Vortrag auf der ChargeTec 2026
Der Ladepunkt allein ist noch kein Geschäftsmodell
Auf der internationalen Konferenz ChargeTec Ende April in München wurde klar: Die wirtschaftliche Zukunft des E-Ladens hängt an deutlich mehr als Ladeleistung, Standorten und Netzanschlüssen. Entscheidend werden Systeme, die Verträge, Preise, Rechnungen, Steuern und Umsatzverteilung automatisiert steuern.
Im Gespräch mit ChargeTec-Moderator Peter Gresch (li.) ist Jürgen Schmietzeck überzeugt: „Die Monetarisierungsarchitektur ist eine der zentralen strategischen Entscheidungen der nächsten Jahre.
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Zur internationalen Konferenz ChargeTec kommen Fachleute zusammen, die den Hochlauf der Ladeinfrastruktur technisch und wirtschaftlich betrachten. Genau hier setzt Jürgen Schmiezek an. Als Chief Growth Officer von Instellix verantwortet er Wachstum, Markterschließung und die Weiterentwicklung kundenzentrierter Monetarisierungsstrategien. Seine Expertise liegt weniger in der Hardware der Ladesäule als in der Frage, wie digitale Geschäftsmodelle skalierbar, abrechenbar und international beherrschbar werden. Instellix selbst ist auf Monetarisierung, Billing und Order-to-Cash-Prozesse spezialisiert und unterstützt laut Unternehmensporträt Pay-as-you-go-, Abo- und hybride Erlösmodelle in mehr als 70 Ländern.
Dass Schmiezek auf der ChargeTec spricht, ist deshalb folgerichtig: Die Konferenz adressiert Ladepunkte, Netzanschlüsse und Megawatt Charging ebenso wie die Frage, wie Betreiber mit Ladeinfrastruktur profitabel arbeiten können.
Warum rückt die IT hinter der Ladesäule in den Fokus?
Wer über Ladeinfrastruktur spricht, meint meist Hardware: Schnellladesäulen, Netzanschlüsse oder MCS – das Megawatt Charging System für elektrische Lkw. Auch CPMS, also Charge Point Management Systeme zur Steuerung von Ladepunkten, stehen oft im Mittelpunkt. Schmiezek lenkte in seinem Vortrag den Blick jedoch auf eine weniger sichtbare Ebene: Billing-Automatisierung und Contract-Lifecycle-Management, also automatisierte Abrechnung und die Verwaltung von Vertragsbeziehungen über ihren gesamten Lebenszyklus. Diese dürften nicht als etwas gelten, „das einfach mit dem CPMS mitkommt“, vielmehr seien sie „strategische Infrastruktur“.
Was macht E-Truck-Charging so anspruchsvoll?
Beim Laden schwerer Nutzfahrzeuge entstehen andere Anforderungen als beim klassischen Pkw-Laden. Speditionen und Flottenkunden brauchen Tarife nach Route, Standort, Tageszeit, Ladegeschwindigkeit, Auslastung oder Peak-Verhalten, also danach, ob ein Ladevorgang besonders hohe Lastspitzen verursacht. Hinzu kommen Reservierungen, Services für Fahrer sowie Partnerschaften mit Retailern oder Parkhausbetreibern. Schmiezek bringt die Konsequenz auf den Punkt: „Die neue Architektur darf nicht mehr produktzentriert sein. Sie muss vertragszentriert sein.“
Warum reicht ein einfacher Kilowattstundenpreis nicht mehr?
Früher ließen sich viele Modelle über eine einfache Logik abbilden: ein Kunde, ein Betreiber, ein Tarif. Im B2B-Laden wird daraus ein Geflecht aus mehreren Beteiligten. An einer Ladesession können künftig CPOs – Charge Point Operators, also Ladepunktbetreiber – Flotten, Standortpartner, Zahlungsdienstleister oder Serviceanbieter beteiligt sein. Jeder kann eigene Konditionen, Umsatzanteile und Abrechnungsregeln haben. Genau hier entscheidet sich, ob Wachstum profitabel wird oder im Backoffice stecken bleibt.
Weshalb wird Compliance zum Wettbewerbsfaktor?
Auch regulatorisch steigt der Druck. E-Invoicing, also elektronische Rechnungsstellung, sowie ViDA – „VAT in the Digital Age“, ein EU-Paket zur Digitalisierung der Umsatzsteuer – verändern die Anforderungen an Plattformbetreiber. Steuerlogik, Rechnungsstellung, Reporting und Buchhaltung müssen von Beginn an automatisiert mitgedacht werden. Schmiezek verweist darauf, dass schon der Schritt von Deutschland nach Tschechien unterschiedliche steuerliche und buchhalterische Prüfungen auslösen kann.
Was sollten Betreiber daraus mitnehmen?
Schmiezeks Vortrag ist vor allem ein Architekturhinweis: Wer Ladeinfrastruktur skaliert, muss auch die Monetarisierungsebene skalieren. Manuelle Workarounds im Billing können Umsatz kosten, neue Tarife verzögern und Compliance-Risiken erhöhen. Die entscheidende Frage lautet daher, wie viele Ladepunkte entstehen – und ob Betreiber neue Preismodelle in Wochen statt Monaten einführen, korrekt abrechnen und über mehrere Partner und Länder hinweg beherrschbar machen können.