Interview mit Anup Sable, COO und Vorstandsmitglied KPIT | MD, Technica Engineering
„Der Stau entsteht meist erst bei der Validierung“
Generative KI beschleunigt die Entwicklung softwaredefinierter Fahrzeuge drastisch. Doch laut KPIT-COO Anup Sable liegt die eigentliche Bremse an anderer Stelle: Integration und Validierung. Warum viele SDV-Projekte kurz vor dem Ziel ins Stocken geraten, erklärt er im Interview.
Anup Sable, COO und Vorstandsmitglied von KPIT sowie Managing Director von Technica Engineering, erklärt im Interview, warum beim softwaredefinierten Fahrzeug nicht die Softwareentwicklung, sondern Integration, Plattformreife und automatisierte Validierung zum entscheidenden Engpass werden und wie KI dabei helfen kann, ihn aufzulösen.KPIT
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Softwaredefinierte Fahrzeuge gelten als Schlüssel zur Zukunft der Automobilindustrie. Kontinuierliche Updates, neue digitale Funktionen und datengetriebene Geschäftsmodelle sollen Innovation deutlich beschleunigen. Gleichzeitig steigt jedoch die technische Komplexität moderner Fahrzeugarchitekturen rapide.
Anup Sable, COO und Vorstandsmitglied von KPIT sowie Managing Director von Technica Engineering, sieht deshalb eine zentrale Herausforderung nicht in der Softwareentwicklung selbst, sondern in der Integration und Validierung komplexer Plattformen. Generative KI beschleunige zwar Entwicklungsprozesse massiv, doch genau dadurch verschärften sich die Engpässe im späteren Entwicklungszyklus. Im Interview spricht Sable über fragmentierte E/E-Architekturen, KI-gestützte Fehlersuche, automatisierte Regressionstests und die Frage, warum viele SDV-Programme ausgerechnet kurz vor der Serienreife ins Stocken geraten.
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Warum wird die „Speed of Change“ zur entscheidenden SDV-Metrik?
AUTOMOBIL-ELEKTRONIK: Anup Sable, Sie haben auf dem Automobil-Elektronik Kongress im vergangenen
Jahr die Speed of Change als entscheidende Kennzahl für den Erfolg
softwaredefinierter Fahrzeuge bezeichnet. Wie bewerten Sie diese Metrik heute –
insbesondere vor dem Hintergrund generativer KI?
Anup Sable: Ihre
Bedeutung ist heute sogar noch größer als vor einem Jahr. Generative KI hat die
Innovationsgeschwindigkeit im Engineering massiv erhöht. Was früher
inkrementelle Weiterentwicklung war, ist heute eine Beschleunigung um
Größenordnungen. Code, Testskripte oder Analysen entstehen heute in Minuten
statt in Wochen.
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Doch genau darin liegt auch die Gefahr. Die eigentliche
Bremse ist nicht mehr die Entwicklung selbst, sondern Integration und
Validierung. Ich vergleiche das gern mit einer Reise von München nach
Frankfurt: Früher fuhr man mit dem Fahrrad, heute mit einem Supersportwagen bei
200 km/h. Doch kurz vor dem Ziel steht man im Stau. Dieser Stau ist die
Validierung.
Sie kritisieren seit Jahren fragmentierte
E/E-Architekturen und eine unterschätzte Integrationskomplexität. Wo liegen
heute die größten technischen Stolpersteine auf dem Weg zum SDV?
Anup Sable: Es
gibt zwei zentrale Probleme. Erstens fehlt häufig eine frühe, systematische
Plattformintegration. In klassischen, stark verteilten Architekturen war die
Rolle des OEMs klar definiert: Anforderungen formulieren, Signale
spezifizieren, Funktionen integrieren. Tier-1-Supplier lieferten komplette Steuergeräte
– die Integrationslast war überschaubar.
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Code, Testskripte oder Analysen entstehen heute in Minuten statt in Wochen.
Anup Sable, COO und Vorstandsmitglied KPIT | MD, Technica Engineering
Heute entwickeln OEMs große Teile der Software selbst.
Funktionen sind über mehrere Steuergeräte, Domänen und Rechner verteilt.
Funktional funktioniert das meist. Doch was spät – und dann sehr schmerzhaft –
scheitert, ist die Plattform: Performance, Timing, Lastverhalten und
Ressourcenmanagement. Diese Effekte werden oft erst sehr spät im
Entwicklungszyklus sichtbar.
Deshalb ist der Plattformaufbau und dessen Validierung vor
der Feature-Integration entscheidend. Genau hier setzen wir bei KPIT gemeinsam
mit unserer Schwesterfirma Technica an.
Save the date: 30. Automobil-Elektronik Kongress
Am 16. und 17. Juni 2026 findet zum 30. Mal der Internationale Automobil-Elektronik Kongress (AEK) statt. Dieser Netzwerkkongress ist bereits seit vielen Jahren der Treffpunkt für die Top-Entscheider der Elektro-/Elektronik-Branche und bringt nun zusätzlich die Automotive-Verantwortlichen und die relevanten High-Level-Manager der Tech-Industrie zusammen, um gemeinsam das ganzheitliche Kundenerlebnis zu ermöglichen, das für die Fahrzeuge der Zukunft benötigt wird. Trotz dieser stark zunehmenden Internationalisierung wird der Automobil-Elektronik Kongress von den Teilnehmern immer noch als eine Art "automobiles Familientreffen" bezeichnet.
Warum scheitern viele SDV-Projekte an Integration und Validierung?
Der eigentliche Mehrwert softwaredefinierter
Fahrzeuge liegt in kontinuierlichen Software-Updates. Dennoch tun sich viele OEMs
schwer damit. Warum?
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Anup Sable: Weil
schnelle Updates zwingend schnelle Regression erfordern. Wenn Sie Software
monatlich oder sogar quartalsweise ausrollen wollen, müssen Sie den gesamten
Validierungszyklus automatisieren. Manuelle Tests sind dafür weder zeitlich
noch qualitativ geeignet.
Entscheidend ist dabei: Automatisierte Integration und
Regression dürfen kein nachträglicher Schritt sein. Sie müssen upstream gedacht
und architektonisch verankert werden. Die Realität ist ernüchternd: Die meisten
SDV-Programme scheitern nicht an der Entwicklung von Features, sondern an einer
nicht skalierbaren Validierung.
Welche Rolle spielt künstliche Intelligenz
konkret bei KPIT?
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„Generative KI hat die Innovationsgeschwindigkeit im Engineering massiv erhöht.“KPIT
Anup Sable: Wir haben eine
eigene KI-Workbench mit sogenannten Deep Agents entwickelt. Natürlich
nutzen wir Basismodelle von OpenAI, Anthropic oder Google. Der eigentliche
Mehrwert entsteht jedoch durch das Drumherum: saubere Datenaufbereitung,
konsistentes Kontextmanagement und ein Gedächtnis über Iterationen hinweg.
Unsere KI-Agenten unterstützen heute unter anderem bei
der Defect Triage, indem sie Fehlerbilder domänenübergreifend
analysieren und Ursachen deutlich schneller identifizieren als klassische,
manuelle Prozesse. Darüber hinaus werden sie für die automatisierte
Code-Generierung eingesetzt, um Entwicklungszyklen zu verkürzen und Engineers
gezielt zu entlasten. Ein weiterer Schwerpunkt liegt in der Erstellung und
Pflege von Validierungsskripten, wodurch Regressionstests skalierbar und
reproduzierbar werden.
Die Realität ist ernüchternd: Die meisten SDV-Programme scheitern nicht an der Entwicklung von Features, sondern an einer nicht skalierbaren Validierung.
Anup Sable, COO und Vorstandsmitglied KPIT | MD, Technica Engineering
Wie verändert generative KI die Fehlersuche im Fahrzeug?
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Wo sehen Sie aktuell den größten Hebel durch
generative KI?
Anup Sable: Ganz klar bei der Defect
Triage. Ein Fahrzeug ist eines der komplexesten Systeme, die wir bauen.
Fehler können aus jeder Domäne stammen – Infotainment, ADAS, Body, Chassis oder
Netzwerk.
Früher dauerte es Wochen oder sogar Monate, bis
Spezialisten die Ursache identifiziert hatten. Heute kann KI diese Analyse in
Minuten leisten – vorausgesetzt, der Kontext ist vollständig. Die Grenze ist
klar definiert: Garbage in, garbage out. Unvollständige Logs, fehlende
Videos oder unklare Spezifikationen führen zu Halluzinationen. KI ist extrem
leistungsfähig, aber sie verzeiht keine Unschärfe.
Welche Rolle spielt kontinuierliches
Monitoring von Flottenfahrzeugen?
Anup Sable: Es
spielt eine zentrale Rolle. Unsere Validierungstools synchronisieren
Stimulation und Beobachtung mit einer Genauigkeit von bis zu 80 Nanosekunden –
über mehrere CAN-, Ethernet- und IO-Kanäle hinweg.
Das ermöglicht identische Tests auf dem Prüfstand, im
Laborfahrzeug und im Serienfahrzeug, ohne dass Anpassungen an der Testlogik
notwendig sind. Feldprobleme lassen sich dadurch 1:1 ins Labor zurückspielen
und unter kontrollierten Bedingungen analysieren. Fehler werden reproduzierbar
statt zufällig, was die Ursachenanalyse deutlich beschleunigt und den gesamten
Entwicklungszyklus robuster macht.
KI ist extrem leistungsfähig, aber sie verzeiht keine Unschärfe.
Anup Sable, COO und Vorstandsmitglied KPIT | MD, Technica Engineering
Welche E/E-Architekturen setzen sich im SDV-Zeitalter durch?
Zonal, zentral oder hybrid – welche
E/E-Architekturen setzen sich aktuell durch?
„Wenn Sie Software monatlich oder sogar quartalsweise ausrollen wollen, müssen Sie den gesamten Validierungszyklus automatisieren.“KPIT
Anup Sable: Viele
OEMs haben erkannt, dass der direkte Sprung zur vollständig zentralen
High-Compute-Plattform zu riskant war. Einige Gen-4-Programme wurden gestoppt.
Der aktuelle Trend folgt daher einer klaren
Entwicklungslogik von verteilten Architekturen über domänenbasierte Ansätze hin
zu zentralen Rechnerplattformen. Ein typisches Beispiel ist die Ablösung
klassischer Gateways durch leistungsfähige Domain Controller. Dieser Ansatz
reduziert Risiken, schafft Lernkurven und ist wirtschaftlich tragfähig.
Evolution schlägt in diesem Fall Revolution.
Wie beeinflussen AI Act, funktionale
Sicherheit und Cybersecurity Ihre SDV-Strategien?
Anup Sable: KI
ist kein Sicherheitsrisiko – sie ist ein Sicherheitswerkzeug. Richtig
eingesetzt kann sie Safety-Validierung sogar verbessern.
Natürlich gilt: KI im Fahrzeug muss sicherheitskonform
sein. Aber KI für Engineering, Validierung und Compliance ist ein enormer
Gewinn. Genau an dieser Schnittstelle unterstützen wir OEMs technisch und
prozessual.
Was lernen OEMs aus Kooperationen wie
zwischen KPIT und Mercedes-Benz R&D India?
Anup Sable: OEMs
wollen Software selbst entwickeln – das ist unumkehrbar. Tier-1-Supplier werden
sich stärker auf Hardware fokussieren.
Unsere Rolle liegt dazwischen: frühe Integration,
Plattform-Validierung und Automatisierung. Gemeinsam mit Technica entwickeln
wir Validierungsplattformen, mit
Qorix – unserem unabhängigen Unternehmen mit ZF und Qualcomm –
Middleware, die unabhängig vom SoC funktioniert. Unser Ziel ist es, Plattformen
so vorzubereiten, dass OEMs schneller, sicherer und skalierbarer entwickeln
können.
„Die eigentliche Bremse liegt nicht in der Software – sondern in der Validierung.“KPIT
SDV 2030: Braucht die Branche eine gemeinsame Referenzarchitektur?
Wird es bis 2030 eine globale
SDV-Referenzarchitektur geben?
Anup Sable: Mein
Wunsch ist eindeutig: ja. Die Realität wird vermutlich mehrere skalierbare
Referenzarchitekturen hervorbringen.
OEMs differenzieren über das Nutzererlebnis, nicht über
Architektur. Architektur ist komplex, aber kein Differenzierungsmerkmal.
Deshalb sollten wir sie harmonisieren. Jede zusätzliche Variante erhöht die
Fehlerwahrscheinlichkeit. Harmonisierung beschleunigt Entwicklung – und KI
verstärkt diesen Effekt massiv.
Herr Sable, vielen Dank für dieses
Gespräch.
Anup Sable: Danke Ihnen. Ich
freue mich auf den AEK 2026 – und auf den weiteren Dialog mit der Branche.