Interview mit Fabian Schöffel, Produktstratege bei MAN

„Overnight-Charging macht den größten Unterschied aus“

Im elektrischen Stadtbusverkehr entscheidet das Zusammenspiel aus Batteriekapazität, Ladeleistung und Umlaufplanung über wirtschaftlichen Erfolg. Fabian Schöffel von MAN Truck & Bus erklärt, wie das Unternehmen diese Faktoren aufeinander abstimmt.

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Mann mit Brille im dunklen Anzug vor neutralem Hintergrund, Arme vor der Brust verschränkt.
Nach seinem Studium des Wirtschaftsingenieurwesens erlangte Fabian Schöffel an der TU München den Master in Management und Technologie.

MAN hat seinen Ansatz für elektrische Stadtbusse weiterentwickelt – von der eigenen Batteriepackfertigung bis hin zu Lade- und Betriebsstrategien. Als Product Strategy Expert verantwortet Fabian Schöffel die Dekarbonisierungsstrategie bei MAN Truck & Bus.

Auf der Automotive Battery Conference 2026 erläutert er in der Keynote „eBus in the Fast Lane: MAN’s Successful Transition from Diesel to Battery Power“, warum der OEM Batteriepacks in Deutschland selbst produziert, wie sich die Erwartungen an die Batterielebensdauer verändert haben und weshalb größere Batteriekapazitäten mehr betriebliche Flexibilität ermöglichen. Im Vorfeld der Konferenz haben wir Schöffel dazu interviewt.

The Automotive Battery Conference

Werbegrafik zur International Conference Automotive Battery mit futuristischem Elektroauto und Konferenzdaten.

Die Elektromobilität wird in den nächsten Jahren einer der Haupttreiber in der Automobilindustrie sein. Dabei spielt die Batterie eine der wichtigsten Rollen bei der weltweiten Verbreitung von Elektrofahrzeugen, wobei die entscheidenden Faktoren die Reichweite der Batterie, die Lademöglichkeiten und die Finanzierung der Produktionskosten sind. All diese Themen vereint die 8. Auflage der Automotive Battery Conference vom 21. bis 22. Oktober 2026 in München.

Weitere Infos und Tickets zur Automotive Battery Conference finden Sie hier. 

Herr Schöffel, die diesjährige Agenda der Automotive Battery Conference reicht von Resilienzfragen und skalierbarer Fertigung über Batteriesicherheit und Lebenszykluswert bis zu Ladetechnologien. Welches Thema wird die Batterie- und E-Mobilitätsbranche in den kommenden fünf Jahren am stärksten prägen – und warum?

Die Ladeinfrastruktur für Langstreckenanwendungen wie Reisebusse wird in den kommenden fünf Jahren das entscheidende Thema sein. Höhere Fahrzeugspannungen und Ladeleistungen werden schnelleres Laden ermöglichen, aber letztlich wird die Verfügbarkeit einer zuverlässigen Ladeinfrastruktur und ausreichender Netzkapazitäten darüber entscheiden, wie schnell sich diese Anwendungen elektrifizieren lassen. Gleichzeitig wird eine skalierbare Fertigung entscheidend sein. Dem tragen wir bereits mit dem modularen Produktionsprozess in unserem Batteriewerk in Nürnberg Rechnung.

Wie werden E-Busse wirtschaftlich(er)?

MAN kombiniert eigene Batteriepackfertigung, Erkenntnisse zur Batterielebensdauer und Overnight-Charging. Welcher dieser drei Faktoren trägt am stärksten zur Wirtschaftlichkeit batterieelektrischer Busse bei?

Bei Stadtbussen hat die Entscheidung, den Fokus auf das Laden über Nacht zu legen, den größten Unterschied gemacht, da dies den Betreibern maximale betriebliche Flexibilität ermöglicht. Dank des starken Anstiegs der Batteriekapazität in den vergangenen Jahren können die meisten Stadtbuslinien heute ohne Opportunity Charging oder betriebliche Einschränkungen elektrifiziert werden. Auch die Batterielebensdauer hat sich deutlich verbessert, und mit der richtigen Batterietechnologie kann die Batterie über die gesamte Nutzungsdauer des Fahrzeugs halten. In diesem Zusammenhang ist das Laden über Nacht zusätzlich vorteilhaft, da eine geringere Ladeleistung die Lebensdauer der Batterie in der Regel unterstützt.

Warum war die eigene Batteriepackproduktion in Deutschland für MAN strategisch wichtig – und welche Fähigkeiten oder Daten wären mit einem zugekauften Pack am schwierigsten aufzubauen gewesen?

Unsere Entscheidung, Batteriepacks selbst zu entwickeln und zu produzieren, wurde von der strategischen Bedeutung der Batterie als Kernkomponente eines Elektrofahrzeugs bestimmt – vergleichbar mit der Rolle des Dieselmotors in konventionellen Lkw und Bussen. Die eigene Entwicklung ermöglicht es uns, das Batteriesystem auf die spezifischen Anforderungen von Heavy-Duty-Anwendungen abzustimmen und den verfügbaren Bauraum durch fahrzeugspezifische Packdesigns effizient zu nutzen. Sie ermöglicht uns außerdem, eigenes Know-how aufzubauen, die Abhängigkeit von Zulieferern zu reduzieren und die direkte Verantwortung für Produktleistung und Lieferkette zu behalten. Am schwierigsten mit einem zugekauften Pack aufzubauen wären detaillierte Kenntnisse über das Batterieverhalten unter realen Einsatzbedingungen sowie die zugehörigen Daten, die erforderlich sind, um Lebensdauer, Sicherheit und Leistung zu optimieren. Dieses Know-how bildet zudem eine gute Grundlage für Second-Life-Anwendungen, Aufarbeitung und Recycling.

Wofür nutzt MAN Simulationen und Flottendaten?

Sie sagen, dass Simulationen, Tests und reale Daten die Erwartungen an die Batterielebensdauer erhöht haben. Wie kombinieren Sie diese drei Quellen, um Alterungsmodelle zu updaten, ohne sie zu stark an die heutige Flottennutzung anzupassen?

Wir nutzen Fahrzeugsimulationen, um den erforderlichen Energiedurchsatz und die relevanten Eingangsparameter für unsere Alterungsmodelle abzuleiten. Diese Modelle werden anschließend mithilfe unseres Lebensdauertestkonzepts validiert, das den erforderlichen Energiedurchsatz unter kontrollierten Bedingungen nachbildet. Abschließend nutzen wir reale Flottendaten, um die simulierte Nutzung mit der beobachteten Nutzung abzugleichen. So können wir überprüfen, ob unsere Annahmen ausreichend konservativ sind und ob wir die Batteriealterung unter unterschiedlichen Einsatzbedingungen korrekt abbilden.

Wo liegt für einen Busbetreiber das wirtschaftliche Optimum zwischen mehr mitgeführter Batteriekapazität und Investitionen in Ladeleistung und Depot-Infrastruktur?

Das wirtschaftliche Optimum hängt vom jeweiligen Einsatzprofil ab und sollte auf Basis der Total Cost of Ownership bewertet werden. High-Power Charging ist insbesondere für Heavy-Duty-Langstreckenanwendungen wie Lkw und Reisebusse wichtig. Deshalb haben wir für unsere Fahrzeuge die Fähigkeit zum Megawatt Charging System (MCS) entwickelt. Für Stadtbusse ist High-Power Charging dagegen weniger relevant, da das Laden über Nacht den Großteil der Anwendungsfälle abdecken kann. Eine ausreichend große Batterie ermöglicht es den Betreibern, Fahrzeuge flexibel auf unterschiedlichen Linien einzusetzen, ohne von Ladeinfrastruktur entlang der Strecke abhängig zu sein. Da die Batteriekosten pro kWh weiter sinken und sich die Energiedichte verbessert, dürfte dieser Ansatz noch attraktiver werden. Zusätzliche Batteriekapazität sollte dennoch nur dort gewählt werden, wo ihr betrieblicher Nutzen die damit verbundenen Kosten und das zusätzliche Gewicht überwiegt.

Wie lässt sich Batteriealterung im Flottenbetrieb begrenzen?

Welcher betriebliche Parameter hat den größten Einfluss auf die Batterielebensdauer eines elektrischen Stadtbusses: Entladetiefe, Ladeleistung, Temperatur, Streckenprofil, Standzeit oder Fahrerverhalten – und wie stark können Flottenbetreiber ihn aktiv beeinflussen?

Die Betriebsparameter mit dem größten Einfluss auf die Batterielebensdauer sind Ladeleistung, Temperatur und Streckenprofil. Betreiber können die Batterielebensdauer aktiv beeinflussen, indem sie mit geringerer Leistung über Nacht laden, das Fahrzeug vorkonditionieren, solange es mit dem Ladegerät verbunden ist, und den Betrieb so planen, dass unnötig anspruchsvolle Einsatzprofile vermieden werden.

Welches andere Thema der Automotive-Battery-Conference-Agenda weist die größten Überschneidungen mit Ihrem eigenen auf – und welche Frage würden Sie dem betreffenden Referenten oder Panel stellen?

Das Agendathema mit dem stärksten Bezug zu meinem eigenen ist die Ladeinfrastruktur. Meine Frage wäre: Wie können Fahrzeughersteller, Anbieter von Ladeinfrastruktur, Netzbetreiber, Politik und Kunden zusammenarbeiten, um sicherzustellen, dass ausreichend Ladeinfrastruktur und Netzkapazität zur Verfügung stehen, um den Hochlauf von Elektrofahrzeugen im Langstreckeneinsatz zu unterstützen?