ZVEI-Standpunkt

C-ITS: Wie V2X den Verkehr jetzt und in Zukunft digitalisiert

C-ITS kann Verkehr sicherer, effizienter und klimafreundlicher machen. Doch spätestens mit dem ÖPNV-Systemwechsel bis 2028 wird aus der Option eine Infrastrukturaufgabe.

Mehrere Fahrzeuge fahren an einer großen Kreuzung, darüber sind blaue digitale Netzlinien eingeblendet.
C-ITS vernetzt Fahrzeuge, Ampeln, ÖPNV, Einsatzkräfte und Infrastruktur in Echtzeit. So entsteht ein digitaler Informationsraum, der Verkehr sicherer, flüssiger und besser steuerbar machen kann.

Jährlich sterben weltweit rund 1,19 Millionen Menschen bei Verkehrsunfällen. Ein Großteil dieser Unfälle, etwa 94 Prozent, ist auf menschliches Fehlverhalten zurückzuführen. Diese Zahlen machen deutlich: Klassische Sicherheitsansätze stoßen an ihre Grenzen.

Gleichzeitig ist die technologische Antwort auf dieses Problem längst vorhanden. Cooperative Intelligent Transport Systems (C‑ITS) sind europaweit standardisiert, technisch ausgereift und grundsätzlich einsatzbereit. Sie schaffen die Basis für einen vernetzten Straßenverkehr, in dem Fahrzeuge und Infrastruktur Echtzeitinformationen teilen, über Systemgrenzen hinweg.

Was ist C‑ITS und was macht es so relevant?

C‑ITS beschreibt Systeme, bei denen Fahrzeuge, Verkehrsinfrastruktur und weitere Verkehrsteilnehmende kontinuierlich miteinander kommunizieren. Über sogenannte V2X‑Kommunikation (Vehicle‑to‑Everything) tauschen sie sicherheitsrelevante Informationen aus; zum Beispiel über Gefahrenstellen, Ampelphasen, Baustellen oder sich nähernde Einsatzfahrzeuge:

Der entscheidende Mehrwert liegt in der Erweiterung der Wahrnehmung: Während Fahrzeugsensoren wie Kamera, Radar oder LiDAR auf das direkte Sichtfeld begrenzt sind, ermöglicht C‑ITS einen Blick über Sicht‑ und Sensorgrenzen hinaus. Fahrzeuge erhalten Informationen über Situationen, die für den Menschen am Steuer oder für automatisierte Systeme noch nicht sichtbar sind.

Gerade an unfallträchtigen Knotenpunkten, Kreuzungen, Einmündungen oder unübersichtlichen Streckenabschnitten entsteht so ein entscheidender Informationsvorsprung. Sekunden, die im Ernstfall Leben retten können.

Was lässt sich mit C‑ITS erreichen?

C‑ITS ist dabei weit mehr als ein Sicherheitsbaustein. Ob vernetztes und automatisiertes Fahren oder ein effizienterer und klimafreundlicherer Verkehr, die Technologie ist ein zentraler Enabler der zukünftigen Mobilität.

Durch kooperative Kommunikation entstehen gleichmäßigere Verkehrsflüsse, weniger Stop‑and‑Go‑Verkehre und eine bessere Integration aller Verkehrsteilnehmenden. Gleichzeitig eröffnen sich für die Automobil‑ und Zulieferindustrie neue Möglichkeiten für datenbasierte Dienste und digitale Geschäftsmodelle, und damit ein klarer Mehrwert für den Standort Deutschland.

Warum der Handlungsdruck jetzt steigt.

Besonders deutlich wird der Handlungsbedarf im öffentlichen Personennahverkehr. In vielen Städten basiert die Priorisierung von Bussen und Straßenbahnen an Lichtsignalanlagen noch immer auf analogen Funkverfahren aus den 1980er‑Jahren. Diese Systeme sind technologisch überholt, unverschlüsselt und sicherheitskritisch.

Die Abschaltung der entsprechenden Funkfrequenzen ist durch die Bundesnetzagentur zum 31. Dezember 2028 festgelegt. Spätestens zu diesem Zeitpunkt wird ein Systemwechsel unumgänglich.

C‑ITS bietet hierfür die zukunftssichere Alternative: digital, standardisiert, interoperabel und skalierbar. Damit wird der ÖPNV nicht nur schneller und zuverlässiger, sondern auch deutlich besser in den Gesamtverkehr integriert. 2028 ist damit kein fernes Datum, sondern ein klarer Wendepunkt.

Technologie ist nicht das Problem

In der C‑ITS‑Landschaft haben sich zwei technologische Ansätze etabliert: ITS‑G5 für direktes, latenzkritisches Messaging und C‑V2X über Mobilfunknetze für reichweitenstarke, netzgestützte Dienste. Die Frage, welche Technologie sich „durchsetzen“ wird, greift zu kurz. Für eine moderne Verkehrssteuerung ist ein hybrider Ansatz entscheidend, abgestimmt auf den jeweiligen Anwendungsfall.

Die entscheidende Botschaft: Alle notwendigen Standards und Normen existieren bereits. C‑ITS ist keine Zukunftstechnologie. Sie ist heute verfügbar, erprobt und einsatzbereit.

Warum ist C‑ITS dennoch noch nicht flächendeckend im Einsatz?

Dass C‑ITS bislang nicht flächendeckend ausgerollt ist, liegt nicht an fehlenden technischen Lösungen. Die zentralen Bausteine: Standards, Kommunikationsverfahren und Sicherheitsmechanismen, sind vorhanden und werden bereits im Realbetrieb eingesetzt, etwa im Rahmen der europäischen C-Roads-Plattform.

Der Engpass liegt vielmehr in der bisherigen Umsetzung: fragmentiert, projektweise und häufig nicht miteinander verzahnt. Verantwortung und Betrieb verteilen sich über mehrere Ebenen, wodurch funktionierende Lösungen nebeneinander existieren, ohne ihr gemeinsames Potenzial auszuschöpfen.

Das zeigt sich auch bei der Public Key Infrastructure (PKI). Damit wird beispielsweise überprüfbar, ob ein Bus oder Einsatzfahrzeug tatsächlich berechtigt ist, in einer bestimmten Region eine Bevorrechtigung an Lichtsignalanlagen zu erhalten.

Die technischen Konzepte und europäischen Vorgaben existieren und sind belastbar. Entscheidend ist nun, diese nicht isoliert zu betrachten, sondern als integralen Bestandteil einer dauerhaft betriebenen, vernetzten Verkehrsinfrastruktur.

Kurz gesagt, C‑ITS ist kein Erkenntnisproblem mehr, sondern eine Frage der konsequenten Anwendung. Und genau hier beginnt der nächste Schritt.

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Wie kommen wir jetzt weiter und warum jetzt?

C‑ITS steht heute an einem Wendepunkt. Die Technologie ist nicht nur verfügbar, sie ist real im Einsatz, international etabliert und zunehmend selbstverständlich. Fahrzeuge, Infrastrukturbetreiber und Verkehrssysteme wachsen schrittweise in ein gemeinsames digitales Ökosystem hinein.

Gleichzeitig steigt der externe Druck: der notwendige Technologiewechsel im ÖPNV bis 2028, steigende Anforderungen an Verkehrssicherheit, Klimaziele und Automatisierung. Was früher optional war, wird zunehmend betriebliche Notwendigkeit und Infrastruktur.

Und wie jede Infrastruktur entfaltet sie ihren Wert dann, wenn sie breit genutzt wird. Nicht als Einzelmaßnahme, sondern als gemeinsames System. Genau das erleben wir aktuell in vielen europäischen Nachbarländern und internationalen Märkten: Der Übergang vom Ob zum Wie schnell.

Für Entscheiderinnen und Entscheider bedeutet das: Wer jetzt handelt, gestaltet aktiv. Wer wartet, läuft Gefahr, sich später an bestehende Systeme anpassen zu müssen.

Die gute Nachricht: Niemand beginnt bei null. Die Technologie ist da, die Erfahrungen sind da, die Standards sind gesetzt. Der nächste Schritt ist kein technologischer Sprung, sondern das konsequente Skalieren vorhandener Lösungen.

Autor

Marcus Anders

Geschäftsführer von Swarco Traffic Systems, stellv. Vorsitzender der ZVEI-Fachgruppe Verkehrsmanagementanlagen und ab Mai 2026 Mitglied des ZVEI-Vorstands