Interview mit Martin Schreiber, Head of Product Management & Technical Marketing Memory Solutions bei Swissbit

Industrieller Flash-Speicher unter neuem Marktdruck

Der Markt für industriellen Flash-Speicher verändert sich deutlich. Steigende Preise, technologische Umbrüche und neue Anforderungen an Verfügbarkeit, Sicherheit und Lebensdauer erhöhen den Handlungsdruck. Martin Schreiber von Swissbit gibt im Interview die Antworten auf die brennendsten Fragen.

5 min
Wie verändert sich der Markt für industriellen Flash-Speicher hinsichtlich Preis, Verfügbarkeit, TLC, pSLC und Security? Martin Schreiber von Swissbit gibt die Antworten.
Wie verändert sich der Markt für industriellen Flash-Speicher hinsichtlich Preis, Verfügbarkeit, TLC, pSLC und Security? Martin Schreiber von Swissbit gibt die Antworten.

Herr Schreiber, wie hat sich der Markt für industriellen Flash-Speicher in den vergangenen zwölf Monaten konkret verändert?

So eine Marktsituation habe ich in der Form noch nicht erlebt. KI-Anwendungen saugen aktuell enorme Kapazitäten aus dem Markt, oder anders gesagt: AI eats everything. Das Ergebnis ist die größte Flash-Allokation, die es je gab, kombiniert mit massiven Preissteigerungen. Innerhalb von sechs Monaten sind NAND-Rohstoffpreise je nach Technologie um den Faktor fünf bis acht gestiegen.

Martin Schreiber ist Head of Product Management & Technical Marketing Memory Solutions bei Swissbit.
Martin Schreiber ist Head of Product Management & Technical Marketing Memory Solutions bei Swissbit.

Diese Entwicklung zwingt die Hersteller zu klaren Entscheidungen. Legacy-Technologien wie SLC, MLC oder ältere 3D-NAND-Generationen geraten zunehmend unter Druck, insbesondere kleine Dies sind wirtschaftlich kaum noch darstellbar. Für die dominanten NAND-Hersteller ist die Produktion von Legacy-NAND Technologie nicht mehr wirtschaftlich, da sie sich auf den größten Gigabyte-Output per Wafer-Die konzentrieren und mit diesen die größte Profitabilität erreicht werden kann. Gleichzeitig sehen wir neue Anbieter oder spezialisierte Player, die genau hier einspringen. Unterm Strich sortiert sich der Markt gerade komplett neu. Für industrielle Anwender heißt das: Versorgungssicherheit und Technologieentscheidung müssen heute deutlich strategischer gedacht werden als noch vor einem Jahr.

KI-Anwendungen saugen aktuell enorme Kapazitäten aus dem Markt, oder anders gesagt: AI eats everything.

Martin Schreiber, Swissbit

Spüren Industriekunden derzeit vor allem steigende Preise, längere Lieferzeiten oder technologische Unsicherheiten?

Kurz gesagt: alles gleichzeitig. Viele Kunden nehmen die aktuelle Lage zunächst über steigende Preise oder längere Lieferzeiten wahr, das sind die sichtbaren Symptome. Die eigentliche Veränderung liegt aber tiefer: Im Flash-Markt finden gerade seismische Verschiebungen statt. Technologien, die über Jahre als verlässlich verfügbar galten, werden neu bewertet, priorisiert oder perspektivisch abgekündigt. Das betrifft vor allem industrielle Anwendungen, die auf lange Produktlebenszyklen ausgelegt sind. Viele Unternehmen haben diese Tragweite noch nicht vollständig auf dem Radar. Wer heute nur versucht, den nächsten Preisaufschlag zu verhandeln oder Lieferzeiten zu überbrücken, denkt zu kurz. Entscheidend ist die Frage: Ist die eingesetzte Speichertechnologie auch in zwei, fünf oder sieben Jahren noch tragfähig verfügbar?

Welche Auswirkungen hat die aktuelle NAND-Marktentwicklung auf langlaufende Industrieprojekte mit Produktzyklen von fünf bis zehn Jahren?

Die Auswirkungen sind erheblich. Gerade R&D-Abteilungen sind derzeit extrem stark damit beschäftigt, die Krise rund um Legacy-Nodes und abgekündigte NAND-Technologien zu umschiffen. Es geht also nicht mehr nur darum, ein bestehendes Design weiterzuentwickeln, sondern teilweise darum, überhaupt eine stabile technologische Basis für die nächsten Jahre zu sichern. Das führt dazu, dass neue Plattformen und Produkte verschoben oder in manchen Fällen sogar komplett gestrichen werden.

Was wir klar sehen: Longevity bekommt einen völlig neuen Stellenwert. In der Industrie war Langzeitverfügbarkeit lange eine Erwartungshaltung. In den kommenden Jahren wird sie wieder zu einem echten Differenzierungsmerkmal und damit zu einem Thema, das man sehr früh im Design-in berücksichtigen muss.

Wie gut lassen sich moderne TLC- und QLC-Technologien mit den Zuverlässigkeitsanforderungen industrieller Anwendungen vereinbaren?

Beide Technologien unterscheiden sich deutlich von klassischen Legacy-NANDs wie SLC oder MLC. Sie stellen höhere Anforderungen an das Speicher- und Systemdesign, etwa bei Endurance, Datenhaltbarkeit oder Temperaturverhalten. Mit dem richtigen Ansatz sind industrielle Anforderungen aber weiterhin gut abbildbar, insbesondere mit TLC. Entscheidend ist hier die Rolle von Anbietern wie Swissbit, die durch gezielte Firmware-Strategien und NAND-Management robuste, langlebige und zuverlässige Speicherlösungen ermöglichen.

QLC erreicht im industriellen Umfeld dagegen schneller seine Grenzen und eignet sich nur für klar definierte Einsatzszenarien. TLC hingegen wird sich zunehmend als De-facto-Standard etablieren, weil es bei richtiger Umsetzung den besten Kompromiss aus Verfügbarkeit, Kosten und Zuverlässigkeit bietet.

Welche Rolle spielt pSLC heute – als Übergangslösung oder als dauerhaft sinnvolle Strategie für viele Industrieanwendungen?

Für viele Industrieanwendungen ist pSLC eine dauerhaft sinnvolle Strategie, um die geforderte Zuverlässigkeit, Robustheit und Langlebigkeit zu erreichen. Der Grund ist einfach: Moderne NAND-Generationen liefern zwar hohe Speicherdichten, aber nicht automatisch die Endurance, die industrielle Anwendungen brauchen. Ein Beispiel: Ein 64-GB-Die mit rund 3.000 P/E-Zyklen reicht oft nicht aus, wenn in der Anwendung eher 100.000 Zyklen auf SLC-Niveau gefordert sind. Im pSLC-Betrieb entstehen daraus zwar nur noch etwa 20 GB nutzbare Kapazität dafür aber eben auch mit deutlich höherer Endurance.

Wird die eigentliche Differenzierung bei industriellen Speichern heute stärker über Controller und Firmware erreicht als über den NAND selbst?

Im Grunde war es schon immer so, dass die Differenzierung über Controller und Firmware läuft. MCU und Firmware sind das „Gehirn“ eines Speichermoduls, hier entscheidet sich, wie zuverlässig, robust und langlebig eine Lösung im Feld tatsächlich ist. Genau deshalb sind Erfahrung und eigenes Know-how entscheidend. Bei Swissbit profitieren wir seit Jahren von In-house-R&D und eigener IP. Die Fähigkeit, tief in die Firmware einzugreifen und sie gezielt an Applikationen und Workloads anzupassen, wird heute mehr denn je zum Schlüsselfaktor.

Das gilt zunehmend auch für den Controller selbst. Neue TLC-Generationen wie BiCS8 oder BiCS10 bringen Anforderungen mit sich, die Anpassungen auf MCU-Ebene notwendig machen. Wer hier nicht eingreifen kann, stößt schnell an technologische Grenzen.

Bei Swissbit profitieren wir seit Jahren von In-house-R&D und eigener IP. Die Fähigkeit, tief in die Firmware einzugreifen und sie gezielt an Applikationen und Workloads anzupassen, wird heute mehr denn je zum Schlüsselfaktor.

Martin Schreiber, Swissbit

Welche Parameter sind bei industriellen Flash-Produkten heute am schwierigsten zu garantieren – Endurance, Retention, Temperaturverhalten oder Langzeitverfügbarkeit?

Kurz gesagt: eigentlich alles. Endurance, Retention, Temperaturverhalten und Langzeitverfügbarkeit hängen stärker zusammen, als viele denken, und alle Parameter stehen durch den Technologiewandel unter Druck. Die Herausforderung ist, neue NAND-Technologien aus Enterprise-, Client- oder Consumer-Umfeldern so zu qualifizieren und zu managen, dass sie industrielle Anforderungen erfüllen. Genau hier kommen Hersteller wie Swissbit ins Spiel: Wer die Applikationen, Lastprofile und Lebenszyklen versteht, kann auch mit neuen NAND-Generationen robuste Lösungen für industrielle Anwendungen entwickeln.

Inwieweit verändern KI und Edge-KI die Anforderungen an industrielle Speicherlösungen und wie entwickelt sich der Bedarf in diesem Bereich? 

KI wird heute vor allem über GPUs, HBM und Rechenleistung diskutiert. Das ist verständlich, greift aber zu kurz. In der Praxis braucht jede KI-Infrastruktur auch zuverlässigen Flash-Speicher und das nicht nur im Rechenzentrum, sondern ebenso am Edge. Gerade Edge-KI stellt hohe Anforderungen wie hohe Performance, geringe Latenz, Robustheit und ein stabiler Betrieb über viele Jahre. Es geht also nicht nur darum, Daten zu speichern, sondern KI-Systeme dauerhaft verfügbar und verlässlich betreibbar zu machen. Genau dafür braucht es spezialisierte industrielle Speicherlösungen. Sie laufen oft im Hintergrund, sind aber ein essenzieller Teil der Infrastruktur. Ohne sie funktioniert KI im realen Betrieb nicht.

Welche Rolle spielen Sicherheitsfunktionen wie Secure Boot, Hardware-Root-of-Trust oder manipulationssichere Speicher heute in realen Industrieprojekten?

Eine sehr große und sie wird weiter wachsen. Swissbit beschäftigt sich seit Jahren mit Hardware-Security, weil klar ist: Kritische Daten, Schlüssel und Firmware liegen im Storage‑Modul und damit ist der Speicher ein sicherheitsrelevanter Baustein des Systems. Zusätzlich steigt der Druck durch neue gesetzliche Anforderungen wie der Cyber Resilience Act. Wir sprechen hier über Themen wie Secure Boot, Hardware‑Root‑of‑Trust, manipulationssichere Speicher und die Absicherung und Updatefähigkeit der Firmware, inklusive OTA‑Updates, Patch-Management, Incident Reporting und Software Bill-of-Material – das alles ist längst kein „Nice-to-have“ mehr, sondern Pflicht. Swissbit liefert hier nicht nur die passenden Speicherlösungen, sondern unterstützt OEMs auch mit Services und langjähriger Erfahrung, um Systeme ganzheitlich sicher und regulatorisch konform zu gestalten.

Swissbit beschäftigt sich seit Jahren mit Hardware-Security, weil klar ist: Kritische Daten, Schlüssel und Firmware liegen im Storage‑Modul und damit ist der Speicher ein sicherheitsrelevanter Baustein des Systems. Zusätzlich steigt der Druck durch neue gesetzliche Anforderungen wie der Cyber Resilience Act.

Martin Schreiber, Swissbit

Wie stark wirken sich geopolitische Risiken, Exportbeschränkungen und regionale Lieferketten inzwischen auf Ihre Produktstrategie aus?

Sehr stark. Im Markt ist derzeit viel Bewegung, nicht nur durch klassische Supply-Chain-Themen, sondern auch durch Makroereignisse wie Naturkatastrophen, geopolitische Konflikte oder Energie- und Ölpreisschocks. Gleichzeitig sehen wir eine klare Regionalisierung: „China for China“, teilweise auch „India for India“. Viele Regionen wollen unabhängiger voneinander werden, besonders in sensiblen Bereichen wie Defense, KRITIS oder Government. Trotzdem bleibt Taiwan für die Halbleiterindustrie zentral. Man kann sagen, ohne Taiwan geht in vielen Bereichen weiterhin wenig.

Für Swissbit heißt das: Diversifizierung ist entscheidend. Wir stehen hier gut da, weil wir mit einem breiten Lieferantennetzwerk in den USA, Europa, Asien und Japan arbeiten und Abhängigkeiten aktiv managen.

Worauf sollten Entwickler und Einkäufer 2026 bei neuen Speicherdesigns besonders achten, um in drei Jahren keine bösen Überraschungen zu erleben?

Entscheidend ist, Speicher nicht mehr als austauschbare Standardkomponente zu betrachten. Entwickler und Einkäufer sollten sehr genau prüfen, mit welchen Partnern sie arbeiten und ob diese wirklich stabile Lieferantenbeziehungen, kontrollierte Prozesse und eine belastbare Supply Chain haben. Industrieprojekte brauchen Partner, die Longevity verstehen und aktiv beraten können.

Herr Schreiber, vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Dr.-Ing. Nicole Ahner, Redaktionelle Leitung E-Titel bei Hüthig Medien.