Europas letzter Basismaterialhersteller und die Folgen für die Lieferkette
Isola: Europas letzte Bastion für PCB-Basismaterialien
Isola in Düren ist seit 2026 der einzige vollsortierte Basismaterialhersteller Europas. Was das für Lieferketten, Marktstabilität und die sicherheitspolitische Bedeutung der Leiterplattenproduktion bedeutet, zeigte Michael Weber von Isola beim FED-Talk.
Petra GottwaldPetraGottwaldPetra GottwaldChefredakteurin Elektronik-Titel
3 min
Im Jahr 1990 gab es noch 23 Basismaterialhersteller in EuropaIsola
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Die Leiterplattenindustrie befindet sich an einem
Wendepunkt: Während Europa in den 1990er‑Jahren noch über 20
Basismaterialproduzenten beheimatete, bleibt nach der angekündigten Schließung
des Panasonic‑Werks in Österreich ab 2026 nur noch ein Vollsortimenter übrig – Isola in Düren.
Für das Unternehmen bedeutet diese Entwicklung gleichermaßen
Chance und Verantwortung. Einerseits eröffnen sich zusätzliche Marktanteile.
Andererseits wächst die Bedeutung des Standorts für die europäische
Elektronikindustrie – insbesondere im Hinblick auf Lieferkettenstabilität und
technologische Souveränität.
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Wie Europa seine Basismaterialindustrie verlor
Über 30 Jahre später bleibt nur ein Basismaterialhersteller übrigIsola
China dominiert heute mit über 60 % die weltweite PCB‑Produktion, Südostasien folgt mit rund 26 %.
Europas Anteil schrumpfte seit den 1980er‑Jahren dramatisch – parallel zur Verlagerung von Fertigungen, niedrigeren
asiatischen Kostenstrukturen und massiver staatlicher Förderung
in Fernost. In Europa schließen seither jährlich Leiterplattenbetriebe oder verlagern die Produktion, was
wiederum den Absatz europäischer Basismaterialhersteller
verringert. Bei aktueller Entwicklung könnte die europäische Leiterplattenproduktion
sogar in ca.18,75 Jahren verschwinden. Für Isola
bedeutet dies einen „hart umkämpften
Markt mit sinkendem Volumen“, aber auch eine steigende Nachfrage nach lokaler
Versorgungssicherheit.
• High‑Speed‑Digital (HSD) – Materialien mit extrem niedrigen Verlustfaktoren, getrieben von KI‑Servern und modernen Netzwerken
Gerade im Bereich RF und HSD konnte Isola im Vergleich zu
2023 seine Marktposition in Europa deutlich ausbauen. Die Strategie, PTFE‑basierte
Materialien durch prozessfreundlichere Systeme zu ersetzen, zeigt erste
Erfolge.
Der globale Markt wächst – nur Europa profitiert kaum
2024 legte der weltweite Markt für starre Laminate (ohne
Flex) um über 17 % zu,
getrieben durch KI‑Infrastruktur, Rechenzentren und
Hochgeschwindigkeitskommunikation. In Europa dagegen fiel der Markt 2024 um
weitere 15 % – nach einem bereits schwachen 2023. Die Gründe dafür waren
hohe Energie‑ und Personalkosten, Verlust internationaler Wettbewerbsfähigkeit
und Abhängigkeit von asiatischen Importen.
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Wenn günstige Leiterplatten teuer werden
Zeit bis zum Ende der europäischen PCB-Industrie: Bei aktueller Entwicklung könnte die euro-päische Leiterplattenproduktion in ≈18,75 Jahren verschwinden.Isola
Viele europäische PCB‑Hersteller greifen aus Kostendruck auf
chinesische Leiterplatten zurück. Doch der vermeintlich günstige Preis täuscht,
denn oft bleiben versteckte Kosten unberücksichtigt. Bereits die Qualifizierung
eines neuen Lieferanten kann erhebliche Aufwendungen verursachen. Besonders im
Automotive-Bereich liegen die Kosten für Auditierung, Tests und Freigaben
häufig zwischen 100.000 und 500.000 Euro. Hinzu kommt ein beträchtlicher Betreuungsaufwand.
Dokumentationen müssen abgestimmt, Änderungen kommuniziert und technische
Details überprüft werden. Unternehmen kalkulieren für solche Projekte häufig
zusätzliche Managementkosten von 25 bis 35 Prozent des Einkaufspreises. Bei
europäischen Lieferanten liegt dieser Wert dagegen meist bei nur etwa drei
Prozent.
Auch die Lieferzeiten spielen eine wichtige Rolle. Bei
asiatischen Lieferketten vergehen häufig rund zehn Wochen, bevor eine Lieferung
überhaupt überprüft werden kann – einschließlich Transport, Produktion und
Transitzeiten. Zusätzlich entstehen Risiken durch Qualitätsprobleme, Lieferengpässe
oder kulturelle Kommunikationsbarrieren. Eine Branchenanalyse zeigt, dass eine
theoretische Einsparung von rund 36 Prozent im Einkauf unter realistischen
Bedingungen auf etwa 13 Prozent schrumpfen kann – vorausgesetzt, es treten
keinerlei Störungen auf.
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Sicherheitsrisiko Hardware-Manipulation
Neben wirtschaftlichen Faktoren rücken zunehmend auch
sicherheitstechnische Aspekte in den Fokus. Das Bundesamt für Sicherheit in der
Informationstechnik (BSI) untersuchte in der sogenannten PANDA-Studie mögliche
Manipulationen in global verteilten Hardware-Lieferketten. Demnach können
Angreifer in verschiedenen Produktionsschritten gezielte Veränderungen an
elektronischer Hardware vornehmen. Möglich sind beispielsweise versteckte
Strukturen innerhalb von Multilayer-Leiterplatten, zusätzliche Kommunikationsschnittstellen
oder andere Formen von Hardware-Trojanern.
Ein besonderes Risiko entsteht durch die Übermittlung
sensibler Entwicklungsdaten an externe Hersteller. Schaltpläne, Bauteillisten
und Layoutdaten enthalten oft wertvolle Informationen über Forschungs- und
Entwicklungsprojekte. Gerade für sicherheitskritische Anwendungen in Luft- und
Raumfahrt oder im Verteidigungssektor gewinnt deshalb die Herkunft der
Fertigung zunehmend an Bedeutung
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Lieferketten: Wo Europa stabil ist - und wo nicht
Die vergangenen Jahre haben gezeigt, wie empfindlich globale
Lieferketten auf Krisen reagieren können. Pandemie, Handelskonflikte oder
geopolitische Spannungen haben das Bewusstsein für industrielle Abhängigkeiten
deutlich geschärft.
Für Standard‑FR4‑Materialien nutzt Isola heute bereits
robuste Mehrquellenstrategien. Viele Rohstoffe stammen aus der EU, den USA oder
Taiwan. Ein kritischer Punkt bleibt jedoch Glasgewebe, das überwiegend aus
Taiwan und China kommt. Um diese Situation langfristig zu verbessern, prüft
Isola im Rahmen der Initiative „Euroline“, ob eine stärkere europäische
Produktion von Glasgewebe wieder aufgebaut werden kann. Dazu sollen mögliche
Abnahmemengen gebündelt und Gespräche mit europäischen Herstellern wie Porcher
und Gividi geführt werden.
Viele Rohstoffe stammen aus verschiedenen Regionen der Welt, darunter Europa, die USA und Taiwan. Besonders beim Glasgewebe – einem zentralen Bestandteil vieler FR4-Materialien – besteht jedoch eine starke Abhängigkeit von asiatischen Herstellern.Isola
2025 startete für Isola besser als erwartet: Der Umsatz im
ersten Quartal lag 15 % über Plan, der Auftragseingang bleibt stabil. Langfristig
zeichnen sich unterschiedliche Entwicklungen in den einzelnen Branchen ab.
Während der europäische Automobilmarkt voraussichtlich weiterhin unter Druck
steht, zeigen Industrieelektronik sowie Luft- und Raumfahrt wieder steigende
Nachfrage. Besonders im Verteidigungsbereich wächst das Interesse an einer
europäischen Fertigung. Vor diesem Hintergrund investiert Isola weiter in den
Standort Düren, erweitert Produktionskapazitäten und baut den Bereich Forschung
und Entwicklung aus.
Europa steht an einer Weggabelung: Entweder weiter steigende
Abhängigkeit von Ländern mit anderen politischen und sicherheitstechnischen
Interessen – oder ein bewusstes Zurückholen kritischer Wertschöpfung. Isola
positioniert sich klar: Investitionen, Lokalisierung, Resilienz. Damit bleibt
Europa zumindest in einem entscheidenden Segment der Elektronikindustrie
handlungsfähig.