Positionsgeber sind zentrale Komponenten in der Motorregelung. Der Beitrag vergleicht Encoder-Technologien, analysiert Anforderungen sicherheitskritischer Anwendungen und bietet Entscheidungshilfen für die Auswahl geeigneter Systeme.
In Robotern oder linearen Transportsystemen geht es nicht ohne Drehwinkelgeber bzw. lineare Positionsgeber.Texas Instruments
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Es stellt sich die Frage, ob es angesichts des Trends
zu sensorlosen Motorregelungen überhaupt noch einen Markt für Positionsgeber
gibt. Diese Frage lässt sich nicht einfach mit ja oder nein beantworten, aber
klar ist: Positionsgeber werden auch in Zukunft
noch benötigt. Zwar kommt man beispielsweise in Elektrowerkzeugen ohne
Drehwinkelgeber aus, aber in Robotern oder linearen Transportsystemen geht es
nicht ohne Drehwinkelgeber bzw. lineare Positionsgeber.
Grundlagen der Positionsgebertechnologie
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Bei bürstenlosen AC- oder DC-Motoren dienen Positionsgeber
nicht nur zur Kommutierung der Statorströme, sondern auch zur Drehzahl- und
Positionsregelung. Je nach Anwendung kommen unterschiedliche Arten von Gebern
zum Einsatz. Zunächst ist hier zwischen Inkremental- und Absolut-Encodern zu
unterscheiden. Inkremental-Encoder besitzen üblicherweise eine digitale oder analoge
ABZ-Schnittstelle mit zwei quadraturcodierten digitalen Impulszügen bzw. zwei
analogen Sinus- und Cosinussignalen (A und B). Sie ermöglichen eine latenzarme und
hochauflösende Winkelmessung (10 bis 28 Bit), und ein optionaler Index (Z oder
I) erlaubt die Ausgabe absoluter mechanischer Winkelinformationen. Inkremental-Encoder
liefern keine absolute Winkelinformation und müssen im ungünstigsten Fall eine
ganze Umdrehung ausführen, bis der Index erreicht wird. Encoder dieser Art eignen sich
hervorragend für Anwendungen mit variabler Drehzahl, die auf sehr geringe
Latenz (weniger als 1 µs) angewiesen sind, aber nach dem Einschalten keine
absolute Winkelinformation benötigen.
Bild 1. Statische Winkelverteilung.TI
Absolut-Encoder in Single- oder Multiturn-Ausführung geben dagegen
unmittelbar nach dem Einschalten eine absolute Winkelinformation aus. Sie
besitzen bidirektionale RS-485-Schnittstellen mit anbieterspezifischen
Protokollen und liefern neben dem Winkel noch weitere Informationen wie etwa die
Drehzahl sowie eine Angabe der Anzahl ausgeführter Drehungen. Die
Winkelauflösung beträgt in der Regel zwischen 10 und 30 Bit bei einer Latenz
von 10 µs, sodass vielfältige Anforderungen abgedeckt werden.
Die Positionsauflösung richtet sich üblicherweise nach dem
Datenformat, das über die digitale Schnittstelle übertragen wird. Eine Winkelinformation im
20-Bit-Integerformat besitzt also eine Auflösung von 360/220, wobei
ein Wert von 0h einem Winkel von 0° entspricht, während 0xFFFFF für einen
Winkel von 360° - 360/220 steht. Bild 1 gibt die Winkelgenauigkeit
wieder, die nicht nur vom maximalen Rauschen abhängt, sondern auch von der
Nichtlinearität über eine Umdrehung hinweg.
Wie funktioniert die Vektorregelung mit Positionsgebern?
Die in Bild 2 dargestellte Vektorregelung (Field-Oriented Control, FOC)
regelt den Statorstrom von Permanentmagnet-Synchronmotoren so, dass sich ein
maximales Drehmoment einstellt. Die FOC-Methode sorgt für ein gleichmäßiges
Drehmoment und ein schnelles Ansprechverhalten vom Stillstand bis in hohe Drehzahlbereiche
hinein. Eine präzise und latenzarme Messung des Winkels des Rotormagnetfelds
bildet die drei Stator-Phasenströme iU, iV und iW
auf ein auf das Rotor-Magnetfeld orientiertes Koordinatensystem ab.
Bild 2. Kaskadierung von Positions- und Drehzahlregelung und FOC.TI
Unter anderem bei humanoiden Robotern wird der absolute Drehwinkel
typisch mit einer Genauigkeit von 0,1° bis 1° gemessen, und zwar mit einem
ENOB-Wert zwischen 12 und 15 Bit und einer Abtastrate von 8 kHz bis 32 kHz. Die
Messung des Drehwinkels erfolgt dabei simultan mit der Messung der
Phasenströme. Die Winkelmessung mit einer Latenz von unter 20 µs lässt dem
Mikrocontroller ausreichend Zeit zur Verarbeitung der Regelalgorithmen und zum
Aktualisieren des PWM-Modulators für den nächsten PWM-Zyklus.
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Drehwinkelgeber lassen sich in das Motorgehäuse integrieren,
wie es beispielsweise bei den meisten humanoiden Robotern der Fall ist, oder in
einem separaten Gehäuse direkt an der Motorwelle anordnen. In beiden Fällen ist
die Beständigkeit gegen hohe Umgebungstemperaturen bis zu 125 °C erforderlich.
Darüber hinaus verlangt das Erreichen der funktionalen
Sicherheit gemäß IEC 62061 oder ISO 13849 nach sicherheitszertifizierten
Encodern, die nach ihrem Safety Integrity Level (SIL) oder ihrer Leistungsfähigkeit ausgewählt
werden. Überdies werden zusätzliche Diagnosefunktionen zur Erkennung zufälliger
Hardwarefehler benötigt. In Automobilanwendungen führen Systeme, die nach ISO
26262 ausgelegt sind, Diagnosen beim Systemstart durch, während industrielle
Systeme, die oft rund um die Uhr laufen, kontinuierliche Diagnosen während des
normalen Betriebs erfordern.
Unterschiede optischer, magnetischer und induktiver Encoder
Es gibt optische, magnetische, induktive und kapazitive Positionsgeber.
Optische Sensoren ergeben möglicherweise die niedrigsten Systemkosten und
bieten meist die höchste Auflösung, während magnetische und induktive Sensoren in
Sachen Zuverlässigkeit überlegen sind. Kapazitive Positionsgeber haben meist
eine geringere Auflösung als induktive und magnetische Sensoren und sind
weniger verbreitet. TI bietet magnetische und induktive Positionsgeber für
kostensensible Anwendungen an, die rauen Umgebungsbedingungen ausgesetzt sind
(z. B. hohe Temperaturen bei Einbau in den Motor).
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Magnetische Positionsgeber ermöglichen eine kosteneffiziente Erfassung
von Drehwinkeln oder linearen Bewegungen und sind hochgradig beständig unter
anderem gegen Staub, Öl oder Nässe. Sie erkennen Änderungen von Magnetfeldern
und erzeugen daraus elektrische Ausgangssignale. Man unterscheidet zwischen
Halleffekt-, AMR- (Anisotropic Magnetoresistive), TMR- (Tunneling
Magnetoresistance) und GMR-Positionsgebern (Giant Magnetoresistance).
Bei Linearmotor-Transportsystemen, die das Transportgut mit
Geschwindigkeiten von 5 bis 15 Metern pro Sekunde bewegen, reicht eine
Positionsauflösung von 12 Bit bei einer Latenz von <100 µs oftmals aus. Hier
sind meist mehrere Positionsgeber über eine SPI-Schnittstelle mit einem
Mikrocontroller verbunden (Bild 3).
Bild 3. Beispiel eines Linearmotor-Transportsystems.TI
Der 3D-Halleffektsensor TMAG5170 punktet in dieser Anwendung in erster Linie
mit seiner Genauigkeit, seiner geringen Latenz und seiner Flexibilität, was die
Platzierung der Leiterplatte betrifft. Die Drift des Empfindlichkeitsfehlers
über den gesamten Temperaturbereich ist kleiner als 2,8 Prozent, und die 10 MHz
SPI-Schnittstelle sorgt für eine geringe Latenz. Die Möglichkeit zur
Konfiguration der Erfassungsrichtungen XY, YZ und XZ ermöglicht ein freizügiges
Positionieren des Sensors bezogen auf den Magneten. In einem Referenzdesign wird der TMAG5170
in Intervallen von 25 mm angeordnet, um eine ebenso präzise wie latenzarme
lineare Positionserfassung zu ermöglichen. Ein C2000™-MCU liest hier die Z- und
X-Magnetfelddaten aller vier Sensoren aus und berechnet die Magnetposition mit
einem Fehler von unter 0,15 mm sowie einer Latenz von weniger als 57,5 µs.
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Ein AMR-Sensor enthält vier magnetoresistive Wheatstone-Brücken, wobei
die Spannungsdifferenzen zwischen den Ausgängen zweier Brücken die Stärke des
externen Magnetfelds wiedergeben. Im Unterschied zu Halleffekt-Sensoren eignen
sich AMR-Sensoren für höhere Frequenzen, und außerdem bieten sie einen größeren
Signal-Rauschabstand. Gegenüber GMR- und TMR-Sensoren ist ihr
Orthogonalitätsfehler vernachlässigbar gering, und ihre hohe
Magnetfeld-Toleranz ist ebenfalls hervorzuheben. Der 2D-AMR-Winkelgeber TMAG6180-Q1 (Bild 4) misst Magnetfelder und erzeugt zwei
differenzielle oder massebezogene Spannungen, deren Höhe proportional zur Stärke
der gemessenen Magnetfelder ist. Seine Latenz von unter 2 µs reduziert außerdem
die auf schnelle Bewegungen zurückzuführenden Winkelfehler. Eingebaute
Halleffekt-Schalter produzieren zwei digitale Quadrantensignale (Q0 und Q1) und
erweitern damit den Erfassungsbereich auf 360°. Zusammen mit den erzeugten
Sinus- und Cosinussignalen ermöglichen die digitalen Q0- und Q1-Signale eine Bestimmung
des absoluten Drehwinkels.
Zur Verbesserung der Genauigkeit sollte der MCU einen
schnellen A/D-Wandler mit hohem ENOB-Wert enthalten. Er sollte ferner ein
digitales Filter
(z. B. ein FIR-Filter) zur Beseitigung des Signalketten-Rauschens
implementieren können und nicht zuletzt einen zusätzlichen
Kompensationsalgorithmus enthalten, mit dem sich Fehler infolge mechanischer
Toleranzen sowie Verstärkungs- und Offsetfehler der Signalkette eliminieren
lassen. Auf Basis des TMAG6180-Q1 und des Mikrocontrollers MSPM0G3507 wird ein Referenzdesign angeboten, das zusätzlich
zwei 12bit-ADCs und einen Mathematik-Beschleuniger enthält, um die Effizienz zu
steigern und die Systemkosten zu senken. Das System misst Winkel mit einem
Signal-Rauschabstand von 94,7 dB, was einem ENOB-Wert von 15,4 entspricht. Der
Winkelfehler ist kleiner als 0,05°.
Verglichen mit magnetischen Sensoren haben induktive
Winkelgeber in erster Linie den Vorteil der magnetischen Immunität gegenüber
externen DC-Feldern. Außerdem benötigen sie keinen Magneten, sondern lediglich
ein leitendes Metallobjekt. Mit zwei induktiven Sensoren des Typs
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Bild 4. Blockschaltbild des TMAG6180-Q1.TI
LDC5072-Q1 lässt sich ein Absolutwertgeber realisieren. Die
Nonius-Codierung erfordert hierbei zwei Erfassungsspulen. Die äußere Spur kann
beispielsweise 16 Metall-Targets aufweisen, die innere dagegen 15. Durch
identische Abstände zwischen beiden Targets ist ein einzigartiges Signalmuster über
eine Umdrehung hinweg sichergestellt, sodass der absolute Winkel mit hoher
Genauigkeit erfasst werden kann.
Mechanische Resolver können die gleiche Funktion übernehmen wie
induktive Absolut-Encoder, jedoch schneiden sie in Bezug auf den Platzbedarf
und das Gewicht schlechter ab. Induktive Winkelgeber-Lösungen können zudem
direkt auf einer Leiterplatte platziert werden, während Resolver dicke
Stahllagen mit Zähnen aus Kupferdraht-Wicklungen erfordern. Aufgrund ihrer
mechanischen Struktur sind Resolver außerdem teurer in der Herstellung, und
ihre Leistungsaufnahme kann bis zu 500 mW betragen.
Technologische Entwicklungen im Überblick
Welcher Positionsgeber im Einzelfall am besten geeignet ist,
richtet sich nach den Anforderungen des jeweiligen Antriebssystems. In erster
Linie müssen die Kosten, die Leistungsfähigkeit, der Betriebstemperaturbereich und
der Platzbedarf gegeneinander abgewogen werden. Eine nicht zu vernachlässigende
Rolle spielt es außerdem, ob Diagnosefunktionen benötigt werden oder ob Functional-Safety-Aspekte
berücksichtigt werden müssen. (bs)
Dieser Beitrag basiert auf Unterlagen von Texas Instruments.