Interview mit Michael Schaffert, SVP & Head of Chiplet Program bei Bosch

„Chiplets ermöglichen einen echten Top-down-Designansatz“

Chiplets gelten als möglicher Schlüssel für skalierbare und flexiblere Fahrzeugplattformen im SDV-Zeitalter. Michael Schaffert von Bosch erklärt, wo die Technologie Mehrwert schafft und welche Hürden einer breiten Industrialisierung noch im Weg stehen.

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Porträt eines Mannes vor einer hellen Wand, leicht seitlich zur Kamera blickend.
Michael Schaffert studierte Elektrotechnik an der Technischen Universität Stuttgart.

Im SDV-Zeitalter steigt die Komplexität automobiler Elektroniksysteme ebenso kontinuierlich wie erheblich. Gleichzeitig rücken Chiplet-Architekturen zunehmend in den strategischen Fokus von OEMs, Zulieferern und Halbleiterunternehmen.

Michael Schaffert, SVP & Head of Chiplet Program bei Bosch, wird auf dem kommenden Automobil-Elektronik-Kongress-Panel „Chiplets – Technology & Business Viability“ über die technische und wirtschaftliche Tragfähigkeit von Chiplets diskutieren.

Moderiert wird die hochkarätig besetzte Runde von Dr. Mathias Pillin, Chief Technology Officer bei Bosch. Teilnehmer sind außerdem Dr. Christoph Grote, Senior Vice President AI & Innovation bei BMW, Joachim Kahmann, Senior Vice President Purchasing EE & Modules bei Stellantis, Harald Kroeger, Head of Sales & President Automotive bei Sima.ai sowie Christopher Thomas, President von TSMC Europe.

Im Interview erklärt Schaffert, warum Systemintegration, Standards, Multi-Vendor-Co-Design und langfristige Resilienz in der Lieferkette darüber entscheiden werden, ob Chiplets zu skalierbaren Bausteinen zukünftiger Automotive-Plattformen werden können.

Herr Schaffert, mit Blick auf die nächsten drei bis fünf Jahre: Was wird der größte Engpass dabei sein, SDV- und KI-Strategien in skalierbare, industrialisierte Fahrzeugplattformen zu überführen?

Aus Bosch-Sicht wird der größte Engpass die Systemintegration über Hardware, Software und mehrere Partner hinweg sein. Die technologischen Bausteine existieren zwar bereits, ihre Kombination zu standardisierten, automotive-tauglichen Plattformen bleibt jedoch hochkomplex. Insbesondere Multi-Vendor-Co-Design und das Fehlen ausgereifter Standards bremsen die Skalierbarkeit. Die eigentliche Herausforderung besteht darin, Innovation in robuste, wiederholbare industrielle Lösungen zu überführen.

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Wie Chiplets SDV- und KI-Strategien skalierbar machen

Welche heute getroffene Entscheidung wird am stärksten bestimmen, wo künftig Wertschöpfung im automobilen Ökosystem entsteht?

Die zentrale Entscheidung besteht darin, schnelle Innovationszyklen – insbesondere im Bereich KI – mit den langfristigen Anforderungen automobiler Produktlebenszyklen und Lieferketten in Einklang zu bringen. Entscheidungen rund um Plattformkontrolle, KI-Sourcing-Strategien und Resilienz der Lieferkette werden bestimmen, wo sich Wertschöpfung konzentriert. Anders als in anderen Industrien muss die Automobilbranche Verfügbarkeit über mehr als ein Jahrzehnt garantieren und sich gleichzeitig an schnell wandelnde Halbleitermärkte anpassen. Daraus entsteht ein permanenter Zielkonflikt zwischen Innovation, Kosten und langfristiger Stabilität.

Wo stoßen heutige Ansätze für SDVs und E/E-Architekturen der nächsten Generation in realen Programmen noch an Grenzen?

Aktuelle Architekturen kämpfen in realen Programmen mit Komplexität, Kosten und Skalierbarkeit. Der Übergang zu zentralen Rechen- und Zonenarchitekturen hat sich als teurer und komplexer erwiesen als ursprünglich erwartet, insbesondere wenn mehrere SoC-Varianten eingeführt werden. In der Praxis diktieren SoCs nach wie vor die Systemarchitekturen, anstatt aus den Fahrzeuganforderungen abgeleitet zu werden. Darüber hinaus bleiben Innovationszyklen aufgrund der teuren und unflexiblen Entwicklung monolithischer Chips weiterhin zu langsam.

Warum Chiplet-Architekturen das Automotive-Systemdesign verändern

Wie verändern Chiplet-Architekturen das Design automobiler Systeme?

Chiplets ermöglichen den Übergang zu einem echten Top-down-Designansatz, bei dem von Fahrzeugfunktionen und nicht von Halbleiterrestriktionen ausgegangen wird. Systeme können in modulare Bausteine zerlegt werden, die besser mit Softwarearchitekturen und funktionalen Ketten abgestimmt sind. Dadurch reduziert sich der Bedarf an Workarounds, die typischerweise erforderlich sind, wenn verbrauchergetriebene SoCs an Automotive-Anforderungen angepasst werden müssen. Infolgedessen ermöglichen Chiplets stärker zugeschnittene, anwendungsspezifische Systemdesigns. Man kann durchaus sagen, dass ein chipletbasiertes SoC „Semi-Custom Silicon“ sein kann.

Was sind die größten Integrationsherausforderungen für Chiplets im Fahrzeug?

Die größte Herausforderung besteht darin, stabile und breit akzeptierte Standards über das gesamte Ökosystem hinweg zu etablieren – einschließlich Tools, Software und Zulieferern. Ohne diese Grundlage wird Multi-Vendor-Integration nicht skalieren. Darüber hinaus bleiben ausreichende Ausbeute („Yield“) sowie das Management von Defektrisiken auf Chiplet-Ebene kritisch, da Fehler das Gesamtsystem beeinträchtigen können. Diese technischen Risiken wirken sich unmittelbar auf die wirtschaftliche Tragfähigkeit chipletbasierter Lösungen aus.

Wo Chiplets echten Mehrwert gegenüber klassischen SoCs schaffen

Wo schaffen Chiplets echten Mehrwert gegenüber klassischen SoC-Ansätzen?

Chiplets schaffen Mehrwert, indem sie Entwicklungsaufwand reduzieren, Skalierbarkeit verbessern und die Time-to-Market beschleunigen. Sie ermöglichen eine gemeinsame Softwarearchitektur über mehrere Produktvarianten hinweg und vermeiden wiederholte Portierungsaufwände. Dadurch können sich Entwicklungsressourcen stärker auf differenzierende Funktionen konzentrieren statt auf das reine Plattform-Bootstrapping. Gleichzeitig senken Chiplets die Eintrittsbarrieren für Innovation und ermöglichen spezialisierten Akteuren, gezielt Funktionen wie KI-Beschleuniger beizutragen.