Physical AI verbindet lokale AI-Verarbeitung mit direkter physischer Aktion. Dadurch entstehen Systeme, die ihre Umgebung nicht nur erfassen, sondern in Echtzeit darauf reagieren und Prozesse in Industrie und Automotive gezielter steuern.
Artem AginskiyArtemAginskiy
6 min
Bild 1: Physical AI baut auf dem Edge-AI-Konzept auf und beschränkt sich nicht auf das Wahrnehmen der realen Welt, sondern schließt auch die Interaktion mit ihr ein.TI
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AI-Modelle waren lange Zeit nur etwas für Rechenzentren, in
denen sie trainiert und angewandt wurden. Direkte Auswirkungen auf die reale
Welt hatten sie jedoch nicht. Je ausgereifter jedoch die AI-Beschleuniger
wurden, umso mehr wurden AI-Modelle auch lokal auf Edge Devices ausgeführt. Daten konnten deshalb unmittelbar an ihrem
Ursprung erfasst werden, um AI-Inferenzen mit weniger Latenz verarbeiten zu
können. Was von diesen Modellen hervorvorgebracht wurde, erforderte
allerdings nach wie vor direkte menschliche Interaktion zur Umsetzung in
physische Aktionen.
Innovationen in den Bereichen Safety, Security und Zuverlässigkeit haben
mittlerweile dafür gesorgt, dass Fahrassistenzsysteme
(Advanced Driver Assistance Systems, ADAS) in Kraftfahrzeugen sowie Industrieroboter
auch ohne Einbindung von Menschen sicher agieren können. Diese Innovationen
tragen dazu bei, dass AI mehr als nur ein digitaler
Assistent zum Fällen von Entscheidungen ist und nicht nur erfassen und denken,
sondern auch agieren kann. Genau hier kommt das Konzept der Physical AI
(gelegentlich auch als Embodied AI bezeichnet) ins Spiel.
Während die Einführung von Physical AI an Fahrt aufnimmt,
stellt sich die Frage, wie man diese Fähigkeiten allgemein zugänglich machen
kann, anstatt sie nur auf besonders leistungsfähige oder fortschrittliche
Systeme zu beschränken.
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Was versteht man unter Physical AI?
Der Begriff Physical AI bezieht sich auf AI-Modelle, die auf
Embedded-Hardware laufen und direkten Einfluss auf das physische Verhalten
eines Systems haben.
Eigentlich ist Physical AI kein grundlegend neues Konzept,
sondern sie wendet Edge AI und
Echtzeitsteuerung auf Systeme an, die
nicht nur ihre Umgebung lokal interpretieren können, sondern diese Interpretation
nutzen, um physische Bewegungen zu beeinflussen.
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Der Unterschied
zwischen Physical AI und Edge AI lässt sich anhand von Bild 1 verdeutlichen. In
humanoiden Robotern, die zu den Vorzeige-Anwendungen von Physical
AI gehören, wird Physical AI genutzt, um den Roboter beim Ergreifen und Anheben
eines Kartons zu steuern. Edge AI dagegen bezieht sich auf die Fähigkeiten der
Prozessoren, die die AI-Modelle lokal verarbeiten.
Ein weiteres
Beispiel ist ein Auto, das sich auf einer belebten Schnellstraße an unerwartet
langsam fahrende Fahrzeuge annähert. Die deterministischen Fahrassistenzsysteme heutiger Autos
reagieren erst, wenn die Distanz zum vorausfahrenden Fahrzeug unter einen
bestimmten Grenzwert fällt, und verzögern das eigene Fahrzeug daraufhin so,
dass es noch rechtzeitig anhalten kann.
Bei einem mit Physical
AI ausgestatteten System ist der Ablauf anders. Hier analysiert das System die
Verkehrsmuster bereits früher und passt die Fahrgeschwindigkeit an, bevor der
festgelegte Grenzwert unterschritten wird. Indem die AI-Modelle direkt von der Embedded-Hardware des
Fahrzeugs verarbeitet
werden, wird folglich eine gleichmäßigere, kontrolliertere
Geschwindigkeitsänderung erreicht. Noch wirkungsvoller ist diese Verbesserung,
wenn sie nicht nur in wenigen, sondern in sehr vielen Fahrzeugen umgesetzt
wird.
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Wenn die künstliche Intelligenz Sensor- und Aktordaten in
Echtzeit analysiert und auf sie reagiert, kommt es auf jede Millisekunde an. Physical
AI trägt dem Bedarf an lokaler, nahezu verzögerungsfreier Verarbeitung Rechnung.
Dennoch wird nach wie vor auf enorme Rechen- und
Speicherressourcen in der Cloud zurückgegriffen, um Physical-AI-Modelle zu
trainieren und zu verfeinern. Zum Beispiel sind digitale
Zwillinge beim Trainieren von Physical-AI-Modellen entscheidend – darunter
auch jene, die in der Robotertechnik Verwendung finden. Wenn man aber von einem
System mit seiner Mechanik, seiner Elektronik und seinen Sensoren eine
virtuelle Version erstellt, kann man Modelle testen und verfeinern, bevor sie
mit der realen Hardware interagieren.
Wo Edge AI endet und Physical AI beginnt
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Unter dem Begriff Edge AI versteht man AI-Modelle, die lokal
von kleineren Mikrocontrollern (MCUs) bis hin zu Embedded-Prozessoren
verarbeitet werden, Daten von Sensoren zusammenfassen und ihren Output
hervorbringen, ohne auf externe Server zurückzugreifen. Bild 2 skizziert dieses
Konzept.
Bild 2: Vergleich zwischen cloudbasierter AI und Edge AITI
Die Besonderheit von Physical AI besteht in dem, was
passiert, nachdem das Modell seinen Output berechnet hat. Edge AI kann ein Bild
klassifizieren, ein Geräusch identifizieren oder Sensordaten interpretieren, aber
Physical AI kombiniert die Wahrnehmung mit Aktuierung und nimmt damit in
Echtzeit Einfluss darauf, wie sich ein System bewegt, wie es reagiert und wie
es sich anpasst. Zum Beispiel kann ein Auto frühzeitiger reagieren, wenn Physical
AI mehrere benachbarte Fahrzeugschlangen lokal interpretiert, sodass
Geschwindigkeitsänderungen weniger abrupt erfolgen.
Im industriellen Bereich wiederum können Lagerroboter ihre
Fahrtrouten anpassen, wenn Menschen in ihrer Nähe unterwegs sind, denn die
eingebauten Modelle sind in der Lage, die jeweilige Szenerie ohne
netzwerkbedingte Verzögerungen zu verarbeiten. Industriemaschinen können das Drehmoment,
die Position oder die Drehzahl von Motoren genau abzustimmen, wenn lokale
Modelle die Sensordaten fortlaufend evaluieren, anstatt auf AI-Modelle in der
Cloud zurückzugreifen.
All dies ist keineswegs neu, denn schon seit Jahren werden
vorausschauende Modelle oder Machine-Learning-Modelle in Embedded-Systemen
eingesetzt. Das besondere an Physical AI ist jedoch die noch fundiertere
Integration dieser Fähigkeiten in die Systemdesigns, in denen lokale Inferenz
und Aktuierung eng miteinander verflochten sind. Da Physical AI in eine breite
Palette von Produktfamilien auf verschiedensten Preisniveaus eingebunden ist,
benötigen die Entwickler Konzepte für skalierbare Hard- und Software.
Warum Co-Design von Hard- und Software entscheidend ist
Typisch für Physical AI ist die Unterteilung in die drei
grundlegenden Abschnitte Erfassen, Denken und Agieren. Nehmen wir als Beispiel
ein selbstfahrendes Auto: es erfasst seine Umgebung mit Kameras, Radar, Lidar
und anderen Sensoren, „denkt“ daraufhin, indem es durch Verarbeitung der
erfassten Daten einen sicheren Weg über die vor ihm liegende Straße ermittelt,
und agiert schließlich, indem es den gefassten Plan durch Lenken, Bremsen und Gas
geben umsetzt. Üblicherweise nutzt man AI-Modelle, um das Umfeld zu erfassen
und Überlegungen dazu anzustellen. Sobald die AI-Modelle aber Bewegungen
steuern, gelten für das Systemdesign andere Regeln.
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Bei Physical AI können sich die Entwickler nämlich nicht
mehr auf konstante drahtlose Konnektivität verlassen, denn diese Systeme erfordern ein
vorhersagbares Timing, genaue Sensordaten sowie Hardware, die binnen
Millisekunden reagieren kann.
Beim Design der Hard- und Software stehen die
Entwickler vor vielfältigen Herausforderungen. Zum Beispiel müssen die Modelle
von den verwendeten Prozessoren so verarbeitet werden, dass die Timing-Vorgaben
der Regelschleife eingehalten werden, und die Sensorkette hat genaue und
verlässliche Daten zu liefern. Die Software wiederum muss die Wahrnehmung und
Aktuierung koordinieren, ohne Latenzen zu verursachen. Nicht zuletzt gestaltet
sich die Verifikation komplizierter, denn etwaige Fehler haben nunmehr
unmittelbare Auswirkungen auf die Zuverlässigkeit der Maschinen und die
Sicherheit der Anwender.
Wenn es um Physical AI geht, beeinflussen sich Hard- und Software gegenseitig wesentlich stärker als bei früheren
Embedded-Systems-Generationen. Physical AI wird deshalb am besten durch
Co-Design entwickelt, bei dem Hard- und Software-Entscheidungen
als eng verflochten behandelt werden. Dies lässt sich am besten an einem
praktischen Beispiel verdeutlichen.
Angenommen, ein kleiner Roboterarm soll an einer Fertigungslinie
empfindliche Bauteile handhaben. Das Softwareteam möchte hierfür ein aufwändigeres
Modell einsetzen, um die Vorhersagbarkeit des Greifvorgangs zu verbessern. Dies
aber hätte Konsequenzen für das Hardwareteam, da der Prozessor die Inferenz
dennoch in dem von der Regelschleife vorgegebenen engen Zeitfenster verarbeiten
muss.
Umgekehrt kann es sein, dass das Hardwareteam einen neuartigen Stromsensor im Motor verbauen
möchte, um die Datenauflösung zu verbessern. Hierfür jedoch müssen das Modell
und die Steuerungslogik vom Softwareteam so angepasst werden, dass der Arm
vollständig von der höheren Signalqualität profitieren kann.
Durch koordiniertes, gemeinsames Design können beide Seiten eine Lösung
hervorbringen, bei der das AI-Modell in das Rechenleistungsbudget passt, die
Sensoren die benötigte Präzision bieten und die Regelschleife das vorgegebene
Zeitfenster einhält, sodass sich der Arm insgesamt sicherer und zuverlässiger
bewegt.
Welche Rolle spielt die Hardware bei Physical AI
Halbleiter bilden die Grundlage für Physical AI. Diese
Systeme stützen sich auf Embedded-Prozessoren, die das AI-Modell verarbeiten,
auf Signalketten-Bausteine
zur genauen Erfassung der Sensorinformationen sowie auf
Stromversorgungs-Technologien, die auch bei wechselnder Last für einen stabilen
Betrieb sorgen. Alle diese Bestandteile legen
in einem Physical-AI-Design die Grenzen für das Timing, die Genauigkeit und die
Konsistenz fest.
Wie ich in vielen Designs festgestellt habe, wirken sich
Verbesserungen in einem Bereich auch auf die anderen aus. Eine neue Sensorkette
etwa kann eine präzisere Steuerung
ermöglichen, und ein Prozessor, der ein etwas umfangreicheres Modell
unterstützt, kann einem Roboter helfen, mit komplexeren Szenarien zurecht zu
kommen. Schließlich unterstützt eine verbesserte Stromversorgungs-Architektur das
System dabei, auch bei raschen Bewegungen eine gleichbleibende
Leistungsfähigkeit zu bewahren.
Physical AI hängt ganz grundsätzlich von dieser Interaktion
zwischen verschiedenen Komponenten ab, was die vorhersagbare Verarbeitung, die
zuverlässige Erfassung und die stabile Stromversorgung betrifft.
Sensorik, Rechenleistung und Stromversorgung im Zusammenspiel
Wie geht es mit Physical AI weiter? In der gesamten
Industrie sind Trends erkennbar, die Einfluss auf die genaue Ausprägung von Physical-AI-Systemen
haben. Die Designer setzen auf eine stärkere Bündelung von Sensorik, Computing
und Regelung, um für ein vorhersagbares Timing und gleichbleibende Performance
zu sorgen.
Wie schon erwähnt, gewinnen Simulation und digitale
Zwillinge bei der Entwicklung zunehmend an Verbreitung, sodass die Teams das
Verhalten noch vor Verfügbarkeit der realen Hardware testen können.
In mehreren Bereichen fasst Physical AI derzeit zusehends
Fuß:
Für Gebäude und Infrastrukturen lassen sich Steuerungen bauen, die mechanische
Systeme aufgrund von Umgebungsinformationen anpassen.
In der Robotik hilft eingebaute Intelligenz den
Maschinen, ihre Bewegungen auf Menschen und Anlagen abzustimmen.
In der Industrieautomation passen Anlagen ihr
Verhalten aufgrund von Live-Sensordaten an, damit Prozesse auch unter
wechselnden Bedingungen
stabil laufen.
Fazit: Physical AI auf dem Weg in die Breite
In allen diesen Situationen spielen Halbleiterunternehmen
wie Texas
Instruments eine entscheidende Rolle dafür, was mit Physical-AI-Systemen
möglich ist. Deren Leistungsfähigkeit, Genauigkeit und Zuverlässigkeit wird nämlich nicht nur
von der Software, sondern auch von der zugrundeliegenden Hardware bestimmt.
Letztendlich stellen
die Halbleiterunternehmen die Bausteine für das Physical-AI-Zeitalter her, und
angesichts des zunehmenden Vordringens dieser Technologien in immer mehr Arten
von Geräten und Produkten müssen die Halbleiterhersteller dafür sorgen, dass
diese Fähigkeiten möglichst vielen Entwicklern zugänglich sind.
Wenn Physical AI die
Art und Weise prägen soll, wie Maschinen sich bewegen, reagieren und uns
unterstützen, um die Sicherheit und Zweckmäßigkeit zu verbessern, muss diese
Technik allgemein verfügbar sein – also nicht nur in besonders hochkarätigen
Systemen, sondern auch in Geräten des täglichen Gebrauchs. (bs)
Autor
Artem
Aginskiy, General Manager, Jacinto High-Performance Compute bei Texas Instruments