Kolumne von Silicon Saxony
Moonshot oder Größenwahn? Elon Musks Terafab
Mit Terafab planen Tesla und SpaceX eine Halbleiterfabrik in Texas. Bis zu 119 Milliarden Dollar sollen investiert werden. Das Projekt ist eng mit Musks Plänen für Rechenzentren im All verbunden und wirft Fragen zur Zukunft der Chipindustrie auf.
Tesla und SpaceX planen mit Terafab eine Halbleiterfabrik in Texas für bis zu 119 Milliarden Dollar, die vor allem Chips für Satelliten und orbitale Rechenzentren liefern soll – trotz erheblicher Hürden bei der Fertigungsausrüstung. Frank Bösenberg, Managing Director Silicon Saxony, sieht darin einen Impuls für Europa, größere technologische Ziele zu verfolgen und auch bei ungewissem Ausgang mehr zu wagen.
Silicon Saxony
Wer wagt, gewinnt. Im Deutschen sagt man den Satz gern mit einem Unterton und meint implizit, wer zu viel wagt, verliert alles. Im März kündigte Elon Musk in Austin Terafab an, „die epischste Chip-Bauübung der Geschichte“, wie er selbst sagte. Entstehen soll ein Halbleiterwerk von Tesla und SpaceX, weil die Weltindustrie nicht liefern könne, was seine Unternehmen brauchen. „Entweder wir bauen die Terafab, oder wir haben keine Chips. Und wir brauchen die Chips. Also bauen wir.“ Ein großer Spruch. Man kann darüber lächeln. Man sollte es nicht.
Ein paar Dimensionen
Im April stieg Intel als Technologiepartner ein. Im August folgte die Standortentscheidung. Gebaut werden soll in Grimes County, Texas. Tesla und SpaceX legen zunächst 16,8 Milliarden Dollar auf den Tisch. Über mehrere Ausbaustufen hinweg sind Investitionen von bis zu 119 Milliarden Dollar vorgesehen. Alles unter einem Dach. Als Zielmarke wurde langfristig eine Million Wafer-Starts pro Monat ausgerufen. Greifbar wird das über die Fläche. Über 100 Millionen Quadratfuß nur Gebäudefläche sind geplant. Das sind rund 930 Hektar. Für Magdeburg waren 450 Hektar vorgesehen, der TSMC Campus in Phoenix umfasst gut 1.100 Acres, auch rund 445 Hektar. In Grimes County kontrollierte die zuständige Gesellschaft Ende August über 7.700 Acres, mehr als 3.100 Hektar. Fläche ist nicht das Problem.
Der unvermeidliche Realitätscheck
Herausforderungen gibt es dennoch. Die größte in der Ausrüstung. ASML hat 2025 rund 50 EUV-Systeme ausgeliefert, für dieses Jahr sind mindestens 60 avisiert. Eine voll ausgebaute Terafab bräuchte Hunderte Anlagen. Verträge darüber gibt es bislang keine. Musk war im Juni Gast auf ASMLs Technologiekonferenz. Abgefragt wurden Preise und Lieferzeiten. Bestellt ist nichts. Zweierlei unterscheidet das Projekt dennoch von Ankündigungslyrik. Das erste ist Geld. SpaceX sammelte beim Börsengang im Juni rund 75 Milliarden Dollar ein, der größte IPO der Geschichte. Das zweite ist die Bilanz des Ankündigenden. Musks Termine halten selten. Der Marsflug ist seit 2016 mehrfach verschoben, das autonome Fahren seit ebenso vielen Jahren. Verfehlt hat er dabei fast immer den Zeitpunkt, kaum je die Richtung.
Wie wörtlich ist der Mond gemeint?
Interessanter als die Zahlenkritik ist daher, wohin das Projekt zielt. Rund 80 Prozent der Produktion sollen strahlungsgehärtete Chips sein, für Satelliten und für SpaceX’ orbitale Rechenzentren, für die im Januar bei der FCC Pläne über bis zu eine Million Satelliten mit rund 100 Gigawatt eingereicht wurden. Wie konkret das ist, zeigte sich im August. Jeder AI1-Satellit des Starmind-Programms soll ein komplettes Nvidia-Rack tragen, ein Vera-Rubin-NVL72-System mit rund 72 Beschleunigern und 175 Kilowatt Rechenleistung. Start ist 2027. Den Nachweis im Kleinen gibt es bereits. Starcloud betreibt seit November 2025 eine Nvidia H100 im Orbit. Terafab ist damit die Fertigungsbasis für eine Wette darauf, dass Rechenleistung künftig im Orbit entsteht. Der Moonshot ist wörtlich gemeint.
Ein zweiter Mondschuss, anders finanziert
Das gilt nicht nur für Texas. Rapidus verfolgt in Hokkaido eine Ambition ähnlicher Kühnheit. Ein Land ohne moderne Logikfertigung springt von 40 Nanometern direkt auf 2 Nanometer. Der Unterschied ist, dass dieser Mondschuss gerade landet. Die Pilotlinie in Chitose liefert 2-nm-Prototypen mit den geplanten elektrischen Eigenschaften. Die Fertigung für 2027 liegt im Plan. Getragen wird Rapidus vom Staat und über 30 Unternehmen von Canon bis Toyota, die im Februar weitere 1,5 Milliarden Euro zuschossen. Ein Konsortium statt eines Einzelnen. Und CEO Atsuyoshi Koike spricht bereits davon, in den 2040er Jahren Halbleiter auf dem Mond zu fertigen.
Von Sprüchen und Sprüngen
Zwischen Ambition und Größenwahn liegt eine schmale Grenze, und Terafab wird sie mehr als einmal berühren. Nur ist die verfehlte Zielmarke die falsche Messlatte. Der Unterschied zeigt sich nicht am Ziel, sondern an der Bewegung. Wer große Sprüche macht und es dabei belässt, war größenwahnsinnig. Wer dabei 75 Milliarden Dollar mobilisiert, Grundstücke sichert und die etablierte Industrie unter Druck setzt, hat etwas verschoben. Große Ziele entfalten größere Wirkung, selbst dort, wo sie scheitern. Genau hier liegt unser europäisches Problem. Wir sind ausgezeichnet darin, Machbarkeitsstudien zu schreiben, Konsortien zu bilden und Risiken zu quantifizieren. Was uns fehlt, ist ein Ziel, das erkennbar zu groß ist, und der Wille, trotzdem loszulaufen. Wer nur Ziele plant, die er sicher schafft, kommt nie über den Rand des Machbaren hinaus. Das sollte sich ändern. Wer wagt, gewinnt. Oder, im Original: Always aim for the moon. Even if you fail, you will be among the stars. (bs)
Autor
Frank Bösenberg, Managing Director Silicon Saxony