Interview mit Martin Schreiber, Head of Product Management & Technical Marketing Memory Solutions bei Swissbit
Industrieller Flash-Speicher unter neuem Marktdruck
Der Markt für industriellen Flash-Speicher verändert sich deutlich. Steigende Preise, technologische Umbrüche und neue Anforderungen an Verfügbarkeit, Sicherheit und Lebensdauer erhöhen den Handlungsdruck. Martin Schreiber von Swissbit gibt im Interview die Antworten auf die brennendsten Fragen.
Wie verändert sich der Markt für industriellen Flash-Speicher hinsichtlich Preis, Verfügbarkeit, TLC, pSLC und Security? Martin Schreiber von Swissbit gibt die Antworten.gearstd - stock.adobe.com
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Herr Schreiber, wie hat sich der Markt für industriellen Flash-Speicher
in den vergangenen zwölf Monaten konkret verändert?
So eine Marktsituation habe ich
in der Form noch nicht erlebt. KI-Anwendungen saugen aktuell enorme Kapazitäten
aus dem Markt, oder anders gesagt: AI eats everything. Das Ergebnis ist die
größte Flash-Allokation, die es je gab, kombiniert mit massiven
Preissteigerungen. Innerhalb von sechs Monaten sind NAND-Rohstoffpreise je nach
Technologie um den Faktor fünf bis acht gestiegen.
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Martin Schreiber ist Head of Product Management & Technical Marketing Memory Solutions bei Swissbit.Swissbit
Diese Entwicklung zwingt die
Hersteller zu klaren Entscheidungen. Legacy-Technologien wie SLC, MLC oder
ältere 3D-NAND-Generationen geraten zunehmend unter Druck, insbesondere kleine
Dies sind wirtschaftlich kaum noch darstellbar. Für die dominanten NAND-Hersteller
ist die Produktion von Legacy-NAND Technologie nicht mehr wirtschaftlich, da
sie sich auf den größten Gigabyte-Output per Wafer-Die konzentrieren und mit
diesen die größte Profitabilität erreicht werden kann. Gleichzeitig sehen wir
neue Anbieter oder spezialisierte Player, die genau hier einspringen. Unterm
Strich sortiert sich der Markt gerade komplett neu. Für industrielle Anwender
heißt das: Versorgungssicherheit und Technologieentscheidung müssen heute
deutlich strategischer gedacht werden als noch vor einem Jahr.
KI-Anwendungen saugen aktuell enorme Kapazitäten aus dem Markt, oder anders gesagt: AI eats everything.
Martin Schreiber, Swissbit
Spüren Industriekunden derzeit vor allem steigende
Preise, längere Lieferzeiten oder technologische Unsicherheiten?
Kurz gesagt: alles gleichzeitig.
Viele Kunden nehmen die aktuelle Lage zunächst über steigende Preise oder
längere Lieferzeiten wahr, das sind die sichtbaren Symptome. Die eigentliche
Veränderung liegt aber tiefer: Im Flash-Markt finden gerade seismische
Verschiebungen statt. Technologien, die über Jahre als verlässlich verfügbar
galten, werden neu bewertet, priorisiert oder perspektivisch abgekündigt. Das
betrifft vor allem industrielle Anwendungen, die auf lange Produktlebenszyklen
ausgelegt sind. Viele Unternehmen haben diese Tragweite noch nicht vollständig
auf dem Radar. Wer heute nur versucht, den nächsten Preisaufschlag zu
verhandeln oder Lieferzeiten zu überbrücken, denkt zu kurz. Entscheidend ist
die Frage: Ist die eingesetzte Speichertechnologie auch in zwei, fünf oder
sieben Jahren noch tragfähig verfügbar?
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Welche Auswirkungen hat die aktuelle
NAND-Marktentwicklung auf langlaufende Industrieprojekte mit Produktzyklen von
fünf bis zehn Jahren?
Die Auswirkungen sind erheblich.
Gerade R&D-Abteilungen sind derzeit extrem stark damit beschäftigt, die
Krise rund um Legacy-Nodes und abgekündigte NAND-Technologien zu umschiffen. Es
geht also nicht mehr nur darum, ein bestehendes Design weiterzuentwickeln,
sondern teilweise darum, überhaupt eine stabile technologische Basis für die
nächsten Jahre zu sichern. Das führt dazu, dass neue Plattformen und Produkte verschoben
oder in manchen Fällen sogar komplett gestrichen werden.
Was wir klar sehen: Longevity
bekommt einen völlig neuen Stellenwert. In der Industrie war
Langzeitverfügbarkeit lange eine Erwartungshaltung. In den kommenden Jahren
wird sie wieder zu einem echten Differenzierungsmerkmal und damit zu einem
Thema, das man sehr früh im Design-in berücksichtigen muss.
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Wie gut lassen sich moderne TLC- und QLC-Technologien
mit den Zuverlässigkeitsanforderungen industrieller Anwendungen vereinbaren?
Beide Technologien unterscheiden
sich deutlich von klassischen Legacy-NANDs wie SLC oder MLC. Sie stellen höhere
Anforderungen an das Speicher- und Systemdesign, etwa bei Endurance, Datenhaltbarkeit
oder Temperaturverhalten. Mit dem richtigen Ansatz sind industrielle
Anforderungen aber weiterhin gut abbildbar, insbesondere mit TLC. Entscheidend
ist hier die Rolle von Anbietern wie Swissbit, die durch gezielte
Firmware-Strategien und NAND-Management robuste, langlebige und zuverlässige
Speicherlösungen ermöglichen.
QLC erreicht im industriellen
Umfeld dagegen schneller seine Grenzen und eignet sich nur für klar definierte
Einsatzszenarien. TLC hingegen wird sich zunehmend als De-facto-Standard
etablieren, weil es bei richtiger Umsetzung den besten Kompromiss aus Verfügbarkeit,
Kosten und Zuverlässigkeit bietet.
Welche Rolle spielt pSLC heute – als Übergangslösung
oder als dauerhaft sinnvolle Strategie für viele Industrieanwendungen?
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Für viele Industrieanwendungen
ist pSLC eine dauerhaft sinnvolle Strategie, um die geforderte Zuverlässigkeit,
Robustheit und Langlebigkeit zu erreichen. Der Grund ist einfach: Moderne
NAND-Generationen liefern zwar hohe Speicherdichten, aber nicht automatisch die
Endurance, die industrielle Anwendungen brauchen. Ein Beispiel: Ein 64-GB-Die
mit rund 3.000 P/E-Zyklen reicht oft nicht aus, wenn in der Anwendung eher 100.000
Zyklen auf SLC-Niveau gefordert sind. Im pSLC-Betrieb entstehen daraus zwar nur
noch etwa 20 GB nutzbare Kapazität dafür aber eben auch mit deutlich höherer
Endurance.
Wird die eigentliche Differenzierung bei industriellen
Speichern heute stärker über Controller und Firmware erreicht als über den NAND
selbst?
Im Grunde war es schon immer so,
dass die Differenzierung über Controller und Firmware läuft. MCU und Firmware
sind das „Gehirn“ eines Speichermoduls, hier entscheidet sich, wie zuverlässig,
robust und langlebig eine Lösung im Feld tatsächlich ist. Genau deshalb sind
Erfahrung und eigenes Know-how entscheidend. Bei Swissbit profitieren wir seit
Jahren von In-house-R&D und eigener IP. Die Fähigkeit, tief in die Firmware
einzugreifen und sie gezielt an Applikationen und Workloads anzupassen, wird
heute mehr denn je zum Schlüsselfaktor.
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Das gilt zunehmend auch für den
Controller selbst. Neue TLC-Generationen wie BiCS8 oder BiCS10 bringen
Anforderungen mit sich, die Anpassungen auf MCU-Ebene notwendig machen. Wer
hier nicht eingreifen kann, stößt schnell an technologische Grenzen.
Bei Swissbit profitieren wir seit Jahren von In-house-R&D und eigener IP. Die Fähigkeit, tief in die Firmware einzugreifen und sie gezielt an Applikationen und Workloads anzupassen, wird heute mehr denn je zum Schlüsselfaktor.
Martin Schreiber, Swissbit
Welche Parameter sind bei
industriellen Flash-Produkten heute am schwierigsten zu garantieren –
Endurance, Retention, Temperaturverhalten oder Langzeitverfügbarkeit?
Kurz gesagt: eigentlich alles.
Endurance, Retention, Temperaturverhalten und Langzeitverfügbarkeit hängen
stärker zusammen, als viele denken, und alle Parameter stehen durch den
Technologiewandel unter Druck. Die Herausforderung ist, neue NAND-Technologien
aus Enterprise-, Client- oder Consumer-Umfeldern so zu qualifizieren und zu
managen, dass sie industrielle Anforderungen erfüllen. Genau hier kommen Hersteller
wie Swissbit ins Spiel: Wer die Applikationen, Lastprofile und Lebenszyklen
versteht, kann auch mit neuen NAND-Generationen robuste Lösungen für
industrielle Anwendungen entwickeln.
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Inwieweit verändern KI und Edge-KI die
Anforderungen an industrielle Speicherlösungen und wie entwickelt sich der
Bedarf in diesem Bereich?
KI wird heute vor allem über
GPUs, HBM und Rechenleistung diskutiert. Das ist verständlich, greift aber zu
kurz. In der Praxis braucht jede KI-Infrastruktur auch zuverlässigen
Flash-Speicher und das nicht nur im Rechenzentrum, sondern ebenso am Edge.
Gerade Edge-KI stellt hohe Anforderungen wie hohe Performance, geringe Latenz,
Robustheit und ein stabiler Betrieb über viele Jahre. Es geht also nicht nur
darum, Daten zu speichern, sondern KI-Systeme dauerhaft verfügbar und
verlässlich betreibbar zu machen. Genau dafür braucht es spezialisierte
industrielle Speicherlösungen. Sie laufen oft im Hintergrund, sind aber ein
essenzieller Teil der Infrastruktur. Ohne sie funktioniert KI im realen Betrieb
nicht.
Welche Rolle spielen Sicherheitsfunktionen wie Secure
Boot, Hardware-Root-of-Trust oder manipulationssichere Speicher heute in realen
Industrieprojekten?
Eine sehr große und sie wird
weiter wachsen. Swissbit beschäftigt sich seit Jahren mit Hardware-Security,
weil klar ist: Kritische Daten, Schlüssel und Firmware liegen im Storage‑Modul
und damit ist der Speicher ein sicherheitsrelevanter Baustein des Systems. Zusätzlich steigt der Druck durch neue
gesetzliche Anforderungen wie der Cyber Resilience Act. Wir sprechen hier über Themen wie Secure Boot, Hardware‑Root‑of‑Trust,
manipulationssichere Speicher und die Absicherung und Updatefähigkeit der
Firmware, inklusive OTA‑Updates, Patch-Management,
Incident Reporting und Software Bill-of-Material – das alles ist längst
kein „Nice-to-have“ mehr, sondern Pflicht. Swissbit
liefert hier nicht nur die passenden Speicherlösungen, sondern unterstützt
OEMs auch mit Services und langjähriger
Erfahrung, um Systeme ganzheitlich sicher und regulatorisch konform zu
gestalten.
Swissbit beschäftigt sich seit Jahren mit Hardware-Security, weil klar ist: Kritische Daten, Schlüssel und Firmware liegen im Storage‑Modul und damit ist der Speicher ein sicherheitsrelevanter Baustein des Systems. Zusätzlich steigt der Druck durch neue gesetzliche Anforderungen wie der Cyber Resilience Act.
Martin Schreiber, Swissbit
Wie stark wirken sich geopolitische Risiken,
Exportbeschränkungen und regionale Lieferketten inzwischen auf Ihre
Produktstrategie aus?
Sehr stark. Im Markt ist derzeit
viel Bewegung, nicht nur durch klassische Supply-Chain-Themen, sondern auch
durch Makroereignisse wie Naturkatastrophen, geopolitische Konflikte oder
Energie- und Ölpreisschocks. Gleichzeitig sehen wir eine klare Regionalisierung:
„China for China“, teilweise auch „India for India“. Viele Regionen wollen
unabhängiger voneinander werden, besonders in sensiblen Bereichen wie Defense,
KRITIS oder Government. Trotzdem bleibt Taiwan für die Halbleiterindustrie
zentral. Man kann sagen, ohne Taiwan geht in vielen Bereichen weiterhin wenig.
Für Swissbit heißt das:
Diversifizierung ist entscheidend. Wir stehen hier gut da, weil wir mit einem
breiten Lieferantennetzwerk in den USA, Europa, Asien und Japan arbeiten und
Abhängigkeiten aktiv managen.
Worauf sollten Entwickler und Einkäufer 2026 bei
neuen Speicherdesigns besonders achten, um in drei Jahren keine bösen
Überraschungen zu erleben?
Entscheidend ist, Speicher nicht
mehr als austauschbare Standardkomponente zu betrachten. Entwickler und
Einkäufer sollten sehr genau prüfen, mit welchen Partnern sie arbeiten und ob
diese wirklich stabile Lieferantenbeziehungen, kontrollierte Prozesse und eine
belastbare Supply Chain haben. Industrieprojekte brauchen Partner, die
Longevity verstehen und aktiv beraten können.
Herr Schreiber, vielen Dank für das Gespräch.
Das Interview führte Dr.-Ing. Nicole Ahner, Redaktionelle Leitung E-Titel bei Hüthig Medien.