Viele Kunden wünschen sich im Auto weniger Komplexität und klar bedienbare digitale Funktionen. Stellantis-Manager Ned Curic erklärt im Interview auf dem AUTOMOBIL-ELEKTRONIK Kongress, wie STLA Brain und STLA SmartCockpit Customer Experience, Personalisierung und Skalierbarkeit zusammenbringen.
Pascal NagelPascalNagelEditor in Chief
3 min
Ned Curic von Stellantis spricht im Interview über Komplexität im Fahrzeug, Personalisierung, Softwareplattformen und die Balance zwischen globaler Skalierung und markenspezifischer Differenzierung.Stellantis
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Auf dem AUTOMOBIL-ELEKTRONIK Kongress 2026 zeigte Ned Curic, EVP, Chief Engineering Officer und CTO bei Stellantis, wie der Konzern mit STLA Brain und STLA SmartCockpit zentrale Grundlagen für das Software-defined Vehicle schafft. Es zeigt sich, dass digitale Funktionen vor allem dann einen Mehrwert schaffen, wenn sie den Alltag im Fahrzeug erleichtern, beispielsweise bei der Navigation, Kommunikation, Mediennutzung oder bei klassischen Fahrzeugfunktionen wie Heizung, Sitzen und Fahrzeugzugang.
Im Interview mit all-electronics.de erklärt Curic, warum Personalisierung nur dann hilfreich ist, wenn der Kunde die Wahl behält, wie zentralisierte Architekturen die Entwicklung neuer Funktionen erleichtern und weshalb globale Softwareplattformen trotzdem Raum für Markenidentität, regionale Anforderungen und lokale Kundenerwartungen lassen müssen.
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Herr Curic, viele Kunden wünschen sich im Auto weniger Komplexität — und nicht einfach immer mehr digitale Funktionen. Wie entscheidet Stellantis, welche Features das Fahrerlebnis tatsächlich verbessern?
Wir haben gelernt, dass Menschen im Auto vor allem vier Dinge tun: Sie navigieren, sie kommunizieren, sie nutzen Medien und bedienen Fahrzeugfunktionen. Navigation spielt im Fahrzeug offensichtlich eine zentrale Rolle. Entscheidend ist, wie einfach sich eine Adresse eingeben lässt, wie intuitiv die Bedienung ist und welche Informationen auf den Bildschirmen erscheinen. Auch Kommunikation muss reibungslos funktionieren. Telefonie und Sprachqualität müssen über die gesamte Kette hinweg stimmen – vom Cockpit über das Audiosystem bis zu den Mikrofonen. Für den Kunden darf sich das nicht wie eine technische Funktion anfühlen, sondern muss selbstverständlich funktionieren. Hinzu kommt Entertainment. Es geht darum, welche Sender, Inhalte, Hörbücher oder Anwendungen Menschen im Auto nutzen möchten. Deshalb bündeln wir solche Funktionen in unseren Fahrzeugen in einem Media Hub. Der vierte Bereich sind klassische Fahrzeugfunktionen, etwa Heizung, Sitze oder andere Bedienelemente. Wenn diese grundlegenden Dinge gut gelöst sind, können darauf vernetzte Dienste, Apps und Services aufbauen.
Save the date: 31. AUTOMOBIL-ELEKTRONIK Kongress
Am 22. und 23. Juni 2027 findet zum 31. Mal der Internationale AUTOMOBIL-ELEKTRONIK Kongress (AEK) statt. Dieser Netzwerkkongress ist bereits seit vielen Jahren der Treffpunkt für die Top-Entscheider der Elektro-/Elektronik-Branche und bringt die Automotive-Verantwortlichen und die relevanten High-Level-Manager der Tech-Industrie zusammen, um gemeinsam das ganzheitliche Kundenerlebnis zu ermöglichen, das für die Fahrzeuge der Zukunft benötigt wird. Trotz dieser stark zunehmenden Internationalisierung wird der AUTOMOBIL-ELEKTRONIK Kongress von den Teilnehmern immer noch als eine Art "automobiles Familientreffen" bezeichnet.
Personalisierung gilt als eines der großen Versprechen moderner Fahrzeuge. Wo liegt die Grenze zwischen hilfreich und aufdringlich?
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Der entscheidende Punkt ist, dass der Kunde die Wahl behalten muss. Manche Menschen wünschen sich ein stärker personalisiertes, intelligenteres Fahrzeug. Wenn jemand morgens regelmäßig zu Starbucks fährt, kann das Auto daraus schließen, dass dieses Ziel wahrscheinlich wieder relevant ist, und die Route direkt vorschlagen. Andere empfinden genau das als unangenehm. Sie fragen sich: Woher weiß das Auto, wohin ich fahren will? Deshalb muss der Kunde früh festlegen können, wie stark das Fahrzeug personalisiert sein soll. Wer mehr Unterstützung möchte, kann sie bekommen. Wer weniger Personalisierung wünscht, muss diese Möglichkeit ebenfalls haben. Diese Entscheidung sollte nicht versteckt sein, sondern von Anfang an klar beim Kunden liegen.
Wenn wir Hardware und Software besser beherrschen, können wir das Kundenerlebnis freier gestalten.
Ned Curic, Stellantis
Das Software-defined Vehicle wird in der Branche häufig aus einer Engineering-Perspektive diskutiert. Was muss sich intern ändern, damit die Customer Experience wirklich zum Ausgangspunkt der Softwareentwicklung wird?
Auf dem 30. AUTOMOBIL-ELEKTRONIK Kongress sprach Ned Curic über STLA Brain, Smart Cockpit und die Frage, warum Kunden am Ende kein Schlagwort, sondern ein funktionierendes Auto kaufen.Matthias Baumgartner
Viele Erlebnisse im Fahrzeug wurden historisch stark von Zulieferern geprägt oder durch die Komplexität der bestehenden Systeme begrenzt. Es war nicht so, dass interne Teams nicht wussten, was sie passend für den Kunden entwickeln wollten. Vieles ließ sich im damaligen technischen Umfeld schlicht nur schwer umsetzen — mit rund 100 Steuergeräten im Fahrzeug und der Aufgabe, all diese Systeme miteinander zu integrieren. Mit stärker zentralisierten Architekturen wird es deutlich einfacher, vom Kundenerlebnis her zu denken. Nehmen wir den Fahrzeugzugang, also das Öffnen und Schließen der Türen. Dafür muss ich heute nicht mehr vier oder fünf unterschiedliche Systeme zusammenführen, sondern kann auf eine zentralere Architektur zurückgreifen. Ähnlich ist es beim Cockpit-Erlebnis. Wenn wir Hardware und Software besser beherrschen, können wir das Kundenerlebnis freier gestalten. Früher hatten Automobilhersteller häufig weder die Hardware noch die Software vollständig selbst in der Hand. Das machte die Entwicklung neuer Funktionen kompliziert. Jetzt wird vieles einfacher.
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Sie haben auf dem Automobil-Elektronik Kongress mit STLA Brain und STLA SmartCockpit über zwei zentrale Plattformen gesprochen. Wie balanciert Stellantis globale Skalierbarkeit mit regionalen Anforderungen und den unterschiedlichen Profilen von 14 Marken?
Bei STLA Brain ist das vergleichsweise einfach. Dort geht es im Kern um die Rechenleistung und die Software, die zentrale Fahrzeugfunktionen steuert. Diese Grundlage ist über viele Fahrzeuge hinweg ähnlich. Beim Cockpit ist die Aufgabe deutlich komplexer. Dort spielen Markenidentität, regionale Anforderungen, Sprachen und lokale Kundenerwartungen eine große Rolle. Wir haben deshalb ein Framework entwickelt, bei dem rund 85 Prozent der Software über Marken und Regionen hinweg gleich bleiben. Darüber liegen zusätzliche Ebenen, über die wir die nötige Individualisierung abbilden. Diese Anpassungen sind Template-basiert. Es geht um „Look and Feel“, Sprachen und spezifische Markenerlebnisse. So können wir regionale und markenspezifische Unterschiede herausarbeiten, ohne die Skalierbarkeit der Plattform aufzugeben.
Wie schwierig war es, dieses Modell aufzusetzen?
Der Weg dorthin war nicht einfach. Aber jetzt, da das Framework steht, ist die weitere Umsetzung deutlich klarer. Wir können globale Softwareplattformen nutzen und gleichzeitig die Differenzierung ermöglichen, die unsere Marken und die einzelnen Regionen brauchen.