe.com
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Die Elektronikarchitektur wandelt sich von vielen, eng
fokussierten Steuergeräten hin zu zonalen und domänenbasierten Konzepten mit
zentralen Hochleistungsrechnern und leistungsfähigen Zonenknoten mit Edge‑AI‑Funktionalität.
Statt jede Funktion – Fensterheber, Sitzverstellung, Licht, Radar,
Lenkungsaktuator – mit einem eigenen Spezialchip zu versehen, kommen universell
ausgelegte MCUs und SoCs zum Einsatz, die mehrere Aufgaben übernehmen und über
Software konfiguriert werden. (Bild 1)
Bild 1: Schematische Darstellung einer zonalen Fahrzeugarchitektur. Die Haupt-CPUs steuern den Großteil der Fahrzeugelektronik mit einigen wenigen Spezialsteuerungen, z. B. für Batterie oder Motor.Globalfoundries
Diese Architektur folgt dem Prinzip „zentrale Intelligenz,
dezentrale Rechenleistung“: Zentrale Computer übernehmen komplexe ADAS‑,
Infotainment- und Fahrzeugfunktionen, während zonale Controller in den
Fahrzeugbereichen als Gateway, Sensorhub und Aktorsteuerung dienen und außerdem
erste „Berechnungen oder Auswertung“ übernehmen. Dadurch sinkt die Zahl der
Steuergeräte und Kabelstränge, während Datenraten, Sicherheitsanforderungen und
die Zahl der Softwarefunktionen deutlich steigen – eine Kombination, die ohne
universell einsetzbare, aber fein konfigurierbare Halbleiter kaum beherrschbar
wäre.
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Für die Halbleiterstrategie bedeutet das: OEMs und Tier1s setzen
auf Chipfamilien, die sich in unterschiedlichen Rollen einsetzen lassen – vom
einfachen Body-Controller bis zum sicherheitskritischen Steuergerät.
Maßgeschneiderte Lösungen entstehen weniger über unzählige, völlig verschiedene
ASICs, sondern über skalierbare Plattformen mit Varianten in Speichergröße,
Rechenleistung, Schnittstellen, Sicherheitslevel und Packaging. Solche
Plattformen bilden einen durchgängigen „Silizium-Backbone“, der sich über
mehrere Produktgenerationen hinweg tragen lässt und auf dem neue
Fahrzeuglinien, Derivate und Sondermodelle schneller aufsetzen können.
Warum Software-First-Autos mehr Halbleiterleistung brauchen
Bild 2: : Leistungssteigerung von Halbleitern für Kraftfahrzeuge in den letzten Jahren. Die Schätzung basiert auf den im Bewertungszeitraum verwendeten Halbleitertypen [1] und ist auf die Leistung von 2010 normiert. Bis 2024 stieg die Leistung um etwa das Zehnfache. Dieser Trend wird sich weiter beschleunigen.Globalfoundries
Mit Software-First- und Abomodellen wird das Fahrzeug dann zu einer
dynamischen Funktionsplattform: Hardwarefähige Features können über die gesamte
Lebensdauer hinweg per Lizenz freigeschaltet, erweitert oder angepasst werden.
In der Einstiegsklasse sind daher Halbleiter nötig, die deutlich mehr
Performance bieten, als initial genutzt wird – etwa für zusätzliche
Komfortfunktionen, höhere Automatisierungsgrade oder neue Diagnosedienste, die
erst Jahre nach Auslieferung, Entwicklung oder Produktion ausgerollt werden.
Dies stellt erhebliche Anforderungen an die Leistungsfähigkeit und vor allem
die Zuverlässigkeit der verbauten Halbleiter. (Bild 2)
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Diese Leistungsreserve darf jedoch nicht zu einer
Dauerbelastung des Bordnetzes werden, insbesondere in Elektrofahrzeugen mit
langen Stand‑ und Überwachungsphasen. Dauerhaft aktive Funktionen wie
Umgebungssensorik, Telematik, OTA‑Konnektivität und Sicherheitsüberwachung
erhöhen den Energiebedarf der Elektronik, während gleichzeitig Reichweite und
Effizienz im Fokus stehen. Halbleiterplattformen müssen deshalb fortschrittliche
Energiemanagementkonzepte unterstützen – von Tiefschlafmodi über dynamische
Spannungs- und Frequenzanpassung bis zu intelligenter Lastverteilung innerhalb
der Halbleiter z.B. zwischen Kernen aber auch mit der Peripherie.
Auch auf Systemebene sind intelligente Strategien gefragt:
Etwa die Verlagerung rechenintensiver Aufgaben in kurzzeitige, klar begrenzte
Aktivitätsfenster, während große Teile der Hardware die meiste Zeit in
hocheffizienten Low‑Power‑Zuständen verbleiben. Ergänzend dazu gewinnen
Mechanismen wie funktionale Degradierung, adaptive Qualitätsstufen für Sensorik
und datengetriebene Optimierung des Energieverbrauchs an Bedeutung, um das
Zusammenspiel zwischen Softwarefunktionen und Halbleiterplattformen im Feld kontinuierlich
zu verbessern.
Gleichzeitig wächst der Nachhaltigkeitsdruck: OEMs erwarten,
dass Halbleiterlösungen nicht nur im Betrieb effizient sind, sondern auch über
hohe Ausbeute, lange Verfügbarkeit und ein robustes Zuverlässigkeitsverhalten
verfügen, um Nachrüstungen, Ersatzteilvielfalt und vorzeitige Obsoleszenz zu
minimieren. Universelle Plattformchips können hier einen Beitrag leisten, weil
sie über höhere Volumina und längere Lebenszyklen sowohl die Fertigung
effizienter machen als auch das Variantenmanagement im Feld vereinfachen.
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Auch für die Halbleiterhersteller ist dieser Ansatz von
Vorteil. Durch Variantenreduzierung und gleichzeitige Erhöhung der Produktionsvolumina
der Plattformkomponenten sind erheblich Verbesserungen durch Skaleneffekte
möglich. Die Prozesskontrolle der Herstellung basiert auf der statistischen
Auswertung von Daten aus der Produktion, bei höheren Volumina sind diese Daten
deutlich robuster und somit ist eine Prozesskontrolle vereinfacht. Dies führt
in der Regel dazu, dass höhere Ausbeuten und eine bessere Qualität
kostengünstiger und effektiver erzielt werden können.
Technologische Hebel für universelle Chipplattformen
Um Leistung, Energieeffizienz und Skalierbarkeit in Einklang zu bringen,
setzen moderne Automotive-Halbleiter-Technologien wie 22FDX zunehmend auf
Lösungen, die in einem Knoten sowohl digitale Performance als auch
Mixed-Signal-, HF-, mmWave, NVMs und Power-Funktionalität erlauben. FD‑SOI‑basierte
Technologielösungen sind hier besonders relevant. Durch ihre
Transistor-Architektur mit isolierendem Substratlayer und Body-Bias-Techniken
können sie bei sehr niedrigen Spannungen hocheffizient arbeiten und die Transistoreigenschaften
den jeweils benötigten Anforderungen anpassen. Im Vergleich zu konventionellem
Bulk‑CMOS bieten FD‑SOI‑basierte Technologien deutliche Vorteile bei
Leckströmen und dynamischem Stromverbrauch (Bild 3).
Bild 3: : Geschätzte Reduzierung des Stromverbrauchs durch den Einsatz fortschrittlicher Technologien wie Fully Depleted (FD) – SOI mit dem zusätzlichen Vorteil der Back-Bias-Steuerung [2].Globalfoundries
Dadurch lassen sich MCUs entwickeln, die im aktiven Betrieb
hohe Performance liefern, im Standby aber mit minimalem Energiebedarf über
lange Zeiträume verfügbar bleiben – ein entscheidender Aspekt für zonale
Controller oder dauerhaft aktive Sensorik im Fahrzeug. Gleichzeitig ermöglichen
solche Technologien die Integration von Embedded‑Speicher (z. B. eFlash, MRAM, RRAM),
robusten Hochvolt-Treibern und HF‑und mmWave Blöcken für Radar oder
Konnektivität auf demselben Chip, was Systemkomplexität, Bauteilzahl und Kosten
reduziert.
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Ein weiterer Hebel liegt in der systematischen Nutzung von
Designplattformen: Wiederverwendbare IP‑Bibliotheken für CPU‑Kerne, Peripherie,
Security-Blöcke, Netzwerk-Interfaces und Safety‑Mechanismen erlauben es, auf
derselben Technologie gleich mehrere Bausteinfamilien für unterschiedliche
Aufgaben im Fahrzeug abzuleiten. Auf diese Weise bleiben Maskenkosten und
Entwicklungszeiten beherrschbar, während OEM-spezifische Differenzierung weiterhin
über Konfiguration, IP‑Auswahl und Softwareumsetzung erfolgt.
Ergänzend dazu können klar definierte Automotive-Prozesstechnologien
mit zugesicherten Qualitätsniveaus und durch Mission Profiles qualifizierten Temperaturbereichen
sowie angepassten Lieferkettenmodellen, wie Turnkey (Wafer-Produktion plus
Packaging und Test) unter anderem die Qualität, Zuverlässigkeit und Langzeitverfügbarkeit
verbessern und somit das Produktrisiko bereits in frühen Projektphasen deutlich
reduzieren und die Industrialisierung neuer Derivate beschleunigen.
Wie sich „maßgeschneidert“ neu definiert
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In der klassischen Welt bedeutete Maßarbeit, dass für eine konkrete
Funktion ein eigenständiger, stark spezialisierter Chip entwickelt wurde – mit
exakt zugeschnittener Peripherie, Speichergröße und Schnittstellen. Diese
Vorgehensweise skaliert jedoch nicht mehr, wenn pro Fahrzeugplattform hunderte
Funktionen, steigende Sicherheitsanforderungen und verkürzte Entwicklungszyklen
zusammenkommen.
Heute verlagert sich der Begriff „maßgeschneidert“ auf eine
höhere Abstraktionsebene: Eine Halbleiterplattform gilt als maßgeschneidert,
wenn sie eine modulare Grundarchitektur bietet, die sich über Varianten und
Konfigurationen präzise an unterschiedliche OEM‑Architekturen, Fahrzeugsegmente
und Funktionsumfänge anpassen lässt. Dazu gehören etwa Skalierungsoptionen bei
der CPU‑Leistung, verschiedene Speicher- und I/O‑Ausbaustufen, Safety‑Konfigurationen
bis ASIL‑D, differenzierte Sicherheitsfeatures sowie spezielle IP‑Blöcke für
Radar, Motorsteuerung oder Leistungsverteilung.
Maßgeschneidert heißt in diesem Verständnis, dass die
Siliziumbasis über mehrere Fahrzeuggenerationen hinweg stabil bleiben kann,
während OEMs Funktionen, Sicherheitskonzepte und Geschäftsmodelle primär über
Software, Feature-Freischaltungen und OTA‑Updates weiterentwickeln.
Halbleiterhersteller liefern keine einzelnen Sonderchips mehr, sondern einen
verlässlichen, über Jahre verfügbaren Technologie- und IP‑Baukasten, der das
Rückgrat der E/E‑Architektur bildet. Dadurch lässt sich auch die Komplexität in
der Lieferkette verringern, weil weniger unterschiedliche Bauteiltypen
gemanagt, qualifiziert und über lange Zeiträume bevorratet werden müssen.
(Bild 4)
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Für Tier‑1‑Zulieferer eröffnet diese Form der Maßarbeit
zusätzliche Spielräume: Sie können auf einer etablierten Plattform
unterschiedliche Steuergeräteportfolios entwickeln, deren Differenzierung
stärker in Software, Funktionsintegration und Systemkompetenz liegt als in
grundsätzlich verschiedenen Siliziumdesigns. So verschiebt sich der Wettbewerb
in Richtung Systemarchitektur, Softwarequalität und Endnutzererlebnis, während
die Halbleiterplattform als robuste, industriell optimierte Basis stabil
bleibt.
Warum Software-defined Vehicles neue Halbleiterplattformen brauchen
Softwaredefinierte Fahrzeuge setzen voraus, dass Hardware als skalierbare,
homogene Infrastruktur verstanden wird, auf der sich Funktionen wie Services
bereitstellen, orchestrieren und aktualisieren lassen. Universell angelegte
Chipplattformen schaffen dafür die Voraussetzung, indem sie standardisierte
Rechen- und Kommunikations-Ressourcen in zonalen Controllern und zentralen
Hochleistungsrechnern bereitstellen, die unabhängig von einzelnen
Modellvarianten operieren.
Bild 4: Beispiele für Mehrzweck Halbleiter, die mehrere Funktionen in einem Chip / Controller vereinen.Globalfoundries
Die Abstraktion physischer Ein- und Ausgänge in logische
Services – etwa „Fensterheber vorne links“, „Frontkamera“, „Radar vorne Mitte“
– wird erst dann effizient, wenn darunter liegende MCUs und SoCs weitgehend
identische Software-Schnittstellen, Security-Mechanismen und Diagnosefunktionen
bieten. Dann lassen sich Feature-Updates, Funktionsbündel oder neue
Abo-Angebote per OTA über große Flotten ausrollen, ohne für jede Baureihe oder
jedes Steuergerät individuelle Softwarepfade pflegen zu müssen.
Für OEMs bedeutet dies, dass die Innovationsgeschwindigkeit
zunehmend von Softwareteams geprägt wird, während die Halbleiterplattform im
Hintergrund Kontinuität, Skalierbarkeit und Zuverlässigkeit sicherstellt. Je
besser es gelingt, die Anforderungen aus Safety, Security, Echtzeitfähigkeit,
Energieeffizienz und Kosten bereits in diese Plattform zu integrieren, desto
reibungsloser lassen sich Software-First-Strategien realisieren – und desto
leichter wird es, dass eingangs beschriebene Halbleiterparadoxon im modernen
Auto aufzulösen.
Autor:
Dr. Oliver Aubel, Corporate Lead Automotive
Solutions at GlobalFoundries Fab1 in Dresden
Quellen:
[1] Oliver
Aubel (GlobalFoundries) based on references from:
a) Matt, Alfredo, Khaldoun, Karl,
Aravind, Steven “CES 2020 Electro-Mobility Wall“, ST 2020
b) Jeremie Bouchaud and Hrishikesh S,
“Automotive computing: The new competitive advantage for OEMs“, S&P Global
Mobility, 2025
[2] Oliver
Aubel (GlobalFoundries) based on references from:
a) X. Federspiel, et al “28nm node bulk
vs FDSOI reliability comparison”, Reliability Physics Symposium (IRPS), 2012
IEEE International
b) Cesana, G. (2014) The FD-SOI
Technology for Very High-Speed and Energy Efficient SoCs, MPSOC Forum 2014
c) Guenole Lallement, et al., “A 2.7
pJ/cycle 16 MHz, 0.7 µW Deep Sleep Power ARM Cortex‑M0+ Core SoC in 28 nm FD‑SOI.”
IEEE Journal of Solid-State Circuits (JSSC), 2018.